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Veröffentlicht am 12.11.2025

Spannendes Thema schwache Ausarbeitung

Heimat
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Jana saß auf der Terrasse des Cafés, löffelte eine Kugel Vanilleeis und zog die Decke über ihren Beinen zurecht. Dem Buch mit den Rilkegedichten in ihrer Hand konnte sie nichts abgewinnen, jedenfalls nicht ...

Jana saß auf der Terrasse des Cafés, löffelte eine Kugel Vanilleeis und zog die Decke über ihren Beinen zurecht. Dem Buch mit den Rilkegedichten in ihrer Hand konnte sie nichts abgewinnen, jedenfalls nicht so, wie in ihrer Jugend. Die Frau, die sich neben sie stellte und lächelnd einen seiner Verse rezitierte, hatte lange blonde Haare. Sie trug eine Steppjacke und ein geblümtes Kleid. Karoline, sagte sie und reichte Jana die Hand. Im Sandkasten schrie ein Kind und Karoline entschuldigte sich, lief darauf zu, nahm es auf die Hüfte und scholt den kleinen Jungen daneben. Als sie zurück zu Jana kam, war ihr der Junge gefolgt und klammerte sich an ihr Bein.

An der Supermarktkasse versucht Jana ihren Sohn an der Quengelware vorbeizulotsen, aber er hat sich längst für Erdbeeren entschieden und möchte nicht verstehen, dass es im Winter keine gibt. Louis wirft sich auf den Boden, Jana fährt ihn an und erntet missbilligende Blicke. Den Tränen nah verlässt sie den Supermarkt. Auf dem Weg nach Hause fragt sie sich, ob es Karoline mit ihren niedlichen, wohlerzogenen Kindern auch manchmal so geht. Seit sie nun zum dritten Mal schwanger ist, ist sie so dünnhäutig. Dieser neue Ort und das Einfamilienhaus im Neubaugebiet mit der Sprinkleranlage, der Kita und dem Supermarkt, das ist alles so spießig.

Jana folgt Karolines Profil auf Insta und findet es sofort, über siebentausend Leute folgen ihr. Sie bewundert ihre Videos mit den bastelnden Kindern im Garten, gemeinsames Plätzchenbacken in der rustikalen Küche und die ästhetische Selbstdarstellung Karolines. Hoffnung keimt auf, endlich eine interessante Frau in der neuen Heimat.

Fazit: Hannah Lühmann beleuchtet das Thema Trade-Women. Ihre Protagonistin ist mit ihrem Mann und den zwei Kindern aus der Stadt an einen Randbezirk gezogen. Zum großen Ärgernis ihres Mannes kündigt sie, während des Anfangs ihrer dritten Schwangerschaft, frühzeitig ihren Job. Sie ist mit ihrem Umstand, dem Haushalt und den Kindern überfordert und trifft auf eine Frau mit Bilderbuchfamilie- und Ehe. Die Frau, AFD-Sympathisantin, vermarktet Heim und Familie auf Social Media, mit dem Ziel, ein klassisch-traditionelles Frauenbild (Kinder, Küche, Kirche) schmackhaft zu machen. Niemand sieht, dass es hinter den Kulissen brodelt. Ich finde das Thema so interessant und wichtig, allerdings hat mir die Umsetzung nicht besonders gefallen. Die Charaktere blieben farblos, der Mann der Trade-Woman blieb mir ein Rätsel, genauso wie der Mann der Protagonistin. Die Geschichte liest sich flüssig und beginnt vielversprechend, aber das Ende lässt mich ratlos zurück. Da hätte man, mit einer besseren Ausarbeitung, etwas richtig Großes draus machen können, schade!

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Viel Erhellendes auf wenigen Seiten

Lieber Sohn oder So rettest du die Welt
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Die promovierte Politikwissenschaftlerin und mehrfach ausgezeichnete Autorin Emilia Roig hat sich in diesem Sachbuch mit dem Zerfall des kapitalistischen Systems und einer möglichen besseren Zukunft auseinandergesetzt. ...

Die promovierte Politikwissenschaftlerin und mehrfach ausgezeichnete Autorin Emilia Roig hat sich in diesem Sachbuch mit dem Zerfall des kapitalistischen Systems und einer möglichen besseren Zukunft auseinandergesetzt. Sie hat das Stilmittel des Briefes gewählt und richtet ihre Worte stellvertretend für uns Leser*innen an ihren Sohn.

Auf wenigen Seiten beklagt sie diverse Weltanschauungen, wie die Rettungsfantasien der Welt, als ungünstige Sichtweise. Die Apokalypse stehe nicht bevor, sondern habe längst begonnen. Sie begann mit der Unterdrückung indigener, schwarzer und kolonisierten Völker durch Vertreibung, Versklavung, Zerstörung der Kulturen, Genozid, Umweltzerstörung und strukturelle Gewalt. Und so sieht sie die Klimakrise nicht als Kipppunkt, sondern als Fortsetzung kolonialer Zerstörung. Das Prinzip des Kapitalismus und der unstillbaren Gier macht eine Rettung unmöglich. Stattdessen empfiehlt sie eine radikale Neuorientierung aus der Erinnerung an den kulturellen Reichtum, den wir hatten und die Trauer darüber, was wir verloren haben. Wir müssten zuerst einmal ein Bewusstsein schaffen, um zu verstehen, was die Welt eigentlich für uns bedeutet.

Die Welt stehe für die gewohnte Ordnung. Sie „retten“ zu wollen bedeute nichts anderes, als unser Gefühl von Kontrolle zu sättigen. Die Erde brauche uns nicht. Sie hat Eiszeiten, Meteoriteneinschläge und das Massensterben überlebt.

Emilia Roig plädiert für gegenseitige Fürsorge, Empathie und soziale Verbundenheit, um dieser kapitalistischen Weltanschauung, die jeden Einzelnen entwertet und zu kollektiver Erschöpfung führt, etwas entgegenzusetzen. Statt Produktivität, Lebendigkeit. Statt Kontrolle, Vertrauen. Statt Macht, Beziehung und Fürsorge.

Divide et impera, das entzweiende Prinzip des „Herrsche und Teile“ befeuert den Kapitalismus, weil es uns in die Beschäftigung mit unserem Gegenüber zwingt und Zeit raubt. Ähnliche Zeiträuber sind Medien, der ständige Drang nach mehr und Leistung. Wer keine Zeit hat, kann sich nicht mit den wichtigen Fragen des Lebens auseinandersetzen. All das bringt Frust hervor, der wieder mit Konsum kompensiert werden muss, ein Teufelskreis.

Die Autorin macht deutlich, wie der Kapitalismus mit dem Patriarchat zu koexistiert. Und welche strukturellen Ungleichheiten uns die Lebendigkeit nehmen. Sie zeigt, was wir eigentlich brauchen und welche Irrtümer hier herrschen.

Ein kleines Buch mit wichtigem Inhalt, das dazu anregt, gegebene Überzeugungen zu hinterfragen.

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Veröffentlicht am 07.11.2025

Unkomplizierte Liebesgeschichte

Lass uns noch bleiben
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Henning sitzt in seinem Antiquariat und wartet auf Anna von nebenan. Wie jeden Morgen bringt sie ihm einen Coffee to go, dann wechseln sie ein paar Worte und sie öffnet ihren Laden, ein kleines Pflanzen- ...

Henning sitzt in seinem Antiquariat und wartet auf Anna von nebenan. Wie jeden Morgen bringt sie ihm einen Coffee to go, dann wechseln sie ein paar Worte und sie öffnet ihren Laden, ein kleines Pflanzen- und Kunstatelier. Meistens verkauft sie Grünpflanzen, die sie selbst gezogen hat. Oft kommen Leute einfach nur herein. Angelockt durch die verschiedenen Grüntöne im Schaufenster, sehen sie sich um und bestaunen die Wand, die sie selbst bemalt hat. Vinka hatte hier im Laden Lieder gesungen, mit ihrer traurig schönen Stimme, aber jetzt ist sie weg und das treibt Anna die Tränen in die Augen. Sie hatte ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten und dann war mehr daraus geworden. Jetzt liegen ihre Klamotten, Bücher und Kosmetika überall herum und erinnern Anna an ihre Zeit.

Die Türglocke schreckt sie aus ihren trüben Gedanken. Sie wischt die Rotznase am Jackenärmel ab und begrüßt den Kunden. Er sucht eine Wohnung und fragt sie, ob sie sein Gesuch mit Telefonnummer an der Türe aufhängen kann. Obwohl sie weiß, dass sie das nicht tun wird, lächelt sie ihn zuversichtlich an. Wenige Tage später kommt er wieder in ihren Laden, um sie zu einem Hauskonzert in seine Bar einzuladen, aber Anna ziert sich. Sie ist am liebsten zu Hause, so war es schon, bevor Vinka bei ihr eingezogen ist. Die hatte sie mit ihrem Elan, ihrer Stimme und den Verrücktheiten aufgerüttelt. Sie aus ihrem Trübsal verscheucht. Alex lässt nicht locker und so gibt Anna nach.

Fazit: Saskia Luka erzählt von zwei jungen Frauen, die ein Paar wurden, bis eine von heute auf morgen verschwand. Anna leidet unter dem Verlust und will vergessen. Sie lernt Alex kennen, der so ganz anders als sie auf der Sonnenseite zu tanzen scheint. Jemand, der liebevolle Beziehungen zu führen in der Lage ist und sich um seine Mitmenschen sorgt, wenn es ihnen augenscheinlich nicht gut geht. Die zu Melancholie neigende Anna steckt in sich selbst fest, nimmt ihre unerfüllten Bedürfnisse überdeutlich wahr und neigt in Liebesbeziehungen zu Abhängigkeit. Ich finde, dass der Geschichte mehr Tiefe gutgetan hätte. Ein Roman für alle, die sich gerne in Liebesgeschichten wohlfühlen möchten.

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Knackige geschichtliche Aufarbeitung

Am Anfang wieder die Nacht
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Marcel knallt die Bierkisten aufeinander. Glas splittert, es riecht hefig. So langsam steigen ihm die Probleme mit seinem Club Koma zu Kopfe. Die Anwohner beschweren sich wegen der Lärmbelästigung, die ...

Marcel knallt die Bierkisten aufeinander. Glas splittert, es riecht hefig. So langsam steigen ihm die Probleme mit seinem Club Koma zu Kopfe. Die Anwohner beschweren sich wegen der Lärmbelästigung, die Stadtverwaltung brummt ihm Lärmschutzauflagen auf. Die Müllentsorgung wird immer schwieriger und die Subventionsquellen für die Künstler*innen versiegen. Österreich, das Land mit der höchsten Lebensqualität, drauf geschissen. Während Marcel der Frust beutelt, denkt Karla an Nico und an die Silvesternacht neunzehnneunundneunzig. Ihre beste Freundin Judit und Nico trafen sich dauernd im Keller von Nicos Freund und kamen sich näher.

Jetzt war aber Nicos Stiefvater, der echte hatte sich frühzeitig aus dem Staub gemacht, Betriebsrat im Dannemann-Werk, dort wo Judits Vater Geschäftsführer war. Warum der da Geschäftsführer war? Weil sein Vater sich im Dritten Reich so gut gestellt hat mit den Nazis, dass der eigentliche Dannemann enteignet wurde. Der hatte die Firma so gut wie möglich durch die Wirtschaftskrise geführt und musste dann die Koffer packen und nicht nur das. Judits Großvater bekam zum Dank die Villa. Nach dem Krieg funktionierte das mit der Entnazifizierung doch nicht richtig, denn man brauchte Fachkräfte für den Wiederaufbau und so schacherten alle wieder erfolgreich und gleichsam unbescholten um ihre Pöstchen. Nicos Stiefvater aber hat das nicht vergessen und deshalb darf der Nico auch nicht mit der Judit.

In der Nacht der Jahrhundertwende dann, war die Karla mit dem Nico unterwegs und half ihm beim Austicken. Zuerst fällte Nico mit der Motorsäge die große Tanne im Garten von Judits Vater, später zogen sie dann zu den Dannemann-Werken, das eine oder andere Bierchen war auch mit dabei, diverse Spraydosen und ausreichende Lust an der Zerstörung.

Fazit: Martin Mader hat eine geschichtliche Aufarbeitung zelebriert, die bis in die österreichische Jetztzeit reicht, das kapitalistische System in all seinen Schwächen beleuchtet und das Erstarken rechter Parteien begründet. Im Vordergrund stehen drei junge Menschen, die diese Silvesternacht und ihre Beziehungen zueinander zu ergründen suchen. Der Autor lässt seine Darsteller kapitelweise auf diese Zeit zurückblicken. Die Geschichte entblättert sich vom Anfang bis zur letzten Seite nur Stück für Stück. Gekonnt lässt er immer mal kurze Szenen aufblitzen, die mein unfertiges Bild allmählich vervollständigen. Die Stimmfarbe ist österreichisch, obwohl ohne Dialekt, spüre ich beim Lesen den typischen Singsang. Was mich von Anfang an irritiert hat, ist der Erzählstil, der von seinen Wortwiederholungen lebt:

Eine gefaltete Luftmatratze wallt sich gerade auf, bekommt Luft, Luft in den Bauch, atmet aus dem Bauch, aus dem Bauch aus dem Mund heraus.

Ich muss gestehen, dass der Stil des Autors mir alles an Konzentration abverlangt hat, was ich zu bieten hatte. Auch dass ich etwa 25 x das Handtuch werfen wollte, möchte ich nicht verschweigen. Letztlich bin ich allerdings froh, dass ich mich bis zum bitteren Ende eingelassen habe, weil das Thema unheimlich interessant ist. Ganz wertfrei betrachtet, war es für mich ein Buch, dessen Inhalt ich mir mühevoll erarbeiten musste.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Ein gelungenes Buch mit wichtiger Botschaft

Da, wo ich dich sehen kann
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Die Therapeutin fragt Maja, warum sie das gemacht hat. Maja zuckt mit den Schultern, blickt auf die Hände in ihrem Schoß, atmet schneller. Sie will nicht mehr in Spiegel schauen, zu groß ist die Angst, ...

Die Therapeutin fragt Maja, warum sie das gemacht hat. Maja zuckt mit den Schultern, blickt auf die Hände in ihrem Schoß, atmet schneller. Sie will nicht mehr in Spiegel schauen, zu groß ist die Angst, dass sich dann die Ranken um ihren Hals wickeln und sich zuziehen. Sie will aber auch die Therapeutin nicht reinlassen, was weiß die schon, gar nichts.

Majas Patentante Liv kontrolliert ihr Spiegelbild in der Eingangstür des Lokals, dann geht sie hindurch und sieht ihren Bruder winken. Neben ihr sitzt die neue Freundin und strahlt sie offen an. Sie setzt sich zu ihnen und muss zuerst etwas trinken. Sie würde jetzt gerne zu den Toiletten gehen und Emma per Handy Bericht erstatten, weil sie Sophie sympathisch findet und sich so für ihren Bruder freut. Emma wird jedoch nie wieder ans Handy gehen, ihr nie wieder antworten, weil sie drei Meter unter der Erde liegt und es dort keinen Empfang gibt. Emma ist tot und hat ein Loch aus schwarzer Materie hinterlassen.

Maja klettert zu Brigitte ins Auto. Wie die Therapie war, will sie wissen. Gut. Brigitte schaut kurz zu Maja und sieht sofort Emma vor sich, mit neun oder zehn. Emma, die schon damals viel eingesteckt und es dann mit sich ausgemacht hatte. Wenn Brigitte gewusst hätte, wie es wirklich um Emmas Ehe gestanden hat, hätte sie Himmel und Erde in Bewegung gebracht, um sie und die Kleine da raus zu holen.

Fazit: Jasmin Schreiber hat das Thema Misogynie und Femizid schreibend erforscht. Sie bringt den Schmerz der Hinterbliebenen, einer Mutter, Tochter und besten Freundin, zu Papier. Die Geschichte ist umfangreich und lässt alle Beteiligten kapitelweise zu Wort kommen, zeigt ihre Gefühle, dieses Vermissen, die Traurigkeit, die Scham, die Zerrissenheit (Maja liebt ihren Vater und darf es doch nicht), die Schuld (wieso haben die anderen nichts von der Ehehölle mitbekommen?) und die Wut. Obwohl die Erzählung fiktiv ist, wird bald klar, dass sie sich genauso hinter vielen deutschen Türen abgespielt haben kann. Männer töten. Warum? Weil sie es können. Einzig der verurteilte Täter, Emmas Mann und Majas Vater ist zum Stummsein verdammt und das finde ich sehr gelungen, weil in der Realität den Monstern immer zu viel Aufmerksamkeit zuteil wird, viel mehr als den Betroffenen. Das Ganze ist gut gemacht, gespickt mit Akteneinsichten und Schreiben von Anwälten und Jugendamt und dem forensischen Bericht. Die ersten 150 Seiten fand ich etwas holprig, weil es auf mich konstruiert wirkte, so als wisse die Autorin nicht so recht, wohin die Reise geht. Dann aber hat sie mich voll gehabt. Wie gut sie die Traumatisierung gezeigt hat, hat mich Rotz und Wasser weinen lassen. Wie gut sie die Persönlichkeit und das perfide Vorgehen des Mörders gezeigt hat, hat mich entsetzt. Ein sehr gelungenes, mitreißendes und wichtiges Buch, das hoffentlich viele Leser*innen findet.

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