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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2021

Potenzial nicht ausgeschöpft

Die Mitternachtsbibliothek
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Nora Seed nimmt sich das Leben. Sie geht in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod über und landet in der Mitternachtsbibliothek. Dort kann sie alle Leben ausprobieren, um die sie trauert und kann ...

Nora Seed nimmt sich das Leben. Sie geht in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod über und landet in der Mitternachtsbibliothek. Dort kann sie alle Leben ausprobieren, um die sie trauert und kann die Entscheidungen rückgängig machen, die sie am meisten bereut.

Die Geschichte ist anfänglich eher bedrückend, Nora's Leben hoffnungslos. Das Herunterzählen der Stunden vor ihrem Suizidversuch wirkt etwas makaber. Kapitelweise spitzt sich die Situation immer mehr zu, insofern erhöht das Herunterzählen auch die Spannung. Die Hoffnung richtet sich dabei auf die Ausgestaltung des Lebens nach ihrem Tod. Haigs Idee mit der Bibliothek zwischen Leben und Tod ist interessant und eröffnet Nora Möglichkeiten ihr Leben zu überdenken. Die Geschichte bekommt dadurch mehr Tiefe und macht nachdenklich. Aber was ist denn die Lösung? Muss man einfach nur das "richtige" Leben wählen? Dieser Teil des Buches, die Suche nach dem richtigen Leben, zieht sich für mich sehr in die Länge. Die Leben werden negiert, als wäre mit einer Enttäuschung schon alles an dem Leben falsch. Das erscheint mir zu platt und die Botschaft falsch. Die weiteren Entwicklungen erscheinen mir dann stimmiger und söhnen mich mit der Geschichte aus. Es mag sein, dass das Ende zu schön ist. Es gibt aber nichts über eine hoffnungsvolle Botschaft und die findet sich hier.
Nora wirkt, trotz der tiefen Einblicke in ihr Seelenleben, unnahbar. Ihre Entwicklung wirkt ein wenig aufgesetzt, weil sie schnell passiert. Die anderen Charaktere tauchen nur als Randfiguren auf und haben wenig Tiefe. Schade!
Hinzu kommt, dass sich die Geschichte merkwürdig entwickelt, nicht erst als sogenannte "Slider" thematisiert werden. Es erklärt sich nicht immer, weswegen bestimmte Ereignisse/Menschen für die Geschichte wichtig sind. Es wird zu viel angeschnitten, aber nicht vertieft. Die Umsetzung der Thematik wirkt auf mich platt und entfaltet nicht ihr Potenzial. Das zeigt sich auch darin, wie Depressionen, Selbstverletzungen und Panikattacken zwar als Thema eingebracht, aber nicht immer mit den Ereignissen verbunden werden. Es ist, als stehe ein Elefant im Raum.

Ein fantasievoller Roman, der sein Potenzial nicht ausschöpft. Mit einigen Längen und Merkwürdigkeiten, doch letztendlich einer hoffnungsvollen Botschaft.

Veröffentlicht am 08.02.2021

Der Titel könnte nicht treffender sein

Der Klang der Wälder
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Als der junge Tomura auf den Klavierstimmer Itadori trifft, eröffnet sich ihm eine neue Welt. Beim Erklingen des Klaviers fühlt er sich in die Berge und Wälder seiner japanischen Heimat zurückversetzt. ...

Als der junge Tomura auf den Klavierstimmer Itadori trifft, eröffnet sich ihm eine neue Welt. Beim Erklingen des Klaviers fühlt er sich in die Berge und Wälder seiner japanischen Heimat zurückversetzt. Für ihn beginnt eine aufregende Zeit voller Hingabe und Selbstzweifel.

In diesem besonderen Roman geht um den Sinn des Lebens, der sich für den jungen Japaner Tomura im Zusammenspiel von Klang und Natur findet. Es ist auffallend, wie sich die Autorin mit diesem Motiv befasst, Wälder und Landschaften immer wieder in den schönsten Farben ausmalt. Der Buchtitel ist also mehr als passend gewählt.

Der Roman ist sehr sinnlich und poetisch. Die Geräusche des Waldes, sprudelndes Quellwasser, einzelne Tiere und Bäume werden ausführlich beschrieben. Sie werden nicht nur beschrieben, sie werden zum Leben erweckt. Es ist wie ein Sog, der in die Welt des Buches führt. Eine Welt die ebenso voller technischer Klaviersprache ist, dadurch aber an Reiz gewinnt. Trotzdem kann einem bei den vielen Akkorden, Dreiklängen, Frequenzen und Resonanzen auch mal schwindelig werden.

Der Roman hat interessante Charaktere zu bieten, doch kein anderer ist so ausgefeilt wie der junge Tomura. Durch seine Selbstvergessenheit, Beharrlichkeit und seine volle Hingabe in das Klavierstimmen ist er eine spannende Hauptfigur. Er hat viele kluge Gedanken, die die Autorin geschickt ausformuliert. Die Erzählung ist an vielen Stellen weise und lehrreich. Das Finden eines Lebenssinnes ist nicht einfach, das zeigt sich hier. Myiashita lässt die Lesenden tief in sein Innerstes blicken und reduziert die Erzählung drumherum eher. Dadurch wirkt er etwas abgekoppelt von den Anderen. Seine vielen Selbstzweifel und seine permanente Selbstunterschätzung sind auf Dauer herausfordernd. Anders als oftmals üblich wird hier ein junger Mann mit seinen Schwächen gezeigt, der im Werden ist. Seine Schwächen scheinen gleichzeitig seine größten Stärken zu sein.

Es ist ein Roman voller Tiefe und vieler Assoziationen, der sich beharrlich mit dem Natur-Klang-Motiv befasst. Ein Roman über die Schönheit in der Welt. Das macht es zu einer ungewöhnlichen Lektüre, die bestimmt nicht für jeden genügend Spannung zu bieten hat.

Klare Leseempfehlung! Die Geschichte lässt Eintauchen. Im Mittelpunkt stehen phantastische Naturbeschriebungen und ein junger sinnlicher Mann, der im Erzeugen von Klang seine Bestimmung findet.

Veröffentlicht am 01.02.2021

Von Nähe und Begreifen

Vati
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Der Roman schließt an das Vorgängerbuch "Die Bagage" an. In beiden Büchern befasst sich Monika Helfer mit ihrer Familiengeschichte. In diesem Teil geht es um ihren Vater, einen durch Krieg und schlimme ...

Der Roman schließt an das Vorgängerbuch "Die Bagage" an. In beiden Büchern befasst sich Monika Helfer mit ihrer Familiengeschichte. In diesem Teil geht es um ihren Vater, einen durch Krieg und schlimme Ereignisse gebrochenen Mann.

Die Schilderung der Ereignisse ist eher reduziert auf die Fakten. Das Schweigen des Vaters, seine zeitweise Abwesenheit sorgen dafür, dass er schwer greifbar ist. Vorallem seine Beweggründe und sein Innenleben lassen sich nur vermuten. Frau Helfer gelingt es ganz gut, die Bruchstücke zusammenzusetzen. Sie baut viele Dialoge ein, auch nachträgliche Bewertungen und Deutungen anderer Familienmitglieder. Es ist erstaunlich wie treffend sie ihre Worte für lange zurückliegende Erinnerungen wählt und mit welcher Kraft diese Beschreibungen wirken. Der "Vati" bleibt trotzdem schwer zu begreifen und die Erzählung sucht seine Nähe.

Die Erzählweise ist sehr angenehm - persönlich aber wenig emotional. Die Autorin selbst wirkt auch etwas unnahbar. So wird es nicht zu dramatisch, ist eher unaufgeregt. Trotzdem hat die Erzählung eine gewisse Spannung und Schwere. Die Kinder wachsen in schwierigen Verhältnissen auf, die Familie schlägt sich so durch. Es ist erstaunlich, dass Monika Helfer ohne Abwehr und Vorwürfe auf ihre Eltern zurückblickt.

Das ist es wohl, eine Annäherung an den unnahbaren Vater, ein Begreifen wollen. Es ist eine berührende und trotzdem distanzierte Familiengeschichte.

Veröffentlicht am 25.01.2021

Abgedreht

Krass
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Ralph Krass ist ein reicher Geschäftsmann, aber vor allem eine Authorität, ein Blender und Verschwender. Er versammelt Menschen um sich, "Subjekte", die er in Besitz nimmt, sie aus ihrem Leben entrückt. ...

Ralph Krass ist ein reicher Geschäftsmann, aber vor allem eine Authorität, ein Blender und Verschwender. Er versammelt Menschen um sich, "Subjekte", die er in Besitz nimmt, sie aus ihrem Leben entrückt. Mit ihnen reist er von Neapel nach Frankreich, bis alles auseinanderbricht und noch bizarrere Formen annimmt.

Der Roman ist wunderlich, eine seltsame Geschichte mit Charakteren, die in ihren Unzulänglichkeiten und Skurilitäten gezeigt, ja eher verhöhnt und bloßgestellt werden. Die eigenwillige Dynamik untereinander, dann der unvermittelte Abbruch der gemeinsamen Reise, die Einsamkeit der zurückgelassenen Einzelnen mit ihren merkwürdigen Anwandlungen - alles ziemlich grotesk.

Hinzu kommt die auffallend provokative, ausschweifende und abgedrehte Erzählung. Ganze Passagen scheinen sich schwer in die Geschichte einzufügen und ziehen sich in die Länge. Auffallend sind die lyrischen Ausschweifungen, die sehr zum Nachdenken anregen und mehrmals gelesen auch verständlich werden. Dagegen sind die eingestreuten unpassenden Fremdwörter und abstrusen Sprachbilder eher störend. Da ist zum Beispiel das Bild des Wildschweinmannes im Zug, dem man Zartheit entlocken könne (Seite 52), oder das der Frau, die wie ein großes Mädchen nackt auf dem Bidet mit den Händen plätschert, wie mit "zwei paddelnden Entenfüßen; das Pelzchen war triefnass" (Seite 31). Alles scheint ein einziger Kampf zu sein und mittendrin der narzistische Herr Krass. So ist die Sprache durchzogen von hemmungslosen, brachial-kriegerischen Ausdrücken.

Die ganze Erzählung scheint anecken zu wollen, alles fällt aus dem Rahmen und das passt dann auch wieder zum Titel: krass.

Dieser Roman ist am Ehesten was für Literaturbegeisterte, die sich auch durch ungewöhnliche Passagen nicht abschrecken lassen und der lyrischen Form etwas abgewinnen können. Immerhin ist es eine Erzählung, die durch detaillierte Charakterbeschreibungen, ungewöhnliche Konstellationen und Gesellschaftsanalysen auffällt und darin wohl ihren Reiz entfaltet.

Eine ungewöhnliche Erzählung über die Absurdität menschlichen Lebens. Über 500 Seiten, die vollkommen aus dem Rahmen fallen. Sehr anspruchsvoll. Einfach nur: krass.

Veröffentlicht am 11.01.2021

Unerwartet eindrücklich

Ada
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Ada wird 1945 als Kind einer Jüdin in Leipzig geboren und flieht mit ihrer Mutter nach Argentinien. Ein paar Jahre später muss sie sich in Berlin in ihre Heimat einfinden. Sie wächst mit dem Schweigen ...

Ada wird 1945 als Kind einer Jüdin in Leipzig geboren und flieht mit ihrer Mutter nach Argentinien. Ein paar Jahre später muss sie sich in Berlin in ihre Heimat einfinden. Sie wächst mit dem Schweigen ihrer Mutter und den umwälzenden Ereignissen der deutschen Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg auf.

Nach "Der Apfelbaum" ist "Ada" der zweite Roman in einer Trilogie. Berkel befasst sich darin mit der Geschichte der Frauen in seiner Familie.

Dieser Roman hat mich unerwartet begeistert. Christian Berkel zeigt sich als wahrer Schriftsteller. Er schafft es die frühere deutsche Geschichte ergreifend zu beschreiben und das aus Sicht einer jungen Frau. Seine einfühlsamen Beschreibungen begleiten Ada in ihrer Entwicklung. Ihre Haltlosigkeit, der große Druck des Schweigens und die Suche nach ihrem Ich sind bewegend und realistisch dargestellt. Ihr Erleben ist raumgreifend.

Berkel hat eine ausdrucksstarke Sprache, bringt Zusammenhänge humorvoll und bildreich auf den Punkt. Die Dialoge im Berliner Dialekt wirken authentisch, ebenso die poetisch anmutenden Gedanken seiner Hauptfigur. Er bringt der Schwere und Eindrücklichkeit ebenso viel Humor und Leichtigkeit entgegen.

Der Roman hat mich ergriffen, mich in das Geschehen eingesaugt, mich bewegt und nachdenklich gemacht. Berkel gelingt es die geschichtlichen Ereignisse nah rücken zu lassen, ihnen die Bedeutung zu geben die ihnen zukommt. Die Geschichte lebt weiterhin in den nächsten Generationen. Mit diesem Gefühl habe ich das Buch beendet.

Ein beeindruckender Roman über die Entwicklung einer Frau in schweren Zeiten und die Umwälzungen des 20.Jahrhunderts in Deutschland. Sehr eindrücklich.