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MiriamDewi

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.03.2026

Moosland – Zwischen Fremdsein und vorsichtiger Annäherung

Moosland
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1949 reist Elsa, traumatisiert vom Krieg, gemeinsam mit anderen deutschen Frauen nach Island. Für ein Jahr sollen sie dort arbeiten. Elsa kommt auf einen abgelegenen Bauernhof im entlegenen Winkel der ...

1949 reist Elsa, traumatisiert vom Krieg, gemeinsam mit anderen deutschen Frauen nach Island. Für ein Jahr sollen sie dort arbeiten. Elsa kommt auf einen abgelegenen Bauernhof im entlegenen Winkel der Insel. Sie spricht kein Wort Isländisch, die Verständigung ist mühsam, die Eingewöhnung schwer. Anders ergeht es Gerda, die mit ihr gereist ist, jedoch auf einem anderen Hof lebt und scheinbar schneller Anschluss findet. Im Tages- und Jahresrhythmus lebt sich Elsa im Laufe der Zeit auf ihre eigene Art ein. Von unerwarteter Seite bekommt sie Unterstützung im Alltag und ist einem Geheimnis der Bauersfamilie auf der Spur. Die Personen und der Handlungsort der Geschichte sind zwar fiktiv, aber der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. In ihrem Roman erzählt Katrin Zipse einen Ausschnitt aus der Geschichte deutscher Einwanderinnen nach Island wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.
Was mich an diesem Buch besonders bewegt hat, ist die leise, sanfte Art, mit der es erzählt wird. Es sind kleine Szenen, die den Alltag lebendig werden lassen – still, schön und zugleich von einer tiefen Traurigkeit durchzogen. Das entbehrungsreiche, harte Leben der Menschen in Island wird spürbar und doch blinzelt zwischen all dem Schweren so etwas wie Aufbruchsstimmung hervor.
Die Geschichte entfaltet sich langsam, fast tastend. Man spürt die beklemmende Atmosphäre dieses abgelegenen Hofes, die Weite der Landschaft und zugleich Elsas innere Enge. Ihre unbestimmten Ängste liegen wie ein Schatten über ihr. Immer wieder fließen vorsichtige Hinweise auf das Erlebte ein, die andeuten, ohne preiszugeben. Gerade diese Zurückhaltung erzeugt Spannung.
Die Erzählperspektive verstärkt dabei das Gefühl der Distanz. Es wirkt, als sei Elsa selbst nach Monaten noch nicht wirklich angekommen, weder sprachlich noch innerlich. Das Fremdsein bleibt spürbar. Auffällig ist auch, dass die Bäuerin und der Bauer namenlos bleiben, während die Söhne der Familie und der Knecht sehr wohl beim Namen genannt werden.
Ich hätte gerne mehr über Elsas Vergangenheit erfahren und über Sola. Mehr darüber, wie es mit den Mitgliedern der Bauernfamilie weitergeht und mit Elsa selbst. Doch vielleicht liegt gerade in diesem Nicht-Ausgesprochenen die Kraft des Buches. Es bleibt offen. Das Ungesagte hallt nach.
Moosland ist ein stiller Roman, der seine Geschichte langsam entfaltet. Wenige Bücher haben mich über lange Strecken so gefesselt. Nicht durch große dramatische Wendungen, sondern durch Atmosphäre, durch Andeutung, durch die leisen Zwischentöne: Die Landschaft, das Leben der Bauersleute in den abgelegenen Weiten Islands und die innere Zerrissenheit Elsas.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Ein Kunstwerk zwischen Fakten und Fiktion

Aufstand der Fabelwesen
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Dieses Buch ist weit mehr als eine Lektüre. Es ist ein Kunstwerk zwischen Realität und Fantasie. Schon das edle Erscheinungsbild zieht in den Bann: Der liebevoll gestaltete Einband entführt in die Welt ...

Dieses Buch ist weit mehr als eine Lektüre. Es ist ein Kunstwerk zwischen Realität und Fantasie. Schon das edle Erscheinungsbild zieht in den Bann: Der liebevoll gestaltete Einband entführt in die Welt der Sagen, Mythen und Märchen.
Dokumentarisch erzählt und zugleich voller Fiktion begleiten die Lesenden den Naturforscher Konstantin O. Boldt auf seinen abenteuerlichen Erkundungen einer magischen Welt. Der Text spielt mit der Grenze zwischen Wissenschaft, Märchen und Sagen, ein reizvoller Kontrast, der das Buch zu einem besonderen Erlebnis macht. Beim Lesen gleitet man zwischen den Welten, nie ganz sicher, ob man sich noch in der Realität oder schon in der Fiktion befindet. Ehe man sich versieht, ist man vollständig in eine andere Welt eingetaucht.
Die farbigen und schwarz-weißen Illustrationen und Zeichnungen sind das Herzstück dieser Publikation. Sie erweitern die Geschichte visuell und verleihen ihr Tiefe und Atmosphäre. Meine Lieblingsfigur: Archibald, der treue Tatzelwurm an der Seite von Konstantin O. Boldt.
Viele Seiten sind collageartig gestaltet, mit Zeitungs- und Briefausschnitten, die den dokumentarischen Charakter unterstreichen und gleichzeitig nostalgischen Charme versprühen.
Einziger Kritikpunkt: Einige alte Schriftarten sind etwas schwer lesbar und stellenweise gerät der Text durch seine berichtende Form etwas langatmig. Diese kleinen Schwächen mindern den Gesamteindruck aber kaum.
Auch ohne die vorherigen Bände gelesen zu haben, lässt sich der Geschichte gut folgen. Dieses Buch lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen, sich in vergangene Zeiten zu träumen und den Begegnungen mit Menschen und mythischen Wesen nachzuspüren.
Mit seiner prachtvollen Ausstattung ist es zudem ein wunderbares Geschenk für alle, die sich für Fantasy, Mythologie und kunstvoll gestaltete Bücher begeistern.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Herkunftssuche, Vampirliebe und die Legende um eine Fürstin

In the Shadows we wait
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Die 21-jährige Xara, Adoptivkind und als zwei Wochen altes Baby in die USA gebracht reist nach Rumänien in das abgelegene Dorf Surnova, um dort etwas über ihre Wurzeln herauszufinden. Nach kuriosen Vorfällen ...

Die 21-jährige Xara, Adoptivkind und als zwei Wochen altes Baby in die USA gebracht reist nach Rumänien in das abgelegene Dorf Surnova, um dort etwas über ihre Wurzeln herauszufinden. Nach kuriosen Vorfällen auf ihrer Reise dorthin lernt sie Chris und Adrian kennen, die sie in das Dorf bringen, indem sie selbst zuhause sind. Nun wird auch der mysteriöse Herrscher und einer seiner Diener des jahrhundertealten Schlosses im Dorf auf sie aufmerksam. Beide glauben, in ihr die geliebte Fürstin zu erkennen, die vor Jahrhunderten im Feuer gestorben sein soll.
Man taucht in sinnliche Momente ein, ohne dass die Geschichte in Kitsch abgleitet, auch wenn Klischees bedient werden, was für dieses Genre aber oft charakteristisch ist. Mir gefällt ist, dass eine queere Liebesgeschichte neben der Hauptgeschichte um Xara eine Rolle spielt. Dorian wirkt passend in seiner Erscheinung und seiner Art. Seine Sprache wirkt gewählt, aber dennoch der Zeit angemessen. Der Jugendslang von Juraj hat mich am Anfang etwas genervt hat („Ich fake weiterhin gute Laune“). Danach wurde die Sprache normaler. Von einem Wesen, das Jahrhunderte alt ist, hätte ich weniger den Jugend-Slang der Nuller-Jahre und eine geplante Vergnügungsreise nach Las Vegas erwartet. Es sind aber eher Kleinigkeiten.
Die Infos über die Kämpfe haben mich wohl ähnlich überfordert wie die Hauptfigur Xara. Ihre Lebensgeschichte, die „besonderen“ Liebesgeschichten der Protagonist:innen, das dunkle Schloss sowie die Legende um die Fürstin waren dafür umso fesselnder. Auch der Anfang der Geschichte, der direkt in das Geschehen springt, ist sehr ansprechend, zugleich unheimlich und spannend. Man spürt deutlich, in welch verlassener Umgebung Xara unterwegs ist.
Weshalb in der Geschichte die USA öfter eine Rolle spielen und damit einiges in der Geschichte konstruiert wirken lässt, erschließt sich mir leider nicht. Da es aber lediglich Nuancen sind, lassen sie die Faszination für die eigentliche Geschichte unberührt.
Nachdem ich das Buch beendet habe, muss ich sagen, dass der erste Band eine sehr schöne Geschichte ist, obwohl ich anfangs skeptisch war, ob das Buch aus dem Genre Dark Romantasy für mich überhaupt interessant ist.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Eine Geschichte des Wahnsinns

Botanik des Wahnsinns
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Botanik des Wahnsinns erzählt von Generationen: vom Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Erzählers und von ihm selbst. Es ist eine Familiengeschichte, durchzogen von psychischen Erkrankungen, ...

Botanik des Wahnsinns erzählt von Generationen: vom Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Erzählers und von ihm selbst. Es ist eine Familiengeschichte, durchzogen von psychischen Erkrankungen, Einsamkeit, Armut, Depression, Alkoholsucht und Klinikaufenthalten. Eine Chronik des Leids, der Brüche und der Sehnsucht nach Verstehen.
Der Erzähler selbst, umgeben von psychischer Fragilität in seiner Familie, flüchtet nach New York, Paris und Wien. Doch auch dort begegnet er dem „gleichen Menschenschlag“. Die Angst, selbst dem Wahnsinn zu verfallen, bleibt sein ständiger Begleiter.
Was wie ein autobiografischer Roman anmutet, ist zugleich ein vielschichtiger Text über die Geschichte der Psychiatrie und die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft. Der Autor verwebt Erinnerungen und Reflexionen mit Erzählungen aus seinem Arbeitsalltag als Psychologe in einer psychiatrischen Einrichtung. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, eine beklemmende Atmosphäre zu erzeugen und die existenzielle Schwere des Lebens seiner Vorfahren in eindrucksvolle innere Bilder zu übersetzen.
Besonders gefallen hat mir die Figur der leitenden Psychologin in der Psychiatrie, in der der Erzähler arbeitet, die durch ihre Unvoreingenommenheit und Menschlichkeit auffällt. Ihre Haltung und ihre Empfehlungen im Umgang mit Patient:innen lassen sich auch auf den eigenen Blick auf andere Menschen übertragen.
Dem Autor geht es um Verständnis und das Finden der eigenen Geschichte. Sehr aufschlussreich sind die Szenen in der Psychiatrie. Er beobachtet genau, sucht nach Erklärungen für sich und für die anderen, will verstehen. Man merkt deutlich die innere Zerrissenheit zwischen seiner Arbeit als professioneller Psychologe und als Laie, der verstehen will.
Immer wieder wechseln sich Episoden aus dem Leben seiner Familie, Szenen aus dem psychiatrischen Klinikalltag und psychologische Reflexionen ab. Dabei gelingt dem Autor das Kunststück, nicht zu urteilen, sondern zu fragen: offen, suchend, tastend. Die Grenze zwischen Fiktion und Biografie bleibt bewusst unscharf. Vielleicht ist es beides.
Der Text ist durchzogen von Zitaten bekannter Autor:innen den Text (Ingeborg Bachmann, Robert Musil, Sylvia Plath, Michel Foucault, Christine Lavant, Alfred Döblin, Siri Hustvedt). Eine gute Empfehlung für eine vertiefende Lektüre für diejenigen, die sich für Literatur interessieren.
Das Buch regt zum Nachdenken an – über das eigene Leben, über familiäre Prägung, über den Umgang mit psychischer Krankheit. Ein Werk, das man mehrfach lesen kann und sollte. Und eines, das auch ohne eigenen direkten Bezug zu Psychologie und Psychiatrie eine große Wirkung entfalten kann. Ich würde es sogar als Schullektüre in der Oberstufe empfehlen.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Zwischen Anpassung und Aufbegehren

Himmlischer Frieden
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Die junge Lai wächst in einem lebhaften Arbeiterviertel in Peking mit ihren Eltern, ihrem jüngeren Bruder und der zupackenden und streitbaren Großmutter, die sie sehr mag, auf. Der Vater ist ein eher sanfter, ...

Die junge Lai wächst in einem lebhaften Arbeiterviertel in Peking mit ihren Eltern, ihrem jüngeren Bruder und der zupackenden und streitbaren Großmutter, die sie sehr mag, auf. Der Vater ist ein eher sanfter, zurückgezogener Mensch und von der Kulturrevolution versehrter Wissenschaftler. Die Mutter legt viel Wert auf Äußerlichkeiten und orientiert sich stark am Urteil der Nachbarschaft.
Lai selbst sieht sich als durchschnittlich, weder besonders hübsch noch begabt. Als sie eines Tages auf einen alten Buchhändler trifft, beginnt für sie eine Reise in die Welt der Literatur. Die Szenen in der Buchhandlung haben mir besonders gefallen, aufgrund der vielen literarischen Entdeckungen. Viele Bücher, die Lai empfohlen werden, gehören heute zum Kanon.
Lai ist ein stilles, kluges Mädchen, dass mit einem Stipendium an der Peking-Universität studieren kann. Aber das hat seinen Preis. Als Stipendiatin aus einfachen Verhältnissen muss Lai sich anpassen. Der Druck, unauffällig zu bleiben, ist groß, insbesondere während der Studentenunruhen.
Was diesen Roman für mich so besonders macht, ist die gekonnte Verbindung von Lais persönlicher Geschichte mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen in China, wie die Kulturrevolution unter dem „großen Vorsitzenden“ Mao, sowie die teils desaströsen Folgen für die chinesische Gesellschaft. Gerade die Schilderung der Studentenunruhen und die Ereignisse rund um den Tiananmen-Platz haben mich sehr bewegt. Hier ist der Text besonders kraftvoll und lebendig. Ein Glossar hätte ich mir dennoch gewünscht, um historische Hintergründe leichter nachvollziehen zu können.
Neben den politischen Themen geht es auch um Freundschaft, erste Liebe und Selbstfindung. Mit Gen, einem Jungen aus wohlhabenden, aber lieblos-kaltem Elternhaus hat sie eine toxische Beziehung. Die sich wiederholenden Szenen hätten gerafft werden können, zumal Gen später keine tragende Rolle mehr in ihrem Leben spielt. Schwierig zu lesen waren auch die Szenen mit den Selbstverletzungen und der Gewalt. Vielleicht wäre eine Trigger-Warnung angebracht. Schön dagegen fand ich die Szenen mit Madame Macaw, die Lais Nöte versteht, sie mit ihrer Theatergruppe auffängt und ihr neue Lebensperspektiven aufzeigt. Dabei zeigt sich deutlich, wie Lai sich persönlich weiterentwickelt und sich von den toxischen Beziehungen in ihrem Leben distanzieren kann.
Der Coming-of-Age Roman ist fiktiv, aber stark vom Leben der Autorin inspiriert. Er liest sich wie ein persönliches Zeugnis einer Generation, die zwischen Anpassung und Aufbegehren groß geworden ist. Mich hat das Buch sehr beeindruckt – durch seine ruhige, klare Sprache, seine dichte Atmosphäre und seine große erzählerische Kraft.

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