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Veröffentlicht am 01.08.2017

Ein Karton voller Erinnerungen

43 Gründe, warum es AUS ist
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Auf einer „Bitter 16“-Party begegnen sich Ed, der Basketball-Star, und Min, die sensible Filmnärrin. Es funkt gewaltig zwischen ihnen und es folgt eine kurze, aber leidenschaftliche Beziehung. Min gibt ...

Auf einer „Bitter 16“-Party begegnen sich Ed, der Basketball-Star, und Min, die sensible Filmnärrin. Es funkt gewaltig zwischen ihnen und es folgt eine kurze, aber leidenschaftliche Beziehung. Min gibt am Ende dieser Romanze Ed all die Dinge in einem Karton zurück, die sie mit der Beziehung verbindet. Dazu schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie quasi mit ihm abrechnet.

Ganz so witzig, wie ich zunächst annahm, ist das Hörbuch nicht. Doch das ist gar nicht schlimm, denn Min schreibt hier zwar angeblich für Ed diesen Brief, doch im Grunde verarbeitet sie damit einfach selbst die ganze Sache. Der Leser/Hörer erfährt die Hintergründe und bekommt tiefe Einblicke in Mins Gefühlsleben. Ed ist völlig anders gestrickt. Das wusste Min eigentlich schon eingangs, doch wo das Herz regiert, geschehen Fehler – und genau die muss man machen, wenn man erwachsen wird.

Dieses (Hör-)Buch erzählt so viel mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Es stellt Ed nicht als egoistischen Typen dar, auch wenn er so viele Fehler gemacht hat. Schließlich ist auch Ed in der Pubertät, entdeckt sich und das Leben erst und versucht, allen gerecht zu werden. Hier wird niemandem die (alleinige) Schuld zugewiesen. Genau das gefällt mir sehr an der Story.

Auch jammert Min nicht, sondern reflektiert einfach die Zeit mit Ed. Sie erkennt dabei auch, wo sie selbst Fehler gemacht hat. Ihre Freundin und ihr bester Freund spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Sprache passt zur Jugend, ist aber nicht extrem auf jugendlich getrimmt. Obwohl es keinen wirklichen Spannungsbogen gibt, möchte man doch wissen, was genau Min nun dazu gebracht hat, die Beziehung zu beenden, denn zunächst klingt es gar nicht so, als gäbe es einen Grund. Nach und nach spürt man, dass Ed sie mit irgendetwas ganz übel verletzt haben muss und Stück für Stück kommt man der Wahrheit näher. Das ist sehr schön aufgebaut und hört und liest sich großartig. Zwischendurch bin ich ein wenig ungeduldig geworden, auch wenn ich an keiner Stelle gelangweilt war. Dennoch hatte ich das Gefühl, die Story kam ein wenig zu spät auf den Punkt.

Laura Maire schafft es, wie eine 16-jährige zu klingen. Sie gibt allen Personen die passende Stimme, Tonlage und Lautstärke, sodass man sie prima unterscheiden kann. Das Hörbuch ist ein echter Genuss, stimmt aber auch ein wenig nachdenklich. Mir hat es sehr gut gefallen und es ist mir vier Sterne wert.

Veröffentlicht am 31.07.2017

Ein ganz besonderer Tag

Sieh mich an
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Katharina ist eine ganz normale Frau in den 40ern – verheiratet, berufstätig, Mutter. Sie kämpft mit den alltäglichen Problemen: den Haustieren, brennenden Haushaltsgeräten, einer vorpubertären Tochter, ...

Katharina ist eine ganz normale Frau in den 40ern – verheiratet, berufstätig, Mutter. Sie kämpft mit den alltäglichen Problemen: den Haustieren, brennenden Haushaltsgeräten, einer vorpubertären Tochter, der kriselnden Wochenendehe, der Schwester, der Freundin, dem Studienfreund. Alles ganz normal eben. Wäre da nicht dieses Etwas, das sie in ihrer Brust entdeckt hat und das ihr verständlicherweise entsetzliche Angst macht. Seit zwei Wochen weiß sie bescheid, seit zwei Wochen schweigt sie. Doch dieser Tag, mit all seinen Ereignissen, verändert mehr, als sie sich vorstellen konnte …

Mareike Krügel hat mit „Sieh mich an“ ein wunderbares Buch geschrieben, das vielen Frauen in einer ähnlichen Situation aus der Seele spricht. Auch wer einfach nur Angst vor Krebs und den Folgen hat, wird sich in diesem Buch wiederfinden und verstanden fühlen. In solch einer Situation funktioniert man nur noch, man lebt nicht mehr. So geschehen dann Dinge, die sonst nie hätten passieren können, man wird unachtsam für das eine, aber empfänglicher für das andere. Das hat die Autorin wunderbar auf den Punkt gebracht und mit ihren Figuren sehr real dargestellt.

Mir gefällt der Stil des Buches, ebenso die Sprache. Katharina, Kathinka, Kata, Kathi, Rina – für jeden ist sie eine andere und doch ist sie all diese Personen. Auch wenn sie meiner Meinung nach zu pessimistisch mit der möglichen Erkrankung umgeht, habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es umfasst einen einzigen, sehr langen, sehr ereignisreichen Tag. Ob und wie Katharina am Ende mit der Erkrankung umgeht, sie übersteht, das bleibt offen. Dennoch oder gerade deshalb ist das Buch perfekt. Es zeigt den inneren Kampf einer Frau. Sie lernt so nebenbei auch, dass nicht immer alles so ist, wie sie das gesehen oder gedacht hat. Ihre Erinnerungen an diverse Ereignisse ihres Lebens sind teils amüsant, teils sehr tragisch – aber immer so erzählt, dass der Leser nach und nach versteht, warum Katharina ist, wie sie nun mal ist.

Auch wenn sehr viele außergewöhnliche Szenen, Ereignisse und Situationen im Buch geballt vorkommen, passt für mich doch alles gut zusammen und ineinander. Katharinas Leidenschaft für Listen, ihre Transgender-Nachbarn, die vermutlich an ADHS leidende Tochter Helli und der Showdown – so gerne würde ich ihr beistehen und mit ihr durch all das gehen, denn einen Menschen wie Katharina trifft man nicht oft im Leben und wenn, muss man aufpassen, ihn nie wieder zu verlieren.

Kristof Magnusson sagt die Wahrheit: dieses Buch ist wirklich klug, bestürzend, zupackend und humorvoll – manchmal auch alles zugleich.

Doch ist mir auch klar, dass man sich auf dieses Buch einlassen können muss. Nicht bei jedem wird es eine Saite in der Seele zum Klingen bringen. Was es mit dem Fuchs auf dem Cover auf sich hat, wird übrigens im Buch erklärt – eine kurze, aber besondere Stelle.

Für mich ist es aber eines der besten Bücher des Jahres 2017 – gerne bewerte ich es deshalb mit den vollen fünf Sternen!

Veröffentlicht am 22.07.2017

Zwei Welten kreisen umeinander

Sauna mit Nachbar
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Der verwitwete Geschichtslehrer hat in den Ferien wenig zu tun und so schließt er sich immer enger an den Nachbarn an. Dieser werkelt an immer neuen Projekten, verwendet für vieles Dinge, die in den Augen ...

Der verwitwete Geschichtslehrer hat in den Ferien wenig zu tun und so schließt er sich immer enger an den Nachbarn an. Dieser werkelt an immer neuen Projekten, verwendet für vieles Dinge, die in den Augen des Lehrers Abfall sind und ist die Ruhe in Person. Nichts bringt ihn aus dem Takt. So lässt er sich auch vom Lehrer ein wenig auf die Nerven gehen. Er akzeptiert sogar, dass dieser ständig im Weg steht und nie hilft. Sogar die kaum versteckten Annäherungsversuche an Emilia lassen ihn kalt, doch der Lehrer, der sich so viel intelligenter hält, lernt in der Zeit des Saunabaus mehr fürs Leben, als er je gedacht hätte …

Im ganzen Buch hat nur die Nachbarin einen Namen: Emilia. Der Geschichtslehrer und der Nachbar bleiben namenslos, ebenso die Kinder der Nachbarsfamilie. Das liest sich gar nicht so schlecht, wie man glauben möchte, aber beim Erzählen darüber klingt es schon schräg.

Der Humor des Buches ist leise, man muss selten laut auflachen. Das ist in meinen Augen jedoch kein Fehler oder Nachteil! Die Story ist lakonisch und steckt voller Philosophie. Wenn man sich dafür öffnet, mag man nicht nur den vermeintlich weniger intelligenten Nachbarn sehr gern, sondern auch den überheblichen, von sich überzeugten und dadurch eher unsympathischen Geschichtslehrer. Für mich persönlich war die Tatsache, dass der Lehrer ausgerechnet Geschichte unterrichtet, besonders witzig – hatte ich doch tatsächlich einen Geschichtslehrer, der sich selbst für unfehlbar und die Krönung überhaupt hielt.

Der Unterschied zwischen den beiden Protagonisten könnte größer nicht sein: ein verwitweter Akademiker, stur und überakkurat gegen einen sechsfachen Vater, der alles locker und mit Ruhe nimmt, sich auf Experimente einlässt und der bei nichts pedantisch ist.

Die Sprache des Buches ist leise und sanft, dennoch steckt ganz viel Weisheit darin. Die vermeintlich unintelligente Handlungsweise des Nachbarn wird immer mehr zur schlaueren Lebensart und gibt dem Leser damit unweigerlich zu denken. Ob Schwächen wirklich immer schlecht und hinderlich sind, wo Freundschaft beginnt und welche alternativen Reaktionen es für alle Situationen gibt, das zeigt Roope Lipasti ganz ohne moralisch erhobenem Zeigefinger. Es kann immer einer vom anderen lernen, auch wenn der erste Eindruck das nicht gleich erkennen lässt. Lipastis Philosophie ist einfach, aber effektiv.

Mir haben die 240 Seiten nicht nur gefallen, sie haben mir auch gut getan. Dennoch muss ich einen Stern abziehen, da mich die Story auf halber Strecke kurz verloren hatte und ich neu ins Buch finden musste. Dennoch kann ich das Buch guten Gewissens empfehlen. Deshalb gebe ich vier Sterne!

Veröffentlicht am 19.07.2017

Die große Finsternis

Das große Leuchten
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Rupert und Robert, Freunde und durch den Freitod von Ruperts Mutter auch Ziehbrüder, machen sich auf die Suche nach Ana, Ruperts Freundin. Sie wollen sie im Iran suchen, bei ihrer Mutter.

Mag sein, dass ...

Rupert und Robert, Freunde und durch den Freitod von Ruperts Mutter auch Ziehbrüder, machen sich auf die Suche nach Ana, Ruperts Freundin. Sie wollen sie im Iran suchen, bei ihrer Mutter.

Mag sein, dass es an mir liegt, nicht am Hörbuch oder Autor. Aber ich stehe völlig ratlos da, frage mich, was Andreas Stichmann mit diesem Werk sagen will. Ich mag keine der Figuren, hätte im wahren Leben mit nicht einer der Personen auch nur fünf Minuten verbracht. Absolut nicht meine Welt – schon gar nicht die Pseudo-Sexfilmchen, die „lustigen“ Diebeszüge oder sonstige irren Aktionen dieser völlig frustrierten, leblosen, interesselosen jungen Menschen, die nur an sich selbst denken, aber nicht an andere. Das ändert sich auch nicht, als Rupert Mitleid mit einem Huhn entwickelt.

Alles ist so sinnlos und dämlich, wie die Einstellung der Figuren. Kein Wunder, dass ich da keinen Zugang finde. Nur aufregen muss ich mich ständig. Szenen, die einzeln gesehen möglicherweise in jedem Leben eines Jugendlichen geschehen können, aber alle zusammen? Ein wenig stark übertrieben, möchte ich meinen – und hoffen. Philosophie konnte ich hier keine finden, auch nicht mit noch so viel Mühe. Dafür aber eine Menge Erzählstränge, die mehr oder weniger durcheinanderlaufen und nur bedingt zum großen Ganzen beitragen. Dass Ruperts Leben nicht schön und behütet war, das sehe ich ja ein. Dennoch muss man nicht so werden, wie er. Im Gegenteil: gerade dann sollte man alles daran setzen, ein normales, schönes Leben aufbauen zu können. Den Flug und den Aufenthalt im Iran konnten sie sich ja auch wohl nur durch die Überfälle und Diebstähle finanzieren – schon da hört es bei mir auf.

Mich hat das (Hör-)Buch sehr ärgerlich gemacht. Wütend. Da gibt es so viele gute (Hör-)Bücher und ich verliere Hör-/Lesezeit mit so einem Krampf. Keine Empfehlung, kein Lob, nur der Pflichtstern.

Veröffentlicht am 18.07.2017

Seine Schuld, seine große Schuld

Sieh nichts Böses (Ein Kommissar-Dühnfort-Krimi 8)
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Bei der Hundeprüfung wird eine Leiche entdeckt. Es stellt sich heraus, dass es Veronika Lindental ist. Aber warum hat sie niemand, auch nicht ihre Eltern, vermisst? Und was hat die kleine Affenfigur für ...

Bei der Hundeprüfung wird eine Leiche entdeckt. Es stellt sich heraus, dass es Veronika Lindental ist. Aber warum hat sie niemand, auch nicht ihre Eltern, vermisst? Und was hat die kleine Affenfigur für eine Bedeutung? Dühnfort, der gerade von der Hochzeitsreise kommt, stößt bald auf Zufälle, die keine sein können. Eine weitere Frauenleiche, ebenfalls mit einer Affenfigur, bringt ihn auf die richtige Spur. Doch private Probleme lenken ihn teils etwas ab. Die richtige Entscheidung zu treffen, ist manchmal nicht so einfach. Doch Dühnfort und Gina halten zusammen und so löst er gleich zwei Fälle auf seine eigene Art und Weise.

Die Krimis von Inge Löhnig lesen sich alle durchweg sehr gut. Diesmal brauchte ich ein wenig, um mich in der Story zurechtzufinden. Mir wollten die Figuren nicht so recht passen, ich sympathisierte mit niemandem so richtig. Vielleicht spielt auch Tinos ganz eigener Kampf eine Rolle dabei, dass ich Anlaufschwierigkeiten hatte. Doch dann passte, wie gewohnt, alles schön ineinander und die Entwicklungen waren schlüssig und in sich stimmig.

Ich hatte sehr früh einen konkreten Verdacht, wer der Täter sein könnte, auch wenn die Autorin alles gab, um mich auf eine andere Fährte zu locken. Der Showdown war beeindruckend und die Spannung enorm. Das Ende beeindruckt auf eine ganz eigene Weise. Das ist sehr gelungen und gefällt mir sehr gut.

Die persönliche Geschichte von Tino und Gina bewegt mich sehr. Hier ist der rote Faden gelegt, der in weiteren Fällen weitergesponnen werden möchte. Wie immer gibt Inge Löhnig auch hier jeder Figur eine eigene Geschichte, kein Protagonist bleibt blass und nur Randfigur. Man muss die Figuren nicht mögen, um ihre Geschichten beeindruckend oder bewegend zu finden. Auch wenn man vieles nicht nachvollziehen kann und selbst anders handeln würde, ist doch alles sehr glaubwürdig. Die private Prüfung von Gina und Tino fand ich jedoch ein wenig zu moralisierend. Hier fühle ich mich als Leser in eine Rolle gedrängt, die ich nicht einnehmen möchte.

Ich freue mich sehr auf weitere Bände mit Konstantin Dühnfort, mochte „Sieh nichts Böses“ jedoch nicht so sehr, wie die anderen Bände der Reihe. Somit gebe ich hier vier Sterne.