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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.10.2019

Fotos aus einem dreiviertel Jahrhundert von einem außergewöhnlichen Fotografen

Walter Chandoha. Cats. Photographs 1942–2018
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Das Buch ist unbeschreiblich schön! Es hat ein stolzes Gewicht und lässt sich deshalb nur unbequem halten, aber in den Lesesessel gekuschelt mit Buch auf dem Schoß oder ordentlich am Tisch, da versinkt ...

Das Buch ist unbeschreiblich schön! Es hat ein stolzes Gewicht und lässt sich deshalb nur unbequem halten, aber in den Lesesessel gekuschelt mit Buch auf dem Schoß oder ordentlich am Tisch, da versinkt man sofort ganz tief darin. Früher nannte man solche Bücher wohl Teetisch-Bücher. Auf alle Fälle mag man „Cats“ wirklich nicht wegräumen, sondern immer wieder darin blättern und sich über die herrlichen Fotos und charakterstarken Tiere freuen.

Die Texte sind in Englisch, Deutsch und Französisch gehalten. Nur leider sind die Bildunterschriften einzig in Englisch gehalten. Das finde ich sehr schade (auch wenn ich persönlich verstehe, was da steht – das geht ja aber nicht jedem so).

Chandoha hat früh die Liebe zur Fotografie allgemein entdeckt. Sein Lieblingsmotiv wurde irgendwann dann die Katze. Dazu brachte ihn im Grunde ein Kater, der bei ihm einzog: Loco. Ja, es ist Zufall, dass unser Kater exakt so aussieht, wie Loco (er könnte in der Tat seine Wiedergeburt sein, auch von seinen Eigenarten her!). Doch ist das mit ein Grund, warum mir die Fotos mit ihm darauf besonders gut gefallen.

Ich bin ein großer Fan der Schwarz-Weiß-Fotografie. Ob von heute oder aus alter Zeit, ich mag das sehr. Chandohas langes Fotografenleben zeigt wunderbar, wie sich die Zeiten geändert haben, wie das auch in den Fotos zum Tragen kommt. Der Schwerpunkt liegt auf den Fotos der 1950er bis 1980er und das erfreut mich persönlich sehr. Danach findet man nur wenige Bilder. Die ältesten Fotos gefallen mir am besten, obwohl es kein Foto von Chandoha gibt, das ich so gar nicht mag. Seine Bilder strahlen sehr deutlich aus, wie gut es allen Tieren dabei ging und dass es keinerlei Stress für sie gab. Viele Bilder zeigen deutlich, welche Position er selbst eingenommen hat, um sie so wunderbar hinzubekommen. Das ist Leidenschaft pur! Liebe zum Beruf, zum Motiv und zu allem, was den besonderen Moment ermöglicht.

Der Qualität der Fotos ist der ganze Bildband angepasst. Die Bindung ist stabil und mit Leinen verstärkt, das Papier schön dick und die Drucke klar und brillant. Man hält eine Hommage an die Fotografie, an Katzen und an einen brillanten Fotografen in Händen. Selbst für mich, die ich eine sehr große Katzenbuchsammlung besitze, ist dies ein ganz besonderes und hervorstechendes Werk. Ein Werk, das rundum überzeugt – und damit von mir fünf Sterne bekommt.

Veröffentlicht am 29.09.2019

Im Leben ist nicht nur Sommer

Bratapfel am Meer (Neuauflage)
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Caro richtet sich nach ihrer gescheiterten Ehe gerade in ihrem Leben neu ein. Als Intensivkrankenschwester ist sie gewohnt, dass Patienten sterben, doch Elfriede Fischermann war eigentlich wieder auf Normalstation ...

Caro richtet sich nach ihrer gescheiterten Ehe gerade in ihrem Leben neu ein. Als Intensivkrankenschwester ist sie gewohnt, dass Patienten sterben, doch Elfriede Fischermann war eigentlich wieder auf Normalstation verlegt worden und soweit gesund. Kurz vorher hat sie Caro gebeten, ihre Halskette zurück zu ihrer großen Liebe nach Juist zu bringen. Da Caro dringend eine Auszeit braucht, nutzt sie die Tage nach den Weihnachtsfeiertagen für einen Urlaub auf Juist. Dort ist es weniger ruhig, als sie dachte, und sie kommt zu völlig unerwarteten Erkenntnissen …

Die Juist-Bücher von Anne Barns sind zauberhaft, leicht und voller Leben. Sie spielen im Sommer. Da ist die Stimmung natürlich heller. Diesmal führt sie uns im Winter auf die Zauberinsel. Passend zu Kälte und Sturm sind hier auch die Themen dunkler und schwerer, dennoch hat mir das Buch wieder sehr gefallen. Traurigkeit und Probleme gehören zum Leben dazu – es kommt aber darauf an, wie man damit umgeht und sie verarbeitet. Genau das lässt uns die Autorin mit Caro, Max und den Inselbewohnern erleben und erkennen.

Manche Stellen waren nicht so ganz mein Geschmack, mir etwas zu drüber, doch insgesamt passt wieder alles prima zusammen. Rätsel lösen sich mehr oder weniger von selbst auf, der Inselfunk arbeitet großartig, die Stärken und Schwächen der Menschen gleichen sich aus und mit Einstein, Caros Hund, kommt auch der Tierfreund nicht zu kurz. Die neuen Figuren haben Ecken und Kanten, sind also „aus dem Leben gegriffen“. Besonders schön war es auch, die „alten Bekannten“ wiederzutreffen und festzustellen, dass man sie sofort wieder erkannt hat. Wunderbar, wie Anne Barns ihre Romanfiguren gleichzeitig immer wieder sie selbst sein lässt, ihnen aber auch eine Weiterentwicklung zugesteht und ermöglicht.

Mag sein, dass ich alt und melancholisch werde, aber ich habe an vielen Stellen lachen, aber auch Tränen kullern lassen können. Obwohl ich nicht der typische „Frauenbuchleser“ bin, fühle ich mich mit diesem Buch wieder sehr wohl. Es lässt sich gut und leicht lesen, also genau richtig, um ein bisschen zu entspannen. Dennoch gibt es hier und da kleine Lebensweisheiten mit auf den Weg und regt zum Nachdenken an. Das mag ich sehr!

Wunderbar auch wieder die Rezepte am Ende des Buches. Darauf und darüber freue ich mich jedes Mal. Diesmal gibt es noch einen besonderen Bonus: Im Buch sind drei Texte von Songs des Duos SCHEER zu finden. Es lohnt sich, die Songs auch wirklich zu hören. Sie gehen ans Herz, sind aber traumhaft schön.

Irgendwann wird Juist wohl rettungslos überfüllt sein, denn Anne Barns weckt im Leser die Sehnsucht nach der Insel und deren unvergleichlichen Bewohnern. Man will sich einfach unbedingt vor Ort ein Bild darüber machen.

Kurz und knapp – „Bratapfel am Meer“ ist anders, als seine Vorgänger. Aber es geht ganz tief unter die Haut und hallt trotz seiner Leichtigkeit insgesamt auch nach. Dafür gebe ich fünf Sterne.

Veröffentlicht am 28.09.2019

Blackheath

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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Aiden Bishop kommt aus dem Wald, erinnert sich an nichts, ruft aber nach Anna. Aber wer ist denn eigentlich Anna? Aiden weiß es nicht. Er weiß nur, dass er von einem Mann, der ein Mörder ist, einen Kompass ...

Aiden Bishop kommt aus dem Wald, erinnert sich an nichts, ruft aber nach Anna. Aber wer ist denn eigentlich Anna? Aiden weiß es nicht. Er weiß nur, dass er von einem Mann, der ein Mörder ist, einen Kompass bekommen hat, mit dessen Hilfe er nach Osten und damit zum Anwesen der Familie Hardcastle gefunden hat. Doch ob dies die Rettung oder der endgültige Untergang ist, muss sich noch erweisen, denn Aiden gerät in eine absurde Geschichte, aus der er nur wieder herauskommt, wenn er das Rätsel um den Mord an Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, löst.

Es ist schwer, Autor und Story gerecht zu werden. Es ist alles sehr komplex. Das spricht dafür, dranzubleiben – aber genau diese Komplexität führt bei mir persönlich dazu, dass ich zwischendrin einfach Pausen brauche, um zu Atem zu kommen, Kräfte zu sammeln, Konzentration für das Geschehen aufbringen zu können. Sonst bleibt zu wenig haften und ich muss wiederholen. Das ist anstrengend. Gleichzeitig ist die Story aber auch wieder so gut, dass man nicht ans Abbrechen denkt. Das ist sehr schwer zu beschreiben! Ich vermute, die Story wird heftig polarisieren: Die einen werden total begeistert sein, die anderen absolut enttäuscht.

Die Grundidee, dass eine Person in die Körper von acht anderen schlüpft und eine Situation bzw. einen Tag aus deren Sicht erlebt, ist super. Das Problem ist wohl, dass vieles nicht wirklich greifbar und immer verschwommen ist und erst am Ende aufgelöst wird. Da wird das Mitraten sehr erschwert. Immer wieder gibt es neue Situationen und Erkenntnisse und die Masse all dessen droht, sich selbst zu erschlagen.

Der Lesefluss geht leider ab einem gewissen Punkt etwas verloren. Zu viele Zeit- und Personenwechsel kommen da zusammen. Ich mag Storys in der Ich-Form, aber hier wird das durch die vielen „Wirtskörper“ etwas verwirrend und ich habe manchmal nicht mehr verstanden, wer Aiden gerade ist.

Die Auflösung ist raffiniert, aber gleichzeitig macht sie mich ein bisschen sauer, denn darauf kann man echt nicht kommen. Dennoch gefällt mir, dass sie wirklich gut und ausführlich erklärt wird und nicht einfach nur das Ende ist.

Frank Stieren hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ich trotz allem Gefallen an der Story gefunden habe. Er hat genau die richtigen Betonungen getroffen und kann sich so wunderbar einfühlen, dass er Emotionen transportiert, die ich beim reinen Lesen so nicht hatte. Umso schöner, das Buch einmal zu lesen und einmal zu hören. Das Hören hat das Ruder herumgerissen.

Eigentlich würde ich drei Sterne geben, weil ich so hart daran arbeiten musste, dranzubleiben. Aber die Idee ist sehr gut und die Mühe und Arbeit, die dahintersteckt, darf man nicht aus den Augen verlieren. Deshalb gebe ich vier Sterne.

Veröffentlicht am 25.09.2019

Der Titel ist Programm

River of Violence
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Harley hat sehr jung ihre Mutter verloren und wächst mit einem Vater auf, der sie früh in sein Metier einweist: das Drogengeschäft. Sie erlebt also tagtäglich Schlimmes und Gewalt. Ihre Mutter hatte sich ...

Harley hat sehr jung ihre Mutter verloren und wächst mit einem Vater auf, der sie früh in sein Metier einweist: das Drogengeschäft. Sie erlebt also tagtäglich Schlimmes und Gewalt. Ihre Mutter hatte sich immer um Frauen gekümmert, die Gewalt erfahren haben und hier ist auch ihre Leidenschaft – sie führt dieses Erbe weiter und gibt misshandelten Frauen und deren Kinder Unterschlupf. Doch die Gewalt und Kriminalität sind ein stetiger Begleiter von Harley – ganz gleich, was sie tut …

Immer wieder wird der Leser in die Vergangenheit geführt. Dadurch lernt man Harley besser kennen und versteht, wie sie wurde, was und wer sie ist. Man darf nicht zu zart besaitet sein bei der Lektüre. Die Autorin hat nichts ausgelassen an Gewalt und Brutalität. Sie reißt den Leser komplett aus der Wohlfühlzone. Genau deshalb habe ich sehr lange gebraucht, um das Buch zu beenden. Es ist auffallend gut geschrieben und fesselt, aber in der falschen Lebenssituation zieht es einfach zu stark runter. Man sollte es nicht nebenher lesen, sondern sich komplett darauf einlassen. Dann erkennt man die eigentliche Aussage von Tess Sharpe.

Der Titel ist Programm, also darf man sich weder beschweren noch wundern. Und ja, auch diese Art von Leben gibt es. Schön ist das nicht, aber leider Realität. Insofern erdet dieses Buch und zeigt, wie gut man es selbst hat und wie sicher man lebt. Es strengt an, jemanden zu mögen, der gegen alles handelt, das man selbst sein Leben lang als richtig angesehen hat. Es erschreckt, dass man irgendwann einen Punkt erreicht, an dem man Gewalt als richtig ansieht.

Der Stil ist entsprechend hart und teils auch die Sprache brutal. Nicht jede Beschreibung hätte so ausführlich sein müssen für meinen persönlichen Geschmack. Ein paar Mal wird das eine oder andere zu oft erwähnt und diese Wiederholungen schaffen dann Längen. Dennoch eine lohnenswerte Lektüre – wenn man die Stärke dazu hat. Ich gebe vier Sterne.

Veröffentlicht am 25.09.2019

Horror-Roman vom Feinsten!

Kill Creek
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Das Finch-House in Kill Creek ist als Geisterhaus bekannt. Es hat eine düstere Aura und niemand will es mehr haben. Der Mann, der es erbaut hat, wurde aufgrund seiner Liebe zu einer ehemaligen Sklavin ...

Das Finch-House in Kill Creek ist als Geisterhaus bekannt. Es hat eine düstere Aura und niemand will es mehr haben. Der Mann, der es erbaut hat, wurde aufgrund seiner Liebe zu einer ehemaligen Sklavin ermordet und musste zuvor zusehen, wie sie geschändet und getötet wurde. Die beiden Finch-Schwestern, die das Haus kauften und erhileten, lebten komplett zurückgezogen. Und dann ist da noch diese seltsame Mauer mitten im Haus. Für Wainwright ist all dies die optimale Kulisse, um vier der besten Schriftsteller des Horrorgenres an Halloween genau hier zusammenzubringen und zu interviewen. Doch er hat nicht mit den Mächten des Hauses gerechnet …

Das Buch fängt sehr gemächlich, aber nicht uninteressant an. Der Leser lernt die einzelnen Figuren kennen, erfährt ein wenig von ihren kleinen Geheimnissen und Schwächen und überlegt insgeheim, welcher bekannte Autor da wohl gemeint sein könnte. Dieser Trick ist Scott Thomas echt prima gelungen. Der Leser muss nämlich durchhalten. Es kommt der Punkt, an dem man sich fragt, wo hier die Parallelen zu „The Shining“ sein sollen und wieso Autor und Buch so hoch gelobt werden. Tja, und genau dann fängt es an! Geduld wird hier belohnt und irgendwann macht alles einen Sinn.

Ich habe mich an vielen Stellen enorm an Stephen King erinnert gefühlt. Das liegt nicht nur am Haus, sondern an ganz vielen kleinen Zeichen. Fast könnte ich glauben, dass der Meister des Horrors sich zu seinem 72. Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht und wieder ein Alter Ego erfunden hat, wie zu Zeiten Richard Bachmanns. Schon allein das Haus auf dem Cover – es ist so typisch King! Doch ob das nun so wäre oder nicht – wenn Scott Thomas drauf steht, werde ich beim nächsten Buch auch wieder zugreifen, denn die Story ist super gelungen und ich bin gekonnt an der Nase herumgeführt worden.

Man merkt es nicht gleich, aber am Ende ergeben viele, unendlich viele Puzzleteile ein Bild, das den Atem raubt. Ich liebe es, wenn ich am Ende denke, das hätte ich schon am Anfang sehen und erkennen müssen – genau das passiert hier. Noch dazu krönt Scott Thomas sein Buch mit einem gelungenen, runden und noch dazu genialen Ende.

Die einzelnen Figuren sind Thomas so gut gelungen, dass man meint, sie zu kennen. Jede hat ihren eigenen inneren Dämon und Thomas schafft es, sich nicht zu wiederholen oder langweilig zu werden. Nichts ist überspannt, alles logisch und in sich stimmig. Die Parallelen zum „Overlook Hotel“ und teils auch zu „Es“ sind erkennbar, dennoch empfinde ich die Story nicht als nachgemacht. Im Gegenteil, sie ist runder und realer, sie ängstigt deshalb noch mehr.

Ich hatte großartige Lesestunden mit „Kill Creek“ und warte nun, ob es weitere Bücher von Scott Thomas geben wird und er dieses Level halten (oder gar toppen) kann. Zeitweise dachte ich, das wird ein vier-Sterne-Buch, aber am Ende wusste ich, warum der Anfang so war, wie er nun mal ist. Deshalb gebe ich die vollen fünf Sterne!