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Veröffentlicht am 12.10.2024

Für mich leider eine Enttäuschung

Intermezzo
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Ivan und Peter sind Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ivan, der jüngere, ist ein Schachgenie, in sich gekehrt und auf der Suche nach einem Platz im Leben. Peter, 10 Jahre älter und Jurist, ...

Ivan und Peter sind Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ivan, der jüngere, ist ein Schachgenie, in sich gekehrt und auf der Suche nach einem Platz im Leben. Peter, 10 Jahre älter und Jurist, ist charismatisch und scheint mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Selbst der Tod ihres Vaters vermag ihr Differenzen nicht zu überwinden. Als Ivan dann auch noch die deutlich ältere Margaret kennenlernt und Peter sein Missfallen äußert, droht die wacklige Beziehung zwischen den Brüdern für immer zu zerbrechen.

„Intermezzo“ ist der 4. Roman der irischen Schriftstellerin Sally Rooney und wurde von Zoë Beck in Deutsche übersetzt. Die Handlung folgt abwechselnd den beiden Brüdern, gibt dabei aber auch Einblicke in die Gedankenwelt der Nebenfiguren, so dass eine Art Psychogramm der Beziehungen von Ivan und Peter entsteht. An der Erzählweise ist zudem besonders, dass die Autorin auf die Kennzeichnung wörtlicher Rede verzichtet. Der Sinn und Zweck dieses Stilmittels ist mir noch immer unklar, führt es doch nur dazu, dass oft schwer zu unterscheiden ist, was nur gedacht und was tatsächlich ausgesprochen wird.

In vielen Rezensionen habe ich gelesen, dass Sally Rooney mit diesem Buch erwachsener geworden ist. Und egal, was das nun über mich aussagt: Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Denn zunächst finde ich den Roman mindestens 100 Seiten zu lang. Die Autorin baut minutiös einen Eklat auf, den man als Leser*in bereits auf den ersten Seiten kommen sieht. Ihr Stil hat die Frische verloren, die ich in früheren Werken so mochte. Zudem wirkt das Ende für mich sehr aufgesetzt, denn – wenn wir ehrlich sind – sind die Charaktere ziemlich hoffnungslos.

Da ist ein jüngerer Bruder, der sich oft wie ein trotziges Kind verhält, ein älterer, der die Menschen um sich herum gerne nach seiner Pfeife tanzen lässt. Dann eine ältere Geliebte, die die Pille-danach als Verhütungsmittel benutzt und eine Exfreundin, die ihren ehemaligen Partner wie einen Hund behandelt. Am sympathischsten waren mir die Figuren, wie die Mutter der Brüder oder Peters Freundin Naomi, die eigentlich eher negativ gezeichnet waren. Für mich war „Intermezzo“ leider eine Enttäuschung.

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Veröffentlicht am 09.10.2024

Roman aus Kurzgeschichten mit Schwächen

Die Glückslieferanten
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Ritsu Nanashoshi ist im Auftrag der Himmelsboten unterwegs. Sie liefert Pakete von Verstorbenen an ihre Hinterbliebenen aus, die diese noch vor ihrem Tod in Auftrag gegeben haben. So trifft sie auf die ...

Ritsu Nanashoshi ist im Auftrag der Himmelsboten unterwegs. Sie liefert Pakete von Verstorbenen an ihre Hinterbliebenen aus, die diese noch vor ihrem Tod in Auftrag gegeben haben. So trifft sie auf die unterschiedlichsten Menschen und überbringt mal Briefe, Tonaufnahmen oder auch besondere Gegenstände. Doch so manche Lieferung berührt auch ihre persönliche Lebensgeschichte.

„Die Glückslieferanten“ ist der zweite, im Deutschen erschienene Roman der japanischen Schriftstellerin Sanaka Hiiragi; übersetzt wurde er von Yukiko Luginbühl und Sabine Mangold. Die Handlung ist im Prinzip aus vier einzelnen Kurzgeschichten zusammengesetzt, die durch den Lieferservice der Himmelsboten miteinander verknüpft werden. Ein Epilog am Ende lässt uns noch einen Blick hinter die Kulissen werfen und zeigt Nanahoshi, ihren Chef und eine Kundin in einem ganz besonderen Auftragsgespräch.

Die Art und Weise, wie der Roman aufgebaut ist, präsentiert uns viele verschiedene Charaktere und Themen. Da ist zum Beispiel Yūko, die seit dem Tod ihrer beiden Freundinnen das Haus nicht mehr verlässt und zum Messie geworden ist. Oder Yū, dessen Jugendfreundin Maho gestorben ist und der nun bereut, ihr nie seine Liebe gestanden zu haben. In der letzten Geschichte gibt es sogar fünf Figuren, die durch ihren ehemaligen Lehrer, Herrn Sanada, wieder zueinander geführt werden und deren Paketlieferungen nur gemeinsam einen Sinn ergeben.

Eigentlich mag ich die Idee, einen Roman aus einzelnen Kurzgeschichten zusammen zu setzen. Allerdings hat man es als Leser*in so oft schwer, zu den Figuren eine Beziehung aufzubauen. Das war für mich auch bei „Die Glückslieferanten“ ein Problem, zumal in zwei der Geschichten, in denen es ja in der Hauptsache um das Thema Tod und Trauer gehen soll, die belieferten Charaktere gar keine richtige Bindung zur verstorbenen Person hatten. Auch darunter leidet, meiner Meinung nach, die Emotion der Handlung. Dafür warten die Geschichten drei und vier mit interessanten Kniffen am Ende auf, was mir wiederum gut gefallen hat. An das zuvor erschienene „Die Erinnerungsfotografen“ reicht dieser Roman für mich jedoch nicht heran.

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Veröffentlicht am 05.10.2024

Atmosphärischer Weihnachtskrimi

Ein Mörder auf der Gästeliste - Ein Weihnachtskrimi: Cosy Crime in einem eingeschneiten Herrenhaus
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Es ist kurz vor Weihnachten und Waise Lilly freut sich darauf, das Fest im Hotel der Familie ihrer besten Freundin Zelda zu verbringen. Die beiden haben sich sogar eine Überraschung ausgedacht und Zeldas ...

Es ist kurz vor Weihnachten und Waise Lilly freut sich darauf, das Fest im Hotel der Familie ihrer besten Freundin Zelda zu verbringen. Die beiden haben sich sogar eine Überraschung ausgedacht und Zeldas Großvater eingeladen, mit dem ihre Mutter schon seit langem zerstritten ist. Der taucht auch tatsächlich mit dem Rest der Familie im Schlepptau auf, entpuppt sich jedoch als furchtbarer Mensch, der alle um sich herum schlecht behandelt. Als das Hotel dann auch noch eingeschneit wird und ein Mord geschieht, müssen Lilly und Zelda selbst ermitteln, um zu beweisen, dass niemand aus ihrer Familie ein Mörder ist.

„Ein Mörder auf der Gästeliste“ ist ein Weihnachtskrimi aus der Feder der Kinder- und Jugendbuchautorin Alexandra Fischer-Hunold. Als Altersempfehlung werden 12 Jahre angegeben, aber das Buch ist definitiv auch etwas für Erwachsene, denn die Kriminalhandlung ist sehr klug konstruiert und streut gekonnte falsche Spuren. Mir hat dabei jedoch gut gefallen, dass alle diese gelegten Fährten auch irgendwann aufgelöst werden – da ist in Krimis ja leider nicht immer der Fall. Erzählt wird fast ausschließlich aus der Perspektive der jungen Ermittlerin Lilly, die als Außenstehende einen unvoreingenommenen Blick auf die Familie werfen kann, auch wenn sie natürlich ein wenig Angst vor der Auflösung des Falles hat.

Atmosphärisch ist der Krimi ebenfalls sehr gelungen. Das eingeschneite Hotel gibt eine wunderbare Kulisse ab und schränkt den Kreis der Verdächtigen ein. Der plötzliche Besuch von Familienoberhaupt Auguste Evans bringt schnell Konflikte, denn er scheint wirklich an jedem einzelnen seiner Verwandten etwas auszusetzen zu haben und spielt alle gegeneinander aus. Neben Zeldas Familie sind jedoch auch einige Fremde anwesend, so zum Beispiel ein mysteriöser Architekturjournalist, eine Lehrerin, die sich im Hotel geirrt hat und ein örtlicher Handwerker, so dass die unterschiedlichsten Mordmotive in Frage kommen.

„Ein Mörder auf der Gästeliste“ ist ein gelungener Weihnachtskrimi mit einer klugen jungen Ermittlerin, die sich als Waisenkind eigentlich nur auf ein Fest im Kreise ihrer Liebsten gefreut hat.

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Veröffentlicht am 24.09.2024

Spannender Weihnachtskrimi mit schwieriger Protagonistin

Das mörderische Christmas Puzzle
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19. Dezember. Die 80-jährige Edie O‘Sullivan hasst Weihnachten, seit sie an diesen Tagen einige schwere Verluste verkraften musste. Daher lebt sie auch sehr zurückgezogen und meidet den Kontakt zu anderen ...

19. Dezember. Die 80-jährige Edie O‘Sullivan hasst Weihnachten, seit sie an diesen Tagen einige schwere Verluste verkraften musste. Daher lebt sie auch sehr zurückgezogen und meidet den Kontakt zu anderen Menschen. Nur ihr Adoptivsohn Sean und Freundin Riga haben einen Platz in ihrem Leben; ansonsten verbringt sie es mit Kreuzworträtseln, Puzzles und ihren Katzen. Doch dann erhält sie von einem mysteriösen Absender namens „R.I.P“ einige Puzzleteile und eine Nachricht: wenn Edie dieses Puzzle nicht lösen kann, werden bis Weihnachten vier Menschen sterben. Also macht die Seniorin sich an die Ermittlungen und muss dabei mehr als einmal ihre Komfortzone verlassen.

„Das mörderische Christmas Puzzle“ ist der zweite Weihnachtskrimi aus der Feder von Alexandra Benedict, die deutsche Übersetzung stammt von Elisabeth Schmalen. Erzählt wird die Handlung von einem allwissenden Erzähler, der zwar den größten Teil der Zeit bei Protagonistin Edie bleibt, immer wieder aber auch zu R.I.P, dessen Opfern oder Edies Adoptivsohn Sean springt. So haben wir als Leser*innen die Möglichkeit, die Geschehnisse von allen Seiten zu betrachten und Hinweise auf die Identität des Mörders zu sammeln.

Edie ist kein einfacher Charakter und stößt mit ihrer zynischen, oft verletzenden Art immer wieder Menschen von sich. Auf der anderen Seite nahm sie ihren Großneffen Sean bei sich auf, als an Weihnachten dessen gesamte Familie (Vater, Mutter und Bruder) bei einem Unfall ums Leben kam – und dass, obwohl sie selbst eigentlich nie Kinder haben wollte. Auch die Trennung von Lebensgefährtin Sky vor zwanzig Jahren hat sie noch immer nicht verkraftet. Dennoch ist es wirklich frustrierend mitanzusehen, wie Edie nicht nur Menschen aus ihrem Leben vergrault, sondern auch noch der Polizei wichtige Hinweis vorenthält. Dabei ist Sean leitender Ermittler in diesem Fall.

Die eigentliche Kriminalhandlung ist spannend und führt mit einigen Kniffen auf zahlreiche falsche Fährten, dennoch hätte Edies Bedeutung für die Lösung der Hinweise für mich etwas größer sein dürfen. Ihre Puzzleliebe wird zwar betont, dann löst sie den Fall aber eher durch einen spontanen Einfall – schade!

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Veröffentlicht am 20.09.2024

Roman mit komplexer Struktur

Antichristie
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2022. Die 50-jährige Durga trauert um ihre Mutter Lila, die unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Schon bald muss sie nach London aufbrechen, wo sie in einem Writer‘s Room gemeinsam mit ihren Kolleg*innen ...

2022. Die 50-jährige Durga trauert um ihre Mutter Lila, die unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Schon bald muss sie nach London aufbrechen, wo sie in einem Writer‘s Room gemeinsam mit ihren Kolleg*innen eine antirassistische Neuverfilmung der Werke Agatha Christies schreiben soll. Doch dann geschieht das Unerwartete: die Queen stirbt und versetzt ganz Großbritannien in den Ausnahmezustand. Protestierende finden sich vor dem Florin Court ein, in dem der Writer‘s Room stattfindet, weil sie nach der Queen nicht auch noch die Queen of Crime „verlieren“ wollen. Mitten in all diesen Wirren passiert es: Durga reist durch die Zeit und findet sich im Jahr 1906 in India House wieder – im Körper eines jungen Mannes – und nennt sich selbst Sanjeev.

„Antichristie“ ist der neuste Roman der Schriftstellerin Mithu Sanyal und wird komplex auf mehreren Handlungs- und Zeitebenen erzählt, die einander nach und nach immer mehr durchdringen. Da ist auf der einen Seite die Gegenwart im Jahr 2022, in der Durga Diskussionen darüber führt, warum Hercule Poirot nicht auch Schwarz sein könnte. Auf der anderen Seite ist da die Vergangenheit im Jahr 1906 in India House, einer Unterkunft für indische Studenten in Großbritannien und Zentrum des antikolonialen Widerstands. Dann springen wir aber auch immer wieder in Durgas Vergangenheit, um die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrem Mann Jack oder ihrer besten Freundin Nena zu ergründen.

Gekonnt verwebt die Autorin Fiktion mit Geschichte, denn vieles hat sich tatsächlich so in India House abgespielt. Im Körper von Sanjeev, aber noch mit ihrem eigenen Wissen und ihren Erinnerungen ausgestattet, lernt Durga historische Persönlichkeiten kennen. Im Zentrum steht dabei Savarkar, ein indischer Revolutionär, der zum Zeitpunkt der Handlung ebenso bekannt war, wie Gandhi. Mit ihm diskutiert sie über Themen wie gewaltfreien Widerstand und schließt zunehmend die Menschen in India House in ihr Herz. Als dann auch noch der britische Geheimdienstchef Curzon Wylie aus einem verschlossenen Raum im Haus verschwindet und Revolutionär Madan, den übrigens Durgas Mutter Lila sehr verehrte, seiner Ermordung verdächtigt wird, stellt sie selbst Ermittlungen an – mit der Hilfe von Sherlock Holmes.

„Antichristie“ ist sicherlich ein antikolonialer Roman, aber auch so vieles mehr: ein Locked Room Mystery, ein Füllhorn an Popkultur-Anspielungen, eine Geschichte über Trauer, über Cancel Culture, über studentisches Leben in India House, aber eben auch über Widerstand gegen den Staat und die Frage, was dieser darf und was nicht. Es ist aber vor allem eine Geschichte über Schmerz in all seinen unterschiedlichen Formen, die wir durch Durga/Sanjeevs Augen aus einer deutschen, indischen und britischen Perspektive erleben.

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