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Veröffentlicht am 24.08.2022

Reihenauftakt mit Schwächen

Die Geister von New York
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Lionel ist investigativer Journalist und er ist gut in seinem Job. Hauptsächlich beschäftigt er sich damit, Scharlatane auffliegen zu lassen – an Übernatürliches kann und will er nicht glauben. Eines Tages ...

Lionel ist investigativer Journalist und er ist gut in seinem Job. Hauptsächlich beschäftigt er sich damit, Scharlatane auffliegen zu lassen – an Übernatürliches kann und will er nicht glauben. Eines Tages wird er dann von der mysteriösen Regina Dunkle kontaktiert. Die erteilt ihm den Auftrag, für sie ein verschollenes Manuskript von Edgar Allan Poe zu beschaffen; im Gegenzug wird sie ihm helfen, seine Vergangenheit für immer unter Verschluss zu halten.

„Die Geister von New York“ ist der Auftakt einer Urban Fantasy-Reihe und Craig Schaefers erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde, während im Englischen bereits mehr als 20 Romane vorliegen. In diesem ersten Band begleiten wir Lionel bei einem Auftrag, der sein ganzes Leben und das, woran er geglaubt hat, auf den Kopf stellen wird. Erzählt wird hauptsächlich aus seiner Perspektive, in der Er- und Vergangenheitsform; ab und zu steht aber auch Maggie im Fokus, eine Frau, die denselben Auftrag zu haben scheint, wie er selbst.

Die Handlung nimmt von Anfang an schnell an Fahrt auf und erweist sich als Mix aus Agententhriller und fantastischem Roman, komplett mit Hexen, Geistern, Ghouls und weiteren übernatürlichen Wesen. Gemeinsam jagen Lionel und Maggie einen geheimnisvollen Mann mit unheimlich blauen Augen und kommen dabei dem Geheimnis um Lionels düstere Vergangenheit immer näher. Die Geschichte rund um das Poe-Manuskript dient dabei leider nur als Aufhänger der Handlung, der Autor und seine Werke spielen keine größere Rolle.

Auch der Zugang zu den Protagonisten fiel mir nicht leicht. Maggies Identität ist in der Geschichte recht schnell klar und mit einigen Klischees ausgestattet. Auch Lionel präsentiert sich als starker Held, der sich quasi sofort in einer magischen Welt zurechtfindet, die er zuvor mit aller Macht verleugnet hat und darüber hinaus als Fels in der Brandung für Maggie, die ihn eigentlich in jeder Hinsicht in die Tasche steckt. Das Worldbuilding hingegen ist durchaus gelungen und macht Lust, tiefer in diese Welt einzutauchen.

Fazit: Ein typischer erster Band mit einigen Schwächen, aber dennoch Potenzial

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Veröffentlicht am 22.08.2022

Die Frage nach dem "Warum"

Der Duft von Eis
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Ryoko bügelt gerade, als sie den folgenschweren Anruf bekommt: Hiroyuki, ihr Freund, mit dem sie seit Jahren zusammen ist, hat sich an seinem Arbeitsplatz das Leben genommen. In der Leichenhalle trifft ...

Ryoko bügelt gerade, als sie den folgenschweren Anruf bekommt: Hiroyuki, ihr Freund, mit dem sie seit Jahren zusammen ist, hat sich an seinem Arbeitsplatz das Leben genommen. In der Leichenhalle trifft sie auf Akira, Hiroyukis jüngeren Bruder, von dessen Existenz sie bisher nichts wusste. Die beiden tauschen sich aus und Ryoko muss feststellen, dass sie eigentlich gar nichts über ihren Partner gewusst hat. Ihr bleibt nur ein Parfüm, das er für sie kreiert hat und eine willkürlich erscheinende Liste von Beschreibungen. Und so begibt Ryoko sich auf die Suche, in Hiroyukis Kindheit, seiner Heimat, seiner Familie – bis sie am Ende schließlich in Prag landet.

„Der Duft von Eis“ der mehrfach preisgekrönten Autorin Yoko Ogawa wird aus der Sicht ihrer Protagonistin Ryoko in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt. Auf diese Weise sind wir ganz nah an den Geschehnissen, ihrer Trauer und den verzweifelten Versuchen, Hiroyukis Tat einen Sinn zu geben. Es ist seltsam, denn eigentlich lernt Ryoko ihn erst nach seinem Tod richtig kennen, erfährt von seiner Liebe zur Mathematik, zum Eislaufen und von einem einschneidenden Erlebnis in seiner Kindheit. Einziges Problem: Sie kann nicht mehr mit ihm darüber sprechen.

Während sein Bruder Akira sich mit der Situation arrangiert und versucht, seiner Mutter den Lieblingssohn zu ersetzen, verbeißt Ryoko sich in die Suche nach der Wahrheit: Was hat Hiroyuki in den Tod getrieben? Warum hat er über so viele Dinge nie mit ihr gesprochen? Und was bedeutet die seltsame Liste, die er hinterlassen hat? Irgendwann glaubt Ryoko, in seinen Worten bestimmte Orte und Ereignisse wiederzuerkennen und reist in ihrer Obsession nach Prag, wo Hiroyuki als Schüler den letzten Mathematikwettbewerb seines Lebens einfach abgebrochen hat.

„Der Duft von Eis“ ist ein emotionaler, zarter Roman über Trauer und Verlust und die Unmöglichkeit, in schrecklichen Geschehnissen einen Sinn zu entdecken. Nach und nach verlässt die Handlung den Bereich des Wirklichen und geht in magischen Realismus über. Ob Ryoko all das tatsächlich erlebt oder ob sie es sich in ihrer Trauer nur einbildet, bleibt offen.

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Veröffentlicht am 15.08.2022

Von der Spanischen Grippe bis zur Corona-Pandemie

Violeta
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Violeta del Valle wird 1920 als jüngste Schwester von 5 Brüdern geboren. Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges sind noch zu spüren, als die Spanische Grippe in ihrem Heimatland ausbricht. Ein ganzes ...

Violeta del Valle wird 1920 als jüngste Schwester von 5 Brüdern geboren. Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges sind noch zu spüren, als die Spanische Grippe in ihrem Heimatland ausbricht. Ein ganzes Jahrhundert wird ihr Leben andauern und als Violeta schließlich im Jahr 2020 verstirbt, hat mit dem Coronavirus erneut eine Pandemie die Welt im Griff.

Mit „Violeta“ legt die Bestsellerautorin Isabel Allende einen Roman vor, der nicht nur 100 Jahre im Leben ihrer Protagonistin schildert, sondern damit auch einen wichtigen Teil der Geschichte Chiles miterzählt. (Obwohl der Handlungsort nie klar benannt wird, ist er doch durch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse klar zu erkennen.) Die Geschehnisse werden vollständig aus Violetas Perspektive in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt – und zwar in einem Brief an einen Mann namens Camilo, dessen Identität und seine Verbindung zu Violeta erst nach und nach gelüftet werden.

Jeweils ca. zwanzig Lebensjahre Violetas werden dabei immer zu einem Abschnitt zusammengefasst. Der erste widmet sich ihrer Geburt, dem Aufwachsen und dem Verlust des Elternhauses. Im zweiten Abschnitt geht es um die Liebe, sowohl in Beziehungen, als auch zu den eigenen Kindern, einer Tochter und einem Sohn. Der dritte Abschnitt erzählt von schweren Verlusten, die Violeta erleiden muss, während sich im vierten Abschnitt ihr Leben im hohen Alter noch einmal grundlegend wandelt.Als Hintergrund für diese im Grunde 100 Jahre andauernde Familientragödie dienen historische Ereignisse.

Obwohl mir der Roman grundsätzlich gut gefallen hat, muss ich doch zugeben, mehr erwartet zu haben. Gerade Violeta bleibt einen Großteil ihres Lebens viel zu passiv und lässt ihr Schicksal zu oft von Männern bestimmen. Erst viel zu spät entdeckt sie ihr Interesse für den Feminismus, von dem ich gehofft hatte, er würde eine größere Rolle spielen. Auch die geschichtlichen Ereignisse dienen leider nur als Motor der Handlung oder Spannungsmoment und werden im Prinzip nur von Violetas Sohn kritisch hinterfragt. Hier verschenkt Allende, in meinen Augen, Potenzial – schade!

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Veröffentlicht am 11.08.2022

Über die Wandelbarkeit von Sprache und Menschen

Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss
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Von Antje Rávik Strubel hörte ich, ehrlicherweise, zum ersten Mal, als sie im vergangenen Jahr für „Blaue Frau“ wohlverdient den Deutschen Buchpreis gewann. Mit „Es hört nicht auf, dass man etwas sagen ...

Von Antje Rávik Strubel hörte ich, ehrlicherweise, zum ersten Mal, als sie im vergangenen Jahr für „Blaue Frau“ wohlverdient den Deutschen Buchpreis gewann. Mit „Es hört nicht auf, dass man etwas sagen muss“ liegt jetzt nun die neuste Veröffentlichung der Autorin vor, die auch als Übersetzerin (Virginia Woolf, Joan Didion…) tätig ist. Es handelt sich um eine Sammlung von Essays, die zwischen 2003 und 2021 entstanden sind.

Den Anfang macht Rávik Strubels Rede bei der Verleihung des Buchpreises, in welcher sie die Themen der Sammlung vorgibt und zeigt, was ihr wichtig ist. Es geht um den spielerischen Umgang mit Sprache; Sprache ist wandelbar, so die Autorin, und so sind es auch die Menschen. Daher befasst sie sich in ihren Essays mit einer Vielzahl von Themen: von Pronomen und Gendersternchen, über die ungleiche Bezahlung von Künstlerinnen und Künstlern bis hin zu strukturellem Rassismus und Sexismus – Rávik Strubel legt den Finger in die Wunde unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage, mal ernsthaft, mal mit herrlicher Ironie und Humor. Warum gibt es so viel Kritik am Gendern, aber niemand befasst sich mit dem Verschwinden des herrlichen „ß“? - das kann die Autorin nicht begreifen.

Sie erzählt auch von eigenen Erfahrungen, wie sie beispielsweise in einer Kulturdelegation beim Händeschütteln einfach übergangen wird, weil sie eine Frau ist oder dass Kritiker sich nicht vorstellen können, dass bestimmte Dinge in ihren Romanen tatsächlich geplant sind und einen Sinn haben. Außerdem fragt sie sich, ob eine deutsche Autorin auch immer nur deutsche Texte schreiben muss und was das eigentlich genau bedeutet.

Dann widmet sie sich auch berühmten Paaren: Virginia Woolf (auf die sie immer wieder zurückkommt) und Vita Sackville-West, Astrid Lindgren und Louise Hartung (zugegeben eine eher einseitige Liebe Hartungs zur verschlossenen Kinderbuchautorin), Selma Lagerlöf und Sophie Elkan (später mit Valborg Olander quasi zu einem Liebesdreieck erweitert) und schließlich Penthesilea und Achill. Was machte sie alle aus? Was zog sie aneinander an? Was ließ sie scheitern? Eine bemerkenswerte Sammlung!

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Veröffentlicht am 08.08.2022

Was für ein wichtiges Buch!

Nichtmuttersein
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Ein Blick in die Welt beweist, dass in den letzten Jahren antifeministische Entwicklungen stark zugenommen haben: egal ob Abtreibungsgesetze in den USA oder Polen, der Ausstieg der Türkei aus der Istanbul-Konvention ...

Ein Blick in die Welt beweist, dass in den letzten Jahren antifeministische Entwicklungen stark zugenommen haben: egal ob Abtreibungsgesetze in den USA oder Polen, der Ausstieg der Türkei aus der Istanbul-Konvention oder Gebärprämien unter dem Taliban-Regime – es sind erschreckende Zustände, die an Margaret Atwoods „Report der Magd“ erinnern. Auch in Deutschland gibt es Ansätze, Kinderlose zu „bestrafen“, indem man sie Sonderabgaben zahlen lassen oder ihnen die Rente kürzen will. Dabei zahlt ein kinderloses Paar mit gleichem Einkommen doppelt so viel ein, wie eine vierköpfige Familie.

Vor diesem Hintergrund veröffentlicht Nadine Pungs ihr Buch „Nichtmuttersein“- einen Mix aus persönlichen Einblicken in ihr Leben und Sachinformationen zu Themen wie Verhütung, Abtreibung oder Sterilisation. In der Hauptsache geht es jedoch darum, aufzuzeigen, wie die Gesellschaft mit Frauen ohne Kinderwunsch umgeht. Dabei liefert Pungs auch wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die „biologische Uhr“, die angeblich bei Frauen ab 30 tickt, nur ein Mythos ist, da sich der Hormonspiegel nur beim Eintritt in die Pubertät, einer Schwangerschaft oder in der Menopause ändert. Auch der viel zitierte angeborene „Mutterinstinkt“ existiert nicht.

Eigentlich können Frauen es nur falsch machen. Keine Kinder? Egoistin. Kinder und Karriere? Rabenmutter. Kinder und keine Karriere? Helikoptermutter. Wo sind eigentlich die Männer in dieser Gleichung? Denn es sind Frauen, die in Teilzeit gehen, sobald Kinder da sind (nur 6% der Väter arbeiten in Teilzeit) und sie stellen 83% der Alleinerziehenden. Kinderlose Frauen müssen sich rechtfertigen, dabei sind Überbevölkerung und Klimawandel real. Bei Frauen in der Politik, wie Angela Merkel oder Claudia Roth, wird ihre Kinderlosigkeit stets thematisiert. Niemand fragt hingegen Friedrich Merz, wer sich gerade um die Kinder kümmert.

Dabei wünscht sich Nadine Pungs für alle Frauen nur eines: die Wahl zu haben. Immer wieder lässt sie uns an Stationen auf ihrem eigenen Weg zur Entscheidung für die Kinderlosigkeit (schöner ist hier das englische „childfree“) teilhaben: der Entfremdung von ihrer besten Freundin, als diese Mutter wird, einer Abtreibung oder ihrer Sterilisation. Am meisten hat mich jedoch die Antwort ihrer eigenen Mutter auf die Frage berührt, ob sie traurig sei, weil ihre Tochter keine Kinder wolle. „Ich habe dich, und das reicht mir.“ Was für ein wichtiges Buch!

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