Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.01.2025

Ferien in Frankreich, anders als erhofft.

Drei Wochen im August
0

In Drei Wochen im August entfaltet Nina Bußmann ein vielschichtiges psychologisches Drama, das vor allem durch die subtilen literarischen Mittel und die komplexe Figurenzeichnung überzeugt. Der Roman spielt ...

In Drei Wochen im August entfaltet Nina Bußmann ein vielschichtiges psychologisches Drama, das vor allem durch die subtilen literarischen Mittel und die komplexe Figurenzeichnung überzeugt. Der Roman spielt in einem abgelegenen Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, einem Ort, der von Naturkatastrophen, Konflikten und ungelösten Spannungen durchzogen ist. Doch das eigentliche Drama geschieht im Inneren der Figuren und in den unausgesprochenen Worten zwischen ihnen.
Bußmanns Sprache ist präzise, oft nüchtern, dabei aber voller doppelter Böden. Die narrative Struktur wechselt zwischen den Perspektiven von Elena, der Mutter, und Eve, der Babysitterin. Dieser Perspektivwechsel ist mehr als ein erzählerisches Stilmittel: Er erlaubt es, die Dynamik zwischen den Figuren aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und ihre Wahrnehmungen gegeneinander abzuwägen. Dabei wird deutlich, wie sehr beide Frauen – auf ihre Weise – von Unsicherheiten und unausgesprochenen Bedürfnissen geprägt sind.
Die Kürze und Fragmentierung der Kapitel spiegelt das zerrüttete Innenleben der Figuren und die Atmosphäre der latenten Bedrohung wider. Einige Kapitel sind nur wenige Zeilen lang, wirken wie ein Gedanke, der auf halbem Weg abbricht – ein Stilmittel, das die Unruhe und das Unausgesprochene unterstreicht.
Das Setting ist ein weiterer zentraler Bestandteil des Romans. Die sommerliche Hitze, die sich auf die Figuren legt, die Waldbrände, die sich unaufhaltsam nähern, und das Meer, das gleichermaßen bedrohlich und faszinierend wirkt, schaffen eine bedrückende Atmosphäre. Bußmann nutzt die Natur als Spiegel für die inneren Spannungen der Figuren. Das Meer, das sich erst zurückzieht und dann plötzlich mit Gewalt wiederkommt, könnte kaum passender als Metapher für die unvorhersehbaren emotionalen Strömungen der Figuren gewählt sein.
Ein zentrales Thema des Romans ist die Unfähigkeit zur Kommunikation. Die Figuren leben nebeneinander her wie auf Inseln – isoliert, unfähig, Brücken zu schlagen. Diese Isolation zeigt sich besonders in der Beziehung zwischen Elena und Eve: Während Elena Eve als Vertraute und Hilfe wahrnimmt, erlebt Eve die Beziehung distanzierter und konkurriert heimlich um die Zuneigung von Elenas Kindern. Die Konflikte bleiben meist unausgesprochen, was ihre destruktive Kraft nur verstärkt.
Gleichzeitig dekonstruiert der Roman traditionelle Rollenbilder. Ohne sie explizit zu problematisieren, zeigt Bußmann Figuren, die sich außerhalb heteronormativer Muster bewegen und deren Beziehungen durch eine stille, subversive Kraft geprägt sind.
Ich habe den Roman gerne gelesen, ist aber eventuell nicht für jeden was. Denn einige Passagen wirken etwas überladen, fast als wolle der Text zu viel auf einmal vermitteln. Dies führt gelegentlich dazu, dass der Lesefluss ins Stocken gerät. Zudem bleiben manche Handlungsstränge oder Aussagen der Figuren bewusst offen, was zwar den Reiz des Textes erhöht, aber auch das Gefühl hinterlässt, dass nicht alle Fragen geklärt werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2025

Fataler Ort: Rolltreppe

Munk
0

Die Geschwindigkeit einer Rolltreppe liegt bei 1,8 bis 2,7 km/h und ist somit nicht sonderlich schnell. Noch blöder, wenn einem ausgerechnet hier mit knapp über 50 Jahren in einem Kaufhaus das Herz stehen ...

Die Geschwindigkeit einer Rolltreppe liegt bei 1,8 bis 2,7 km/h und ist somit nicht sonderlich schnell. Noch blöder, wenn einem ausgerechnet hier mit knapp über 50 Jahren in einem Kaufhaus das Herz stehen bleibt. So ergeht es Munk, Peter Munk. Ein erfolgreicher Architekt, der voll im Leben steht.
Die Geschichte ist aus der männlichen Perspektive erzählt. Ein Mann in den besten Jahren (aus seiner Sicht), der sich durch die alltäglichen und nicht ganz so alltäglichen Herausforderungen seines Lebens kämpft. Nun also Herzinfarkt auf der Rolltreppe und vor seinem inneren Auge begegnet er genau den 13 Frauen erneut mit denen er inning verbunden war.
Wie beispielsweise Nicole, die erste Liebe oder Claudia, seine längste Beziehung und so geht es 13 Mal durch sein Liebensleben, immer mit Erkenntnissen, oft zu spät. Herrlich unterhaltsam, gut zu lesen. Hat Spaß gemacht.
Was mich dabei besonders begeistert hat, ist die feine Beobachtungsgabe des Autors: Er nimmt die kleinen, scheinbar banalen Situationen des Lebens und verleiht ihnen eine absurde, fast komische Tiefe, die einen unweigerlich schmunzeln lässt.
Wie viele Texte von Jan Weiler, unterhaltsam, es sollte keine augenöffneten Erkenntnisse erwartet werden. Ein Mann, ein bewegtes Liebesleben und seine Reflektion darüber.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2025

Verliebt wie 16, aber knapp 50, in einen der 30 ist

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
0

Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen ...

Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben. Und was soll ich sagen? Es hat SEHR überzeugt.
Die Geschichte dreht sich um Nina, eine fast 50-jährige, geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder, die nach einer kräftezehrenden Scheidung in einer kleinen Wohnung lebt und einen unterbezahlten Job hat. Mitten in dieses Leben voller Herausforderungen platzt plötzlich David, fast 30, jung, charmant und irgendwie ganz anders. Was folgt, ist eine intensive, mitreißende Liebesgeschichte, die nicht nur Ninas Leben, sondern auch ihre gesamte Familie auf den Kopf stellt.
Die Ich-Perspektive von Nina hat mich sofort in ihre Welt hineingezogen. Es war, als würde ich einer guten Freundin lauschen, die mir ihr Herz ausschüttet – ehrlich, humorvoll und oft unglaublich berührend.
Die Kapitel aus den unterschiedlichen Perspektiven (u. a. ihrer Schwester Lena und ihrer Kinder) geben dem Roman eine Vielschichtigkeit in deren immer Nina aus der Ich-Perspektive erzählt, umrahmt von den anderen Stimmen. Man versteht nicht nur Ninas innere Kämpfe, sondern auch die Spannungen und Missverständnisse, die ihre Beziehungen prägen. Dabei wird die Komplexität von Familie und Liebe mit einem warmherzigen, manchmal scharfzüngigen Blick geschildert.
Nina ist eine starke Hauptfigur gepaart mit ihrer Verletzlichkeit, macht sie das so unglaublich menschlich. Ihre Unsicherheiten in der Beziehung mit einem jüngeren Mann, der Druck der gesellschaftlichen Erwartungen und die Herausforderungen, sich selbst treu zu bleiben, wurden toll erzählt. Gleichzeitig ist es großartig, dass sie den Mut hat, noch einmal ganz neu zu lieben – mit all der Intensität und dem Chaos, das dazugehört. Egal was die Konventionen sagen.
Der Schauplatz in der Filmbranche verleiht der Geschichte zusätzlichen Reiz. Decker, die selbst aus dieser Welt kommt, beschreibt die patriarchalen Strukturen und die oft toxische Dynamik so glaubwürdig, dass ich mich mitten in diesem Spannungsfeld wiedergefunden habe.
Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben ist ein Roman, der sich nicht scheut, große Themen wie Liebe, Verlust, Familienbande und Selbstfindung anzupacken – und das auf eine unverschämt unterhaltsame Weise. Ich habe gelacht und mitgefühlt. Besonders der Mix aus scharfem Humor, emotionaler Tiefe und authentischen Figuren macht das Buch zu einem echten Highlight.
Für mich ist es ein Buch, das zeigt, dass Glück und Liebe keine Altersgrenze kennen – und dass wir uns manchmal trauen müssen, das Leben einfach zu genießen. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.01.2025

Wenn Zwei ins Gespräch kommen

In einem Zug
0

Viele kennen Daniel Glattauer und haben schon sehnsüchtig jahrelang auf den nächsten Roman gewartet. Sein großer Erfolg von 2006 stellte sich aus meiner Betrachtung nicht noch einmal ein und daher sind ...

Viele kennen Daniel Glattauer und haben schon sehnsüchtig jahrelang auf den nächsten Roman gewartet. Sein großer Erfolg von 2006 stellte sich aus meiner Betrachtung nicht noch einmal ein und daher sind doch viele Fans schwer zu überzeugen von neuen Texten. Und stellt euch vor, ich kenne bisher kein einziges seiner Bücher, auch wenn „Gut gegen Nordwind“ schon seit Ewigkeiten auf meinem SUB liegt. Daher ging ich eher unvoreingenommen an diesen Roman heran.
Catrin Meyr, keine junge und auch keine alte Frau, hat ein Talent, Menschen aus ihrer Komfortzone zu locken – ob sie es wollen oder nicht. Auf einer Zugfahrt von Wien nach München begegnet sie Eduard Brünhofer, einem gefeierten Liebesromanautor, der mittlerweile von seiner eigenen Karriere und dem Thema Liebe ziemlich ernüchtert ist. Eduard, lange verheiratet mit seiner Frau Gina, ist auf dem Weg zu einem unangenehmen beruflichen Termin, der ihn noch weniger in Plauderlaune versetzt. Doch Catrin denkt gar nicht daran, sich zurückzuhalten. Mit einer Mischung aus scharfer Neugier und schonungsloser Offenheit stellt sie Eduard neugierige Fragen über Langzeitbeziehungen, Liebe und das Leben – Themen, die für den Autor inzwischen alles andere als einfach sind. Er ist erst mächtig genervt und hofft sie schnell loszuwerden, aber Pech gehabt, sie muss auch nach München! Und nicht nur das – sie drängt ihn in Gespräche, die ihn an Grenzen bringen.
Gut fand ich den Aufbau des Buches: Jede Station der Zugfahrt bildet ein Kapitel, was der Geschichte eine klare Struktur und einen Art cineastischen Verlauf gibt. Diess Gespräch im Zug von Wien nach München ist witzig, tiefgründig und manchmal auch bittersüß. Beide sehr unterschiedlich was das Gespräch interessant macht. Sie eher traurig und pessimistisch, er hingegen clever und warm. So entsteht Spannung und Reibung zwischen den Charakteren.
Leicht geschrieben, plätschert es dann doch an der ein und anderen Stelle so vor sich hin. Aber das passt zu einer Zugfahrt, die kann auch Längen haben.
Insgesamt hat es sich gut gelesen. Der Schluss, ja, debatierbar, aber für mich eine nette Lektüre mit ihren knapp 200 Seiten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2025

Wenig Inhalt für den Preis

Warum ich keinen Alkohol mehr trinke
0

Ein Bestseller-Schreiber ist immer eine sichere Bank auch beim kommenden Buch eine hohe Auflage abzusetzen. So auch Bas Kast, wenn er über Ernährung, Wohlbefinden und ähnliches schreibt. Nun folgt frisch ...

Ein Bestseller-Schreiber ist immer eine sichere Bank auch beim kommenden Buch eine hohe Auflage abzusetzen. So auch Bas Kast, wenn er über Ernährung, Wohlbefinden und ähnliches schreibt. Nun folgt frisch “Warum ich keinen Alkohol mehr trinke?” Gereizt hat mich das Buch, da ich mir Einsichten in aktuelle Studien erhofft habe und das in verdaulichen Happen und entsprechender Tiefe. So wie es der Subtitel auch angibt.
Es ist ein Trendthema und das zurecht. Wir alle wissen es und fröhnen dann doch immer wieder dem gesellschaftlich akzeptierten Alkoholkonsum (zumindest bei uns in Europa fester traditioneller Bestandteil des Alltags). Leider hat diese kurze Lektüre (etwas mehr als 100 Seiten) mir keine besonderen Erkenntnisse gebracht, außer das Frauen in der Tat ein erhöhtes Brustkrebsrisiko eingehen.
Das Alkohol eine Droge ist und bei weitem nicht ungefährlich ist ja nix Neues. Positiv ist, dass der Autor nicht mit erhobenem Zeigefinger auf diesen Umstand aufmerksam macht, sondern von seinem eigenen Alkoholkonsum ausgeht und sensibilisieren möchte. Befremdlich fand ich die so oft gesetzten Referenzen auf sein kommendes Buch an dem er arbeitet und seine YouTube Videos. Dazu noch als Hardcover für EUR 20, für diesen kurzen Sachtext, schwierig. Warum ist es nicht gleich als Taschenbuch erschienen? Die Antwort kann ich mir denken.
Fazit: Ein Denkanstoß- kurzweilig und eventuell für eine noch gänzlich unaufgeklärte Leserschaft, die weniger Tiefe und Text bevorzugen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere