Warum ragt dieses Buch so heraus – und bleibt trotzdem so tief verwurzelt?
Die RiesinnenDieses Buch erfährt gerade einen enormen Hype – und ausnahmsweise kann ich sagen: völlig zu Recht. Die Riesinnen ist nicht nur gut, es ist großartig. Still großartig. Eindringlich großartig. Und vor allem: ...
Dieses Buch erfährt gerade einen enormen Hype – und ausnahmsweise kann ich sagen: völlig zu Recht. Die Riesinnen ist nicht nur gut, es ist großartig. Still großartig. Eindringlich großartig. Und vor allem: nachhaltig.
Im Zentrum stehen drei Frauen aus drei Generationen – Liese, Cora und Eva. Drei Leben, die unterschiedlicher kaum verlaufen könnten und doch untrennbar miteinander verbunden sind. Liese, die sich in einer rauen Nachkriegswelt behaupten muss, festhält, durchhält, weitermacht – auch dann, wenn das Leben wenig Raum für eigene Wünsche lässt. Cora, die sich gegen diese Enge auflehnt, hinaus will, alles hinter sich lässt, um dann zu erkennen, dass Flucht nicht automatisch Freiheit bedeutet. Und schließlich Eva, die zwischen diesen beiden Polen aufwächst – zwischen dem Drang hinaus und dem Sog zurück.
Wittenmoos, dieses kleine Schwarzwalddorf, ist dabei weit mehr als nur ein Schauplatz. Es ist Kraftfeld und Käfig zugleich. Ein Ort, der hält und gleichzeitig einengt. Hier kennt jeder jeden, hier wird beobachtet, geredet, bewertet – und doch ist genau hier auch diese tiefe, kaum erklärbare Verbundenheit spürbar. Besonders der Wald zieht sich wie ein lebendiger Organismus durch den Roman: schützend, fordernd, manchmal fast unerbittlich. Für alle drei Frauen wird er zu einem Gegenpol zur sozialen Enge – ein Raum, in dem sie atmen können.
Was mich besonders berührt hat: Dieses Buch braucht keine großen dramatischen Wendungen, um zu wirken. Es erzählt vom Leben selbst – von Entscheidungen, die nicht laut getroffen werden, von Wegen, die sich erst im Rückblick als die richtigen erweisen. Wenn man am Ende zurückblickt, merkt man, wie viel eigentlich passiert ist. Ganz leise. Ganz konsequent.
Und dann dieser Schreibstil. Hannah Häffner schreibt mit einer Präzision, die fast weh tut – weil sie so genau ist. Ihre Sprache ist dicht, poetisch, manchmal dunkel, dann wieder überraschend zart. Sätze, die nicht einfach gelesen, sondern gespürt werden wollen.
Dabei gelingt ihr etwas sehr Besonderes: Sie verbindet eine fast entschleunigte Erzählweise mit einer enormen Sogkraft. Es passiert scheinbar wenig – und gleichzeitig will man immer weiterlesen. Weil jede Figur Tiefe hat, weil jede Beziehung Nuancen trägt, weil zwischen den Zeilen oft mehr liegt als im Offensichtlichen.
Auch die Entwicklung über die Generationen hinweg ist fein gezeichnet. Während Liese noch stark gegen äußere Umstände ankämpfen muss, geht es bei Cora um Abgrenzung und Aufbruch. Und Eva? Sie darf bereits wählen. Ihr Weg wirkt freier, bewusster – und zeigt, dass Veränderung oft leise beginnt, aber über Generationen hinweg wirkt.
Und ja, es gibt Momente, die fast zu rund erscheinen, fast zu schön. Aber selbst das fügt sich in dieses Gesamtbild ein: als leiser Hoffnungsschimmer, nicht als Kitsch.
Für mich ist Die Riesinnen ein Roman über Frauen, die sich nicht laut emanzipieren müssen, weil sie es längst tun – auf ihre eigene, oft stille Weise. Über Herkunft, die prägt, aber nicht festschreibt. Über Heimat, die gleichzeitig Last und Halt sein kann.
Und vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Buches: Es erzählt nichts Spektakuläres – und trifft dabei mitten ins Herz.