Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.06.2024

Es menschelt zu Pandemiezeiten

Am Meer
0

Wer schon Romane von Elizabeth Strout gelesen hat, weiß worauf sich einzulassen ist, wenn Lucy Barton wieder auftaucht und das im Kontext der Coronapandemie. Zunächst war ich wenig begeistert, dass mir ...

Wer schon Romane von Elizabeth Strout gelesen hat, weiß worauf sich einzulassen ist, wenn Lucy Barton wieder auftaucht und das im Kontext der Coronapandemie. Zunächst war ich wenig begeistert, dass mir dieses unliebsame Thema wieder begegnete, aber Elizabeth Strout hat wie eh und je mit ihren bekannten Figuren ein gesellschaftliches Panorama einer abgeschlossenen Periode geschrieben. Fast aufarbeitend. Zu Recht lesenswert, zeigt sie uns doch wie die Pandemie Menschen zugleich zueinander und auseinander getrieben hat.
Es beginnt mit dem Auftakt der Pandemie, die Schriftstellerin Lucy Barton wird von ihrem Ex-Mann William angerufen, mit dem sie zwei bereits erwachsene Töchter haben. Er als Naturwissenschaftler ahnt was alle auf die globale Menschheit zukommt und er bittet Lucy mit ihm nach Maine zu fahren und dort in ein Haus an der Küste zu flüchten. Der Lockdown hat alles verändert, nicht Tage, nicht Wochen sind sie dort im Haus, sondern Monate. Nicht sonderlich gemocht von den lokalen Menschen, ein Mikrokosmos wird hier beleuchtet.
Der Roman wird aus Lucys Perspektive erzählt. Alles wird durchlebt, ihre Panikattacken, ihre Liebe zu ihren Töchter, die Sorge um das Leben im kleinen und im Großen. Spannend ist der Bogen des Mikrokosmos des eigenen Lebens im Lockdown der gut kombiniert ist mit den politischen Geschehnissen in dem Trump Aufwind bekam. Durch alltägliche Begegnungen und Beobachtungen versucht Elizabeth Strout Erklärungen zu finden für gesellschaftliche Strukturen und hinterfragt gekonnt im Roman.
Im Original in den USA bereits 2022 erschienen und nun von Sabine Roth für uns in Deutsche übersetzt.
Fazit: Auch hier wieder bringt Elizabeth Strout ein breites Spektrum zu Papier.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.06.2024

Verklebt im eigenen Lebenstraum

Das leise Platzen unserer Träume
0

„Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche.“ (S. 56)

Das Themenfeld Städter ziehen aufs Land, fühlen sich dort als Eindringlinge, als Außenseiter oder ebne irgendwie fehlplaziert, haben wir nun schon ...

„Vorwürfe sind schlecht formulierte Wünsche.“ (S. 56)

Das Themenfeld Städter ziehen aufs Land, fühlen sich dort als Eindringlinge, als Außenseiter oder ebne irgendwie fehlplaziert, haben wir nun schon so einige Male erlesen.
Hier nun das Ehepaar aus Hamburg, dass in „Das Platzen unserer Träume“ aufs Land zieht. Vorher gleichberechtig voll im Stadtleben aufgehend. Jule mit einer eigenen Eisdiele, die voll im Trend lag und ihr Mann David mit Bürojob. Dann das Traumhaus im Dorf außerhalb gefunden, mit Jules Gewinn aus dem Verkauf der Eisdiele finanziert. Nun hockt sie da auf dem Land, der Nachwuchs stellte sich nicht ein und das Platzen der Träume hat schon lange begonnen. Traurige Wahrheit ist, dass David schon seit einer Weile eine Affäre mit Hellen hat in der Stadt. Hellen, alleinerziehend nach einer Scheidung, nun Influencerin und immer knapp bei Kasse, aber unabhängig und im reinen mit sich. Trotz Affäre mit einem verheirateten Mann!
Eva Lohmann hat auch diesem doch recht schlichten Szenario eine mächtig starke Geschichte geschaffen, denn sie hat die Erzählperspektiven raffiniert gewählt! Die schreibt abwechselnd aus der Perspektive von Jule und Hellen! Das macht den Roman einzigartig, mächtig lesenswert und spannend in der Herangehensweise. Die Betrogene und die Betrügerin stehen im Mittelpunkt und der Ehemann bleibt zu Recht eine blase Randfigur. Es geht nicht um ihn. Es geht um das Lebensmodell der Frauen, mit Kindern, ohne Kinder im eigen gewählten Umfeld.
Nicht nur die Demontage vom Landidyll ist hier hinreißend beschrieben, auch wird diese Affäre schattiert skizziert. Nichts ist Schwarzweiß und alles hat seinen Grund.

Ich hoffe nun stark, dass Eva Lohmann weiter schreibt. Eine begnadete Schriftstellerin. Bitte mehr aus ihrer Feder!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.06.2024

Enola als Coimic!

Enola Holmes (Comic). Band 1
0

Serena Blasco hat 2015 den ersten von acht Bänden ihrer Enola Holmes Reihe publiziert und hat damit eine wunderbare Figur erschaffen. Befeuert von der auf ihren Romanen basierten Netflix-Serie, die 2020 ...

Serena Blasco hat 2015 den ersten von acht Bänden ihrer Enola Holmes Reihe publiziert und hat damit eine wunderbare Figur erschaffen. Befeuert von der auf ihren Romanen basierten Netflix-Serie, die 2020 begann (ich kenne sie noch nicht), ging der Erfolg weiter und die Bekanntheit stieg. Nun gibt es auch eine Comicversion der Geschichten, die super gut illustriert und adaptiert wurde von Nancy Springer. Die deutsche Version ist im Splitter Verlag erschienen und umfasst mittlerweile auch 8 Bände.
Da jeder Band sehr schmal ist mit 64 DIN A4 Seiten, ist die Lesefreude kurzweilig und mir gefallen die Zeichnungen super gut. Die Geschichte(n) sind natürlich auf das wesentliche kondensiert, aber wunderbar illustriert und in Szene gesetzt. Eine kurze Lesefreude mit Sherlock Holmes Schwester!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.06.2024

Zu gut erzogen zum Schreien

Gentleman über Bord
0

Erinnert ihr Euch? Im vergangenen Jahr erlebte dieses schmale in Leinen gebundene Buch einen neuen großen Auftritt. Da war ich natürlich neugierig. Der Roman ist bereits 1937 in New York erschiene, nun ...

Erinnert ihr Euch? Im vergangenen Jahr erlebte dieses schmale in Leinen gebundene Buch einen neuen großen Auftritt. Da war ich natürlich neugierig. Der Roman ist bereits 1937 in New York erschiene, nun übersetzt von Klaus Bonn und mit einem Nachwort von Jochen Schimmang versehen besonders edel im Schuber erschienen.
Auf knappen 150 Seiten in 10 Kapiteln erleben wir ein Drama, dass einem Versehen geschuldet ist. Denn auf einem Frachtschiff, dass auch einige wenige Passagiere an Board hat, geht der erfolgreiche New Yorker Börsenhändler Henry Preston Standish über Board. Ohne Absicht, ein dummer Fehler, wie so vieles tragische sich aus Missgeschicken entspinnt.
Was die Tragödie umso bedrückender macht, ist die Tatsache, dass seine Abwesenheit auf dem Schiff selbst sehr lange unentdeckt bleibt. Der Roman wechselt zwischen der Perspektive Standishs im Wasser und den Personen an Board.
Herbert Clyde Lewis, selbst eine zutiefst tragische Person, hat sich hier in Kürze en Detail damit beschäftigt was einem durch den Kopf geht, wenn man im Wasser landet und dazu noch ein Gentleman für den es unschicklich ist, sich laut zu äußern und so zunächst nicht nach Hilfe schreit. Auch sind die anderen Passagiere nebst Personal des Schiffes grandios gezeichnet.
Den ein und anderen Absatz haben ich quergelesen, weil dem im Wasser treibende Mann seine ganze Trostlosigkeit bewusst wird und etwas lamentiert. Extrem real, denn die Zeit dehnt sich dann sicherlich aus wie Kaugummi. Meine Geduld war dann strapaziert. Aber trotz dieses Aspektes eine gelungene Geschichte!
Fazit: Wer bald auf einem Dampfer, Kreuzfahrtschiff oder einfach nur am Ufer eines Meeres sitzt, dem kann ich diese Lektüre „Gentleman über Board“ ans Herz legen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.06.2024

Kunst – facettenreich beleuchtet

Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
0

Dieser Roman ist dicht gepackt und erfreut alle Leser:innen, die Kunst als Teil ihres Lebens begreifen in jeglicher Form. Sei es gute Literatur, bilde Kunst, Film oder anderes.
Dana Grigorcea hat in „Das ...

Dieser Roman ist dicht gepackt und erfreut alle Leser:innen, die Kunst als Teil ihres Lebens begreifen in jeglicher Form. Sei es gute Literatur, bilde Kunst, Film oder anderes.
Dana Grigorcea hat in „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“ zwei Zeit- und Erzählstränge vorangetrieben auf – wie ich finde – wenigen Seiten (224 Seiten). Zwischen den beiden Ebenen springt sie nonchalant hin und her wie es ihr beliebt, wir Leser:innen können ohne weiteres folgen, den die Verknüpfung passiert über vereinende Sujets die uns den Lesefluss ermöglichen. Sehr gekonnt geschrieben!
Der Kern des Roman ist die Kunst und ihre Abgrenzung von ästhetischem Alltagsgegenstand zum ikonischen Werk, auch die Arbeit von männlichen zu weiblichen Kunstschaffenden sowie die mit der künstlerischen Freiheit einhergehenden Geldsorge.
Was sich komplex anhört, schreibt die rumänisch-schweizerische Dana Grigorcea mit viel Humor und pointierten Situationen und bringt gar historisch bekannte Gegenebenheiten ein. Denn sie nutzt für die vergangene Zeitebene der 20er Jahre in New York einen bekannten Fall in dem ein Bildhauer sein Werk im Hafen verzollen sollte, da es sich aus Sicht der Behörde nicht um ein Kunstwerk sondern um reines Messing handelte.
Und da wären wir schon mittendrin in dem einen Strang, in dem sich der Bildhauer Constantin Avis 1926 nach New York aufmacht um seine Skulptur „Der Flug eines Vogels“ zu seinem neuen Besitzer zu bringen. Hier erlebt er die erblühende neue Zeit und muss sich mit einer Anfrage auseinandersetzen, ob er für die eigene gute Werbung eine Skulptur für einen Film anfertigt. Auftrag statt Überzeugung. Eine interessante Verwebung der damals aufkommenden Filmbranche und des Künstlers.
Und genau diese fiktive Geschichte schreibt Dora in der Gegenwart. Die wiederum ist mit ihrem Sohn und dem Kindermädchen in Ligurien sitzt und diesen Roman versucht zu Papier zu bringen, denn nur das Schreiben erwirtschaftet ihre Existenz. Den Aufenthalt ermöglicht ein Stipendium. Sie versucht sich nicht von ihrem Liebhaber ablenken zu lassen und zugleich ihrer Mutterrolle gerecht zu werden. Wieder ein neuer Blickwinkel auf den Themenkomplex der schaffenden Künstler:inne.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, ist es doch sehr unterhaltsam und zugleich birgt der Roman eine Komplexität, die überrascht. Zudem mächtig gekonnt geschrieben!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere