Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.07.2022

Durchschaut!

Freizeit
0

Im Mittelpunkt dieses Romans steht die junge Franziska. Sie hat ein Leben, dass von außen gesehen der allgemeinen Zuschreibung: „Perfekt“ entspricht. Sie hat ein tolles Studium abgeschlossen und sogar ...

Im Mittelpunkt dieses Romans steht die junge Franziska. Sie hat ein Leben, dass von außen gesehen der allgemeinen Zuschreibung: „Perfekt“ entspricht. Sie hat ein tolles Studium abgeschlossen und sogar in Paris studiert, sie hat nun einen guten Job, treibt Sport, hält sich gesund, hatte eine Beziehung, die aber erwachsen gelöst wurde… und so weiter. Von außen alles gut. Aber wie sieht es innen drin aus in Franziska? Sie beginnt ein Roman zu schreiben und beobachtet dafür ihr Umfeld und Freunde. Das erleben wir mit und begleiten sie durch ihren Gedankenwust. Ich empfand es als eine interessante Art der Reflektion!
„Wie alle glücklichen Momente war auch dieser vorbei, sobald er wahrgenommen wurde“. (S. 91)
Dieses Buch ist aus meiner Sicht ein guter Spiegel unserer Zeit, ein Portrait einer Generation die auf Leistung getrimmt ist und durch das Getrieben sein kaum Zeit findet um zu reflektieren und realisiert, dass das nicht das Ende vom Lied sein kann. Auch der Schreibstil spiegelt dies aus meiner Sicht treffend, auch hier fließt ein, dass man sich nicht näherkommt und die Tiefe fehlt in so mancher Dimension.
Carla Kaspari ist bissig, schonungslos und ja, auch witzig, aber hat einen ganz eigenen Humor. Mir hat es Spaß gemacht zu lesen. Klar, es ist sicher ein Buch das polarisiert. Vor allem, weil das Cover eventuell auf eine leichte Sommerlektüre hoffen lässt und dann kommt überraschend guter Inhalt hervor in Form einer besonders gelungenen Milieustudie. Aus meiner Sicht eine gute Wendung, andere mögen enttäuscht sein. Ich hoffe daher inständig, dass das Buch seine Leserschaft finden wird!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.07.2022

Großartige Kolumnen & Essay Sammlung

Ich denk, ich denk zu viel
0

Nina Kunz hat sich in mein Herz geschrieben. So ehrlich und schlau ist diese junge Dame wie sie ihre Gedanken zu Papier bringt. Mich hat diese Kolumnen & Essay Sammlung sehr überzeugt. Die Texte sind in ...

Nina Kunz hat sich in mein Herz geschrieben. So ehrlich und schlau ist diese junge Dame wie sie ihre Gedanken zu Papier bringt. Mich hat diese Kolumnen & Essay Sammlung sehr überzeugt. Die Texte sind in drei große Kategorien eingeteilt: Sinnkrisen, Selbstzweifel und Sehnsüchte. Wenn spricht DAS bitte nicht an?! Klar, die Texte stammen aus der Feder einer jungen Schweizerin, die sich um anderes sorgt als ich, aber trotz allem konnte ich viel mitnehmen. Es ist auch tiefgründig genug um den ganzen etwas abzugewinnen.
Mir hat es vor allem die extrem gute Zusammenfassung der feministischen Sichtweisen angetan, die im Buch mit dem Titel ‚Seitentriebe‘ abgedruckt sind. Hier fasst sie die 10, aus ihrer Sicht, wichtigsten feministischen Werke der letzten Zeit zusammen und zieht ein eigenes Lektürefazit. Außerdem fand ich einen Text über das Lesen der ‚Chhhht‘ heißt gelungen und ein Text über den Herbst der mir aus der Seele sprach.
Da Nina Kunz auch äußerst belesen ist, lässt sie auch dann und wann nicht nur Camus und Nietsche einfließen. Ich hab auch gerne Neues gelernt über Donut-Ökonomie und den Bias Blind Spot und vieles mehr. Es macht Lust sich mehr mit weiteren Themen zu beschäftigen.
‚Ich denke, ich denke zu viel‘ – tolle Sprache, guter Inhalt. Wer gerne mal Nina Kunz für sich denken lassen will, sollte diese knapp 180 Seiten lesen. Das tolle ist auch, da die Kolumnen und Essays nicht ineinander übergehen, kann man immer mal wieder zum Buch greifen auch zwischen anderen Lektüren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.07.2022

Kinder Roadtrip, nicht ohne, aber mal was anderes

Sommer mit Krähe
0

Also, wer mal ein Kinderbuch sucht, dass sich so in keine Schublade pressen lässt, leicht abgefahren ist und skurril, dann greift zu: ‚Sommer mit Krähe‘ von Frida Nillson aus dem Gerstenberg Verlag.
Es ...

Also, wer mal ein Kinderbuch sucht, dass sich so in keine Schublade pressen lässt, leicht abgefahren ist und skurril, dann greift zu: ‚Sommer mit Krähe‘ von Frida Nillson aus dem Gerstenberg Verlag.
Es geht hier um ein Kind, Ebba (spannend ist, dass nie thematisiert wird ob sie ein Mädchen ist oder nicht, sehr neutral gehalten) die sich in Schweden mit ihrer Krähe namens Krähe aufmacht deren Eltern zu suchen. Das Einzige was sie haben ist ein Foto von der schwedisch-norwegischen Grenze mit Krähe und seinen Eltern darauf.
Die Beiden erleben einen echt spannenden Roadtrip der mit LKW-Trappen beginnt, es folgt unter anderem eine Draisine mit Franzose, dann ein Floß und ein Band-Tourbus. Innerhalb dieser Reise müssen Schlafplätze gesucht werden, hungrig sind sie auch so einige Male und sie müssen sich mit so allerlei Menschen auseinandersetzen. Aber Ebbas Eltern sind kein Thema, erscheinen nie im Buch. Nie sind die beiden ängstlich und blicken immer mit einem sehr wohlwollenden, fast naiven Blick auf die Gegebenheiten und begehen dabei jede Menge Straftaten.
Da hier vieles passiert, dass in der echten Welt ganz und gar nicht möglich ist bzw. viel zu gefährlich wäre, macht es einerseits natürlich spannend und aus meiner Sicht zu dem was Literatur leisten kann: die Grenzen sprengen und sich anders in die Welt eindenken. Andererseits verharmlost es natürlich Dinge, die ein Kind niemals alleine tun sollte: Trampen, Klauen, Einbrechen, alleine draußen schlafen usw… Daher ist mein Resümee, dass dieses Buch sich besonders zum Vorlesen in der 3.-4. Klasse eignet. Am besten im Urlaub, wenn man ohnehin gemeinsam auf Reisen ist und das gelesene noch gemeinsam reflektieren kann. Ich kann nur von meinen Kindern ausgehen, die finden es gut, aber würden den „Quatsch“ wie sie es nennen, nicht nachmachen.
Letztendlich steht die innige Freundschaft zwischen Ebba und der kauzigen Krähe im Vordergrund und thematisiert besonders schön, dass man Andere die man liebt, ziehen lassen muss um ihr eigenes Lebensglück zu finden. Und DAS macht es für mich so gut.
Frida Nilsson hat schon einige Preise abgeräumt und ist in Schweden einer DER Kinderbuchautorinnen. Das Buch wurde sehr gut von Friederike Buchinger übersetzt. Was mir persönlich fehlte und gut auf das Vorsatzpapier gedruckt werden könnte ist die Route durch Schweden, die dieser Roadtrip nimmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.06.2022

Wie kommen wir noch klar mit unserer Welt mit ihren vielen Krisen?

Wie wir die Welt sehen
0

Ronja von Wurmb-Seibel hat im Frühjahr 2020 als ganz persönliche Bewältigungsstrategie im ersten Lockdown zu Covid begonnen diese Texte zu schreiben. Zunächst für sich, für einen engen Kreis, nach und ...

Ronja von Wurmb-Seibel hat im Frühjahr 2020 als ganz persönliche Bewältigungsstrategie im ersten Lockdown zu Covid begonnen diese Texte zu schreiben. Zunächst für sich, für einen engen Kreis, nach und nach entwickelte sich die Idee das ganze in ein Buch zu gießen. Fertig wurde es dann in einer anderen Krise als die Taliban in Afghanistan die Macht übernahmen.
Dieses Buch ist eine Ansicht darauf, dass Nachrichten uns permanent negativem ohne Lösungsansatz aussetzen. Es beschreibt wie der Titel verrät: „Wie wir die Welt sehen“ – erklärt uns Leser:innen wie beispielsweise „danger of a single story“ auf uns einwirkt und wie die Medien von Hause aus getrimmt sind Nachrichten zu präsentieren. Sie möchte nicht, dass Menschen wegschauen, eher ins Tun kommen um der Hilf-und Machtlosigkeit etwas entgegenzusetzen.
Ronja von Wurmb-Seibel plädiert für einen konstruktiven Journalismus. Wir sollen nicht die Augen verschließen, nein, ganz im Gegenteil unabhängiger Journalismus bringt uns die Welt näher und soll uns die vielen Krisen dieser Erde deutlich machen: Kriege, Rassismus, Ungleichheit, Klimakatastrophe und und und ABER eben auch mit Lösungen, andere Perspektiven aufmachen.
Sie bringt das mit der prägnanten Formel: „Scheiße+x“ auf den Punkt. Krise erörtern und einen Hoffnungsschimmer, einen neue Denkansatz oder was auch immer positives es zum Thema gibt mit liefern. Das über den Tellerrand schauen, best practise Beispiele aus anderen Ländern, Städten, Orten der Welt einfließen lassen. Eben konstruktiv.
Das alles hat sie in dieses leicht lesbare, bereichernde Buch gepackt. Nach der Lektüre schaute ich anders Nachrichten, versuchte Quellen zu erschließen, die diesen konstruktiven Journalismus leben. Mir hat es eine interessante neue Perspektive gegeben. Vor allem spannend, weil sie selbst in Afghanistan lebte und Journalistin ist und somit genau weiß wie der Hase läuft und weiß wo man Ansätzen muss um aus der Negativspirale raus zu kommen.
Ich freue mich auf diesen konstruktiven Journalismus 2.0!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.06.2022

Wie sabotiert man ein Wochenendhaus?

Wir alle sind Widerlinge
0

Da Spanien dieses Jahr 2022 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, widme ich mich nun verstärkt diesem literarisch starken Land. Ein Roman ist darunter ‚Wir alle sind Widerlinge‘ von Santiago Lorenzo, ...

Da Spanien dieses Jahr 2022 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, widme ich mich nun verstärkt diesem literarisch starken Land. Ein Roman ist darunter ‚Wir alle sind Widerlinge‘ von Santiago Lorenzo, der sich in Spanien schon über 250.000 verkauft hat. Das macht neugierig.
Santiago Lorenzo ist geborener Baske und lebte sehr lange in Madrid als Filmemacher. Seit geraumer Zeit lebt er in einem kleinen Dorf und widmet sich dem Schreiben.
‚Wir alle sind Widerlinge‘ ist bereits sein vierter Roman. Wir begeben uns in das Jahr 2015, Madrid. Die Lage für junge Menschen im Land ist desolat, wenn es um ihren beruflichen Werdegang geht. Absolventen bekommen keine Jobs und hangeln sich durch. So auch Manuel. Er gerät mit einem Polizisten aneinander, weil er für einen aggressiven Demonstranten gehalten wird und entflieht der Szene, da er glaubt dem Polizisten großen Schaden zugefügt zu haben. Er flüchten in eines der „Geisterdörfer“ nördlich von Madrid, versteckt sich und bekommt nur durch seinen Onkel Lebensmittel und einen Job am Telefon.
Dieser Onkel ist eine zentrale Figur, denn er ist der allwissende Erzähler hier in diesem Roman. Es passt nicht so recht was er alles weiß über Manuel, da er nur telefonisch Kontakt hat, aber die Perspektive wie sie erzählt ist, hat Charme.
Nachdem nun Manuel sich ein neues Leben eingerichtet hat, wird seine friedliche Ruhe von Wochenendhaus Tyrannen aus Madrid regelmäßig gestört und es macht ihn rasend. Mit viel Fantasie und unerhörten Mitteln macht er sich an dem Haus in ihrer Abwesenheit zu schaffen. Eine Sabotage folgt der Nächsten und wir Leser:innen wohnen dem amüsanten Spektakel bei.
Auch hier, wie bei der Erzählperspektive, könnte man die Absurdität und die surrealen Gegebenheiten monieren, aber als Leserin habe ich mich entschieden es als künstlerisches Element und Freiheit des Denkens zu nehmen. Wenn nicht in der Literatur – wo dann?
Sprachlich ist der Roman nicht immer ganz einfach und eben auch hier waltet große Kreativität, denn Santiago Lorenzo reibt sich an Sprache und erfindet auch gerne mal Wörter neu. Das hat natürlich die Übersetzung vor besondere Herausforderungen gestellt und wurde meisterlich von Daniel Müller und Karolin Viseneber übersetzt.
Fazit: Die Filmrechte sind verkauft, da bin ich gespannt, dass wird ein Spaß! Ich fand es eine erfrischende und witzige Lektüre, auch wenn es manches Mal über das Ziel hinausschießt was Inhalt und Sprache angeht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere