Eine düstere, ambivalente Fantasy mit Stärken und Schwächen
When Shadows Darken the SunIn „When Shadows Darken the Sun“ taucht man in eine Welt ein, in der Licht und Dunkelheit keine einfachen Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Die Protagonisten Cass, Prinzessin des ...
In „When Shadows Darken the Sun“ taucht man in eine Welt ein, in der Licht und Dunkelheit keine einfachen Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Die Protagonisten Cass, Prinzessin des Lichts, und Nox, Prinz der Dunkelheit, werden von ihren grausamen Eltern zu Machtinstrumenten geformt. Doch statt sich ihrem Erbe zu fügen, kämpfen sie gegen ihre eigenen Ängste, gegen ein System, das sie verachten, und gegen eine Liebe, die sie gleichzeitig hassen und brauchen. Die Handlung gipfelt in drei symbolischen Kämpfen, die weniger gegen äußere Feinde als gegen innere Dämonen geführt werden. Am Ende erscheint die Göttin Iris, um ein Urteil zu fällen – doch ihre Entscheidung wirkt weniger göttlich als vielmehr unentschlossen.
Vorerst: Warum der englische Titel? Warum trägt ein deutschsprachiges Buch einer deutschen Autorin einen englischen Titel? Das wirkte sehr befremdlich auf mich, da sonst alles im Buch auf Deutsch umgemünzt ist. Hier hätte ich mir eher einen deutschen Wortspiel mit Sonne/Mond Tag/Nacht gewünscht.
Aber jetzt zum Inhalt:
Die Geschichte besticht durch ihre tiefgründigen Charaktere und moralische Ambivalenz. Cass und Nox sind keine Klischee-Figuren, sondern komplexe Persönlichkeiten, die sich gegen ihre Prägung auflehnen. Besonders überzeugend ist, dass keine Seite rein ist: Die Königin des Lichts ist genauso grausam wie der König der Dunkelheit. Dass Nox am Ende nicht für Rache, sondern für eine bessere Zukunft seines Hofs kämpft, macht ihn zum eigentlichen Helden. Die thematische Tiefe – die Infragestellung klassischer Machtstrukturen und die Schwierigkeit, Gewaltzyklen zu durchbrechen – ist beeindruckend. Die drei Kämpfe sind symbolisch stark, auch wenn der letzte Akt mit der Göttin Iris etwas enttäuschend ausfällt.
Der Sprachstil hinterlässt bei mir leider einen zwiespältigen Eindruck. Unvollständige Sätze wirken mal wie ein Stilmittel, mal wie Nachlässigkeit. Das Wort „schnauben“ wird so oft verwendet, dass es jede Wirkung verliert. Auch wiederholen sich manche Beschreibungen (z. B. Nox’ „in Stein gemeißeltes Gesicht“) wortwörtlich – schade, denn die düstere Atmosphäre hätte mehr poetische Bilder verdient. Das Ende mit der Göttin Iris wirkt unausgereift: Statt Cass’ und Nox’ wahre Motive zu erkennen, lässt sie sich von ihren Fragen umstimmen. Hier hätte ich mir ein mutigeres, weniger kompromisslerisches Urteil gewünscht.
„When Shadows Darken the Sun“ ist eine ambitionierte, thematisch starke Fantasy, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt. Die Charaktere und ihre inneren Konflikte haben mich mehr mitgenommen, als ich dachte – trotz der sprachlichen Macken und des befremdlichen englischen Titels. Der Weg dorthin ist spannend und voller moralischer Grauzonen, doch das Ende wirkt etwas zu einfach.
Trotz aller Kritik habe ich diese Geschichte sehr gerne gelesen. Vielleicht gerade, weil sie keine einfachen Lösungen anbietet – genau wie das Leben. (Und ja, ich werde nie wieder „schnauben“ lesen wollen. Nie.) Und der englische Titel? Unnötig.
An der Stelle auch von mir vielen Dank an das Team von Lesejury, dass ich Teil dieser Leserunde sein durfte !