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Pantoffeltier

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.03.2021

Vom Dagegensein

Kleine Freiheit
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Hans war immer gegen Familie und Bürgerlichkeit. Doch als sich die Kommune, in der er lebt, auflöst, bleibt er mit seinen beiden Töchtern zurück.

Seine Tochter Saskia versucht als Erwachsene die perfekte ...

Hans war immer gegen Familie und Bürgerlichkeit. Doch als sich die Kommune, in der er lebt, auflöst, bleibt er mit seinen beiden Töchtern zurück.

Seine Tochter Saskia versucht als Erwachsene die perfekte bürgerliche Existenz aufzubauen. Ihre Karriere als Richterin hat sie aufgegeben, um sich um ihre Söhne zu kümmern. Der Vater ist ihr furchtbar peinlich. Bei einer Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau von Windrädern rutscht sie unverhofft in eine Rolle als rechtliche Beratung hinein und bald auch in die Konfrontation mit dem Weltbild ihres Vaters.


Abwechselnd wird von Hans uns Saskia erzählt. Die Autorin springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das ist sehr gut gemacht und stört den Lesefluss nicht. Die Szenen sind sehr überlegt gewählt, nur etwas über 200 Seiten braucht die Autorin, um schwierige gesellschaftliche Themen unserer Zeit zu verhandeln. Sowohl Hans, als auch Saskia hadern mit dem Konzept von Familie, gesellschaftlichen Werten, der aktuellen politischen Situation. Die Autorin erzählt davon wie einen das Dagegensein plötzlich an Orte bringt, an denen man nie sein wollte. Über Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit und auch kleine, unverhoffte Momente der Freude. Sehr genau legt die Autorin die Schwächen und Ängste der Figuren auf und hält sich mit moralischem Urteilen zurück. Sie beobachtet nur. Und das sehr gut.

Besonders gut gefallen hat mit die Schreibweise der Autorin. Mühelos schafft sie eine melancholische Atmosphäre, die im Leser noch lange nachhallt. Die Figuren wirken authentisch. Man findet ihre Handlungsweise nicht unbedingt richtig, kann aber Verständnis aufbringen.

Am Ende löst sich für meinen Geschmack alles zu schnell auf, doch das ist nur ein kleiner Wehmutstropfen in einem sehr intensiven, berührenden Leseerlebnis.

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Veröffentlicht am 01.03.2021

poetisch

Der Klang der Wälder
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Der junge Tomura hat während der Schulzeit ein Aha-Erlebnis als er einem Klavierstimmer dabei hilft, in die Sporthalle zu gelangen, damit dieser das Schulklavier stimmen kann. Vom Klang des Klaviers ist ...

Der junge Tomura hat während der Schulzeit ein Aha-Erlebnis als er einem Klavierstimmer dabei hilft, in die Sporthalle zu gelangen, damit dieser das Schulklavier stimmen kann. Vom Klang des Klaviers ist Tomura sofort verzaubert, da es ihn an die Wälder seiner ländlichen Heimat erinnert. Kurz darauf beschließt er selber Klavierstimmer zu werden. Während seiner Ausbildung plagen ihn immer wieder Zweifel, da er sich für ungeeignet hält, doch schließt er die anspruchsvolle Ausbildung trotzdem ab. Danach bekommt Tomura auch gleich eine Anstellung in der Firma des Klavierstimmers Itadori. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten entwickelt Tomura mit der Zeit einen eigenen Klangstil und darf auch bald alleine die Klaviere der Kunden stimmen. Dabei lernt er die Schwestern Kazune und Juni kennen, die beide begnadete Klavierspielerinnen sind. Durch seine Leidenschaft für das Spiel der Schwestern und seine eigenen Fortschritte beim Stimmen verschiedener Klaviere, wird er mit der Zeit unersetzlich für den weiteren Lebensweg der Schwestern.

Natsu Miyashite legt mit „Klang der Wälder“ einen sehr gefühlvollen Roman hin, der durch seine Naturverbundenheit und seine poetische Erzählweise besticht. Gerade der Mikrokosmos, in dem die Handlung spielt ist auf seine besondere Art reich an Eindrücken und Erfahrungen. Für Freunde des entspannten, stilvollen Lesegenusses und Liebhaber klassischer Musik ist dieser Roman sehr zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 14.02.2021

Seuchen gestern und heute

Die Macht der Seuche
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„Die Macht der Seuche“ von Volker Reinhardt ist primär ein Werk über das Wüten der Pest in Europa der Jahre 1347-1353. Es erscheint jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem wir ebenfalls mit einer Seuche zu kämpfen ...

„Die Macht der Seuche“ von Volker Reinhardt ist primär ein Werk über das Wüten der Pest in Europa der Jahre 1347-1353. Es erscheint jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem wir ebenfalls mit einer Seuche zu kämpfen haben und diesen Umstand nutzt Reinhardt um Parallelen zwischen den beiden Ereignissen zu ziehen.
Dabei konzentriert er sich nicht nur auf die nackten Zahlen, die der Forschung über die Pest zugrunde liegen, sondern zeigt auch viele Einzelschicksale und ihren Umgang mit der schwierigen Situation auf. Da es anders als heute zur Corona-Pandemie nur Schätzungen zu den Todeszahlen der Pestepidemie gibt, sind die Schilderungen einzelner Bürger für einen Gesamteindruck umso wichtiger. Aus den Einzelschicksalen stellt Reinhardt ein Gesamtbild her, welches von Angst, Verzweiflung und Wut der Betroffenen zeugt. Interessant hierbei ist, dass die Pest nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner hervorgebracht hat, ähnlich wie es sich heute beobachten lässt. Durch das massenhafte Sterben wurden einerseits lukrative Ämter und Positionen frei, andererseits wurden Ländereien und Güter vererbt. Was zudem alle Schilderungen eint ist die Rat- und Hilflosigkeit aufgrund der plötzlich mit voller Wucht eintreffenden Seuche und ihre Suche nach Erklärungen. Oft wird Gottes Zorn als Grund aufgeführt. Auch versprachen sich viele Chronisten eine Läuterung der Gesellschaft nach der Katastrophe. So bestand die Hoffnung, dass Moral und Tugend mit neuer Stärke hervortreten und Sündhaftigkeit keinen Platz mehr in der Gesellschaft haben würden. Es bleibt abzuwarten, ob dies tatsächlich eintritt.

Reinhardts Quellenanalysen lassen sich durchweg gut und flüssig lesen. Sie sind ansprechend und lebendig. Seine wissenschaftlichen Analysen sind gut verständlich und ebnen auch dem Laien einen Zugang zu der Thematik. So lässt sich abschließend sagen, dass „Die Macht der Seuche“ ein interessantes und wichtiges Werk zur richtigen Zeit ist und uns vor allem vor Augen führt, dass jede Katastrophe auch ein Ende hat.

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Veröffentlicht am 10.02.2021

Nur die Liebe zählt

Ich will kein Hund sein
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Die Ich-Erzählerin leidet stark unter der Trennung von ihrem ehemaligen Freund. Besonders, da er nicht so sehr zu leiden scheint wie sie und ihr Freundeskreis nicht versteht, warum sie so trauert. Da hört ...

Die Ich-Erzählerin leidet stark unter der Trennung von ihrem ehemaligen Freund. Besonders, da er nicht so sehr zu leiden scheint wie sie und ihr Freundeskreis nicht versteht, warum sie so trauert. Da hört sie von einer Agentur, die die Möglichkeit anbietet sich in einen Hund umwandeln zu lassen und dann ohne das Wissen des/der ehemaligen Geliebten mit ihm/ihr zusammengeführt zu werden und fortan zusammen zu leben. Die Frau klammert sich an den Gedanken ihre Zuneigung bald frei von jeglicher menschlicher Scham ausleben zu können und nimmt das Angebot an.


Die Idee ist wirklich gut und die Geschichte durchdenkenswert. Das absurde Szenario wird konsequent durchgezogen und außer diesem kleinen Dreh ins Surreale ist alles andere realistisch. Die Menschen, die sich der Verwandlung unterziehen, riskieren ihre Gesundheit und verkürzen ihr Leben, um dem Menschen den sie lieben immer begleiten zu dürfen, auch wenn der gar nichts von ihrem Opfer weiß. Das, was Gregor Samsa und Bulgakovs Sharik (bzw. Bello in der deutschen Version) noch hilflos erleiden, tun diese verzweifelten Liebenden aus Überzeugung. Hier wird Liebe als Lebenssinn und absolute Treue und Hingabe zum geliebten Menschen auf die Spitze getrieben.
Es scheinen nicht alle Menschen von der Möglichkeit der Verwandlung in einem Hund zu wissen, aber besonders überrascht von der Möglichkeit ist die Protagonistin jedoch nicht. Mir war der Anfang in dem sich die Frau in ihrem Liebeskummer suhlt etwas zu lang. Ja, sie ist völlig fixiert auf ihren Ex und ertrinkt in Liebeskummer, das habe ich als Leserin schnell verstanden. Die Transformation zum Hund, das Lager in dem all die halb verwandelten Hunde ausharren, um zu ihrer geliebten Person zu kommen und schließlich die Hundwerdung und das konsequente Ende (denn da gibt es durchaus noch einen Haken bei der bedingungslosen Liebe) fand ich aber gut gemacht. Sehr schade, dass dieser Verwandlungsteil nicht noch mehr ausgeführt wurde.

Ein recht kurzer Text, gut zu lesen, nur am Anfang etwas mühsam. Die Lektüre lohnt sich.

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Veröffentlicht am 10.02.2021

Erwartungen übertroffen

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Hannah weiß nichts so recht mit ihrem Leben anzufangen. Sie hat sich in eine verhängnisvolle Liebschaft mit ihrem Doktorvater verstrickt und kommt mit ihrer Promotion nicht weiter. Bis ein Brief bei ihrer ...

Hannah weiß nichts so recht mit ihrem Leben anzufangen. Sie hat sich in eine verhängnisvolle Liebschaft mit ihrem Doktorvater verstrickt und kommt mit ihrer Promotion nicht weiter. Bis ein Brief bei ihrer 95-jährigen Großmutter Evelyn ihr Interesse weckt. Es handelt sich um die Mitteilung einer Anwaltskanzlei zwecks einer "Restitutionssache geraubter Kunstschätze". Sehr zum Ärger ihrer Großmutter beginnt Hannah nachzuforschen.

Der Klappentext hat mich eher abgeschreckt. Ich hatte einen typischen Roman mit dem obligatorischen dunklen Familiengeheimnis, ein bisschen Grusel über die Judenverfolgung und vielleicht etwas Kitsch erwartet. Vielleicht hat mich das Buch genau deswegen so begeistert. Denn die Autorin kennt diese Klischees und geht ganz offen und reflektiert mit ihnen um. Hannah begegnet Menschen, die sich auf recht ungesunde Weise mit dem Nationalsozialismus befassen und muss sich selbst fragen, was sie sich eigentlich von einer Restitutionssache erhofft, die Menschen betrifft, die sie selbst nicht kannte.

In einem Handlungsstrang in der Vergangenheit lernen wir Evelyns Mutter Senta kennen, deren jüdischer Schwiegervater eine Kunstgalerie besaß und erfahren die Hintergründe.

Die Geschichte wird sehr flott erzählt, es passiert viel in schneller Folge und besonders die Vergangenheit wird auf prägnante Szenen reduziert. Das hat mir gerade bei dieser Thematik sehr gefallen. Die Autorin verzichtet auf Pathos und sattsam bekannte grausame pathetische Szenen. Stattdessen zeigt sie die kalte Grausamkeit der Bürokratie und die Verzweiflung der jüdischen Familie, die ganz plötzlich auch von Freunden ausgegrenzt und gemieden wird.

Die Charakterisierungen der Personen erfolgen mit messerscharfer Beobachtungsgabe und einigem an schwarzem Humor. Manche Nebenfiguren schrappen haarscharf an der Karikatur vorbei. Trotzdem handeln sie logisch und nachvollziehbar, haben Ecken und Kanten und sind selten nur "gut" oder nur "böse".

Trotz des ernsten Themas liest sich der Roman im Nu weg und ist sehr unterhaltsam. Gerade am Ende wird fast schon zu viel hineingestopft und ich hätte mir ein paar mehr Seiten zum Durchatmen gewünscht.

Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Ein ernstes Thema, humorvoll, unterhaltsam und trotzdem nicht romantisierend verpackt. Sehr lesenswert.

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