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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2023

Lebensumstände als Idealismusbremse

Die Heldin der Geschichte
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Ein nigerianisches Sprichwort besagt, “um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.” Die alleinerziehende Allie hält sich mit ihrer Arbeit als Ghostwriterin gerade so über Wasser, braucht aber ...

Ein nigerianisches Sprichwort besagt, “um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.” Die alleinerziehende Allie hält sich mit ihrer Arbeit als Ghostwriterin gerade so über Wasser, braucht aber häufig Nebenjobs als Aushilfslehrerin oder Gärtnerin. Das “Dorf”, das auf ihren Sohn Cass aufpasst, besteht aus ihrem Lebensgefährten, Allies Eltern und der manchmal zerstreuten Nachbarin.

Allies Kund:innen sind Personen des öffentlichen Lebens, die sich mit Allies Zusammenarbeit ihre Memoiren schreiben lassen. Ihr letzter Auftrag ist geplatzt, und nun hat Allie die Gelegenheit die Biografie einer Frau zu Papier zu bringen, die ihr und zehntausenden anderen Amerikaner:innen ein feministisches und fortschrittliches Vorbild ist. Dumm nur, dass ihre Auftraggeberin viel zu beschäftigt ist, um viel zum eigenen Buch beizusteuern. Zwischen der Erziehung ihres Sohnes Cass und den Nebenjobs versucht Allie eine Biografie zu schreiben, die den Anforderungen des Verlags entspricht und das Möglichste aus den spärlichen Beigaben ihrer Auftraggeberin rausholt. Die Aufgabe gestaltet sich zunehmend schwieriger, als das soziale Gefüge sich nach und nach auflöst und sie keine Betreuung für Cass mehr hat.

Heidi Pitlors “Die Heldin der Geschichte” spielt während einer brisanten Zeit, als Trump für die Präsidentschaft kandidiert und die Wahl für sich entscheidet. Die Lager Amerikas sind geteilt. Als Allie den lukrativen Auftrag bekommt für die berühmte Feministin zu schreiben, glaubt sie eine Verbündete gefunden zu haben, muss jedoch schnell feststellen, dass die Realitäten der beiden Frauen sich stark unterscheiden. Allie hat Überzeugungen, deren Realisierung an ihrer prekären sozialen Lage scheitern. Sie ist unterhalb der gläsernen Decke, ihre privilegierte Auftraggeberin mit ihrem Wohlstand, einer Nanny und Ambitionen jenseits des nächsten Gehaltsschecks darüber.
Wichtige Themen, verpackt in einer Geschichte, die hautnah an der realen Erlebniswelt vieler (amerikanischer) Mütter ist! Und so zeigt sich, dass jede Feministin ihre eigenen Hürden zu überwinden versucht.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn

My Roommate is a Cat 5
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Im 5. Band von “My Roommate is a cat” blickt Subaru in die Zukunft, während Haru sich der Vergangenheit widmet; Subaru bekommt von seinem Lektor die Aufforderung, die Bindung der Charaktere seiner Bücher ...

Im 5. Band von “My Roommate is a cat” blickt Subaru in die Zukunft, während Haru sich der Vergangenheit widmet; Subaru bekommt von seinem Lektor die Aufforderung, die Bindung der Charaktere seiner Bücher etwas mehr herauszuarbeiten – etwas, das dem misanthropischen und zurückgezogenen Autor sehr schwerfällt.
Derweil erfahren wir über Harus Vergangenheit etwas mehr und erfahren, wie sie trotz ihres Misstrauens stets auch Mitgefühl und Sorge für ihre Mitlebewesen behalten konnte. Haru fühlt auch mehr und mehr, dass das Zusammenleben mit Subaru ein sicherer Hafen für sie ist und sie diesem Menschen vertrauen kann. 🐈‍⬛

Ich habe ja schon bei den vorangegangenen Rezensionen geschrieben, wie sehr ich diesen Manga liebe, aber dieser Band war noch einmal etwas Besonderes durch seine Rückblende auf Harus Streunerleben. Da wird einem warm ums Herz!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Freunde gehen durch dick und dünn (oder Ost und West)

Gertrude grenzenlos
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Als Gertrude neu in die Klasse kommt, fällt sie sofort auf. Sie schreibt mit einem Westfüller, trägt Westkleidung und riecht sogar nach Westwaschmittel. Gertrude wird neben Ina gesetzt, und die möchte ...

Als Gertrude neu in die Klasse kommt, fällt sie sofort auf. Sie schreibt mit einem Westfüller, trägt Westkleidung und riecht sogar nach Westwaschmittel. Gertrude wird neben Ina gesetzt, und die möchte sich gerne mit der Neuen anfreunden. Gertrude jedoch ist sehr zurückhaltend. Ist es, weil die Lehrerin sie schlecht behandelt? Tatsächlich öffnet sich Gertrude Ina ein wenig. Sie erfährt, dass Gertrudes Familie einen Ausreiseantrag gestellt hat, denn ihr Vater ist Dichter und darf seine Werke nicht mehr veröffentlichen, weil er den sozialistischen Staat kritisiert und Freiheit für alle gefordert hat. Für die DDR sind sie Staatsfeinde. Ina beginnt durch die tiefe Freundschaft zu Gertrude grundlegende Dinge zu hinterfragen. Als Ina ihrer Mutter erzählt, was für eine tolle neue Freundin sie gefunden hat, verbietet diese ihr auch noch den Umgang. Wie kann eine Freundschaft da bestehen?

Ich möchte von dieser Freundschaftsgeschichte mit Handlungsort in der DDR nicht zu viel verraten, aber dieses Kinderbuch ist einfach umwerfend! Ina ist eine lustige und loyale Protagonistin, es hat solchen Spaß gemacht die Geschichte aus ihrer Perspektive zu lesen! Der Einfallsreichtum, den sie an den Tag legt, um die Freundschaft mit Gertrude möglich zu machen, hat mir das Herz mehr als ein Mal höher schlagen lassen. Absolute Kinderbuchempfehlung meinerseits!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Das weibliche Prinzip

Warum Frauen die Welt retten werden
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„Warum Frauen die Welt retten werden“ erklären Marktforscherin Ines Imdahl und Journalistin Janine Steeger in ihrem gleichnamigen Buch - nämlich mit dem sogenannten weiblichen Prinzip. Frauen fühlen, denken, ...

„Warum Frauen die Welt retten werden“ erklären Marktforscherin Ines Imdahl und Journalistin Janine Steeger in ihrem gleichnamigen Buch - nämlich mit dem sogenannten weiblichen Prinzip. Frauen fühlen, denken, planen und handeln anders als Männer, und diese Andersartigkeit könnte unserer Welt in Sachen Nachhaltigkeit, Fairness und Zufriedenheit weiterbringen.
Beispiel gefällig? - Schottland, Island und Neuseeland machen sich für eine Ökonomie des Wohlergehens stark statt für eine kontinuierliche Steigerung des BIP, d.h. gesteckte Ziele sind Lohngleichstellung, bezahlbarer Wohnraum, Bekämpfung des Klimawandels. Alle drei Länder haben Gesetze zur Realisierung 2018 verabschiedet. Alle drei Länder werden von Frauen geführt.

Das Buch versucht vor allem eins: Eigenschaften, die vorrangig als weiblich gelten und als Schwäche ausgelegt werden, als Stärken zu definieren und Erklärungen zu liefern, warum dies so ist. Beispielsweise kümmern Frauen sich viel. Sie sind überwiegend in Care-Berufen. Frauen, sagt man häufig nach, sind ordnungsliebend, räumen gerne auf und putzen gern. Gleichzeitig sind Frauen nachweislich weniger auf das eigene Ego als auf das Gemeinwohl bedacht. Das weibliche Prinzip sucht nach Zusammenhängen, verbindet alles mit allem. Diese und weitere Beispiele haben das Potential, dass Frauen die Welt neu ordnen können. Denn gerade im Hinblick auf die Klimawende ist es essentiell alte Wege zu verlassen und neue Möglichkeiten, auch für Vereinbarkeit zu finden.
Imdahls und Steegers Buch greift Argumente und Ansätze auf, denen ich in anderen Büchern bereits begegnet bin, trägt aber auch zu neuen Erkenntnissen bei mir bei.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Dialektale Stolpersteine beim Lesen

Jeder geht für sich allein
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Momoko ist alt geworden. Mit 74 lebt sie allein in dem großen Haus, in dem ihre Familie einst lebte. Ihr Mann Shizo schon lange tot, die Kinder längst erwachsen. Sie hat immer die Einsamkeit geschätzt. ...

Momoko ist alt geworden. Mit 74 lebt sie allein in dem großen Haus, in dem ihre Familie einst lebte. Ihr Mann Shizo schon lange tot, die Kinder längst erwachsen. Sie hat immer die Einsamkeit geschätzt. Doch nun, im Alter, wird sie ihr zunehmend zur Last. Oft spricht Momoko mit sich selbst, im Dialekt ihrer provinzialischen Wurzeln. Dabei sinniert sie über ihr vergangenes Leben und setzt sich mit dem Alter auseinander.

Der nur etwa 100 Seiten lange Roman ist etwas zum Nachdenken. Es ist das kurze Porträt einer Frau, die auszog ihre Wurzeln hinter sich zu lassen, um am Ende doch genau dort wieder anzukommen.
Dennoch, muss ich sagen, habe ich mich mit diesen 100 Seiten unheimlich schwer getan. Für die originale Sprachfärbung des Romans, die so weit vom Hochjapanischen entfernt ist, dass jemand aus Tokyo Schwierigkeiten hätte, die Protagonistin zu verstehen, wurde im Deutschen ein vergleichbares Äquivalent gesucht. Die Schwierigkeiten, die ich mit diesem Buch hatte, waren genau darin begründet, und der Dialekt im Deutschen, der für Momokos Heimatsprache gewählt wurde, ist ebenso weit vom Hochdeutschen entfernt. Ich hatte Mühe gewisse Passagen nachzuvollziehen. Sie waren für mich wie unerwünschte Stolpersteine. Wenn es aber nur das gewesen wäre... Jedesmal beim Aufkommen des deutschen Dialekts wurde mein aufgebautes einer japanischen Momoko durch eine bäuerliche Hinterland-Deutsche ersetzt. Dieses „Rausreißen“ aus einem japanischen Roman war es, das für mich das Leseerlebnis ziemlich getrübt hat. An sich ein schöner Text, hatte ich aber doch immer wieder das Gefühl aus Japan nach Deutschland gezogen zu werden – etwas, das ich beim Lesen eine:r japanischen Autor:in eigentlich nicht will.
Die Mühe, die der Cass-Verlag in die Übersetzung dieses Buches gesteckt hat, konnte ich somit leider nicht würdigen.