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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2023

Seoul, Queerness und die Sinnesfragen eines Mittzwanzigers

Love in the Big City
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Young führt ein wildes Studentenleben in der schillernden Stadt von Seoul. Zwischen kurzen Liebschaften, Bars und Uni wandert er ruhelos hin und her. In Jaehee findet er eine Freundin, wie sie jeder haben ...

Young führt ein wildes Studentenleben in der schillernden Stadt von Seoul. Zwischen kurzen Liebschaften, Bars und Uni wandert er ruhelos hin und her. In Jaehee findet er eine Freundin, wie sie jeder haben sollte und bald ziehen die beiden in einer WG zusammen. Mit Jaehee kann er über all die Dinge reden, die ihn so bewegen. Doch auch mit ihr spricht er nicht über seine Mutter, die von seinem queeren Leben keine Ahnung hat und zu der er ein gespaltenes Verhältnis führt.
Für Jaehee kommt der Zeitpunkt, da sie sich niederlassen will. Young ist verwundert über den Sinneswandel hin zu einem bürgerlichen Leben, das die beiden doch immer so spießig fanden. Ohne Jaehee driftet Young durch romantische Uni- und Tinder-Bekanntschaften, die ihm mehr bedeuten als er es üblicherweise zugelassen hätte, und der Herzensbrecher erfährt selbst, was Liebeskummer ist.

Dieses Buch handelt nicht nur von leichter Liebe, sondern davon wie es ist in seinen 20ern ankerlos durch ein Leben zu schwirren, von dem man keine Ahnung hat, wohin es gehen soll. Ein locker wegzulesender Coming-of-Age-Roman mit teils komplexen Themen, einem queeren Protagonisten, seinen Schwierigkeiten als ungeouteter Schwuler in einer nach wie vor konservativen Gesellschaft und der Frage nach den eigenen Lebenswünschen.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Rätsel, Freundschaft und Familie

Das Glashaus-Geheimnis
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Für Rosa und ihre Familie gibt es im neuen Ort erstmal nichts anderes als das Haus und den alten Antikladen ihrer verstorbenen Großtante zu entrümpeln. Es bricht Rosa das Herz, die alten Erinnerungsstücke ...

Für Rosa und ihre Familie gibt es im neuen Ort erstmal nichts anderes als das Haus und den alten Antikladen ihrer verstorbenen Großtante zu entrümpeln. Es bricht Rosa das Herz, die alten Erinnerungsstücke von Adele auszusortieren, denn zu fast jedem gab es eine abenteuerliche Geschichte der reiselustigen Tante. Als sie auf ein Rätsel Adele stößt, gibt es kein Halten mehr: Rosa, Affenmädchen Uma und ihr Freund Sami müssen herausfinden, was Adele am Ende des Rätsels für sie versteckt hat. Angeblich gibt es nämlich ein geheimes Erbe, hinter dem auch die Brüder von Tante Adele her sind...

“Das Glashaus-Geheimnis" hat mich durch sein lebhaftes Cover direkt angezogen. Was für ein abenteuerliches Kinderbuch mit warmen Illustrationen das war! Richtig schön! Ein wenig hat es mich mit seinem Rätselcharakter an “Winterhaus” von Ben Guterson erinnert, aber es hat einen ganz eigenen Charme.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Ein kurzweiliges und schönes Lesevergnügen

Baba Dunjas letzte Liebe
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Baba Dunja lebt in Tschernowo, wenige Kilometer vom berühmten Reaktorunglück Tschernobyl entfernt. Die Dorfgemeinschaft besteht aus eigenwilligen Menschen, die sich selbst versorgen und nur wenig auf die ...

Baba Dunja lebt in Tschernowo, wenige Kilometer vom berühmten Reaktorunglück Tschernobyl entfernt. Die Dorfgemeinschaft besteht aus eigenwilligen Menschen, die sich selbst versorgen und nur wenig auf die Außenwelt angewiesen sind. Darum läuft die Zeit in Tschernowo auch ein wenig anders. Ungeduld kennt man hier nicht. Überhaupt ist in Tschernowo so manches anders, wie der Biologie und die Fernsehteams erklären, die von draußen kommen. Fremde kommen ansonsten selten in das abgeschiedene Dorf. Die einzigen Gelegenheiten, zu denen Baba Dunja in den weit entfernten Nachbarort fährt, ist wenn ihre Vorräte wie Zucker oder Öl ausgehen. Ungern nur verlässt sie Tschernowo, doch die seltenen Tagesreisen geben ihr die Gelegenheit Post von ihrer Tochter zu erhalten, die in Deutschland wohnt und über die Enkelin berichtet, die Baba Dunja noch nie getroffen hat.
Eines Tages kommen Fremde ins Dorf, die das ganze zurückgezogene Gefüge in Tschernowo gehörig durcheinanderbringen.

Alina Bronsky hat mit “Baba Dunjas letzte Liebe” einen kurzweiligen Roman verfasst, der ein ganz eigenes Tempo mitbringt, das einen beim Lesen richtiggehend entschleunigt. Schön, manchmal poetisch und wie die Bewohner Tschernowos auf seine Weise irgendwie anders.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Ein sehr interessanter japanischer Klassiker der Neuzeit!

Der Schlüssel
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Zwei langjährig verheiratete Eheleute liefern sich in diesem Buch einen Schlagabtausch aus Tagebucheinträgen. Der Ehemann führt seit Jahren schon Tagebuch und vermutet, dass seine Gattin es heimlich liest. ...

Zwei langjährig verheiratete Eheleute liefern sich in diesem Buch einen Schlagabtausch aus Tagebucheinträgen. Der Ehemann führt seit Jahren schon Tagebuch und vermutet, dass seine Gattin es heimlich liest. Seit dem Neujahrstag jedoch schreibt er seine geheimsten sexuellen Sehnsüchte in seinem Tagebuch nieder, erstmals lässt er den Schlüssel zu dem Tagebuch offen liegen als latente Aufforderung, dass die Frau seine Gedanken lesen solle. Nun fängt auch erstmals die Frau an Tagebuch zu schreiben, beteuert in ihren Abschriften allerdings, dass sie das Tagebuch entgegen der Vermutung ihres Mannes noch nie gelesen haben wolle, obgleich sie um die Gelegenheit weiß.
Die Eheleute beginnen ein Spiel umeinander, das auch Außenstehende in ihre Lustbarkeiten involviert und sie mehr von den moralischen Vorstellungen entfernt wie ein Mann und seine Frau zu sein haben.

Das war eine ungewöhnliche Leseerfahrung für mich, abwechselnd diese Tagebucheinträge zu lesen und dabei nicht zu wissen, ob die jeweiligen Eintragenden, der Mann oder die Frau, in ehrlicher Weise ihren Tagebüchern die persönlichsten Gedanken anvertrauen oder ob sie ein Spiel miteinander treiben, um sich gegenseitig aufzustacheln.
Die Perversion, über die man sich zum Erscheinen 1956 in diesem Werk von Jun'ichirō Tanizaki empört hat, haben heute definitiv ihre Brisanz verloren, und doch habe ich auch in der Jetzt-Zeit die Übergriffigkeit durchaus wahrgenommen und die Manipulation der Eheleute.
Ein überaus interessantes Stück japanischer Literatur!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Mein Lesetipp ist dringend, denn diese Lektüre ist brennend aktuell!

Die Wut, die bleibt
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„Haben wir kein Salz“ Kein Fragezeichen, nicht mal ein Blick in ihre Richtung. Es ist diese eine Forderung zu viel. Mitten im Corona-Lockdown wirft sich Helene, Mutter dreier Kinder, vom Balkon. Es ist ...

„Haben wir kein Salz“ Kein Fragezeichen, nicht mal ein Blick in ihre Richtung. Es ist diese eine Forderung zu viel. Mitten im Corona-Lockdown wirft sich Helene, Mutter dreier Kinder, vom Balkon. Es ist diese eine Forderung zu viel, die sie das alles nicht mehr ertragen lässt.

Zurück bleiben Ehemann Johannes, Tochter Lola, die zwei kleinen Söhne und Helenes beste Freundin Sarah. Zurück bleibt neben der Ratlosigkeit aber vor allem auch Wut. Wut auf ein System und eine Gesellschaft, die von Frauen über die Grenzen der Belastbarkeit eines Menschen fordert, auflastet und auslaugt bis eine nicht mehr kann.

Alle Hinterbliebenen müssen in diesem Buch ihren Weg finden, nicht nur mit dem Schmerz des Verlusts einer Mutter und Freundin umzugehen, sondern auch wie sie künftig weiterleben wollen.

Mehr will ich euch zum Inhalt nicht verraten. Das Buch ist eine furiose Wucht, die ihr selbst entdecken sollt. Lest dieses Buch! Es macht was mit euch, rüttelt und schüttelt euch. Für mich war es bereits im ersten Jahresviertel eines meiner Lesehighlights 2022!