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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2023

Aber der Klappentext klang so gut...

Man ist ja Nachbar
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Eigentlich sprechen mich Bücher über schrullige bis närrische ältere Männer an, wie sie beispielsweise in Alina Bronskys „Barbara stirbt nicht“, Anna Herzigs „Herr Rudi“ oder Kerstin Campbells „Rutchen ...

Eigentlich sprechen mich Bücher über schrullige bis närrische ältere Männer an, wie sie beispielsweise in Alina Bronskys „Barbara stirbt nicht“, Anna Herzigs „Herr Rudi“ oder Kerstin Campbells „Rutchen schläft“ vorkommen. Irgendwo zwischen Seite 60 und 70 habe ich „Man ist ja Nachbar“ jedoch abgebrochen.


Ralf Prange ist oft Daheim und nimmt die Pakete der anderen Hausbewohner:innen an, von denen er auch seinen Leser:innen viel zu erzählen weiß, und über jeden gibt es natürlich auch reichlich, über das er sich ärgert. Eigentlich gehen ihm alle oft auf die Nerven, angefangen von seiner Schwester Silke bis zu seinem Nachbarn Horst, und selbst an der Paketbotin Dörte, die jetzt allerdings nicht mehr sein Haus beliefert, gibt’s Dinge auszusetzen. Ralf Prange sagt auch sehr oft, dass er auf dieses und jenes jetzt gerade gar kein Bock habe.

Bis zu der Stelle, an der ich mich entschieden habe mit der Geschichte nicht warmgeworden zu sein, wechselte sich die Handlung immer wieder mit Rückblenden/Vergleichen à la Das-ist-genauso-wie-damals-als ab, in denen Prange dann untermalt, warum die aktuelle Situation so unsäglich ist. Die eigentliche Gegenwart des Buches, in der es ja offenbar noch ein Techtelmechtel zu entwickeln gab, zog sich elendig lang wie Kaugummi daher.
Es gibt ganz sicher Menschen, die sich an diesem Buch erfreuen, wir zwei beide haben jedenfalls nicht zusammengepasst.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Ein wichtiger Diskurs!

FRAUEN LITERATUR
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Momentan begegne ich oft diesem Cover - und das ist gut so! Nicole Seifert schreibt gegen die strukturelle Verachtung und damit des Vergessens des weiblichen Werks im Literaturbetrieb.

Seifert hat recherchiert, ...

Momentan begegne ich oft diesem Cover - und das ist gut so! Nicole Seifert schreibt gegen die strukturelle Verachtung und damit des Vergessens des weiblichen Werks im Literaturbetrieb.

Seifert hat recherchiert, dass sowohl die historische als auch die zeitgenössische Kritik die Frage nach der Ästhetik eines Textes nicht stellen, wenn es sich beim Autor um eine Frau handelt, sondern dass diese laut Studien häufig direkt aburteilen. Diese Marginalisierung sorgte dafür, dass Autorinnen in Vergessenheit gerieten.
Anders als Autoren, die anders befördert wurden, müssen diese mühevoll wiederentdeckt werden. Im Schreiben von Autor:innen wohnt kein biologischer Unterschied, der sich auf die Qualität ihres Schreibens auswirkt. Autor:innen sind in erster Linie soziale Wesen, die ihre Erfahrungen in ihren Werken der Welt zugänglich machen. In dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick auf Entwicklungsromane. Diese behandeln das jugendliche Wachstum an Schwierigkeiten auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Während männliche Protagonisten diese Schwierigkeiten in der Außenwelt meistern, versuchen weibliche Protagonistinnen mit jenen zu verhandeln, die ihre gesellschaftlichen Fesseln kontrollieren. Die Heldinnenreise unterscheidet sich von der Heldenreise - beides sind per Definition Entwicklungsromane, doch wo es um Frauenleben geht, nennt man sie "Frauenromane".

Literatur wird die Fähigkeit zugeschrieben, den Horizont zu erweitern. Fehlen jedoch im öffentlichen Bewusstsein weibliche Stimmen aus der Lebensrealität von Frauen of Color, durch Behinderungen eingeschränkten Frauen, durch nonbinäre Personen, werden alle Menschen so lange vorwiegend männliche Sichtweisen lesen, bis die weiblichen Stimmen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden.
Nicole Seiferts Plädoyer trägt hoffentlich zu einem baldigen Mehr an Sichtbarkeit für weibliche Autoren im Feuilleton und insgesamt zu mehr Wertschätzung abseits von seichter Unterhaltung bei.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Witziger Unterhaltungsroman der besonderen Art

Doppelt oder nichts, sagt das Glück
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Emily und Leonie sind zwei Frauen, die so gar nichts gemeinsam haben bis auf einen Schwangerschaftsbauch und den gemeinsamen Besuch beim Geburtsvorbereitungskurs. Vermeintlich... Denn sie stellen bald ...

Emily und Leonie sind zwei Frauen, die so gar nichts gemeinsam haben bis auf einen Schwangerschaftsbauch und den gemeinsamen Besuch beim Geburtsvorbereitungskurs. Vermeintlich... Denn sie stellen bald fest, dass ihre Lebenspartner beide Peter heißen. Was für ein merkwürdiger Zufall – bis jedoch Leonies Peter im Kurs steht, um seine Freundin zu überraschen, und dieser gleichzeitig auch Emilys Peter ist. Zwei betrogene Frauen und ein Mann, das las sich im Klappentext schon mal ganz interessant! Der Start der Geschichte ist die reinste Katastrophe. Die zwei Frauen eint die Wut auf den betrügerischen Kindsvater, und obwohl sie so absolut unterschiedlich sind, knüpfen die rechthaberische Leonie und die harmoniebedürftige Emily ein Band der ungewöhnlichsten Sorte. Hier gibts keine Liebesgeschichte sondern eine dynamische und unterhaltsame Erzählung mit einem unberechenbaren Ausgang.
Das Setting in Heiligenhafen und Kiel hat mir als in Norddeutschland Geborene nochmal zusätzlich gut gefallen! Ihr möchtet einen witzigen Unterhaltungsroman, der sich nicht nur um die Liebe dreht? Dann schreit ihr insgeheim nach „Doppelt oder nichts, sagt das Glück“!

Veröffentlicht am 04.08.2023

Ein japanischer Klassiker

Alte Freunde
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Lange schon wollte ich etwas von Osamu Dazai lesen. “Alte Freunde” aus dem Jahr 1946 schien von der Länge her doch ein gutes Buch in das Werk des Autors einzusteigen.
Der Schriftsteller Shūji lebt mit ...

Lange schon wollte ich etwas von Osamu Dazai lesen. “Alte Freunde” aus dem Jahr 1946 schien von der Länge her doch ein gutes Buch in das Werk des Autors einzusteigen.
Der Schriftsteller Shūji lebt mit seiner Frau und den Kindern übergangsweise in Tokio, denn ihr Haus wurde während des Krieges ausgebombt. Eines Abends kommt unerwartet ein Besucher, der sich als alter Freund aus der Schule vorstellt. Shūji seinerseits kann sich an den grobschlächtigen Bauern partout nicht erinnern, lässt sich aber auf den Überfall ein. Shūji lässt es fast qualvoll über sich ergehen, wie sich sein Besuch unflätig auslässt und dabei teilweise laut wird. Er versucht trotz der Umstände ein guter Gastgeber zu sein, doch sein Besuch stellt sich schon bald als nicht so guter Gast heraus, der unverschämte Dinge fordert. Shūjis kostbarer Whiskyvorrat neigt sich unter dem unersättlichen Durst des Feldarbeiters. Als der seinen Abschied ankündigt, atmet Shūji hoffnungsvoll auf. Doch der gerissene Besucher verlangt zum Schluss auch noch unverschämterweise die letzte Flasche des Whiskys und Zigaretten von Shūji, der sich bis zuletzt nicht traut den Unhöflichkeiten seines Besuchers die Stirn zu bieten.

Der Verlag schreibt über dieses Werk: “Dazais berühmte Erzählung über die Feigheit des Intellektuellen, über Scham und Selbstverachtung” - eine Beschreibung, die für mich den Nagel auf den Kopf trifft. Shūjis Widerstand, bekommt man als Leser:in mit, findet ausschließlich in seinem Kopf statt.
Eine interessante Erzählung, die mir Neugier bereitet hat noch ein wenig mehr von Osamu Dazai lesen zu wollen!

Veröffentlicht am 04.08.2023

Eindeutig #metoo. Oder doch nicht so eindeutig?

Das ist Lust
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Quin und Margot sind seit Jahren befreundet. Nun findet sich Quin in Klagen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz wieder.
Quin kann nicht nachvollziehen, warum die Frauen, mit denen er nach seinem ...

Quin und Margot sind seit Jahren befreundet. Nun findet sich Quin in Klagen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz wieder.
Quin kann nicht nachvollziehen, warum die Frauen, mit denen er nach seinem Verständnis ein gutes Verhältnis gepflegt habt, sein Leben und das seiner Familie ruinieren wollen.
Margot, die sich zu Beginn ihrer Bekanntschaft einst selbst dem unangemessenen Verhalten Quins ausgesetzt sah und deren knappe entschiedene Wehr erfolgreich war, versteht nicht, warum die Anklägerinnen sich nicht so gewehrt haben wie sie. Auf die Aussage von Kolleginnen, dass die Frauen - ob sie sich wehren konnten oder nicht - nicht in die Lage gebracht werden sollten es überhaupt zu müssen, reagiert Margot mit herablassendem Unverständnis über eine bereitwillig anmutende Opfermentalität.

Die jeweiligen Sichtweisen der Protagonist:innen machen das schmale Buch zu einer kontroversen Leseerfahrung. Ich hatte das Gefühl Quin verkauft seine Handlungen als etwas für ihn völlig Normales, das auch meine Meinung beeinflussen soll. Ganz zwangsweise fragte ich mich, ob es mir außerhalb des Buches so ergeht wie Margot innerhalb der Seiten und ich ein Verständnis für etwas Verständnisloses aufbringe. Bis zu einer gewissen Grenze wirken Quins Aussagen aus seiner Sicht wie naive Unschuld. Doch da man nur seine und Margots Ansichten erfährt - nie hört man von den Anklägerinnen und ihrem Empfinden gegenüber Quins Aktionen - gibt es keine Eindeutigkeit, keine simple Einteilung in Gut und Schlecht. Das Buch lässt mich verständnisvoll und gleichzeitig verständnislos, skeptisch, verärgert und letztlich verwirrt zurück. Und ich tippe drauf: das ist genau das, was es erreichen will.