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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2023

Ein Essay

Liebe und Sinnlichkeit
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Der vorliegende Essay von Junichiro Tanizaki behandelt die Darstellung des Frauenbildes im Vergleich zwischen der westlichen und der japanischen Auffassung und wie sich dieses im Laufe der Zeiten gewandelt ...

Der vorliegende Essay von Junichiro Tanizaki behandelt die Darstellung des Frauenbildes im Vergleich zwischen der westlichen und der japanischen Auffassung und wie sich dieses im Laufe der Zeiten gewandelt hat. Ich muss zugeben: Da ich nur den Klappentext gelesen habe, hatte ich ursprünglich mit einem Kurzroman gerechnet und war auf den eigentlichen Inhalt entsprechend nicht vorbereitet. Ich fürchte, die Wirkung des Essays ist auch deshalb an mir vorbeigegangen, weil ich viele der von Tanizaki genannten Autoren und ihre Werke gar nicht kannte, um mir ein vergleichendes Bild zu machen. Davon abgesehen ist dieses Werk aber ebenso zart geschrieben wie der Titel anmuten lässt. Ich denke, ich bin noch nicht bereit für diese Abhandlung gewesen und werde mich in einigen Jahren möglicherweise noch einmal an “Liebe und Sinnlichkeit” wagen, wenn ich mich näher mit Natsume Soseki und Murasaki Shikibu beschäftigt habe.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Eine alte Liebe, Freundschaft über mehrere Generationen und eine neue Liebe

Ruthchen schläft
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Georg gehört ein in die Jahre gekommenes Wohnhaus, das ihm sein Opa einst vererbt hat. Mit den Mietern hat man so seine Mühe, doch Frau Lemke ist seine Lieblingsmieterin. Sie kennt er schon, seit er noch ...

Georg gehört ein in die Jahre gekommenes Wohnhaus, das ihm sein Opa einst vererbt hat. Mit den Mietern hat man so seine Mühe, doch Frau Lemke ist seine Lieblingsmieterin. Sie kennt er schon, seit er noch ein kleiner Junge war, und seit ihr Sohn in die USA ausgewandert ist, kümmert er sich rührend um Frau Lemke. Mittlerweile sind sie beide in die Jahre gekommen, und Frau Lemkes Sohn will, dass er zu ihr nach New York zieht. Dabei will sie das nicht, und Georg ja schon mal gar nicht. Frau Lemkes Sohn lässt sich darauf ein, dass sie so lange noch in ihrer Wohnung bleiben darf wie ihre alte Katze lebt. Doch dann wacht Rutchen eines Morgens nicht mehr auf. Georg und Frau Lemke müssen sich etwas einfallen lassen wie sie das Unvermeidliche vermeiden können.


Mehr möchte ich von der Handlung gar nicht verraten, die sollt ihr mal schön selbst erlesen. Für mich war es ein absolutes Wohlfühlbuch, das mich ein wenig an „Zusammen ist man weniger allein“ erinnert hat. Eine Freundschaft über verschiedene Generationen, gepaart mit einer alten und einer neuen Liebe (plus dem steinigen Weg dazwischen), liebenswerte Protagonist:innen und eine insgesamte Warmherzigkeit machen dieses Buch aus. Wer in der kalten Jahreszeit ein wenig innere Wärme sucht, liegt mit „Rutchen schläft“ sicher richtig!

Veröffentlicht am 04.08.2023

Ein intimes Familienporträt mit all seinen Ambivalenzen

Der Buchhändler aus Kabul
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Åsne Seierstad befindet sich 2002 als Reporterin in Kabul und betritt eine Buchhandlung – sehr zu ihrer eigenen Überraschung, dass es eine solche in der vom Krieg gepeitschten Stadt gibt. Die Sowjets sind ...

Åsne Seierstad befindet sich 2002 als Reporterin in Kabul und betritt eine Buchhandlung – sehr zu ihrer eigenen Überraschung, dass es eine solche in der vom Krieg gepeitschten Stadt gibt. Die Sowjets sind abgezogen, die Taliban gestürzt, die Warlords verjagt, endlich könnte es Frieden geben in Afghanistan. In der nächsten Zeit besucht Seierstad immer wieder den Book Shop des Mannes, der verschiedenen Regimes immer wieder getrotzt hat und bekommt die Gelegenheit am Familienleben des Buchhändlers teilzunehmen. Sie zieht temporär bei der großen Familie ein, um ihre Eindrücke in einem Buch zu verarbeiten.


Sie erlebt einerseits einen liberalen Mann, aufgeschlossen für die Ideen eines freieren Staates, sogar Frauenrechte begrüßt er. Auf der anderen Seite herrscht er als unangefochtenes Oberhaupt über seine Familie und hat sehr traditionelle Ansichten wie seine eigenen Frauen und die Kinder sich zu gebaren haben. Seierstad beschreibt den Werdegang des Buchhändlers wie er zu seinem Buchladen gekommen ist, welchen Wohlstand er sich damit erarbeitet hat und den Grad der Aufopferung, die seine Söhne für sein „Buchimperium“ zu leisten bereit zu sein haben. Die Erzählung begleitet dabei jeweils andere Personen und beleuchtet ihre persönliche Sicht der Dinge. Bedauert man in einem Kapitel erst noch den Sohn des Buchhändlers, der von seinem Vater dazu gezwungen wird für dessen Traum alles andere beiseite zu schieben und sein Leben der ihm verhassten Buchhandlung zu widmen, kehrt sich dieses Bedauern um, als man den Sohn lesend näher kennenlernt.

Auch bekommt die Lage der Frauen, die jahrzehntelang unter einem frauenfeindlichen Regime leben mussten, Platz in dieser Erzählung, beispielsweise in der Form der Schmach, die des Buchhändlers erste Frau erdulden musste, als er sich entschied eine jugendliche Zweitfrau zu nehmen. Die Erzählung Seierstads ist durchflochten von der Ambivalenz, die auf ihre Weise sicher beispielhaft für viele afghanische Familien und die sowohl gelebten als auch die aufgezwungenen Werte stehen kann.

Ein sehr intimes Porträt eines afghanischen Haushaltes, das bisweilen sehr verwirrend anmuten kann.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Blieb hinter meinen Erwartungen zurück

Tage in Tokio
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Zeit seines Lebens beschäftigt sich der Protagonist mit Japan. Seine Zeit ist gekommen und im Rahmen seiner akademischen Laufbahn kommt er endlich in sein heißgedddddliebtes Land.


Soweit, sogut, der ...

Zeit seines Lebens beschäftigt sich der Protagonist mit Japan. Seine Zeit ist gekommen und im Rahmen seiner akademischen Laufbahn kommt er endlich in sein heißgedddddliebtes Land.


Soweit, sogut, der Klappentext hatte mich. Der Inhalt des Buches hat mich leider schnell verloren. Mir war klar, dass es eine Reisebeschreibung aus deutscher Sicht sein würde – jedoch war dieser hier so fokussiert auf Dinge, die mich persönlich weniger interessieren. Der Teil mit der Beschreibung über japanische Teekeramik war eigentlich noch am interessantesten, war mir allerdings viel zu intensiv. Und dass ich am Ende eines Buches über Japan in eine westliche Sportart eintauchen musste, hat mir irgendwie den Rest gegeben.
Ich muss dazu sagen, ich konnte das Buch nicht weglegen in der Hoffnung, dass da doch noch mehr kommen müsse als ein wenig nachvollziehbarer Blick eines Gaijin auf ein Land, das er angeblich so sehr vergöttert hat. Auch waren mir die philosophischen Überlegungen zu viel Abschweifung. Von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Ein unglaublich unterhaltsames dystopisches Debüt der Autorin!

Die Letzte macht das Licht aus
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Das ist keine Geschichte über einen harten Action-Helden, der in der Apokalypse weiß, was genau zu tun ist. In dieser Dystopie gibt es eine unsichere Frau, eine wie du und ich, die sich durch ein von einem ...

Das ist keine Geschichte über einen harten Action-Helden, der in der Apokalypse weiß, was genau zu tun ist. In dieser Dystopie gibt es eine unsichere Frau, eine wie du und ich, die sich durch ein von einem todbringenden Virus ausgelöschtes Großbritannien schleppt und keine Ahnung hat was sie tun soll.

6DM, benannt nach den maximal sechs Tagen, in denen das Virus einen menschlichen Organismus qualvoll dahingerafft hat, löscht innerhalb weniger Wochen den größten Teil der Menschheit aus. Und wie das so ist im Angesicht der Tatsache, dass möglicherweise niemand von denen mehr da ist, die sich ein Leben lang um einen gekümmert haben: Man verdrängt erst mal. Und das geht am besten mit reichlich Drogen, Alkohol und dem letzten Funken Elektrizität im Hause des toten besten Freundes der Protagonistin. Nach einigen Wochen und mit einer Medikamentenabhängigkeit realisiert sie, dass es außer ihr noch andere Menschen geben könnte und sie sich dann besser mal auf den Weg machen sollte andere Überlebende zu finden. Lange Zeit findet sie niemanden außer einen Golden Retriever, der spürt, dass die Frau seine beste Überlebenschance ist, und gemeinsam bestreiten sie die Reise in die abgelegensten Gebiete in der Hoffnung, dass das Virus nicht bis dorthin gekommen ist.

Das Buch erinnerte mich stark an den Film „I Am Legend“. Mit Bethany Clift's „Die Letzte macht das Licht aus“ bekommt man zusätzlich noch eine Portion britischen Zynismus, der mich sehr oft zum Lachen gebracht hat. Die Reise der Protagonistin führt nicht nur auf die Suche nach Überlebenden, sondern geht in Rückblenden immer wieder auch in die Vergangenheit und beleuchtet im Verlauf der Story das Verhältnis zu ihr geliebten Menschen, die bereits zu Beginn des Buches am Virus erkrankt sind. Sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit dieser Dystopie machen unglaublichen Spaß zu lesen. Ganz große Leseempfehlung von mir!