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Veröffentlicht am 30.07.2023

Fernsehen war gestern, Streaming ist heute

Die Netflix-Revolution
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„Die Netflix Revolution“ zeigt den Werdegang der bewegten Bilder von den ersten Filmvorführungen ins goldene Zeitalter des Kinos und über das Fernsehen bis in die Möglichkeiten der heutigen Streaming-Dienste.

Für ...

„Die Netflix Revolution“ zeigt den Werdegang der bewegten Bilder von den ersten Filmvorführungen ins goldene Zeitalter des Kinos und über das Fernsehen bis in die Möglichkeiten der heutigen Streaming-Dienste.

Für jemanden wie mich, die noch mit linearem Fernsehen aufgewachsen ist und sogar noch das berühmte Testbild kennt, ist das von Oliver Schütte zusammengetragene Panorama des Films ein interessantes Werk, das dokumentiert, wie sich seit einigen Jahren die Art wie wir Serien und Filme sehen vollkommen verändert.
Man bekommt einen Überblick über Spezialisierung und Konkurrenz der verschiedenen TV-Sender anhand der US- und der heimischen deutschen Sender, wie die Streaming-Dienste aus (Versand-)Videotheken entstanden sind, über die Gründer und ihre Ideen/Intentionen und die Algorhythmen, die sie verwenden, um unser Konsumverhalten vorauszusagen.

Ich konnte mich tatsächlich sehr in vielen Aspekten, die in den Kapiteln zusammengetragen wurden, wiederfinden. Gemeinsam mit dem Privatfernsehen bin auch ich in die Welt geboren. Abends um sieben hat mich das Sandmännchen ins Bett geschickt. Meine Jugend war bestimmt mit den damit verbundenen Verpflichtungen pünktlich zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Sender einzuschalten, um meine Lieblingsserien zu verfolgen. Ich erinnere mich noch an das Gezeter, wenn der Herr der Fernbedienung hereinkommt und mitten in Sailor Moon umschaltet, um seinen Feierabend mit einem Sportprogramm einzuläuten und wie man sich in der ganzen Familie darauf einigen musste, welcher Film im Abendprogramm gesehen wird, weil es nun mal nur den einen Fernseher in der Wohnung gab.
Das Fernsehen hat sich vollkommen verändert und ist dezentralisiert geworden. Niemand muss sich mehr zu einer bestimmten Uhrzeit in seinem Wohnzimmer einfinden, um den Beginn eines Films nicht zu verpassen, die zeitliche Wegmarkierung von 20:15 Uhr läutet nicht mehr das Abendprogramm ein, man kann seine Serien gucken, wann und wo man ist und vor allem so viel davon auf einmal konsumieren, wie man möchte.
Das Buch war unheimlich interessant, da kann ich gerade so über die vielen orthographischen Flüchtigkeitsfehler hinwegsehen, die mich kontinuierlich im ersten Viertel begleitet haben. Diese Dokumentation hat mich zum nachdenken darüber gebracht wie die jüngeren Generationen das Fernsehen so wahrnehmen.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Es bleibt nicht länger unter uns (Frauen)

Whisper Network
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Als Frau hat man es in einer männerdominierten Geschäftswelt nicht leicht. Sloane, Grace und Ardie sind erfolgreiche Karrierefrauen bei Truviv in Dallas, einem großen Hersteller für Sportbekleidung. Ihnen ...

Als Frau hat man es in einer männerdominierten Geschäftswelt nicht leicht. Sloane, Grace und Ardie sind erfolgreiche Karrierefrauen bei Truviv in Dallas, einem großen Hersteller für Sportbekleidung. Ihnen wurden auf ihrem Weg nach oben oft Steine in den Weg gelegt. Der schwerste dieser Steine ist ihr Vorgesetzter Ames Garrett. Gerüchte um sexuelle Belästigungen kursieren seit Jahren, die von der Unternehmensführung ignoriert wurden. Als allerdings der Firmenchef verstirbt und Ames sicherer Anwärter des neuen CEO ist, sorgen sich die Frauen, allen voran Sloane, die vor über einem Jahrzehnt eine Affäre mit Ames hatte und weiß, wozu er fähig ist. Eine im Internet kursierende Liste mit Namen sexuell übergriffiger Geschäftsmänner scheint für Sloane der erste Schritt sich gegen Ames zur Wehr zu setzen. Während Ardie, die Ames nicht ausstehen kann, klar auf Sloanes Seite ist, zweifelt Grace am Vorhaben ihren Vorgesetzten auf die Liste zu setzen. Gerade Mutter geworden, fühlt sie sich von Ames in ihrer Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf verstanden.
Dann jedoch stirbt Ames einen plötzlichen Tod, und Gewalteinwirkung kann nicht ausgeschlossen werden. Die Veröffentlichung seines Namens auf der Liste sorgt für Furore in Dallas' Geschäftswelt, und die Opfer werden in eine Täterrolle gedrängt.

Zu viel möchte ich nicht verraten, um den Spaß an Chandler Bakers „Whisper Network“ nicht zu verderben, der sich beim Lesen des Buches entrollt. Es ist alles komplexer als man meint, und zusätzlich zu Sloane, Ardie und Grace spielen auch noch die Reinigungskraft Rosalita und die neue Mitarbeiterin Katherine eine Rolle in der Aufklärung der Vorwürfe. Die Eruptionen, die durch das Aufzeigen der sexuellen Übergriffe ausgelöst werden, dringen von den höchsten Firmenrängen bis in die entlegendsten Abteilungen von Truviv.
Mir hat das Buch gefesselt, dessen Inhalt zeitweise etwas von dem Markenwahn aus „American Psycho“ hatte. Ich musste mehrfach nachschlagen, über was für monetäre Werte gesprochen wurden, wenn ein Fabrikat genannt wurde als Synonym für den pekuniären Erfolg der Frauen im Unternehmen. Der Inhalt beschränkt sich jedoch nicht nur mit sexueller Belästigung; durch Grace' und Rosalitas Hintergrundgeschichten wurde die Story noch abwechslungsreicher. Die Seiten sind nur so an mir vorübergezogen, weil ich unbedingt wissen wollte wie es weitergeht.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Konnte mich nicht damit anfreunden

Stille Tage
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In Kenzaburo Ōes „Stille Tage“ geht es um die junge Ma-chan, die sich während der Abwesenheit ihrer Eltern um ihre beiden Brüder I-Ah und O-chan kümmert. Ihr Vater, der sich von einer Krise im weit entfernten ...

In Kenzaburo Ōes „Stille Tage“ geht es um die junge Ma-chan, die sich während der Abwesenheit ihrer Eltern um ihre beiden Brüder I-Ah und O-chan kümmert. Ihr Vater, der sich von einer Krise im weit entfernten Kalifornien zu erholen versucht, und dessen Frau bürden ihrer Tochter eine große Verantwortung auf. Kann O-chan sich weitesgehend selbst beschäftigen und zeichnet sich im Roman eher durch dezente Abwesenheit aus, da er häufig zurückgezogen für die Aufnahme an der Oberschule lernt, bedarf der geistig behinderte Buder I-Ah besonderer Aufmerksamkeit durch die Schwester.

Japanliteratur.net resümiert über das Buch:
"Auch wenn gleich das erste Kapitel recht spannend einsteigt, enthält das Buch doch größtenteils sehr langatmige Passagen: Es wird viel, fast zu viel über alles reflektiert und auch zu viel diskutiert."

Und das ist auch mein Eindruck. Nachdem im ersten Kapitel Ma-chan einen Sittenstrolch überführt, über den in vorangegangenen Passagen diskutiert wird, und man befürchtet, es könnte ein Junge aus der Behindertenwerkstatt oder auch I-Ah selbst sein, nimmt der Grad der Spannung und Unterhaltung merklich ab. Irgendwann vor Seite 100 habe ich das Buch in einer seitenlangen Diskussion über einen Film abgebrochen, den die Geschwister gesehen haben und nun nicht nur untereinander diskutieren, sondern auch mit dem Onkel und dessen Frau, die sich den Film ebenfalls angesehen haben. Es war mir dann einfach zu ermüdend mich weiter damit zu befassen, zudem ich auch bereits vorher gemerkt habe, dass ich Passagen immer wieder doppelt lesen musste, weil ich sie zuvor gedankenverloren überflogen habe.

Das Buch wird im öffentlichen Bücherschrank hoffentlich jemand anderen glücklicher machen als mich, und vielleicht finde ich von dem Autor ja irgendwann ein Buch, das mir besser gefällt.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Obacht, Leser, dass dir nichts entgeht!

Die rechtschaffenen Mörder
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Ich mag Geschichten über büchernärrische Menschen sehr. Bereits das Cover von Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ weckte mein Interesse, der Klappentext tat sein Übriges.

Norbert Paulini ...

Ich mag Geschichten über büchernärrische Menschen sehr. Bereits das Cover von Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ weckte mein Interesse, der Klappentext tat sein Übriges.

Norbert Paulini ist ein eigenwilliger Antiquar, der praktisch in seinen Beruf geboren wurde. Seine Mutter Dorothea verschied kurz nach seiner Geburt und konnte ihr frisch eingerichtetes Antiquariat in Dresden nicht eröffnen. Ihr Mann sowie ihre Mutter leben fortan in einer Wohnung, in der jede Ecke vollgestopft ist mit Büchern, so dass der kleine Norbert eine Liebe zu ihnen entwickelte. Die Schulzeit überstand er als Sonderling gerade so, die Einberufung verbrachte er in der Regimentsbuchhandlung, und als er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, wollte er einfach nur einen Beruf ergreifen, bei dem er lesen kann. Nachdem ihm durch den Tod seiner Großmutter ein Erbe beschieden wurde, verwirktlichte er den Traum seiner Mutter und eröffnet ein Antiquariat sowie eine Volksbuchhandlung, entscheidet sich jedoch bald dazu ausschließlich Bücher aus zweiter Hand zu verkaufen. Über Dresdens Stadtgrenzen hinaus ist sein Antiquariat bekannt, Buchliebhaber kommen von nah und fern, um das einzigartige Angebot zu durchstöbern. Die Blütezeit seines Geschäfts endet mit der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze 1989, und das Oderhochwasser 1997 zerstört einen großten Teil seiner Buchbestände. Norbert Paulini findet immer wieder zu seiner antiquarischen Krämerei zurück, auch nach einer Insolvenz, während der er über einen Zeitraum von einigen Jahren in einem Lebensmittelgeschäft angestellt war.

Der Roman von Ingo Schulze ist ein wahres Sammelsurium an Bücherwissen. Autorennamen, Buchtitel, Verlage, in einem Buchliebhaber wie mir weckt das Neugier so manches Genannte mal nachzuschlagen. Die Mannigfaltigkeit dieses Wissens lässt mich als Leserin zudem den sokratischen Ausspruch tun: Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Jemand, der mit der Geschichte Ostdeutschlands vertrauter ist als ich, wird sicher die nicht klar benannten, sondern nur in Teilen beschriebenen Ereignisse historisch zuordnen können, ich musste recherchieren, um zu erfahren, was z.B. für eine Sintflut den Protagonisten heimgesucht hat.

Das Buch ist mehrschichtig und besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil wird Norbert Paulinis Lebensgeschichte von einem Ich-Erzähler beschrieben. Hier offenbart sich Paulins Desinteresse an Veränderungen und Neuerungen. Nach der Öffnung der DDR hegt er keine Westneugier, kehrt gar nach einem Besuch dort kopfschüttelnd zurück. Politik und Tagesgeschehen hält er für Zeitverschwendung, hält sie ihn doch davon ab Bücher zu lesen. Neuerscheinungen bemisst er kaum Bedeutung bei, die Klassiker und zeitlose Literatur ist das einzig Wichtige.
Im zweiten Teil offenbart sich der Ich-Erzähler, der das Antiquariat Paulini siebzehnjährig erstmals betrat und eine ehrfürchtige Bewunderung für den Antiquar entwickelt. Diese Bewunderung des Erzählers Schultz kehrt sich im Laufe der Jahre jedoch in Missgunst um, und er entschließt sich ein Buch über Norbert Paolini zu schreiben. Den dritten Teil beherrscht ein Blick von außen durch die Lektorin Theresa, die Schultz' Manuskript betreut. Sein Manuskript weckt Theresas Neugier über dessen Ende hinaus zu erfahren. Da ich selbst nicht genau verstanden habe, was in den vorangegangenen Teilen vor sich gegangen ist, habe ich mich umgehend mit ihr identifiziert, und ihre Fragen wurden zu meinen. Ich muss gestehen, dass ich nur mit Hilfe den Wandel erkannt habe und mich ansonsten vom blumigen und nicht immer leichten Leben des Antiquars habe verzaubern lassen.
„Die rechtschaffenen Mörder“ richtet sich an ein anspruchsvolles Lesepublikum, dem ich nicht gerecht werden konnte, wie ich zugeben muss. Ich habe das Gefühl Ingo Schulzes falschen Fährten voll auf den Leim gegangen zu sein und frage mich immernoch, ob Norbert Paulini zu dem mutieren konnte, was ihm unterstellt wurde.
Auch wenn mein Intellekt nicht ausgereicht hat die Komplexität des Werks differenziert zu erfassen, bin ich dennoch total fasziniert von diesem Buch.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Ein Mann und seine Couch

Denn alles ist vergänglich
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Seit „Jeden Tag ein bisschen näher“ bin ich eine kleine Verehrerin von Irvin D. Yalom. Erfolgreich als Psychotherapeut an der amerikanischen Westküste tätig, schreibt er nicht nur psychologische Fachbücher, ...

Seit „Jeden Tag ein bisschen näher“ bin ich eine kleine Verehrerin von Irvin D. Yalom. Erfolgreich als Psychotherapeut an der amerikanischen Westküste tätig, schreibt er nicht nur psychologische Fachbücher, sondern Sachbücher für den Laien und philosophisch beeinflusste Prosa. Mich faszinieren besonders seine niedergeschriebenen Erfahrungen aus seinen Therapiesitzungen. Ähnlich wie das Buch, das ich eingangs erwähnte, ist auch dieses Werk, „Denn alles ist vergänglich“, ein Auszug aus seiner psychotherapeutischen Arbeit. Die Fallbeispiele sind allesamt von Menschen, die in verschiedenen Stadien ihres Lebens die Hilfe von Dr. Yalom aufgesucht haben. Yalom zieht sich aus seiner Arbeit nicht komplett selbst heraus, denn seiner Meinung nach hängt eine erfolgreiche Therapie vom offenen Zusammenspiel zwischen Psychologen und Klienten ab, die übliche starre Unnahbarkeit gegenüber dem sich emotional ausschüttenden Klienten sind etwas, das er nicht praktiziert. Immer wieder macht er sich nahbar und offenbart seinen Patienten, Klienten und dem Leser seiner Bücher seine größte Angst über die eigene Vergänglichkeit respektive den Tod.
Seine Bücher empfinde ich immer wieder als inspirierend, „Denn alles ist vergänglich“ hat mich durch die verschiedenen Fallbeispiele auf vielfältige Weise berührt. Wer sich für Psychotherapie interessiert, dem kann Irvin D. Yalom nur wärmstens ans Herz gelegt werden.