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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.03.2023

Starkes, wenn auch kurzes Debüt

Weißer Asphalt
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Schlägereien und Dealerei sind neben der Schule das tägliche Geschäft des jugendlichen Protagonisten in diesem Buch. Seinen Lebensunterhalt verdient er damit ein wenig Gras zu verticken. In einem recht ...

Schlägereien und Dealerei sind neben der Schule das tägliche Geschäft des jugendlichen Protagonisten in diesem Buch. Seinen Lebensunterhalt verdient er damit ein wenig Gras zu verticken. In einem recht früh im Buch beschriebenen Straßenkampf tritt die zusammengewürfelte Truppe aus Bosniern, Jugoslawen, Türken gegen die Russen vom Stadtrand an. Die Schilderung dieses Aufeinandertreffens ist kurz und brutal und spiegelt den dynamischen Erzählstil des Buches wieder. Die Sprache, derer sich Tobias Wilhelm in seinem Debüt bedient, ist authentisch – man fühlt sich in die Welt dieses Jugendlichen direkt hineinversetzt.

Bis er die Gelegenheit bekommt Koks zu verkaufen, ist dies seine Routine. Seine Freizeit verbringt der Jugendliche, seit er aus dem Jugendknast auf Bewährung entlassen wurde, meistens mit seinen Freunden Fabio, Sascha und Ariano. Im Laufe der kurzen Geschichte kommen aber noch mehr Randfiguren dazu, die man aufgrund ihrer prägenden Geschichten oder Charaktereigenschaften allerdings gut auseinanderhalten kann.

Als er mit Dana zusammenkommt, die sich ein besseres Leben wünscht und bald ihr Studium aufnimmt, lässt er sich von ihr mitziehen und möchte sein Leben umkrempeln. Dann packt ihn jedoch seine Vergangenheit wieder, als ihm die Sporttasche voller Kokain geklaut wird und er sich beim Täter rächt.


Das Buch hätte meines Erachtens noch wesentlich mehr Potential gehabt. Es ist ein Verhängnis, dass es so fesselnd beschrieben ist und gleichzeitig nur so kurz. Das Ende kam ziemlich plötzlich. Der Autor hat aber ein Debüt hingelegt, das Interesse weckt seine kommenden Werke im Auge zu behalten!

Veröffentlicht am 29.03.2023

Eine Familiengeschichte mit einer Konfrontation der Wahrnehmungen

Stummes Echo
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„Stummes Echo“ ist die Geschichte von Susan Hill über eine Familie in England. Auf dem Hof namens The Beacon wohnen die Eltern Bertha und John mit ihrem vier Kindern May, Colin, Berenice und Frank.
Einen ...

„Stummes Echo“ ist die Geschichte von Susan Hill über eine Familie in England. Auf dem Hof namens The Beacon wohnen die Eltern Bertha und John mit ihrem vier Kindern May, Colin, Berenice und Frank.
Einen jeden begleitet man durch die knapp 170 Seiten des Buches. Man erfährt, warum die kluge May ihr vielversprechendes Studium in London nicht weitergeführt und stattdessen zurück zum Beacon gekommen ist, wie Colin seine Liebe fand, die er später heiratete, wie es Berenice dringlicher als alle anderen vom Hof gezogen hat und wie aus dem stillen Beobachter Frank nach seinem Auszug nach London eine Karriere als Journalist beschieden war. Zwischen Frank unds einen Geschwistern hat immer eine Kluft bestanden, und so hielten sie zu ihm und er zu ihnen keinen Kontakt. In Berührung kommen die drei mit Frank erst wieder, als sie in der Zeitung davon lesen, dass er ein Buch geschrieben hat, in dem er eine traumatische Kindheit schildert, die sie so nicht erlebt haben.

Tja, nun bin ich sehr schnell durch das Buch gerauscht, aber das fiel auch nicht schwer: Die Charaktere sind so geschrieben, dass ich ihrem Werdegang folgen wollte. Nachdem Franks Buch über die fragwürdige Kindheit ein großer Erfolg geworden ist, der auch im verschlafenen Ort der Geschwister nicht ignoriert werden konnte, und diese von den Bewohnern verurteilt werden, wollte ich unbedingt wissen wie es weitergeht. Dann allerdings war das Buch auch schon zuende, ziemlich aprupt.
Bei einer letzten Zusammenkunft der vier Geschwister hatte ich das Gefühlt, scheint Frank die Gelegenheit zu bekommen sich mit dem Ort seiner Kindheit auszusöhnen. Die letzten Zeilen wirkten wie eine Sprungschanze, von der meine Ideen ohne autorische Unterstützung weiterflogen und ich ins Nachdenken kam. Die Wahrheit ist in diesem Buch etwas, das der eine nicht ganz glauben und der andere nicht ganz anzweifeln kann, so dass eine Schnittmenge des Zweifels entsteht.


Ich habe mich auf jeden Fall gut unterhalten gefühlt, ganz gleich welches Resümee man aus der Geschichte ziehen möchte!

Veröffentlicht am 29.03.2023

Ein neues Abenteuer!

Wild und wunderbar (3). Freundinnen sind die besseren Schwestern
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Ein neues Abenteuer von Linn und Shark in „Wild und Wunderbar“!
Linns Leben hat sich in den letzten Monaten so stark zum Guten gewandelt, dass sie ihr Glück kaum fassen kann: Shark und sie sind beste Freundinnen, ...

Ein neues Abenteuer von Linn und Shark in „Wild und Wunderbar“!
Linns Leben hat sich in den letzten Monaten so stark zum Guten gewandelt, dass sie ihr Glück kaum fassen kann: Shark und sie sind beste Freundinnen, es gibt kein Mobbing mehr durch die fiesen Mädels in der Klasse, ihre Mutter ist sehr viel entspannter, seit sie mit Ole zusammen ist, und ihrem kleinwüchsigen Bruder Oskar geht es gut. Und dann macht Ole Linns Mutter auch noch einen Heiratsantrag! Eigentlich alles tutti, oder? - Nicht ganz. Shark zieht sich von Linn zurück und die beiden sprechen tagelang nicht miteinander, bis Shark behauptet, Linn würde ja bald sowieso nicht mehr im Haus wohnen und ihre Freundin zurücklassen, schließlich ziehen ja alle Familien in schicke Reihenhäuser. Linn kann nicht verstehen, dass Shark so von ihr denken kann. Als Linns Mama und Ole offenbaren, dass sie ein Baby erwarten, ist Linn so sauer nicht um ihre Meinung gefragt worden zu sein, dass Shark und sie kurzerhand ausreißen. Mit dem Zug gehts nach München, wo sie die wildesten Sachen erleben, bevor ihr Abenteuer im Krankenhaus endet. Linns Mutter und Ole sind natürlich etwas sauer, haben sich aber auch totale Sorgen gemacht. Kurzerhand entscheiden sie sich Urlaub in den Bergen zu machen, wo Linn und Shark merken, dass es kein Weltuntergang ist Familienzuwachs zu bekommen.

Nachdem mich der zweite Band ein wenig enttäuscht zurückgelassen hat, fand ich den dritten wieder richtig gut. Ilona Einwohlt baut zwar immernoch immens viele Themen ein, die sie wie Brotkrumen am Wegesrand entlangstreut, aber diesmal ist sie dem Pfad ihrer eigenen Geschichte (wie ich finde) wesentlich besser gefolgt.
Ich bin gespannt, ob es das mit Shark und Linn nun war oder noch weitere Bände der Geschichte folgen werden!

Veröffentlicht am 29.03.2023

Das Ende ist nur ein neuer Anfang

Federkleid
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Hotaru sieht sich vor den Trümmern ihres jungen Lebens. Es ist kein großer Scherbenhaufen, vor dem sie steht, aber es reicht aus, um sie komplett aus der Bahn zu werfen. Als Geliebte eines Fotografen, ...

Hotaru sieht sich vor den Trümmern ihres jungen Lebens. Es ist kein großer Scherbenhaufen, vor dem sie steht, aber es reicht aus, um sie komplett aus der Bahn zu werfen. Als Geliebte eines Fotografen, der sich für ein Leben komplett seiner Familie gewidmet entscheidet, wird sie einfach aussortiert. Ihre Liebe geht nunmehr ins Leere. Alle Wege, die sie in Tokyo gegangen ist, führen zu den Erinnerungen mit ihm, und so kehrt sie kurzerhand in ihre ländliche Heimatstadt zurück.
Sie wohnt übergangsweise bei ihrer Oma, der sie in einem kleinen, schrulligen Café aushilft. Ihre Tage weiß Hotaru zunächst kaum zu füllen, denn ihr ganzes Leben, seit sie von Zuhause fortgegangen ist, war darauf ausgerichtet, die perfekte, stets wartende Geliebte zu sein. Sie entschließt sich eine frühere Bekannte zu kontaktieren, um das einstige Band der Freundschaft neu zu knüpfen.
Nachts wacht sie auf und finder vor lauter Liebesschmerz keine Ruhe mehr. Auf den nächtlichen Spaziergängen am Fluss sortiert sie ihre Gedanken und lernt einen jungen Mann kennen, der ebenfalls ein schwieriges Paket im Leben zu tragen hat.
Durch die Menschen, die sie neu und wieder kennenlernt, findet Hotaru aus dem Schmerz der verlorenen Liebe heraus.

Das war das zweite Buch, das ich von Banana Yoshimoto gelesen habe, und ihr Stil Geschichten zu erzählen, sagt mir sehr zu. Das offene Ende der Geschichte gefiel mir sehr. Als Leser sah man Hotarus Heilung zu und lässt sie nach der letzten Seite mit vielen Möglichkeiten ziehen.

Veröffentlicht am 29.03.2023

Cyberwar

Permanent Record
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Von der Snowden-Biografie bin ich wirklich zutiefst begeistert!
In den ersten Kapiteln darf man ein wenig nostalgisch werden. Edward Snowden berichtet über seine ersten Lebensjahre. Speziell auf diesen ...

Von der Snowden-Biografie bin ich wirklich zutiefst begeistert!
In den ersten Kapiteln darf man ein wenig nostalgisch werden. Edward Snowden berichtet über seine ersten Lebensjahre. Speziell auf diesen ersten Seiten beschreibt Dinge, über die ich so nie nachgedacht hätte. Dass sich z.B. das Internet seit den 2000ern, als ich meine ersten Schritte online über ein 56k-Modem und später eine ISDN-Leitung machte, verändert hat, empfinde ich auch so. Snowden, der zwar der gleiche Jahrgang wie ich ist, kennt noch das Web 1.0 aus den 199ern, weil er viel früher mit dem Netz in Berührung kam als ich, beschreibt es auf eine Weise, welche mir die Veränderung erst wirklich vor Augen führt.

Er beschreibt seine biographischen Stationen, die man auch schon aus dem Film „Snowden“ kennt (wenn man ihn gesehen hat), jedoch beschreibt er in seinem Buch viel mehr die inneren Vorgänge, seine durch die gewonnenen Erkenntnisse der Massendatenspeicherung besonders der eigenen Landsleute inneren Zwiste zwischen Moral und dem Schutz seines Landes. Snowden, der auf die Ereignisse von 9/11 wie so viele andere seinem Land dienen wollte und schließlich bei der Intelligence Community im Geheimdienst landet, hält die Diskrepanz nicht mehr aus, als er feststellt, dass die Massenüberwachung, an der er mitgewirkt hat, zunehmend im eigenen Land voranschreitet und die Menschen betrifft, die er ursprünglich schützen wollte. Es kommt zu den Enthüllungen, die 2013 weltweit durch die Medien gegangen sind, und in deren Zuge Snowden sein Leben, seine Heimat sowie seine Liebe aufgibt, um das Richtige zu tun. Seine Suche nach einem einigermaßen sicheren Hafen nach den Enthüllungen beschreibt er ebenso wie er der Liebe seines Lebens in ihren eigenen Worten Raum in seinem Buch gibt zu beschreiben wie sie nach seinen Enthüllungen von den Geheimdiensten in die Mangel genommen wurde.

Das Buch ist höchst lesenswert! Es ist das Zeugnis eines Mannes, der in den virtuellen Kriegen um Informationen und somit Macht des 21. Jahrhunderts gekämpft hat.