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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.03.2023

Zwischen Tristesse und Zynismus

Keine gute Geschichte
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Dieses Gefühl, als ich die letzte Seite des Buches umschlage und da einfach eine Leere aus fehlenden Antworten ist. Noch einmal zurückkehren in die Geschichte, vielleicht doch die Antworten bekommen, nach ...

Dieses Gefühl, als ich die letzte Seite des Buches umschlage und da einfach eine Leere aus fehlenden Antworten ist. Noch einmal zurückkehren in die Geschichte, vielleicht doch die Antworten bekommen, nach denen auch Arielle gesucht hat...


Aber zurück auf Anfang: Mit einer mittelschweren Depression kehrt Arielle in ihr Problemviertel zurück. Eigentlich hatte sie es geschafft, lebt in Düsseldorf, verdient als Social-Media-Managerin viel Geld und ist der ärmsten Postleitzahl Deutschlands entkommen. Nachdem der Anruf einer früheren Freundin sie darüber informiert, dass ihre Großmutter Hilfe benötigt, kehrt sie zurück. Zeitgleich verschwinden im Viertel zwei Mädchen. Mit diesem Ereignis kommen die Leichen ihrer Vergangenheit an die Oberfläche - vielmehr diese eine Leiche in Form ihrer Mutter. Was ist mit Rita vor 24 Jahren passiert? Ist sie tot oder hat sie das Undenkbare getan und ihr Kind zurückgelassen, um ein neues Leben zu beginnen, an einem Ort, wo alles besser ist als hier in Katernberg?
In der Tristesse des alten Viertels kommt Arielle nicht umhin, sich die Fragen zu stellen, die sie tief in sich begraben hatte. Überfordernd drängen sich auch die Fragen nach den eigenen Identitäten auf: wer man ist und wer man ohne die Bürde einer abwesenden, womöglich toten Mutter hätte sein können.

„Keine gute Geschichte“ könnte allzu deprimierend sein, hätte Autorin Lisa Roy nicht genug bissig-bitteren Zynismus mit eingestreut. Für mich war dieser Humor wie kleine Inseln, auf ich mich vor dem Ertrinken in Arielles Aussichtslosigkeit gerettet habe. Aber auch sonst ist die Sprache klar und kraftvoll, und es war mir trotz des düsteren Grundtenors eine Wonne dieses Debüt zu lesen. Es lohnt sich, Lisa Roys Schaffen zu verfolgen!

Veröffentlicht am 12.03.2023

Mal wieder spannend und anrührend! (Ich brauche mehr!)

Inspektor Takeda und das doppelte Spiel
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Kenjiro Takeda und Claudia Harms werden zu einem Fall gerufen, den Takeda auf einer persönlichen Ebene berührt; ein japanischer Fußballprofi des HSV wurde in einem Gewerbehof tot aufgefunden. Schnell stellt ...

Kenjiro Takeda und Claudia Harms werden zu einem Fall gerufen, den Takeda auf einer persönlichen Ebene berührt; ein japanischer Fußballprofi des HSV wurde in einem Gewerbehof tot aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, dass Matsumoto hingerichtet wurde, allerdings erkennt Takeda anhand der ungewöhnlichen Mordmethode, dass es sich um Täter aus dem japanischen Milleu handeln muss. Claudia und Ken gehen ihren jeweiligen Ermittlungen nach. Sie forschen in Matsumotos Vergangenheit und machen eine deutsch-japanische Verbindung ausfindig. Die Verbindungen zum Zen-Buddhismus lassen auf einen rituellen Mord schließen, und bald ist auch ein Täter gefaunden. Doch irgendwas fügt sich nicht zusammen. Ken und Claudia wollen dem Fall weiter nachgehen, doch der Senat will den brisanten Fall abgeschlossen wissen. Auf eigene Faust ermittelt das Duo weiter, und ihre Spuren führen sie nach Japan. Dort angekommen, zeigen sich die Verstrickungen jedoch größer als angenommen, und es scheint sogar politische Motive für den Mord zu geben, in die Ken und Claudia eintauchen und um ihr eigenes Leben fürchten müssen.

Ein weiteres Buch reiht sich in die gelesenen Bände der Inspektor-Takeda-Reihe in mein Regal. Erneut habe ich meine Zeit mit Harms und Takeda sehr genossen. Beide sind mir ungemein sympathisch, und auch ihre Freundschaft erwärmt sich mehr und mehr, so dass es nicht nur Vergnügen bereitet, die Fälle zu lesen, sondern auch ihre Beziehung zueinander. Der nächste Band, „Die stille Schuld“, liegt schon bereit!

Veröffentlicht am 12.03.2023

Von Neidhardts Figuren habe ich mich nur schwer verabschieden können!

Nur ein paar Nächte
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Ben ist alleinerziehend, Vater seines ganz persönlichen Wunders Mia. Als Orna schwanger wurde, waren sie längst nicht mehr zusammen. Sie wollte keine Kinder, er konnte eigentlich keine bekommen.

Zwölf ...

Ben ist alleinerziehend, Vater seines ganz persönlichen Wunders Mia. Als Orna schwanger wurde, waren sie längst nicht mehr zusammen. Sie wollte keine Kinder, er konnte eigentlich keine bekommen.

Zwölf Jahre und einen Morgen später steht Bens Vater vor der Tür und hofft für ein paar Tage bei ihm unterzukommen, nachdem er Bens Mutter betrogen hat. Einige Momente später liefert die Polizei Mia zu Hause ab, die wollte auf eigene Faust nach Hamburg, um ihre Mutter und Antworten zu finden.
Bens sortiertes Leben wird von jetzt auf gleich völlig durcheinandergeworfen. Seinen Vater gab es immer nur im Doppelpack mit seiner Mutter, und wie er mit ihm allein reden soll, weiß er nicht. Aber nicht nur mit seinem Vater muss Ben eine neue Gesprächskultur aufbauen, auch Mia verlangt nach einer anderen Aufmerksamkeit. Die Ereignisse werfen auch in Ben Fragen auf, die er längst begraben hatte. Für ihn schlägt die Stunde der Wahrheit, als Dinge aus der Vergangenheit ans Licht kommen, die ihn in den Augen aller in ein ganz anderes Licht rücken.

Keine leichten Themen sind in Fabian Neidhardts "Nur ein paar Nächte" vereint, und doch habe ich mich wohlig umhüllt gefühlt von dieser Geschichte. Nach der letzten Seite fühlte ich mich verloren, wollte noch ein wenig Zeit mit den Figuren verbringen. Aber es war der richtige Moment, die Geschichte zu beenden, Ben, Mia und Orna in ihre Zukunft zu entlassen.
Neidhardts Stil und wie er sich den Themen dieses Romans angenommen hat haben mir sehr gefallen, seine Werke möchte ich künftig mehr ins Auge fassen.

Veröffentlicht am 12.03.2023

Aus einem anderen Blickwinkel

Orange 6
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Die Geschichte um den Freundeskreis und die zarte Dreiecksbeziehung zwischen Naho, Suwa und Kakeru war eigentlich auserzählt. Doch im 6. Band kommt Suwa zu Wort. Zwischen Rückblenden mit ihm und Kakeru, ...

Die Geschichte um den Freundeskreis und die zarte Dreiecksbeziehung zwischen Naho, Suwa und Kakeru war eigentlich auserzählt. Doch im 6. Band kommt Suwa zu Wort. Zwischen Rückblenden mit ihm und Kakeru, in denen er Kakeru trotz seiner eigenen Gefühle für Naho immer wieder ermutigt, dass dieser Naho seiner Liebe gestehen soll und seinem eigenen Kampf um sie erklärt der Suwa der Zukunft, warum es ihm all die Zeit so wichtig war, Naho glücklich zu sehen. Einerseits war Suwa bereit, Kakeru das Feld zu überlassen, andererseits hat er nie aufgegeben, sich selbst um Nahos Zuneigung zu bemühen.
Der Band kommt an die Intensität seiner Vorgänger allein durch die Masse der bisher erschienenen Bände nicht heran, stellt aber eine schöne Ergänzung zur Hauptgeschichte dar und ist ebenfalls lesenswert.

Veröffentlicht am 04.03.2023

Ein erzählensnotwendiges Buch!

Die ungeduldigen Frauen
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„Munyal“ – Geduld sollen die Frauen haben. Geduld ist das ewige Mantra, mit dem die Männer dieser höchst patriarchalen Gesellschaft in Kamerun die Frauen zu beschwichtigen versuchen, damit sie sich in ...

„Munyal“ – Geduld sollen die Frauen haben. Geduld ist das ewige Mantra, mit dem die Männer dieser höchst patriarchalen Gesellschaft in Kamerun die Frauen zu beschwichtigen versuchen, damit sie sich in ihr Schicksal einfügen. Ein Schicksal als Hausfrau, als Zweit- oder Drittfrau in einer polygamen Ehe voller Konkurrenz zu ihren Mitfrauen.
So ergeht es auch Ramla. Sie soll die Zweitfrau eines alten Mannes werden. Ramla hätte eine gute Zukunft vor sich haben können. Ihr Ziel war es zu studieren, und mit ihrer Wahl eines Ehemannes hätte sie dies tun können. Stattdessen verspricht ihr Vater sie einem wohlhabenden alten Mann. Ramla protestiert, doch „Munyal“ - Geduld soll sie haben. Alles wird sich fügen.
Von Anfang an weiß Ramlas jüngere Schwester Hindou, dass ihr Schicksal schlimmer sein wird. Sie wird an ihren gewalttätigen Cousin verheiratet, der in ihr ein Eigentum sieht, an dem er handeln kann wie ihm beliebt. Aber „Munyal“ - Geduld, er wird sich schon beruhigenm, wenn sie sich im fügt und die untertänige Frau sein, die Allah für alle Männer vorgesehen hat.
Safira derweil sieht in der Zweitfrau Ramla, die ihr Mann umsorgt und bevorzugt, eine Gefahr für ihr Ansehen. Sie versucht mit allen Mitteln die Gunst ihres Mannes wiederzuerlangen und geht zu einem Marabout, ein islamischer Heiliger, der mit mystischen Zeremonien dafür sorgen soll, dass sich Safiras Mann wieder ganz allein ihr zuwendet. „Munyal“ - Geduld, seine Gebete werden wirken.

Djaïli Amadou Amal lässt „Die ungeduldigen Frauen“ drei Frauen offen zu Wort kommen. Ihre Gedanken würden Safira, Ramla und Hindou in dieser männerfokussierten Welt nie so ungeschönt preisgeben, doch als Leser:in erfährt man, was die Frauen im Innersten umtreibt. Denn in einer Gesellschaft, deren soziale Strukturen und Gesetzmäßigkeiten dafür sorgen, dass die Frauen in ihren Geschlechtsgenossinnen Konkurrenz und Missgunst sehen, sind diese Frauen auf sich selbst zurückgeworfen und sämtlicher Bande beraubt.
Die Autorin lässt viel Persönliches in ihren Roman einfließen. Sie selbst wurde als Teenager ebenfalls nach muslimischer Tradition der Fulbe zwangsverheiratet und erfährt selbst misogyne Gewalt. Amadou Amal ist eine wichtige Stimme der Frauenbewegung, ihrem Debüt in deutscher Sprache werden hoffentlich noch weitere Werke folgen.