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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.12.2024

Verlust und Zusammenhalt

Der Club der wütenden Fünf
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Als Laras Oma stirbt, verliert sie nicht nur ihr letztes Familienmitglied, sondern auch ihr Zuhause. Das Heim, in dem sie untergebracht wird, will sie so schnell wie möglich wieder verlassen. Sie will ...

Als Laras Oma stirbt, verliert sie nicht nur ihr letztes Familienmitglied, sondern auch ihr Zuhause. Das Heim, in dem sie untergebracht wird, will sie so schnell wie möglich wieder verlassen. Sie will am liebsten in eine Wohngruppe, doch ihre Betreuerin findet, dafür sei sie noch nicht bereit.
Lara landet in einer Pflegefamilie, auf die sie so gar keine Lust hat, und soll von nun an eine Privatschule besuchen.
Auf dieser Schule gibt es ein soziales Projekt für schwierige Fälle wie sie, der sogenannte Club der wütenden Fünf. In diesem Club soll Lara ihre sozialen Fähigkeiten verbessern. Doch alle anderen in dieser Gruppe sind noch grimmiger drauf als sie, und als die Gruppe eine Aufgabe erhält, die allen Mitgliedern nützen soll, weiß Lara gar nicht, ob und wie sie dazu beitragen will.

Mehr kann und möchte ich zu diesem Jugendbuch eigentlich gar nicht verraten, um die Handlung nicht vorweg zu nehmen. Mir hat „Der Club der wütenden Fünf“ sehr gefallen. Man muss sich auf die Thematik einlassen können, denn mit Lara als Ich-Erzählerin ist man voll mit ihrer Trauer konfrontiert. Auch die anderen Clubmitglieder bringen jeweils ihren ganz eigenen Ballast mit, und da hätte ich mir seitens des Verlages eine Triggerwarnung bezüglich selbstverletzenden Verhaltens gewünscht. Trotz der Schwere der eingebrachten Themen ist dies aber auch eine Geschichte von Neuanfängen, Zusammenhalt und Freundschaft, die der Bedrückung immer wieder auch Auftriebe gibt.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Feministische Pflichtlektüre

Mutter, schafft
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Man muss nicht für jede Konstellation eine Lösung wissen, um die Gesellschaft verändern zu wollen - aber jede Veränderung beginnt mit Kritik am vorherrschenden System. Oder zwei Systemen, die sich gegenseitig ...

Man muss nicht für jede Konstellation eine Lösung wissen, um die Gesellschaft verändern zu wollen - aber jede Veränderung beginnt mit Kritik am vorherrschenden System. Oder zwei Systemen, die sich gegenseitig bedingen: Kapitalismus und Patriarchat.

Linda Biallas wird mit Mitte 20 ungeplant schwanger. Trotz der Tatsache, dass sie sich mitten im Studium befindet und der Kindsvater sich jeglicher Verantwortung entzieht, entscheidet sie sich für die Mutterschaft und wird in ein neues Leben katapultiert, in dem andere Regeln gelten. Als alleinerziehende Mutter lernt sie früh die strukturelle Schlechterstellung aus erster Hand kennen, der Frauen unterworfen werden, wenn sie nicht im heteronormativen Modell aus männlichem Versorger und weiblichem Kümmerer leben.
Allein erziehend, mit den ganzen einhundert Prozent des Mental Loads auf sich gestellt, zeigt sich für Biallas eine notwendige Notwendigkeit für alternative Familienmodelle, die geschaffen werden müssen. Denn das noch immer von Politik geförderte Modell der Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind(-ern) kann nie das sprichwörtliche Dorf ersetzen, das erforderlich ist, damit alle Mitglieder einer Familie (mental) gesund bleiben, weil die Verantwortung aufgeteilt ist und nicht nur auf den Schultern einer Person lastet. Diese eine Person ist nämlich in aller Regel die Mutter und Momshaming bereits in Krabbelgruppen, später in Kitas und Grundschulen, ein riesengroßes Problem (und eigentlich eine gar nicht so seichte Form des Mobbings irgendwo zwischen Schule und Beruf!).

Biallas kritisiert den noch immer regierenden frühkindlich herbeigeführten Sexismus, der sich schon anhand von Einordnungen in "Jungsblau" und "Mädchenrosa" äußert. Überhaupt plädiert die Autorin in ihrem Buch für feministische Mutterschaft, denn Feminismus denkt bedauerlicherweise Elternschaft selten mit.
Glücklicherweise bin ich keine Mutter, denn jedes Buch, das ich zum Thema Mutterschaft lese, ist das Resultat eines anstrengenden Weges, den die Autorin und Mutter hinter sich hat - und den ich echt nicht gehen wollen würde.
Bücher wie "Mutter, schafft." sind aber hochrelevant, nicht zu letzt auch für mich, gerade weil sich mir die strukturellen Probleme durch meine Weigerung, Mutter zu werden, nie erschlossen haben und auch ich ohne solche Werke einen Mütter inkludierenden Feminismus nicht mitdenken könnte.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Farben blind zu sehen

Der Duft von Grün
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Für die 16-jährige Raven ist ihre beste Freundin ein Fenster zur Welt. Bis auf ihre Blindheit ist Raven wie alle anderen, und deshalb geht sie auf dieselbe Schule wie May-Lin. Durch Mays glanzvolle Beschreibungen ...

Für die 16-jährige Raven ist ihre beste Freundin ein Fenster zur Welt. Bis auf ihre Blindheit ist Raven wie alle anderen, und deshalb geht sie auf dieselbe Schule wie May-Lin. Durch Mays glanzvolle Beschreibungen werden für Raven Farben lebhaft. Noch ein Jahr, dann sind die beiden mit der Schule fertig, und sie werden gemeinsam fürs Studium in die Großstadt gehen.
Doch alles kommt ganz anders - May-Lin verschwindet ohne Abschied aus Ravens Leben und hinterlässt nur noch Schwarz. Ohne ihre beste Freundin ist Raven gefühlt nur noch ein halber Mensch.
Mit der Zeit eröffnet die Lücke, die May hinterlassen hat, für Raven aber das Potential, eigene Erfahrungen zu machen und die Grenzen ihres bisherigen Lebens zu erweitern.

"Der Duft von Grün" ist eine so unglaublich bittersüße Geschichte. Ich tue mich immer schwer mit Jugendromanen, die vor kitschiger Liebe triefen, aber so war dieses Buch gar nicht. Es gibt Freundschaft, es gibt Verlust und Liebe, und diese Aspekte des Buches halten sich auf eine angenehme Weise die Waage, um auch für Erwachstene noch ein erfüllendes Leseerlebnis zu bieten. Mir hat "Der Duft von Grün" sehr gut gefallen, und ich möchte dieses Buch unbedingt empfehlen!

Veröffentlicht am 04.12.2024

Frausein vor dem Hintergrund eines von Armut geprägten Alltags

Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah
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Mani lebt mit 36 noch immer im beengten elterlichen Heim in einem der ärmsten Stadtteile Seouls.
Aus den bisherigen Beziehungen ihres Lebens ist keine Ehe geworden, und die gesellschaftliche
Scham hat ...

Mani lebt mit 36 noch immer im beengten elterlichen Heim in einem der ärmsten Stadtteile Seouls.
Aus den bisherigen Beziehungen ihres Lebens ist keine Ehe geworden, und die gesellschaftliche
Scham hat Mani auch selbst verinnerlicht. Ihre plötzliche Entlassung sorgt dafür, dass benötigtes
Familieneinkommen fehlt. Der Traum von Manis Mutter, eines Tages im Zuge der
Stadtteilsanierung in einem der Hochhäuser zu wohnen - nun unerreichbar. Selbst die geringfügige
Annehmlichkeit einer Spültoilette ist der Familie nicht vergönnt.
Dabei hatte Mani einmal ambitionierte Ziele. Inspiriert von den Olympischen Spielen 1988 spielen
ihre Freundinnen das Kunstturnen nach. Mani wollte Olympiasiegerin werden, wie das Vorbild der
Mädchen: Nadia Comăneci. Von ihrer Mutter in diesem Wunsch unterstützt, wendet die Familie die
wenigen Ersparnisse auf, um Mani in eine private Turnschule zu schicken. Doch sie sieht ihr
mangelndes Talent im Können ihrer Mitschüler:innen und lässt sich von ihrer Herkunft dauerhaft
limitieren.

Im Wechsel zwischen Manis Gegenwart und ihrer Vergangenheit schildert Autorin Cho Nam-Joo
die gegenwärtige Stellung der Frau in Südkorea - ein hochtenisiertes Land auf der einen, eine
rückständig patriarchale Haltung auf der anderen Seite.
Bereits der 2016 erschienene Sachroman „Jiyoung Kim, geboren 1982“ widmete sich
emanzipatorischen Themen. Die Leser:innenschaft nahm das Buch mit derartiger Intensität auf,
dass das sog. 4B-Movement entstanden ist, in dem Frauen sich aus Protest gegenüber archaischer
Rollenerwartungen weigern, S€x mit Männern zu haben, sie zu daten, sie zu heiraten oder Kinder
zu bekommen.

„Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ haben wir im September für den feministischen Buchclub
gelesen, da der Roman das Frausein vor dem Hintergrund eines von Armut geprägten Alltags
erzählt. Die Meinungen zum Buch waren unterschiedlich. Die Handlung wabert vor sich hin wie der
Luft hängender Kohlgeruch. Es passiert wenig, und doch gibt es – gerade in prekär lebenden
Familien – so viel, um das man sich Gedanken machen und sorgen muss. In kleiner Gruppe haben
wir uns angeregt darüber ausgetauscht, worin die feministischen Botschaften dieses Buches für uns
bestehen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Lesen für den Ernstfall

Machtübernahme
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Was passiert, wenn die AfD in Regierungsverantwortung kommt? - Die letzten Wochen haben gezeigt, wie wahr dieses Schreckensszenario wird. Der Widerstand darf nicht aufgeben, es zeigt sich aber auch, dass ...

Was passiert, wenn die AfD in Regierungsverantwortung kommt? - Die letzten Wochen haben gezeigt, wie wahr dieses Schreckensszenario wird. Der Widerstand darf nicht aufgeben, es zeigt sich aber auch, dass dieser nicht von der etablierten Politik kommt, die sich noch nicht zu einem Parteiverbot der rechtsextremen AfD entschlossen hat.

In seinem Buch "Machtübernahme" beleuchtet Arne Semsrott, Leiter des Informationsportals FragDenStaat, was uns in naher Zukunft erwarten wird. Seine Anleitung fordert Unternehmen, Gewerkschaften, Justiz, Behörden sowie Medien dazu auf, sich darauf vorzubereiten und (weiter) Widerstand zu leisten. Es werden bereits wichtige Posten von AfD-Politiker:innen besetzt; die ersten Schritte laufen bereits, die Demokratie "umzugestalten". Die Partei wird jene strategische Schritte zur Machtübernahme zu gehen, die bereits andere rechtsextreme Parteien in Europa angewendet haben, welche schon im NS-Regime funktionierten.

Semsrotts Buch ist ein must read für alle Politikinteressierten und Politikmuffel (äh ja: mich). Es ist nicht zu spät, sich auf den worst case vorzubereiten. Wie sagt es sich aktuell so oft, "Nie wieder ist jetzt", und ebenjenes Jetzt gilt in diesem Moment wie auch in dem in 17 Sekunden, in 2 Stunden und in 5 Tagen. Lest es! Ich finde Politik furchtbar, ermüdend, kräftezehrend - aber auch ich hab es gelesen.