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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.12.2024

Hat mich nicht voll überzeugt, obwohl der Klappentext interessant klang

Die Welt hat blaue Haare
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Luisa ist 17, mit Benno zusammen und todesgelangweilt. In der Schule beobachtet sie Dunja, von der sie so fasziniert ist, dass sie eine Geschichte über ihre Mitschülerin schreibt. In dieser Geschichte ...

Luisa ist 17, mit Benno zusammen und todesgelangweilt. In der Schule beobachtet sie Dunja, von der sie so fasziniert ist, dass sie eine Geschichte über ihre Mitschülerin schreibt. In dieser Geschichte ist Dunja die Welt, trägt weiße Kleidung und blaues Haar.
An einem Sommernachmittag mit der Familie am Grill liest Luisa ihre Geschichte vor; ihrem Onkel, der Tante, ihrem Cousin, ihrer Mutter und der Oma. In dieser Story ist Dunja leidenschaftlich und geheimnisvoll, gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise durch ein orientalisches Land.
Auch wenn Luisa für ihr Schreiben gelobt wird, befremdet der Plot ihre Familie. Ihre Mutter spricht sogar sich offen gegen Luisas Schreiberei aus, spekuliert sie doch, dass hinter dieser Erzählung mehr steckt – Neigungen, die sie keinesfalls bereit ist in ihrer Tochter hinzunehmen.
Mehr und mehr schreibt Luisa sich in eine Fiktion und stülpt ihre Fantasie zunehmend der Realität über.

Ich habe schon ein paar gute Rückmeldungen zu diesem Buch gelesen, aber so richtig kann ich mich nicht komplett anschließen. Der Roman ist ungewöhnlich, gar keine Frage, aber mich haben die beiden Erzählebenen eher verwirrt, zumal ich die Geschichte in der Geschichte nicht so ansprechend fand.
Die Familie der Protagonistin könnte in ihren Einzelteilen kaum mehr Konflikte an einen Tisch bringen und steckt einen Rahmen, in dem es sich als Jugendliche mit Kontrast zur Elterngeneration nur schwer frei atmen lässt. Ihr Onkel ist ein rassistischer Boomer, ihre Oma stramme Alkoholikerin und ihre Mutter verachtet Luisas Vorstellungskraft und „Andersartigkeit“. Lediglich ihr Cousin hebt sich von der Spießbürgerlichkeit und Intoleranz der Familie ab, der mit seinen Äußerungen feministischer und antirassistischer Perspektiven eine Wokeness anführt, die Luisa vielleicht deshalb mangeln lässt, weil sie sich von ihrem Umfeld doch bereits zu viel angenommen hat oder sich nicht traut, offen gegen dieses vorzugehen. Die ausgedachte Geschichte der Protagonistin ist vielleicht ein Versuch, ihrem konservativen Milleu vorsichtig ihre eigenen Bedürfnisse und Neigungen anzudeuten.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Regt zur eigenen Bestandsaufnahme an

Die schönste Version
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Jellas Beziehung liegt in Trümmern. Bei der Polizei bringt sie die Hände zur Anzeige, die die Grenze der Unversehrtheit überschritten haben, die sich um ihren Hals gelegt haben, ihr den Zugang zum Luftholen ...

Jellas Beziehung liegt in Trümmern. Bei der Polizei bringt sie die Hände zur Anzeige, die die Grenze der Unversehrtheit überschritten haben, die sich um ihren Hals gelegt haben, ihr den Zugang zum Luftholen verwehrt haben.
Zurück in ihrem alten Kinderzimmer im elterlichen Haus fragt Jella sich, wie es dazu kommen konnte. Das Geschehene kann sie noch nicht in Worte fassen, sich nicht jenen anvertrauen, die ihr Stütze sein könnten, aus Angst eine Teilschuld aufgebürdet zu bekommen, die das Konstrukt der großen Liebesgeschichte von Yannick und Jella schleichend mitverursacht hat.

Jella ist aufgewachsen im ostdeutschen Kleinstadtmief, dem sie und ihre Freundinnen zu entkommen versuchen. Das gelingt den Mädchen, indem sie sich attraktiv für die Jungs machen, die sie bewundern. Bereits an der Schwelle zum Frausein lernt Jella ihren Wert anhand der Anziehung junger Männer zu verorten, und für diesen Wert hält man auch Manipulationen und körperliche Grenzüberschreitungen aus. Selbstverleugnung der eigenen Ansprüche ist Teil des Deals, um begehrt zu werden und somit zu den coolen Girls zu gehören.
Dann lernt sie Yannick kennen, Yannick aus gutem Hause und offensichtlich so viel mehr als sie. Mit ihm sollte es anders werden, die perfekte Beziehung...

Als Frau, die ich dieses Buch gelesen habe, war es wie in ein anderes Leben auf eigene ähnliche Erfahrungen zu schauen. Es ist auch gerade wegen seiner direkten bis obszönen Sprache wie ein ganz unangenehmer Blick in den Spiegel, und ich bin sicher – es geht vielen Frauen ähnlich, wenn sie dieses Buch lesen. Jellas erlebte Grenzüberschreitungen sind auch mir nicht fremd. Ich frage mich, welcher Mann dieses Buch liest und sich komplett frei wähnt als Invasor dieser Grenzlinien.
„Die schönste Version“ ist ein Roman, der nicht nur zum Nachdenken anregt; ich kam ganz unweigerlich zu einer inneren Bestandsaufnahme pubertärer Erfahrungen. Jellas Versuch, sowohl das Erlebte als auch das Vergangene zu bewältigen, ist aber nicht ausschließlich Resümee, sondern der erste Schritt zu Heilung, zur Abkehr von Scham und von der Suche nach der eigenen Identität.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Zwischen Karaoke, Langeweile und Misogynie explodiert die Stimmung

Superhits der Shōwa-Ära
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Sechs gegen Sechs heißt es in Ryu Murakamis „Superhits der Shōwa-Ära“. Den jungen Männern
Sugiyama, Ishihara, Yano, Katō, Nobue und Sugioka steht ein Sechertrupp Frauen gegenüber, die allesamt Midori heißen.
Die ...

Sechs gegen Sechs heißt es in Ryu Murakamis „Superhits der Shōwa-Ära“. Den jungen Männern
Sugiyama, Ishihara, Yano, Katō, Nobue und Sugioka steht ein Sechertrupp Frauen gegenüber, die allesamt Midori heißen.
Die Gruppe der Männer vertreibt sich ihre Zeit mit öden Zusammenkünften, die nicht viel mit Partys gemeinsam haben. Das Highlight eines jeden Abends ist für sie, wenn sich die Nachbarin im Haus gegenüber auszieht und die Nichtsnutze spannen können. Sie bewundern diese Frau, reden aber gleichzeitig abfällig über sie und Frauen im Allgemeinen.
Eines Abends ermordet einer der Männer eine der Midoris. Die Frauen schwören Rache, und zwischen den beiden Gruppen entbrennt ein Bandenkrieg, der sich auf absurde Weise potenziert und Opfer um Opfer fordert.

Zwischen Karaoke, Langeweile und Misogynie explodiert die Stimmung dieser skurrilen Geschichte. Frauen mittleren Alters gegen junge, antriebslose Versager. Mit jedem Schlagabtausch wird die Rache exzentrischer.
Ich habe von Ryū Murakami bisher noch nichts gelesen, wusste aber, dass er zusammen mit Haruki Murakami nicht nur den Nachnamen, sondern auch einen ähnlich hohen Bekanntheitsgrad teilt. Sein literarisches Schaffen widmet sich der japanischen Prekariatsliteratur, und nachdem ich mir auf Wikipedia einen kurzen Eindruck darüber verschafft habe, was es mit dieser literarischen Einordnung auf sich hat, bin ich neugierig auf mehr Bücher vom „anderen Murakami“ und weitere Werke dieser Literaturströmung.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Erneut Therapiezwischenräume füllen

Jeder ist beziehungsfähig
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Das letzte Buch, das ich von Stefanie Stahl lesen wollte, dreht sich um den Themenkomplex Bindung und Beziehung.

Bindung ist eines der psychischen Grundbedürfnisse neben Kontrolle, Selbstbestimmung, Selbstwert ...

Das letzte Buch, das ich von Stefanie Stahl lesen wollte, dreht sich um den Themenkomplex Bindung und Beziehung.

Bindung ist eines der psychischen Grundbedürfnisse neben Kontrolle, Selbstbestimmung, Selbstwert und Lust. Erfüllte Bedürfnisse sorgen für Zufriedenheit, frustrierte Bedürfnisse können auf Dauer krank machen.
Wie so oft, liegt der Ursprung in der Vergangenheit. Bindungsangst entsteht, wenn Kinder sich zu sehr anpassen müssen. Sind Eltern nicht in der Lage, die Entwicklung ihres Kindes einfühlsam zu fördern, übernimmt das Kind unbewusst die Verantwortung dafür, dass die Beziehung zu seinen Eltern gelingt – auf Kosten von Überanpassung, Identität und eigenen Bedürfnissen.
Menschen mit problematischen Beziehungsmustern haben als Kinder nicht gelernt, dass sie eine Beziehung mitgestalten können. Im Erwachsenenalter sorgen nahe Beziehungen dann für Unsicherheiten und Probleme, die in Depressionen münden können.

Hier will Stefanie Stahls Ratgeber ansetzen und für Klarheit sorgen; will erklären, warum Betroffene mit ausgeprägtem Autonomiebestreben immer wieder aus Beziehungen ausbrechen, warum Betroffene eine irre Verlustangst entwickeln. Der Ratgeber will aber auch Lösungsansätze liefern, die das und nicht mehr sind – Ansätze. Ich merke bei diesen Büchern immer wieder, dass sie zwar geeignet sind, um ein generelles Verständnis seiner Problematiken zu bekommen und zu verstehen, was einen als Betroffenen so sehr belastet, aber die Anregungen, sich selbst einfach nur etwas besser unter die Lupe nehmen zu müssen, funktioniert eben nicht so einfach und würde viele Therapeut:innen arbeitslos machen, wenn man nur einen Ratgeber dafür durchlesen müsste.

Ich persönlich würde dieses Buch in zwei Phasen einteilen. Die erste Hälfte des Buches ist durchaus ein Kompass für Menschen, die eine Bindungsstörung bei sich vermuten. Zu Beginn einer Therapie kann es sehr helfen, seine Gefühle und die daraus entstehenden Reaktionen damit zu verorten. Die zweite Hälfte des Buches sehe ich eher als Erinnerung für Menschen, die in ihren therapeutischen Maßnahmen bereits vorangeschritten sind, eventuell eine Therapie bereits abgeschlossen haben und lediglich immer nur mal wieder eine Auffrischung ihrer Methodenkiste benötigen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Eine Frau, eine Stadt, ein Wille

Tsunenos Reise
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Tsuneno kommt Anfang des 19. Jahrhunderts als drittes Kind einer Priesterfamilie in der schneereichen Provinz Echigo zur Welt. So wie ihre Brüder ihren vorgezeichneten Weg als Tempelpriester einschlagen, ...

Tsuneno kommt Anfang des 19. Jahrhunderts als drittes Kind einer Priesterfamilie in der schneereichen Provinz Echigo zur Welt. So wie ihre Brüder ihren vorgezeichneten Weg als Tempelpriester einschlagen, steht Tsuneno bevor, früh verheiratet zu werden.
Sie soll in ihrem Leben fünf Mal verheiratet werden und in keiner ihrer Ehen Glück erfahren.

Tsuneno ist in den Augen ihrer Familie eine aufmüpfige Frau, sie träumt von einem aufregenden Leben in Edo und bricht irgendwann mit ihren Brüdern, um sich diesen Traum zu erfüllen.
Doch so schillernd Tsuneno sich ihr neues Zuhause vorgestellt hat, so schwer fällt es ihr, ohne die Unterstützung ihrer Familie und eines Ehemannes in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Ihr Wille ist stärker als ihre Entbehrungen, und sie versucht sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Die Briefe von Tsuneno sind ein Zeugnis, das nicht nur die Stationen einer eigenwilligen Frau dokumentiert, sondern in Teilen auch die brisante Phase Japans, in welcher der Westen durch seine hohe militärische Überlegenheit die Öffnung des bis dahin abgeschotteten Japans für einen freien Handel erzwingt, die Samuraiherrschaft beendet und das Shogunat auflöst.

Möglich wurde der Einblick in das Leben Tsunenos durch die vielen Briefe wie auch Haushaltsbücher, die ihre Familie aufbewahrt hat und Amy Stanley, die mit viel Fachwissen, das bis in die Details des Alltags japanischer Familien reicht, Tsunenos Leben in dieser ungewöhnlichen Biografie rekonstruiert hat.
Tsuneno auf ihrer Reise zu begleiten, war mir ein besonderes Vergnügen, und ich kann dieses Buch allen japanophilen Leuten, die gerne lesen, nur sehr ans Herz legen!