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Veröffentlicht am 02.04.2022

Der Vergleich mit Agatha Christie hinkt

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Nachbar
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Wenn man zu einem cozy crime Buch greift, erwartet man keine atemberaubende Spannung. Ich jedenfalls habe mir von diesem Buch eine nette Kriminalgeschichte mit einem schönen Setting und etwas skurrilen ...

Wenn man zu einem cozy crime Buch greift, erwartet man keine atemberaubende Spannung. Ich jedenfalls habe mir von diesem Buch eine nette Kriminalgeschichte mit einem schönen Setting und etwas skurrilen Gestalten erhofft. Das ist eigentlich auch alles vorhanden, trotzdem fand ich die Lektüre leider ziemlich langweilig und somit enttäuschend.

Die Leseprobe hatte mir gut gefallen: die 77jährige Judith Potts, die allein in einem Herrenhaus direkt am Ufer der Themse wohnt und jeden Abend nackt im Fluss schwimmt, hört eines Abends einen Schuss vom Grundstück ihres Nachbars. Sie alarmiert die Polizei, die eher halbherzig nachschaut und somit auch keine Leiche findet. Judith macht sich selbst ein Bild der Lage und wird fündig. Ihr Nachbar Stefan wurde erschossen. Trotzdem glaubt die Polizei nicht an ein Verbrechen, sondern an Selbstmord, was nicht sehr plausibel ist. Überhaupt kommt die Polizei in diesem Buch sehr unbedarft daher.

Eine weitere Person wird erschossen und natürlich macht sich Judith auf die Suche nach dem Mörder. Unterstützung bekommt sie von der alleinstehenden Hundesitterin Suzie und der in ihrer Rolle als Pfarrersfrau unterforderten und etwas seltsamen Becks, die sich schon mal im Schrank versteckt, um Gemeindemitgliedern aus dem Weg zu gehen. Ein schräges Trio, das aber mein Herz nicht gewinnen konnte, die Personen sind einfach zu konstruiert. Die Situationskomik beschränkt sich darauf, dass die drei sich „aus medizinischen Gründen“ gerne mal einen oder mehrere Whiskys genehmigen und sich nach einem Bad in der Themse Entengrütze aus den Haaren klauben, der Sprachwitz darauf, dass Fragen wie „Sind Sie sich sicher, dass Sie sicher sind?“ gestellt werden. (Gleich zweimal hintereinander, als ob ein lahmer Witz durch seine Wiederholung jemals besser geworden wäre.)

Als ein dritter Mord geschieht und alle brauchbaren Hinweise bisher von Mrs. Potts kamen, beschließt die Polizistin Tanika, die drei Damen ganz offiziell als Verstärkung ihres Teams einzusetzen. Natürlich gelingt es Judith am Schluss, die Morde unter Einsatz ihres Lebens aufzuklären. Mein Fazit: eine wenig originelle Geschichte mit nicht sonderlich sympathischen Personen und sehr konstruiertem Ende.

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Veröffentlicht am 29.03.2022

Zeugenschutz funktioniert nicht immer

Die andere Schwester
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John Adderly, ehemaliger FBI Agent und seit neuestem im Zeugenschutz unter dem Namen Fredrik Adamsson, hat seine neue Stelle in Karlstad, Schweden angetreten. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Partner ...

John Adderly, ehemaliger FBI Agent und seit neuestem im Zeugenschutz unter dem Namen Fredrik Adamsson, hat seine neue Stelle in Karlstad, Schweden angetreten. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Partner Trevor, mit dem er gemeinsam als verdeckter Ermittler gegen die nigerianische Drogenmafia ermittelte. Trevor ist nach wie vor für die Nigerianer tätig und John ist sich nicht sicher, ob er ihm trauen kann oder ob Trevor auf die andere Seite übergewechselt ist.
Bei diesem Teil der Geschichte habe ich gemerkt, dass mir das Vorwissen aus Band 1 gefehlt hat, es hat aber nicht weiter gestört. Die Vorgänge um Johns getöteten Bruder und dessen Tochter, die nicht wissen darf, dass John ihr Onkel ist – warum eigentlich? – waren mir viel mehr ein Rätsel.
Während John noch mit seiner Vergangenheit und seiner eigenen Sicherheit befasst ist, geschieht ein Mord. Die erfolgreiche Betreiberin eines Datingportals kommt gewaltsam ums Leben. Es stellt sich heraus, dass sie am Ort des Geschehens ein „Date in the Dark“, also ein Rendezvous in völliger Dunkelheit, hatte. Hat die Person, mit der sie sich getroffen hat, Stella Bjelke ermordet? Und warum wurde ihr Gesicht kurz vor ihrem Tod noch mit Säure verunstaltet? Sollte sie ihrer Schwester Alicia ähnlich sehen, die als Kind schreckliche Verbrennungen im Gesicht erlitt? Während John ermittelt, stellt sich heraus, dass die nigerianische Mafia ihm tatsächlich auf den Fersen ist. John versucht alles, um seine Haut zu retten. Dies gelingt ihm jedoch nur, indem er Beweise manipuliert…
„Die andere Schwester“ ist ein spannender Kriminalroman, der mir gut gefallen hat. Bis zur Mitte des Buchs fand ich die Story auch durchaus glaubhaft, doch dann war für meine Begriffe so einiges unlogisch und daher nicht ganz nachvollziehbar. Das Buch hat mir jedoch spannende Lesestunden bereitet und ich werde Band 3 wahrscheinlich auch lesen.

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Veröffentlicht am 25.03.2022

Sommer an der amerikanischen Ostküste

Leo und Dora
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Es ist das Jahr 1948. Leo Perlstein, einst erfolgreicher Wiener Schriftsteller, der mittlerweile schon seit Jahren im Exil in Palästina als Versicherungsmathematiker sein Geld verdient, reist auf Einladung ...

Es ist das Jahr 1948. Leo Perlstein, einst erfolgreicher Wiener Schriftsteller, der mittlerweile schon seit Jahren im Exil in Palästina als Versicherungsmathematiker sein Geld verdient, reist auf Einladung seiner Agentin und guten Freundin Alma nach Sharon, Connecticut, um dort in Almas Haus einen Sommer weitab vom Alltag zu verbringen. Der Gedanke dahinter ist, dass Leo dort seine Schreibblockade überwinden soll. Doch als er in Sharon ankommt, teilt man ihm mit, dass besagtes Haus einem Brand zum Opfer gefallen ist und Leo stattdessen mit dem einzigen Gästehaus am Ort, dem etwas heruntergekommenen Roxy, vorliebnehmen muss. Da Hochsaison ist, muss sich Leo ausgerechnet mit dem letzten freien Zimmer, der Dachmansarde, begnügen. Zunächst ist er entsetzt – nicht nur von der bescheidenen Unterkunft, sondern auch von den anderen Gästen – hauptsächlich jungen Müttern mit ihrem lauten Anhang – dem Essen und den Gemeinschaftstischen. Doch langsam, aber sicher lässt er sich auf die neuen Lebensumstände ein und merkt, dass es ihm ganz guttut, einen Gang herunterzufahren und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Dora, die Besitzerin des Roxy, spielt ab und zu mit ihm Karten, ihr Ziehsohn Alfred fährt ihn (ohne Führerschein) in den nächstgrößeren Ort und er lernt das Professorenehepaar Geringer kennen, mit dem er sich anfreundet. Nur mit seiner Romanidee kommt er zunächst einfach nicht voran.
„Leo und Dora“ ist ein ruhiger Roman, in dem nichts Weltbewegendes passiert. Doch die kleinen Ereignisse, die Agnes Krup mit feinem Humor schildert, sind amüsant zu lesen. Der Leser erlebt mit, wie Leo nach und nach seine harte Schale ablegt und auch Dora beginnt, sich ein Privatleben außerhalb des Roxy zu gestatten. Das Buch schafft es hervorragend, die Atmosphäre der langen, trägen Sommertage und -abende zu vermitteln. Mir hat es gut gefallen, in diese Atmosphäre einzutauchen und mehr über das Leben der einzelnen Personen und die sich langsam entwickelnden Freundschaften zu erfahren.

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Veröffentlicht am 22.03.2022

(K)eine perfekte Familie

Eine perfekte Familie
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Joy und Stan Delaney gehen beide auf die 70 zu, sind jedoch noch äußerst rüstig. Kein Wunder, beide sind begeisterte Tennisspieler und waren erfolgreiche Trainer und Besitzer einer Tennisschule, die sie ...

Joy und Stan Delaney gehen beide auf die 70 zu, sind jedoch noch äußerst rüstig. Kein Wunder, beide sind begeisterte Tennisspieler und waren erfolgreiche Trainer und Besitzer einer Tennisschule, die sie vor kurzem verkauft haben. Anstatt ihren Ruhestand zu genießen, wissen sie nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Als eines Abends zu später Stunde eine blutende junge Frau hilfesuchend vor ihrer Haustür auftaucht – angeblich wurde ihr die Wunde von ihrem Freund beigebracht – nehmen Joy und Stan sie bei sich auf. Was als kurzfristige Lösung gedacht war, verlängert sich auf Wochen, denn Savannah macht sich bald unentbehrlich, indem sie kocht, putzt und Leben ins Haus bringt. Die erwachsenen Kinder der Delaneys finden das Arrangement ziemlich seltsam und beunruhigend, immerhin wissen ihre Eltern absolut nichts über die junge Frau. Dass die Skepsis berechtigt war, zeigt sich bald.
In einem zweiten Handlungsstrang erleben wir die Delaneys etwa ein Jahr später. Joy ist spurlos verschwunden. In der Zwischenzeit ist so manches passiert und es scheint nicht ganz unwahrscheinlich, dass Stan seine Frau ermordet haben könnte. Zumindest geht die Polizei stark davon aus, denn es finden sich mehrere Hinweise, die dies untermauern. Außerdem scheint Joy nicht die Art von Frau zu sein, die ohne Handy und völlig unangekündigt das Haus verlässt, um eine Auszeit zu nehmen.
Oder hat womöglich Savannah etwas mit Joys Verschwinden zu tun? Keiner weiß, wo sie sich aufhält, und da sie in der Vergangenheit nicht mit offenen Karten gespielt hat, wäre auch ihr einiges zuzutrauen.
Im Laufe der Geschichte lernen wir die Familie Delaney samt Anhang immer besser kennen. Vieles ist in Wirklichkeit ganz anders, als der erste Eindruck vermittelt.
Alles in allem fand ich das Buch spannend, doch streckenweise zieht sich die Handlung sehr dahin. Da ich keine Ahnung von Tennis habe, war mir auch dieser Aspekt manchmal zu ausführlich. Am Ende treffen ein bisschen viele Zufälle aufeinander, doch hat mir die Auflösung trotzdem ganz gut gefallen. Und mit den allerletzten Seiten schafft es Liane Moriarty noch einmal, den Leser zu überraschen. „Eine perfekte Familie“ hat mich gut unterhalten, ich fand es allerdings nicht ganz so packend wie einige von Moriartys früheren Büchern.

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Veröffentlicht am 20.03.2022

Faszinierende Lektüre

Tell
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Wir schreiben das Jahr 1307. Der Bergbauer Tell wohnt gemeinsam mit seiner Frau und drei Kindern sowie seiner Mutter und Schwiegermutter auf dem Tellenhof in den Bergen oberhalb des Vierwaldstetter Sees. ...

Wir schreiben das Jahr 1307. Der Bergbauer Tell wohnt gemeinsam mit seiner Frau und drei Kindern sowie seiner Mutter und Schwiegermutter auf dem Tellenhof in den Bergen oberhalb des Vierwaldstetter Sees. Das Leben ist hart, die Habsburger regieren mit harter Hand und ihre Schergen machen den Menschen das Leben so schwer wie sie nur können. Landvogt Gessler hat die Männer nicht im Griff, Harras und seine Handlanger ziehen als Plünderer und Vergewaltiger ungestraft durchs Land. Es ist harte Kost, was uns Joachim B. Schmidt hier auftischt, die Brutalität ist manchmal nur schwer zu ertragen.
Schmidts Erzählweise ist äußerst ungewöhnlich. In kurzen Sequenzen kommen viele unterschiedliche Personen zu Wort und jeder trägt einen Teil zum großen Ganzen bei. Tell selbst kommt zunächst nicht zu Wort, wir erleben ihn durch die Augen der anderen als mürrischen und harten Mann, der auch nicht davor zurückschreckt, seinen Stiefsohn, den Sohn seines verstorbenen Bruders Peter, mit harter Hand zu züchtigen. Um zu überleben, zieht er in die Berge, um verbotenerweise Wild zu schießen. Eines Tages begegnet er dabei Gessler und Harras. Während Gessler von Tell und seinem Sohn Walter beeindruckt ist, will Harras ihm eine Lektion erteilen. Er schickt seine „Männer“ (in Wirklichkeit handelt es sich um halbe Kinder) auf den Tellenhof, in der Hoffnung, dass es dort zu einem Blutvergießen kommen möge. Tells Mutter verhindert das Schlimmste, doch zahlt sie einen hohen Preis dafür.
Als Tell gemeinsam mit Walter kurz darauf auf den Markt geht, um eine Kuh zu verkaufen, sieht er den Hut nicht, vor dem sich jeder verbeugen soll als Zeichen der Ehrfurcht vor den Habsburgern. Gesslers Strafe besteht darin, dass Tell seinem Sohn mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf schießen muss. Dass der Sohn überlebt, ist hinlänglich bekannt, doch Harras will es nicht bei dieser einen Strafe belassen, er will an Tell ein Exempel statuieren.
Diese Neufassung von Tell liest sich spannender als so mancher Thriller. Es ist ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. 5 Sterne und absolute Leseempfehlung!

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