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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2018

Cui bono

Schweigegelübde (Ein Emma-Vaughan-Krimi 2)
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Die Polizei in Sligo ist einem Todesengel auf der Spur. Im Krankenhaus sterben immer wieder Patienten, die auf dem Weg der Besserung waren. Deshalb nehmen die Kommissarin Emma Vaughan und ihre Kollegen ...

Die Polizei in Sligo ist einem Todesengel auf der Spur. Im Krankenhaus sterben immer wieder Patienten, die auf dem Weg der Besserung waren. Deshalb nehmen die Kommissarin Emma Vaughan und ihre Kollegen die Belegschaft und Besucher unter die Lupe. Cui bono, fragen sie sich. Wer profitiert von den Toden?
Kommissare in Romanen müssen sich durch irgendeine Eigenschaft aus der Masse hervorheben, das scheint ein ehernes Gesetz zu sein. Geschieden sind sie fast alle, die meisten trinken zu viel, und in diesem Roman ist die Ermittlerin Emma tablettensüchtig. Statt zu frühstücken, wirft sie Oxycodin ein. Ihre Sucht geht so weit, dass sie sich sogar an den Vorräten in der Asservatenkammer bedient.
Auch was ihre Ermittlungsmethoden anbelangt, nimmt es Emma nicht so genau. So stiftet sie zum Beispiel die Freundin ihres Sohnes dazu an, Emailkonten zu hacken. Dass die Jugendlichen dabei an vertrauliche (und in einem Fall ziemlich peinliche) Informationen gelangen, scheint sie nicht weiter zu stören.
Da ich den ersten Roman um Emma Vaughan nicht gelesen habe, haben mich die vielen Verweise auf dieses Buch gestört. „Die Frau mit dem dicken roten Zopf“, die immer wieder vor Emmas geistigem Auge erscheint, mag Lesern des ersten Bands etwas sagen, mich hat die ständige Wiederholung dieser Vision einfach nur genervt.
Emma selbst ist mir ziemlich unsympathisch. Sie scheint über den Gesetzen zu stehen und in ihrer Dienststelle alle anderen für Trottel zu halten. Einzige Ausnahme ist ihr Partner James, dem sie es allerdings übel nimmt, dass er sich mehr für die attraktive Aoife als für sie interessiert.
Die Leseprobe des Romans hatte mir gut gefallen. Ich versprach mir einen spannenden Krimi vor der malerischen Kulisse Irlands. Leider sucht man Spannung in diesem Roman vergebens. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, es werden einige falsche Fährten gelegt, manche davon verlaufen einfach im Sand ohne jemals aufgelöst zu werden. Alles in allem eine eher enttäuschende Lektüre.

Veröffentlicht am 01.04.2018

Berührende Schicksale

Der Zopf
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Das Buch führt uns in drei verschiedene Länder und erzählt die Schicksale dreier Frauen: Giulia aus Sizilien, Smita aus Indien und Sarah, die in Montreal, Kanada, lebt. Alle stehen an einem Scheidepunkt ...

Das Buch führt uns in drei verschiedene Länder und erzählt die Schicksale dreier Frauen: Giulia aus Sizilien, Smita aus Indien und Sarah, die in Montreal, Kanada, lebt. Alle stehen an einem Scheidepunkt in ihrem Leben. Die Herausforderungen, die sich ihnen stellen, sind völlig unterschiedlich, doch alle drei beschließen, sich nicht einfach in ihr Schicksal zu fügen, sondern zu kämpfen.
Zunächst dachte ich, das Buch ist zu kitschig für meinen Geschmack, denn ich habe schon nach der Leseprobe geahnt, wie sich die Geschichten miteinander verknüpfen. Aber ich habe mich getäuscht: „Der Zopf“ ist ein wunderschöner und berührender Roman, den man nicht aus der Hand legen kann.
Was mir besonders naheging, ist die Schilderung der Dalits, der „Unberührbaren“ Indiens. Es ist kaum vorstellbar, unter welchen Bedingungen diese Menschen selbst heute noch leben. Auch die Vergewaltigungen und die allgemeine Frauenfeindlichkeit, die in Indien herrscht und von denen die Medien immer wieder berichten, sind ein Thema, das zur Sprache kommt. Doch die Dalit Smita will sich nicht mit ihrer Rolle abfinden, und vor allem soll ihre Tochter einmal ein besseres Leben führen als sie. Dafür nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und ihr Schicksal in die Hand.
Sarah, Anwältin und Karrierefrau, mangelt es nicht an Geld und Prestige, doch sie wird krank, und ihr Leben verändert sich von heute auf morgen grundlegend.
Giulia wiederum muss als 20jährige den traditionsreichen Familienbetrieb übernehmen. Auch sie steht vor einer große Entscheidung und muss sich gegen erhebliche Widerstände behaupten.
Alle drei Frauen haben eines gemeinsam: Sie sind Einzelkämpferinnen und geben nicht auf.
„Der Zopf“ ist ein beachtlicher Debütroman, den ich an einem Abend gelesen habe und wirklich empfehlen kann.

Veröffentlicht am 30.03.2018

Die Geister, die ich rief...

Das Eis
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Da ich noch nie ein Buch gelesen hatte, das in der Arktis spielt, war ich sehr gespannt auf „Das Eis“. Die Leseprobe hatte mir sehr gut gefallen, doch als ich dann das Buch las, fiel es mir zunächst schwer, ...

Da ich noch nie ein Buch gelesen hatte, das in der Arktis spielt, war ich sehr gespannt auf „Das Eis“. Die Leseprobe hatte mir sehr gut gefallen, doch als ich dann das Buch las, fiel es mir zunächst schwer, in das Geschehen hineinzukommen. Ich wusste zuerst nicht, wer wer ist, und die Zeitsprünge, die oft nicht einmal als solche gekennzeichnet sind, waren ebenfalls sehr verwirrend. Doch nach diesem etwas mühsamen Einstieg hat mich das Buch gefesselt.
Zu Beginn erleben wir eine Gruppe wohlhabender Kreuzfahrttouristen in der Arktis, die unbedingt einen vom Werbeprospekt versprochenen Eisbären in natura sehen möchte. Mittels Drohne wird ein Eisbär ausgemacht und, quasi als Zugabe, erlebt die Gruppe noch die Kalbung eines Eisbergs, bei der die Leiche eines vor Jahren verunglückten und verschollenen Umweltaktivisten freigelegt wird.
Das Buch beleuchtet die Hintergründe seines Todes, aber auch die diversen politischen und wirtschaftlichen Interessen in der Arktis. War Tom Hardings Tod in einer zusammenstürzenden Eishöhle durch die Klimaerwärmung und das dadurch in die Höhle eindringende Wasser bedingt? Oder handelt es sich um ein Verbrechen, um zu verhindern, dass Harding Informationen öffentlich macht, die eine Gruppe von Investoren mit aller Macht geheim halten möchte?
Einer der Investoren ist Sean Cawson, ein langjähriger Freund Hardings, dem es gelungen war, Harding von seinem Projekt, einer mit der Natur im Einklang stehenden Luxus-Lounge mitten in der Arktis, zu überzeugen. In den Jahren davor hatten die Freunde sich aus den Augen verloren bzw. waren sich aus dem Weg gegangen. Was war zwischen ihnen passiert?
Eine Gerichtsverhandlung, in der die Umstände von Hardings Tod geklärt werden sollen, gibt letztendlich Aufschluss über die Geschehnisse und die erschreckenden und skrupellosen Machenschaften gewisser Investoren. Obwohl die Geschichte fiktiv ist, werden genügend Fakten genannt, die – ohne erhobenen Zeigefinger – dem Leser bewusst machen, wie fragil und gefährdet das Ökosystem der Arktis ist. Ein spannendes und informatives Buch, absolut lesenswert.

Veröffentlicht am 18.03.2018

Skurrile Engländer

Die Morde von Pye Hall
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Alan Conway, der Bestsellerautor der Atticus Pünd Detektivreihe, ist tot. Da er einen Brief hinterlässt, in dem er von seiner unheilbaren Krankheit berichtet, scheint der Fall klar: er hat Selbstmord begangen. ...

Alan Conway, der Bestsellerautor der Atticus Pünd Detektivreihe, ist tot. Da er einen Brief hinterlässt, in dem er von seiner unheilbaren Krankheit berichtet, scheint der Fall klar: er hat Selbstmord begangen. Doch Susan Ryleland, seine langjährige Lektorin bei Cloverleaf Books, will sich damit nicht zufrieden geben und versucht, mehr über Conways letzten Tage und sein Leben zu erfahren. Außerdem fehlen die letzten zwei Kapitel in Conways achtem und letzten Buch, ohne die das Buch natürlich nicht veröffentlicht werden kann, was einen herben finanziellen Verlust für Cloverleaf bedeuten würde. Susan macht sich also auf die Suche nach den verschwundenen Seiten und fördert dabei so manche Überraschung zutage...

Das Buch ist sehr ungewöhnlich aufgebaut, es handelt sich sozusagen um einen Roman im Roman. Da ist zunächst Susans Erzählung der Ereignisse und eine Beschreibung ihrer Lebensumstände. Dann folgt das unvollständige Manuskript der Morde von Pye Hall. Hier treffen wir so manchen skurrilen Zeitgenossen, der durchaus Grund gehabt hätte, dem Gutsbesitzer von Pye Hall nach dem Leben zu trachten. Natürlich gab es zuvor schon einen weiteren ungeklärten Todesfall, denn Mary Blakiston, die Haushälterin von Pye Hall, wurde mit gebrochenem Hals im Gutshaus aufgefunden. Hatte sie ebenfalls Feinde oder war es tatsächlich ein Unfall? Und was ist mit dem Einbruch im Gutshaus? Wie hängt er mit den Todesfällen zusammen oder haben die Ereignisse womöglich gar nichts miteinander zu tun? Detektiv Atticus Pünd und sein Assistent Fraser ermitteln.

Zum Schluss kommt dann noch einmal Susan Ryeland zu Wort, deren Leben sich aufgrund der Ereignisse vollkommen verändert hat.
„Die Morde von Pye Hall“ sind ein ungewöhnliches und größtenteils kurzweiliges Buch, allerdings wurde für meinen Geschmack im „Atticus Pünd“ Teil mancher Hinweis zu oft wiederholt, um den Leser durch falsche Spuren in die Irre zu führen.
Nichtsdestotrotz hat mir dieser Roman vergnügliche Lesestunden beschert.

Veröffentlicht am 02.03.2018

Geht unter die Haut

Fliegende Hunde
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Oksana und Lena, zwei russische Teenager aus einer Vorstadt von St. Petersburg, kennen sich schon so lange sie denken können. Sie sind beste Freundinnen und teilen alles. Dann erhält Lena die Chance, als ...

Oksana und Lena, zwei russische Teenager aus einer Vorstadt von St. Petersburg, kennen sich schon so lange sie denken können. Sie sind beste Freundinnen und teilen alles. Dann erhält Lena die Chance, als Model nach Shanghai zu gehen und Oksana bleibt allein zurück. Sie fühlt sich von ihrer Freundin im Stich gelassen. In ihrer Vorstellung lebt Lena in China ein Leben in Glanz und Glamour. Um ebenfalls Chancen auf eine Modelkarriere zu haben, beginnt Oksana mit einer radikalen Diät, die an Zynismus nicht zu überbieten ist. Sie registriert sich auf einer Website für Abnehmwillige und Magersüchtige, deren Diät darin besteht, nur das zu essen, was die Menschen im Krieg während der Belagerung von St. Petersburg zur Verfügung hatten.
Lena lebt derweil in einer beengten Wohngemeinschaft mit anderen Models in einem tristen Vorort von Shanghai. Bei Eiseskälte muss sie halbnackt posieren, um einen der wenigen begehrten Jobs zu ergattern und die Kosten abzuarbeiten, die der Agentur bisher durch sie entstanden sind. Bald erfährt sie, dass bei den sogenannten „After Work Partys“ von ihr mehr als Posing erwartet wird.
Als sie nach drei Monaten die Chance bekommt, für eine Weile nach Hause zu fliegen, lässt sie ihre Familie und Oksana in dem Glauben, dass alles in bester Ordnung ist. Doch Lena und Oksana haben sich verändert und nach der anfänglichen Euphorie über das Wiedersehen ist nichts mehr wie früher.
„Fliegende Hunde“ ist ein sehr eindringliches Buch, das unter die Haut geht. Es sollte Pflichtlektüre für Möchtegern-Models und Magersüchtige sein. Man bekommt Einblicke in eine erschreckende und menschenverachtende Welt.
Die Beschreibungen der Zustände während der Belagerung St. Petersburgs durch die deutschen Truppen gingen mir sehr nahe. Welch ein schrecklicher Gedanke, dass unsere Vorfahren ein solches Verbrechen verschuldet haben!
Ich habe dieses Buch auf einen Rutsch durchgelesen, ich konnte es nicht aus der Hand legen.