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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.11.2017

Schmetterlingseffekt

Drei Tage und ein Leben
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Nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings löst hier eine Katastrophe aus, sondern ein Hund, der angefahren und anschließend anstatt von seinem Besitzer zum Tierarzt gebracht von diesem erschossen wird. ...

Nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings löst hier eine Katastrophe aus, sondern ein Hund, der angefahren und anschließend anstatt von seinem Besitzer zum Tierarzt gebracht von diesem erschossen wird. Den 12jährigen Antoine stürzt dies in ein schreckliches Gefühlschaos, war der Hund doch sein treuer Begleiter und bester Freund. Außer sich vor Trauer schlägt Antoine um sich und erschlägt dabei den 4jährigen Nachbarsjungen Rémy mit einem Ast. Um seine Tat zu vertuschen, versteckt er die Leiche des Jungen. Eine großangelegte Suchaktion beginnt. Antoine ist sich sicher, dass er bald als Täter entlarvt wird und erleidet Höllenqualen. Er erwägt zu fliehen oder sich umzubringen.
Sturm Lothar, der im Dezember des Jahres 1999 über Westeuropa fegt, kommt ihm zu Hilfe, denn er verwüstet Antoine und Rémys Heimatort und verwischt Spuren. Der Mord ist auch Jahre später noch unaufgeklärt, doch die Angst vor der Entdeckung hängt wie ein Damoklesschwert über Antoines Leben.
Antoine hat mittlerweile Medizin studiert und eine Frau getroffen, die er heiraten möchte, da führt ihn das Schicksal zurück in seinen Heimatort und er erkennt, dass die Tat von damals sein Leben immer noch grundlegend beeinflusst...
Drei Tage und ein Leben ist ein außergewöhnliches Buch, wortgewaltig und intensiv. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 18.11.2017

Dystopisches Deutschland

Leere Herzen
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Britta Söldner (nomen est omen) betreibt mit ihrem Geschäftspartner Babak eine psychologische Beratungspraxis, „die Brücke“, zumindest soll es nach außen diesen Anschein haben. Lange weiß der Leser nicht, ...

Britta Söldner (nomen est omen) betreibt mit ihrem Geschäftspartner Babak eine psychologische Beratungspraxis, „die Brücke“, zumindest soll es nach außen diesen Anschein haben. Lange weiß der Leser nicht, womit die beiden eigentlich ihr Geld verdienen, selbst Brittas Ehemann weiß nicht Bescheid und er scheint sich auch nicht sonderlich für Brittas Geschäfte zu interessieren, solange die Finanzen stimmen.

Im ersten Kapitel wird im Leipziger Hauptbahnhof ein Anschlag verübt, was Britta und Babak extrem beunruhigt. Was haben die beiden damit zu tun? Sie wüssten gerne Details zu dem Anschlag, warum recherchieren sie die Hintergründe nicht im Internet?

Es wird klar, dass im Deutschland des Jahres 2025 jede digitale Bewegung aufgezeichnet wird, der gläserne Mensch ist längst Realität. An der Regierung ist die politisch rechte BBB, die Besorgte Bürger Bewegung. Grundrechte wurden beschnitten, der Import von ausländischem Bier soll verboten werden (Germany first?), doch, man höre und staune, in Deutschland gibt es das bedingungslose Grundeinkommen.
Die Menschen sind politikverdrossen und mit ihrem Leben unzufrieden, die Selbstmordrate ist extrem hoch. Und genau hier kommt die Brücke ins Spiel. Wenn sich Leute umbringen wollen, warum nicht Profit daraus schlagen?
Das Geschäftsmodell ist erfolgreich und andere wollen auch ihren Teil des Kuchens abbekommen. Britta und Babak geraten in Gefahr und müssen fliehen...

Ich hatte mich sehr auf das neue Buch von Juli Zeh gefreut. „Unterleuten“ war für mich eines der Buch-Highlights des vergangenen Jahres gewesen. So hatte ich gehofft, dass mich das neue Buch ähnlich begeistert, aber dies ist leider nicht der Fall.
Ich nehme an, Juli Zeh will mit diesem Buch aufrütteln, „Seht her, was geschieht, wenn ihr nicht wählen geht!“ Da das Buch gerade einmal 8 Jahre in der Zukunft spielt, ist die nächste Botschaft „Und macht euch bewusst, wie schnell das alles passieren kann“. Mir war das alles ein bisschen zu viel Moral und erhobener Zeigefinger. Vor die Wahl gestellt, ob die Leute lieber das Wahlrecht oder eine Waschmaschine möchten, entscheidet sich laut Buch die große Mehrheit für die Waschmaschine. Was ist das überhaupt für eine lächerliche Alternative? Genauso gut könnte man fragen „wollt ihr lieber essen oder wählen gehen?“, da wäre die Antwort doch auch von vornherein klar.

Der Anfang des Buchs hat mir gut gefallen. Die beiden Familien, die zusammen essen, zunächst wirkt alles sehr idyllisch, wenn da nicht die beiden kleinen Mädchen wären, die ein Computerspiel spielen und hin und wieder „Kollateralschaden“ juchzen. Brittas Reinlichkeitswahn ist auch befremdlich. Unterschwellig merkt man schon, dass die Idylle trügt. Britta wirkt kühl, arrogant und berechnend. Sie schaut auf ihre angeblich beste Freundin Janina herab, deren großer Traum es ist, mit ihrer Familie in einem Häuschen auf dem Land zu leben. Dabei ist Janina noch die sympathischste Person im ganzen Buch, während mir Britta immer unsympathischer wurde.

Das Ende ist unerwartet, lässt aber viele Fragen offen. Ich habe dieses als „Politthriller“ beworbene Buch trotz mancher Längen zu Ende gelesen, fand es aber nicht sonderlich spannend. Sprachlich gut, von der Idee her auch, aber es konnte mich nicht fesseln.

Veröffentlicht am 10.11.2017

Selbstfindung auf den Orkneyinseln

Nachtlichter
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In ihrem autobiographischen Roman schildert Amy Liptrot ihren Weg von einem alkoholabhängigen Leben in London zum Entzug und zurück zu ihren Wurzeln auf den kargen Orkney-Inseln im Norden Großbritanniens.
Zunächst ...

In ihrem autobiographischen Roman schildert Amy Liptrot ihren Weg von einem alkoholabhängigen Leben in London zum Entzug und zurück zu ihren Wurzeln auf den kargen Orkney-Inseln im Norden Großbritanniens.
Zunächst fiel es mir schwer, mich auf dieses Buch einzulassen. Amy Liptrot beschreibt ihre Alkoholexzesse so distanziert, als ob sie jemand anderem passiert wären. Der Leser erhält die nackten Fakten, Gefühle kommen nicht ins Spiel. Dies hat es mir sehr schwer gemacht, Empathie mit der Autorin zu empfinden. Trotzdem hat es mich schockiert zu lesen, wie sehr ein alkoholabhängiger Mensch seiner Sucht ausgeliefert ist. Als Amy Liptrot betrunken um Haaresbreite einer Vergewaltigung entgeht, ist ihr erster Gedanke danach, die glückliche Wendung in einer Bar zu feiern.
Nachdem sie alkoholbedingt ihren Job verliert und die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche geht, schafft sie den Entzug und beschließt, dorthin zurückzukehren, von wo sie als Jugendliche gar nicht schnell genug wegkommen konnte: in ihre Heimat, den Orkney-Inseln. Dort gibt es zwar keine Versuchung in Form von Nachtclubs oder Bars, trotzdem ist das Verlangen nach Alkohol ständig präsent und natürlich wäre es ihr ein Leichtes, sich auch auf Orkney mit Alkohol einzudecken. Doch Amy Liptrot schafft es stark zu bleiben. Die Lücke, die der Alkohol und all die damit verbundenen Highs in ihrem Leben hinterlassen hat, versucht sie nun mit Anderem zu füllen: stundenlangen Wanderungen durch die karge Landschaft, die Beobachtung seltener Vogelarten und der Gestirne, Schwimmen und Schnorcheln im eiskalten Meer.
Diesen Aspekt des Buchs habe ich sehr genossen. Die detaillierten Schilderungen der einzelnen Inseln und ihrer Geschichte und Tierwelt sind wirklich sehr interessant. Auch die Tatsache, dass die Autorin über ihr Smartphone ständig den Kontakt zur Außenwelt hält und sie mit Hilfe bestimmter Apps zum Beispiel die Sternenkonstellationen bestimmen kann, fand ich faszinierend. Anscheinend ist es einfacher, auf der allerkleinsten Orkneyinsel eine verlässliche Internetverbindung zu haben als hier auf dem Land mitten in Deutschland!
„Nachtlichter“ ist ein durchaus interessanter und lesenswerter Roman. Dass das Buch, wie vom New Statesman angekündigt, „ein zukünftiger Klassiker“ wird, glaube ich allerdings nicht.

Veröffentlicht am 31.10.2017

Skurriles Ermittlerduo

Crimson Lake
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Nach unzähligen depressiven, versoffenen und geschiedenen oder verwitweten Ermittlern im kalten Skandinavien begegnet dem Leser hier ein vollkommen neues und anderes Ermittlerduo: die Australier Amanda ...

Nach unzähligen depressiven, versoffenen und geschiedenen oder verwitweten Ermittlern im kalten Skandinavien begegnet dem Leser hier ein vollkommen neues und anderes Ermittlerduo: die Australier Amanda und Ted. Amanda saß jahrelang wegen Mordes im Gefängnis, während Ted vorgeworfen wird, ein junges Mädchen entführt und brutal missbraucht zu haben. Beide lernen sich in der Kleinstadt Crimson Lake im heißen Norden Australiens kennen. Amanda arbeitet als Privatdetektivin, der frühere Polizist Ted steigt bei ihr ein.
Von Ted wissen wir von Anfang an, dass er es nicht gewesen ist und unschuldig in Untersuchungshaft saß. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, die früheren Kollegen, die ihm die Tat durchaus zutrauen, aber nicht beweisen können, haben sich von ihm abgewendet. Sein Leben liegt in Scherben, als er sich eine Bruchbude am Rande eines von Krokodilen bevölkerten Mangrovenwaldes in Crimson Lake kauft.
Bei der vollkommen durchgeknallten Amanda weiß man als Leser nicht so recht, woran man ist, denn sie bezeichnet sich selbst als Mörderin. Hat sie tatsächlich als Teenager eine Schulkameradin brutal erstochen?
Als Ted Amanda kennenlernt, ermittelt sie gerade im Fall eines verschwundenen Bestsellerautors. Ted ist froh, von seinem wenig erfreulichen Privatleben abgelenkt zu werden und befasst sich ebenfalls mit dem seltsamen Fall. Gleichzeitig versucht er mehr über Amandas Vergangenheit herauszufinden und auch Amanda will mehr über Ted und das ihm vorgeworfene Verbrechen erfahren...
Vor dem Hintergrund der schwülen Hitze Queenslands, der nachts in den Mangrovenwäldern bellenden Krokodile und der mannshohen Riesenvögel Kasuare, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte, entwickelt sich ein spannender Kriminalroman, dessen einziges Manko meiner Meinung nach die Auflösung eines lange zurückliegenden Mordfalls ist. Es erscheint mir äußerst unwahrscheinlich, dass die damals Beteiligten so lange geschwiegen haben sollen, zumal sie selbst ein Interesse daran gehabt haben müssen, die Schuldigen hinter Gittern zu sehen. Aber abgesehen davon hat mir die Lektüre dieses Buchs, das in einem mir unbekannten Teil der Welt spielt und das ich schon deshalb sehr interessant fand, gut gefallen.

Veröffentlicht am 27.10.2017

Hakan Nesser in Bestform

Der Fall Kallmann
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Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, ...

Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, erzählt ihm von einer freien Lehrerstelle an ihrer Schule in der Kleinstadt K. und Berger nutzt die Chance, bewirbt sich darauf und wird genommen.
Bald erfährt er, dass sein bei den Schülern äußerst beliebter Vorgänger an der Schule, Eugen Kallmann, unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Als Berger beim Ausräumen von Kallmanns Schreibtisch auf dessen Tagebücher stößt, ist sein Interesse geweckt und er beginnt, gemeinsam mit Ludmilla und einem weiteren Kollegen Kallmanns Leben und Tod unter die Lupe zu nehmen.
Vieles in den Tagebüchern erscheint ihnen wie Fiktion. Beispielsweise behauptet Kallmann, er könne erkennen, wenn ein Mensch ein Mörder ist, indem er ihm in die Augen blickt. Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion? Sie stellen fest, dass keiner den Kollegen Kallmann wirklich gut gekannt hat, obwohl er mehr als 25 Jahre an der Schule tätig war.
Der Kriminalfall Kallmann, sofern es sich wirklich um einen solchen handelt, sowie weitere ungeklärte Verbrechen bilden das Gerüst dieses Romans, stehen jedoch nicht im Vordergrund. Liebhaber von möglichst grusligen und spektakulären Thrillern, in denen viel Blut fließt, werden an diesem Buch keine Freude haben. Die Personen und ihre Lebensumstände werden genau und äußerst humorvoll beschrieben. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst und manchmal nicht sonderlich viel passiert, sondern vielmehr die Gedanken und das Seelenleben der einzelnen Personen beleuchtet werden, hat mir das Lesen jeder einzelnen Seite Spaß gemacht. Nesser ist ein Schriftsteller, dessen Bücher von gleichbleibend hoher Qualität sind. Ich habe jedes seiner Bücher gelesen, dieses hat mir sprachlich besonders gut gefallen, was nicht zuletzt der hervorragenden Übersetzung von Paul Berf geschuldet ist. Ein großer Lesegenuss für alle Nesser-Fans!