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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.06.2023

2,5 Sterne für einen Commissario in der Findungsphase

Abschied auf Italienisch
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Commissario Vito Grassi flüchtet mit seinem kleinen E-Auto in die Provinz, fern ab von Ladegräten, asphaltierten Straßen und seiner Ehe, die kurz vor dem Scheitern steht. Er zieht in das Haus von seinem ...

Commissario Vito Grassi flüchtet mit seinem kleinen E-Auto in die Provinz, fern ab von Ladegräten, asphaltierten Straßen und seiner Ehe, die kurz vor dem Scheitern steht. Er zieht in das Haus von seinem verstorbenen Vater und wird dort direkt mit Vorfällen konfrontiert, die ihn (heraus)fordern und zwingen sich schnell "einzuleben".

Andrea Bonetto hat einen schwer zugänglichen Commissario geschaffen. Seine etwas plumpe Art, sein leichte Überheblichkeit und das fehlende Gespür für seine Mitmenschen lassen ihn auf seine Kolleg*innen und mich wenig sympathisch wirken. Auch die anderen Charaktere wirken etwas blass und wenig mitreißend. Die Ermittlungen werden, gefühlt, ohne große Begeisterung durchgeführt und kleine Vorstöße durch Machtgerangel und Revieransprüche ausgebremst. Das Ende war wenig spektakulär und fesselnd.

Was jedoch gut gelungen war, waren die Beschreibungen der Natur, der Region Ligurien und des Essens. Das italienische Leben, das verführerische Essen, der gute Kaffee - la Dolce Vita.

Für einen Krimi war es mir jedoch zu wenig an Spannung, an interessanten Verwicklungen und temporeichen Ermittlungen. Für eine Familiengeschichte a la Commissario Brunetti fehlten die interessanten Charaktere.

Da es eine Reihe werden soll, gibt es noch die Hoffnung, dass die Charaktere sich weiterentwickeln und die Fälle spannender werden.

Veröffentlicht am 23.06.2023

Wiener Charme mit Ecken und Kanten

Wiener Wunder
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Kein Krimi für mal fix zwischendurch. Hier muss man dranbleiben und möglichst am Stück lesen, um in einen guten Leseflow zu kommen. Dann entfaltet sich der Schreibstil erst richtig. Der Humor und die Spitzen, ...

Kein Krimi für mal fix zwischendurch. Hier muss man dranbleiben und möglichst am Stück lesen, um in einen guten Leseflow zu kommen. Dann entfaltet sich der Schreibstil erst richtig. Der Humor und die Spitzen, die der österreichische Autor in (fast) alle Richtungen verteilt, können dann so richtig gut wirken.

Als Thema nimmt er ein heißes Eisen. Viele wissen es, kaum einer möchte es wahrhaben. Es würde das schöne und saubere Bild vom Sport zerstören. Und doch gerät Doping immer wieder in die Schlagzeilen. So, wie in diesem Krimi. Die Stricke sind über viele Ecken gespannt und bis Groschen da komplett durchsteigt, dauert es etwas.

Der Schreibstil und die Sprache von Franzobel sorgen dafür, dass man die Charaktere sieht und das bissige Wien spürt. Die genauen Beobachtungen und Beschreibungen lassen den Wiener Krimi lebendig werden. Den Wiener Charme lässt er etwas bröckeln, dafür bekommt man eine gute Portion Realität auf den Tisch gelegt, was mir sehr gut gefallen hat.

Ein unterhaltsamer, gut geschriebener und verzwickter Fall, der den Lesenden spekulieren lässt, ob es Parallelen zum realen Leben gibt. Nicht mein letzter Franzobel.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.06.2023

Zwischen Mord und Ehebruch

Ausgeträllert
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Die Wienerin Samantha Sauer hat es nicht leicht. Als alleinerziehende Mutter von einem Teenager und als Tochter von einer quirligen Mutter muss sie sich immer wieder durchsetzen und beweisen. Dazu kommt ...

Die Wienerin Samantha Sauer hat es nicht leicht. Als alleinerziehende Mutter von einem Teenager und als Tochter von einer quirligen Mutter muss sie sich immer wieder durchsetzen und beweisen. Dazu kommt noch ein Chef, der es mit der Pünktlichkeit und den Arbeitsstunden genau nimmt. Um die Haushaltskasse etwas aufzubessern, arbeitet Samantha als Privatdetektivin. Sie ist dabei auf Ehebruch spezialisiert, was sie jedoch nicht abhält, auch mal einen Mord aufklären zu wollen. Sehr zum Missfallen des eigentlichen Ermittlers, der auch noch gut ausschaut, findet sie nach und nach die kleinen Puzzelteile, die das ganze Verbrechen aufklären könnten.

Es ist ein leichter unterhaltsamer Krimi, der keine Gänsehaut oder schlaflose Nächte beschert. Jedoch ist er von der Autorin so gut geschrieben, dass man schon mal eine Nacht durchlesen kann (was ja dann auch zu einer schlaflosen Nacht führt). Neben dem leicht verrückten Fall gibt es eine kleine und zarte Liebesgeschichte, einige unterhaltsame Nebencharaktere, die die Geschichte würzen und mit Samantha Sauer auch eine "Ermittlerin", die gekonnt einige Fettnäpfchen mitnimmt. Als Sahnehäubchen spielt die Geschichte in Wien und so wandelt (sorry, ermittelt) man mit Samantha durch Wien und dank des Stadtplans weiß man beim nächsten Urlaub, wo sich die Tatorte befinden, die man unbedingt besuchen sollte.

Ich hoffe, dass Samantha Sauer noch einmal in eine Mordermittlung schlittert und ich ihr wieder folgen kann.

Veröffentlicht am 29.05.2023

Auf Wiedersehen, Re´becka!

Wer ohne Sünde ist
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Auf Wiedersehen, Rebecka Martinsson. Ich habe gern mit dir ermittelt und die Nadel im Heuhaufen gesucht. Oft habe ich deinen Scharfsinn, deine Kombinationsgabe und deine Sturheit bewundert. Dein Charakter ...

Auf Wiedersehen, Rebecka Martinsson. Ich habe gern mit dir ermittelt und die Nadel im Heuhaufen gesucht. Oft habe ich deinen Scharfsinn, deine Kombinationsgabe und deine Sturheit bewundert. Dein Charakter war nicht einfach, manchmal grenzwertig und schwer zu ertragen. Dein Privatleben ein stetiges Auf und Ab, aber gemocht habe ich dich trotzdem. Schade, dass du nun in Krimirente gehst

Der letzte Fall von Rebecka hat es in sich. Sie ist persönlich involviert und fordert noch einmal alles von ihr. Zusätzlich versucht ein Kollege sie ins Abseits zu drängen. Mit Anna-Maria Mella hat sie Probleme und in ihrem Privatleben läuft es auch nicht gut. Sie ermittelt für Lars Pohjanen, wenn auch nur widerwillig. Aber je tiefer sie gräbt, umso gefährlicher wird es für das Ermittlerteam.

Åsa Larsson hat einen spannenden Fall entwickelt. Die Charaktere werden mit jeder Seite mehr, der Durchblick schwieriger und am Ende gibt es dann doch noch eine kleine Überraschung. Was mir an den Krimis von Åsa Larsson besonders gefällt, ist ihre Nähe zur Realität. Nicht jeder Täter bekommt seine Strafe, nicht jedes Opfer erfährt Gerechtigkeit. Sie kritisiert immer wieder (zwischen den Zeilen) politische Entscheidungen der schwedischen Regierung. Sie zeigt die Lücken und Missstände auf und lässt am Ende doch dem Lesenden noch seine Hoffnung, dass alles gut werden kann.

Veröffentlicht am 29.05.2023

Eine lange und gute Geschichte

Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann
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Eine opulente Geschichte, die jetzt erst nach über 70 Jahren Verschluss ihre Veröffentlichung bekommt. Der Autor János Székely erzählt auf über 600 Seiten eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrhunderte ...

Eine opulente Geschichte, die jetzt erst nach über 70 Jahren Verschluss ihre Veröffentlichung bekommt. Der Autor János Székely erzählt auf über 600 Seiten eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Es gibt immer wieder Rückblicke in die Jahre 1514 und 1848. Sie erzählen stets von einem ungarischen Dorf, welches bereits seit Jahren von der Grafschaft unterdrückt und ausgebeutet wird. Jedoch wehren sich die Bauern kaum. Sie ertragen es, hungern und sterben in bitterer Armut. Aber es gibt auch immer wieder Männer und Frauen, die sich zur Wehr setzen und in der fortlaufenden Geschichte als Helden verehrt werden. Besonders Dani Kurucz taucht bei den Dorfbewohner:innen immer wieder in den Erinnerungen und Geschichten auf. Wird er auch 1944 wieder auftauchen und die Bauern beschützen?

János Székely hat bereits mit seinem Buch "Verlockung" gezeigt, was er für ein unglaublich guter Erzähler er ist. Er beschreibt die Charaktere und die Umgebung so detailliert und lebensnah, dass man sich schnell ein entsprechendes Bild erschaffen kann. Die Charaktere sind vielfältig und spiegeln die verschiedenen Gesellschaftsschichten Ungarns wider. Es gibt viele Charaktere, die man nur schwer ertragen kann und Charaktere, denen man gern folgt. Man lernt einiges über die politischen und gesellschaftlichen Konflikte, aber auch Traditionen von Ungarn.

János Székely hat dieses Buch nicht mehr veröffentlichen können. Es wurde erst jetzt entdeckt und von Ulrich Blumenbach übersetzt. Vielleicht hat man sich deshalb nicht an eine Kürzung des Textes gewagt, denn leider waren manche Szenen zu lang und ausschweifend. Andere Szenen wiederholten sich in den Jahren. Eine Straffung hätte der Geschichte gut getan. Ich kann jedoch auch verstehen, dass man posthum keine Kürzung vornehmen möchte bzw. kann.

Trotz mancher ausschweifenden Passagen ist es eine lesenswerte Geschichte, da János Székely ein phantastischer Erzähler ist, dessen Geschichten man gelesen haben sollte.