Inhalt:
Alles wirkt sonnenklar, Albert Schettler ist eines natürlichen Todes gestorben und die Nachlassverwalterin Kristina Mahlo kann den Fall schnell abschliessen. Lediglich seine Paranoia weist darauf ...
Inhalt:
Alles wirkt sonnenklar, Albert Schettler ist eines natürlichen Todes gestorben und die Nachlassverwalterin Kristina Mahlo kann den Fall schnell abschliessen. Lediglich seine Paranoia weist darauf hin, dass Schettler wohl ein sehr einsames Leben voller Angst geführt haben muss. Als aber Schettlers Prophezeiung eintritt und wichtige Unterlagen gestohlen werden, wird Mahlo skeptisch und geht der Sache auf den Grund. Ihre Recherchen führen sie nach Korsika, lassen sie selber an ihrem Verstand zweifeln und bringen ihre Beziehung in Gefahr.
Meine Meinung:
Vor bald sechs Jahren habe ich den ersten Band dieser Reihe gelesen und war komplett begeistert (HIER geht es zu meiner Rezension) und jetzt war es wirklich endlich Zeit, nun auch den zweiten Band zu lesen. Anfangs habe ich ein paar Seiten gebraucht, um mich wieder an alle Figuren aus dem ersten Band erinnern zu können, dann ist mir der Einstieg aber sehr leicht gefallen. Es hat lediglich ein wenig länger gedauert, bis wirklich Spannung aufgekommen ist, aber dafür waren die Dialoge und Szenen um so amüsanter. Wenn auch ich mir ein wenig mehr Tempo und dafür weniger privates Geplänkel gewünscht hätte, so hat mich die Geschichte sehr gut unterhalten und gegen Ende bin ich dann sogar noch einmal richtig schön in die Irre geführt und mit einem tollen Schluss belohnt worden.
Schreibstil:
Auch dieser zweite Band der Reihe kommt sehr unblutig daher und lässt in die Arbeit einer Nachlassverwalterin blicken. Durch ihren Beruf nutzt sie natürlich keine Forensik, muss ihre Befragungen stets als unverbindliches Gespräch tarnen (beispielsweise indem sie vorgibt, nach möglichen Erben zu suchen) und kann nicht irgendwelche Wohnungen durchsuchen oder Dinge konfiszieren. Sie ist also auf die Kooperation ihres Gegenübers und ihre Kombinationsgabe angewiesen. Diese Herangehensweise kann natürlich dazu führen, dass Mahlo nicht so schnell herausfindet, was vor sich geht, dafür finde ich die unterschiedlichen Überlegungen, welche sie anstellt, sehr nachvollziehbar und aufschlussreich geschildert.
Auch haben mir die Beschreibungen der Figuren und Orte wie auch schon im ersten Band der Reihe sehr gut gefallen und vor allem auch geholfen, mich in Kristina Mahlos Leben, privatem Umfeld und ihrer Wohnung schnell wieder orientieren zu können.
Meine Empfehlung:
Dieser zweite Band der Reihe braucht definitiv länger, bis er in Fahrt kommt, kann dann aber vor allem am Ende sehr gut mit dem Reihenauftakt mithalten. Dieser kleinen Kritik zum Trotz hat mich die Geschichte sehr gut unterhalten und ich hoffe, dass es nicht wieder fast sechs Jahre geht, bis ich den nächsten Band lesen werde Deshalb empfehle ich euch diesen unblutigen Krimi, der besonders viel Denkarbeit und Einblicke in die Arbeit einer Nachlassverwalterin zeigt, sehr gerne.
Die Charlie Lager-Serie
1. Löwenzahnkind
2. Hagebuttenblut
3. Mohnblumentod
Inhalt:
Charlie Lager stösst eher zufällig auf einen ungelösten Vermisstenfall und reist widerwillig und äusserst ruhelos in ihre Heimat Gullspång, um die Ermittlungen neu aufzurollen. Bei der Suche nach Hinweisen zum drei Jahrzehnte zurückliegende Verschwinden der sechzehnjährigen Francesca begegnen ihr einige Geister aus der Vergangenheit und immer mehr Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend werden sehr präsent. Dabei entdeckt sie nicht nur zahlreiche Geheimnisse sondern erfährt auch erschreckende Dinge über ihre Mutter.
Meine Meinung:
Beim Tippen der Rezension habe ich bemerkt, dass dieses Buch heute vor einem Jahr erschienen ist und ich muss ehrlich sagen, dass mir dies kurz Gänsehaut beschert hat. Das passt irgendwie sehr gut zum Buch, denn in "Hagebuttenblut" wird nichts dem Zufall überlassen, die Handlug knüpft nahtlos an "Löwenzahnkind" an, alte Bekannte und viele neue Figuren tauchen auf und Charlie Lager gibt sich auf gefährliche Spurensuche. Nicht nur ihre eigenene Vergangenheit wird immer fassbarer, auch viele weitere Geheimnisse aus und um Gullspång kommen ans Tageslicht.
Am liebsten würde ich sofort noch einmal "Mohnblumentod" lesen und die Geschichte nun mit dem Vorwissen aus den ersten beiden Bänden erleben. Sicher würden dabei noch mehr Dinge über Charlie Lager und ihre Familie klar und ich werde in den nächsten Tagen wohl zumindest noch einmal intensiv im Buch blättern.
Charlie Lager und ihre manchmal schroffe, äusserst intelligente und scharfsinnig kombinierende Art mag ich sehr gerne. Auch die anderen Figuren sind passend und facettenreich beschrieben und so düster es in Gullspång auch ist, so gerne reise ich trotzdem dahin, um einen weiteren grandios konstruierten und bis ins letzte Details stimmigen Fall an Charlie Lagers Seite aufzuklären.
Stimmung und Sprache:
Lina Bengtsdotter erzählt diese ausgeklügelte und tragische Geschichte mit einer Sprache, die vor Dunkelheit nur so trieft. Es scheint nie hell zu werden in Gullspång, die meisten Menschen im kleinen Ort sind sehr arm, die wenigen reichen Menschen sind um so unglücklicher und die Geheimnisse, welche alle mit sich tragen, sind unendlich abgründig. Diese Sprache ist etwas ganz Besonderes, sie kann sehr kalt und abweisend wirken, aber trotzdem blickt Bengtsdotter ihren Figuren stets mitten ins Herz. Sie beschreibt einfühlsam und nachvollziehbar, welche Schicksale die Menschen mit sich tragen und zu dem machen, was sie sind.
Meine Empfehlung:
Von mir gibt es eine dringende Empfehlung für "Hagebuttenblut" und die ganze Reihe und ausnahmsweise empfehle ich es wirklich sehr, die Bücher chronologisch zu lesen. Leider ist die Trilogie mit Mohnblumentod komplett, aber Lina Bengtsdotter schreibt an einem neuen Buch mit einem neuen Ermittlerteam.
TW: Suizid, sexualisierte und körperliche Gewalt, Essstörung, selbstverletzendes Verhalten
Inhalt:
Es wird ihr alles zu viel. Der Mental Load, der scheinbar in einer Parallelwelt lebende Ehemann, die ...
TW: Suizid, sexualisierte und körperliche Gewalt, Essstörung, selbstverletzendes Verhalten
Inhalt:
Es wird ihr alles zu viel. Der Mental Load, der scheinbar in einer Parallelwelt lebende Ehemann, die Kinder, welche stets verlangen, rufen, toben, die Pandemie, die Einsamkeit und der Satz "Haben wir kein Salz" am viel zu lauten, viel zu vollen Esstisch. Und Helene steht auf, geht auf den Balkon und springt wortlos in den Tod, verlässt ihre Familie, ihre beiden kleinen Söhne Maxi und Lucius ihre fünfzehnjährige Tochter Lola, ihre beste Freundin Helene.
Und diese Menschen versuchen, weiterzuleben. Sarah übernimmt allzu schnell und allzu leicht Helenes Rolle und merkt erst nach Wochen, was schief läuft, Lola kann vor Verachtung für die Frauen in ihrem Leben nicht mehr essen und schlafen und so sucht jede ihren Weg, mit der Trauer umzugehen oder ihr Ventil, um die Wut zu kanalisieren.
Der Beginn:
Natürlich war es klar, dass ich dieses Buch einfach lesen musste, nachdem mir "Dunkelgrün fast schwarz" so sehr und "Das Licht ist hier viel heller" immer noch sehr gut, wenn auch weniger gut gefallen hat. Angefixt durch die begeisterten Rezensionen, die lobenden Worte, die tiefgründigen, lauten, wütenden, rotzigen, packenden Schnipsel, welche Mareike Fallwickl bei Instagram bereits veröffentlicht hatte, habe ich mir das Buch vorbestellet und hielt es dann wenige Tage nach dem Erscheinungstermin in den Händen. Aber die ersten Seiten haben nicht das geweckt, was ich zu spüren erwartete. Einige schrieben von Tränen, von Schmerz, mir war dieser Anfang zu schlicht und offensichtlich. Bei mir dauerte das ein wenig länger, aber dann wurde ich um so heftiger gepackt.
Die Wut, die bleibt:
Irgendwann kam die Wut. Vielleicht, als Sarah plötzlich beginnt, bei Helene zu putzen, vielleicht, als Helenes Mann Johannes einmal mehr mitten im grössten Chaos das Haus verlässt und sich um nichts kümmert, auch nicht um seine Kinder, vielleicht, als diese kleinen Kinder nicht mehr aufhören, sich gegenseitig zu ärgern, vielleicht, als Lola und ihre beste Freundin erleben müssen, wie ihre Grenzen von Männern nicht respektiert werden.
Was wurde ich - einmal mehr - wütend auf eine ganze Generation von Frauen, welche sich ganz selbstverständlich in den Haushalt hineingefügt, ihrem Mann den Rücken freigehalten, ihre Kinder bespasst und dabei ihre eigenen Ziele und Träume aufgegeben haben. Ohne zu fordern, ohne für sich einzustehen, ohne ihren Kindern gute Vorbilder zu sein, ohne diesen eigentlich genau die Werte mitzugeben, welche sie ihnen mitgeben wollten, weil es schlicht nur zum Überleben gereicht hat. Und was wurde ich wütend auf diese Männer, welche - von ihren Müttern so erzogen (und diese unendliche Wut auf diese Mütter) - nur fordern, nur verlangen, nur Raum einnehmen, nur laut sind, stark, gewalttätig. Die es gewagt haben, unsere Gesellschaft nach ihren Rahmenbedingungen zu formen.
Lola:
Ich denke, dass wir alle uns in unterschiedlichen Figuren in diesem Buch wiedererkennen und ich selbst habe mich Helenes Tochter Lola so unendlich verbunden gefühlt. Habe mich gefragt, wann Sarah sich für ihre "Dienste" endlich bezahlen lässt, endlich einmal aufbegehrt, für sich einsteht, reinen Tisch macht. Habe mich - einmal mehr - gefragt, weshalb Frauen Kinder haben mit Männern, die schon als Partner nichts taugen, nur eine Last sind, zusätzliche Arbeit machen. Und die sich dann irgendwann zwischen vollen Windeln und dem unerledigten Abwasch fragen, wo sie eigentlich falsch abgebogen sind.
Und wisst ihr, was meine Wut noch grösser gemacht hat?
Lola begehrt auf. Sie gewinnt die Kontrolle zurück über ihren Körper, sie nimmt ab, mehr und mehr. Ungesund viel, verletzt sich selber, leidet und entscheidet sich dann, zurückzuschlagen und wieder zuzunehmen und schliesslich auf die Ansprüche an den weiblichen Körper, die Rollenbilder und die Bewertungen zu scheissen. Und dies alles zeigt doch um so deutlicher, wie sehr wir alle in diesem Patriarchat unterdrückt sind, weil es eben genau dann, wenn wir entscheiden, sämtliche Bewertungen, alle diese Verletzungen und Einschränkungen nicht mehr zu akzeptieren, eben doch wieder um genau diese Einschränkungen geht und um die Menschen, welche dafür verantwortlich sind. Lola nimmt also nicht zu, weil sie selber einfach wieder so richtig Lust auf geile Gerichte hat, sie nimmt zu, um der Gesellschaft zu zeigen, dass es in Ordnung ist, zuzunehmen. Sie trainiert nicht, weil sie Freude am Sport gewonnen hat, sondern um ihre Wut und Angst zu kanalisieren und im Notfall zurückschlagen zu können.
Und so sind alle Frauenfiguren in diesem Buch durch eine gemeinsame traurige Wahrheit verbunden. Es ist die selbe traurige Wahrheit, welche uns alle vereint: wir werden oft erst aktiv und laut und wütend, wenn uns bereits etwas angetan worden ist, das unsere Welt erschüttert, unsere Grenzen, Körper und Seelen verletzt hat.
Der Humor:
Überrascht hat mich, wie humorvoll dieses Buch neben aller Ernsthaftigkeit ist. Es ist ein schwarzer aber mitten aus dem Leben gegriffener Humor. Ein Humor, der schallend lachen lässt und dann ein wenig Bitterkeit hinterlässt.
Vor allem diese eine Szene hat mich bestens unterhalten: Sarah betritt Helenes Wohnung und trifft eine laute Diskussion an, ein Kind, das ihr entgegenrennt und dabei einmal der Länge nach hinfällt und ein zweites Kind, das in der auf den Sturz folgenden Stille mitten ins Wohnzimmer kotzt, unmittelbar, bevor der Vater das Haus verlässt, um arbeiten zu gehen. Was habe ich gelacht, kannte ich doch genau solche und ähnliche Szenen von meiner jahrelangen Arbeit als Nanny. Der Unterschied zu einer Mutter oder einer besten Freundin genau dieser kürzlich vom Balkon in den Tod gesprungenen Mutter? Ich bin für meine Arbeit bezahlt worden, wenn auch nicht immer angemessen... (und jetzt seht ihr, wie die Bitterkeit ins Spiel kommt).
Die Sprache:
Ja, die Männerfiguren in diesem Buch sind und bleiben eher blass, unbeholfen und so gar nicht empathisch, ja, die (erwachsenen) Frauen im Roman sind ein wenig gar selber verantwortlich für die scheinbar ausweglose Situation, in die sie sich in ihrer Beziehung manövriert haben, aber dies spielt eine untergeordnete Rolle, vielmehr werden nämlich Lola und ihre Freundinnen ins Zentrum gestellt. Junge Frauen, welche sich nichts vorschreiben lassen wollen, welche zurückschlagen, sich wehren, ihre weiblichen Vorbilder hinterfragen und am Ende zusammenstehen. Und sich - auch wenn sie rational gesehen einen falschen Weg wählen, um ihre Wut auszudrücken - unterstützen anfeuern und damit sich selber und der älteren Generation Steine aus dem Weg räumen. Wortgewaltig reisst Fallwickl Fassaden ein, um Missstände aufzuzeigen und baut Brücken, um Frauen einander die Hand reichen zu lassen.
Wie Sarah immer noch mit ihrer besten Freundin Helene spricht, sich an gemeinsame Erlebnisse erinnert und Kraft aus diesen "Unterhaltungen" zieht, hat mich tief berührt. Die Lücke, welche Helene in Sarahs und Lolas Leben hinterlassen hat, ist permanent spürbar. Dieser Verlust, diese Liebe und dieser Schmerz sowie der Umgang und auch das Hadern mit diesem Verlust sind äusserst realistisch und bewegend beschrieben und in diesen Szenen wird fast schon zart erzählt, während andere Szenen brutal sind, roh, ungezähmt und messerscharf.
Meine Empfehlung:
Lest dieses Buch, sprecht darüber, sprecht über euch und eure Belastungen, sprecht über Ängste, Sorgen, Bedürfnisse, über angemessene Bezahlung und Freizeit und hört endlich auf, alle Probleme dieser Welt alleine lösen zu wollen, weil ihr anderen nicht zugestehen wollt, ihren Teil beitragen zu müssen. Aber noch einmal und vor allem: lest dieses Buch.
Inhalt:
Baba Dunja lebt im fiktiven, Tschernobyl nachempfundenen Ort Tschernowo, einem Teil der sogenannten Todeszone. Sie ist einige der wenigen Rückkehrerinnen, welche stur und einfach ihr restliches ...
Inhalt:
Baba Dunja lebt im fiktiven, Tschernobyl nachempfundenen Ort Tschernowo, einem Teil der sogenannten Todeszone. Sie ist einige der wenigen Rückkehrerinnen, welche stur und einfach ihr restliches Leben in der verstrahlten Gegend, ihrer Heimat, verbringen. Ohne fliessendes Wasser und mit einer nur teilweise funktionierenden Telefonverbindung leben die bereits alten und kranken Menschen als eingeschworene Gemeinschaft, welche sich vor der Radioktivität in ihrem selbstgezogenen Gemüse und im Brunnenwasser nicht mehr zu fürchten brauchen, zusammen. Alle paar Wochen fährt die längst pensionierte ehemalige Hilfsschwester Baba Dunja, die als eine Art unfreiwillige Dorfvorsteherin fungiert, mit dem Bus in die Stadt, um einige Einkäufe zu tätigen und die Post zu holen. Der beschauliche und stets ein wenig gleichförmige Alltag der nebeneinanderher existierenden aber in ihren Überzeugungen zusammenhaltenden Menschen wird jäh erschüttert, als ein Vater mit seiner jungen und gesunden Tochter in die Gegend ziehen will, was von den Bewohnerinnen Tschernowos, die zwar ihre eigenen Krankheiten und ihren eigenen bevorstehenden Tod akzeptiert haben, aber dieses Risiko für ein gesundes Kind nicht zulassen können, mit allen Mitteln verhindert wird. Die Ereignisse überschlagen sich und locken einige dieser von der restlichen Gesellschaft zugleich bewunderten, bemitleideten und gefürchteten Menschen aus ihrer Reserve. Auch todgeweihte Menschen lieben und leben noch, wollen sich Träume erfüllen und ihren Frieden finden.
Meine Meinung:
"Baba Dunjas letzte Liebe" stand schon jahrelang auf meiner Wunschliste. Durch die aktuellen Ereignisse in der Ukraine erschüttert, habe ich mich dazu entschieden, dieses Buch zu kaufen und sofort zu lesen. Die sehr berührende und kurzweilige Lektüre hat mir ganz viele Einblicke in das Leben von Tschernobyl-Rückkehrerinnen beschert, orientiert sich Alina Bronsky doch an historischen Fakten und den realen Geschichten der Menschen, welche sich - des Risikos bewusst, aber ohne etwas zu verlieren zu haben - in ihrer alten Heimat, der heutigen Todeszone um Tschernobyl niedergelassen haben und in fast kompletter Unabhängigkeit und Freiheit ihre restlichen Jahre erleben wollen.
Figuren:
Innerhalb von so wenigen Seiten gelingt es Alina Bronsky, eindrückliche Charakterskizzen der Bewohnerinnen von Tschernowo zu erstellen. Da ist Baba Dunja, die bedächtig, überlegt und voller Dankbarkeit für die Schätze, welche ihr Garten und die umliegenden Wälder hergeben, ihren Alltag begeht und voller Sehnsucht zu ihrer Tochter und der Enkelin, welcher sie noch nie begegnet ist, Briefe nach Deutschland schreibt. Sie hinterfragt dabei zwar stets ihre Qualität als Mutter, sendet ihrer Tochter aber im gleichen Atemzug die schönsten, optimistischsten Berichte in die Ferne, damit sich diese auf keinen Fall Sorgen machen muss. Sie ist eine Art Bürgermeisterin wider Willen und kümmert sich nicht nur um die täglichen Sorgen, Nöte und Bedürfnisse ihrer Nachbar*innen, sondern kommuniziert auch permanent mit den Toten, welche die friedliche Umgebung immer noch bewohnen.
Auch Marja, die sich gefühlt nur von den von Baba Dunja gekochten Gerichten und mitgebrachten Medikamenten ernährt und stets ihrem verstorbenen Mann nachtrauert, obwohl er sie geschlagen hat, nimmt eine wichtige Rolle in der Geschichte ein. Ihr Hahn und ihre gute Seele lassen sie zuerst ein Festmahl und später einen zweiten Frühling erleben und sie steht für die Hoffnung in einer selbstgewählten, todgeweihten Schicksalsgemeinschaft.
Besonders gut unterhalten haben mich die Szenen, in denen Sidorow, der über das einzige und eigentlich nie funktionierende Telefon verfügt und der krebskranke Petrow, dessen entschlossenes Handlung zum entscheidenden Wendepunkt der Geschichte führt, vorkommen. Das Ehepaar Gavrilow übernimmt die Rolle der neureichen Zugezogenen und Lenotschka die der ewig vor sich hinstrickenden Frau, welche nie Kinder bekommen wollte.
Schreibstil:
Alina Bronsky schafft es, diverse existenzielle Themen und zutiefst menschliche Regungen und Dramen, aber auch ganz viel Humor, Zusammenhalt und wunderschöne Naturschilderungen in diesem so kurzen Büchlein unterzubringen. Die Geschichte scheint langsam und poetisch erzählt und ist dennoch durch die enorme Vielschichtigkeit sehr dicht gewoben, wirkt aber nie überladen, sondern vielmehr sehr schlicht. Ein ganz bewonderes Gewicht erhält die nur durch Briefe und Erinnerungen aufrecht erhaltene Beziehung zwischen Baba Dunja und ihrer Tochter Irina sowie Baba Dunjas Enkelin Laura. Diese in ihrer Schönheit und Tragik einzigartige Familienstudie hat mich tief berührt.
Meine Empfehlung:
Voller Begeisterung empfehle ich euch diesen unaufgeregt erzählten Aussteigerroman, der gleichzeitig auch ein Familienroman und eine Art Krimi ist. Die einfühlsamen und warmherzigen Charakterstudien, die am Rande mitschwingende Gesellschaftskritik und die mitten ins Herz treffende und mit ihrer Schönheit und ihrer mit dem Leben und Sterben versöhnende Sprache haben mich komplett für sich eingenommen und auf die weiteren Bücher von Alina Bronsky neugierig gemacht.
Inhalt:
Die zwölfjährige Matilda ist eine aufgeweckte Hobby-Detektivin, welche es liebt, Fälle in ihrer Nachbarschaft zu lösen. Immer an ihrer Seite aber nur mässig hilfreich ist dabei ihr überaus ängstlicher ...
Inhalt:
Die zwölfjährige Matilda ist eine aufgeweckte Hobby-Detektivin, welche es liebt, Fälle in ihrer Nachbarschaft zu lösen. Immer an ihrer Seite aber nur mässig hilfreich ist dabei ihr überaus ängstlicher Cockerspaniel Dr. Herkenrath. Ihr grösstes Vorbild ist der berühmte Detektiv Rory Shy, den sie bei einer abendlichen Gassirunde aus einer misslichen Situation befreit. Als Entschädigung für die Rettungsaktion verlangt sie, Rory Shy als Praktikantin zur Seite stehen zu dürfen. Zumindest während der Weihnachtsferien. Innerhalb von wenigen Stunden geraten die beiden mitten in einen komplizierten Fall und die mitteilsame Matilda wird zum grössten Trumpf für den schüchternen Detektiv.
Meine Meinung:
Auf die Reihe aufmerksam geworden bin ich bei Aleshanee vom Blog Weltenwanderer. Ihre begeisterten Rezensionen haben mich dazu bewegt, mir diesen ersten Band der Reihe von meinem Mann zu Weihnachten schenken lassen und ich habe es nicht bereut. Rory Shy und vor allem seine Assistentin Matilda, welche die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt und die eigentliche Hauptperson des Krimis ist, habe ich sofort ins Herz geschlossen und die beiden haben mich ein wenig aus meinem turbulenten Alltag entfliehen lassen.
Den Fall um die verschwundene Perle der Millionenerbin Charlotte Strudel habe ich mit grösstem Vergnügen gelesen und besonders gut gefallen haben mir dabei der unkomplizierte Umgang unserer Heldin Matilda mit Rory Shys Schüchternheit und allen anderen Eigenschaften der auftretenden Figuren, aber auch die leicht überzogenen und um so amüsantere Situationskomik. Zur Jahreszeit passend - das Buch spielt mitten in Matildas Weihnachtsferien - sorgen eine riesige aber gemütliche Villa, ein verschneiter Park und eisig kalte Temperaturen für Lesestunden, die man am liebsten schön eingekuschelt mit einem Heissgetränk geniessen möchte, was ich auch im März noch gerne getan habe.
Schreibstil:
Das Buch liest sich äusserst flüssig und ist sehr, sehr unterhaltsam geschrieben. Auf den Vorsatzseiten finden sich Skizzen der vorkommenden Personen und die Kapitelanfänge sowie die einzelnen Seiten sind sehr liebevoll gestaltet. Die Altersempfehlung des Verlages (ab 10 Jahren) empfinde ich als sehr passend und die Erzählsprache ist dem jungen Publikum angemessen. Besonders aufgefallen sind mir die zu den Figuren passenden Namen - so wird Matildas Lieblingscafé beispielsweise von Doro Puderzucker geführt - Details, welche mich immer sehr für sich einnehmen. Ausserdem plappert Matilda in allen Gesprächen so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist (oder spinnt ihre wilden Theorien in ihren Gedanken fort), geht aber mit ihren Mitmenschen trotzdem sehr rücksichtvoll und einfühlsam um, erzählt keine Geheimnisse weiter und und tritt niemandem zu nahe, was ich für ein Kinder- und Jugendbuch als besonders schöne und wichtige Botschaft empfinde.
Der Fall bleibt übrigens bis zum Schluss spannend und mit Matildas Hilfe und Rory Shys ganz besonders geheimen (und schrägen) Fähigkeit, kommen wir diversen Geheimnissen und Verstrickungen auf die Spur, die letztendlich zu einem grossen Ganzen zusammengefügt werden können.
Meine Empfehlung:
Von mir gibt es eine sehr herzliche Empfehlung für dieses spannende und herzerwärmende Jugendbuch, das sich sicher wunderbar im Winter oder zur Weihnachtszeit lesen lässt, aber auch sonst für ganz viele unterhaltsame Lesestunden sorgt.