Zum Nachdenken anregend, aber nicht wirklich eine neue Idee
Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch istMeine Meinung:
Was ich genau von diesem Buch erwartet habe, kann ich gar nicht sagen, dass ich es aber nicht wirklich bekommen habe, das schon. Eigentlich wollte ich etwas lernen. Neue Perspektiven, neue ...
Meine Meinung:
Was ich genau von diesem Buch erwartet habe, kann ich gar nicht sagen, dass ich es aber nicht wirklich bekommen habe, das schon. Eigentlich wollte ich etwas lernen. Neue Perspektiven, neue Ideen, Anregungen, intersektionaler Feminismus und, und, und. Ich habe einen wilden Mix verschiedenster Themen angetroffen, die mich allesamt nicht überrascht haben und die zudem nicht wirklich packend erzählt waren. Mir hat der Biss gefehlt, eine handfeste, entlarvende Kritik, eine flüssige Erzählsprache...einfach etwas, das mich an dieses Buch gefesselt hätte.
Was Kurt schreibt, stimmt oft oder zumindest kommen spannende Ansätze darin vor. Gleichzeitig kann ich ihr nicht bei allem zustimmen, was aber so sein soll, schliesslich soll dieses Buch kontrovers diskutiert werden. Kurt wehrt sich gegen Schubladisierungen, spricht aber gleichzeitig davon, dass es eine romantische Liebe und generell "Liebe" gar nicht gibt und spielt - wie von solchen Büchern bereits gewohnt - Monogamie gegen Polygamie aus, was in meinen Augen komplett unnötig ist. In meinem Umfeld finden sich die unterschiedlichsten Beziehungsformen und nie würde es mir in den Sinn kommen, einzelne davon abzuwerten. Wo Menschen zueinander in einer Beziehung stehen (egal, welcher Art), können ausserdem die Parameter dieser Beziehungen stets neu definiert werden. Denn damit hat Kurt auf jeden Fall komplett recht: Kommunikation und Offenheit sind das A und O einer jeden Beziehung.
Berührt hat mich "Das alternative Alphabet der Zärtlichkeit" und spannend fand ich auch, wie verschiedenste strukturelle Probleme - wie die grundsätzliche Diskriminierung der Frau, aber auch der omnipräsente Rassismus und die nach wie vor existierende irrwitzige Idee der traditionellen Familie als Grundpfeiler einer Gesellschaft - unsere Beziehungen, Zärtlichkeiten und unser Miteinander bis weit in unser Privatleben hinein prägen. Nur leider fehlte mir da immer wieder ein wenig die Struktur. Zitat wird an Zitat gereiht (übrigens, nur schon ein Blick in die vor Buchtipps strotzenden Anmerkungen lohnt sich) und oft liest sich das Buch in meinen Augen eher wie eine nicht so spannende Masterarbeit.
Weniger begeistert war ich ebenfalls von Kurts Idee einer "Linken", die sich sehr intolerant und pseudo-emanzipiert präsentiert. Da Kurt sich nicht auf die Äste herauslässt und stets nur von dieser "Linken" spricht, aber keine konkrete Beispiele bringt, wird auch nicht klar (oder wurde mir zumindest nicht klar), ob Kurt aus ihrer persönlichen Bubble, ihrer politischen Erfahrung oder einem politischem System in Deutschland (das mir zu wenig bekannt ist) spricht. Auch hier hätte ich mir mehr Klarheit gewünscht. Wenn man schon durch den Kakao zieht, dann bitte richtig.
Immer wieder ist mir beim Lesen dieses Buches aber klar geworden, wie zerrissen Şeyda Kurt ist, wie sensibel, einfühlsam und verletzlich sie sich mit ihren Worten gibt und wie sehr sie versucht "das Richtige" zu tun und dabei ihr eigenes Glück und ihre eigenen Empfindungen hintenanstellt. Ich denke, dass sie eigentlich eine herzensgute, wundervolle Person ist, dass aber die Erzählsprache dieses Buches ein zu starker und gewollt wirkender Kompromiss zwischen Bissigkeit (die nicht durchgezogen wird und deshalb aufgesetzt wirkt) und ernsthafter Besorgnis und Unsicherheit über die aktuelle Weltsituation ist, der die Autorin nicht wirklich gut aussehen lässt.
Fazit:
Ihr seht, dieses Buch hat es mir nicht einfach gemacht und mich länger beschäftigt. Auch möchte ich es eigentlich gar nicht schlecht machen, weil ich denke, dass es ein wichtiges Buch ist. Es hat mir aber nur nichts gesagt, was ich nicht schon wusste und ich denke, dass es deshalb viel eher eine Lektüre für alle diese Menschen ist, welche sich erst beginnen, mit ihrer Beziehungsform, ihrem eigenen Feminismus und ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft zu beschäftigen. "Radikale Zärtlichkeit" bietet nämlich einen guten Einblick in diverse Themen, macht neugierig und beinhaltet eine ausgewogene Liste an weiterführender Literatur.