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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.04.2021

Macht hungrig und unterhält bestens

Heute Abend in der Eisdiele am Meer
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Inhalt:
Gina lässt ihr schillerndes Leben, ihren übervollen Terminkalender und ihren Freund Max in London zurück, um ihren Grosseltern in Cornwall ein wenig unter die Arme zu greifen. Vor allem ihr Grossvater ...

Inhalt:
Gina lässt ihr schillerndes Leben, ihren übervollen Terminkalender und ihren Freund Max in London zurück, um ihren Grosseltern in Cornwall ein wenig unter die Arme zu greifen. Vor allem ihr Grossvater tut sich sehr schwer mit diesem Arrangement. Sein grosses Herz siegt aber über seine Sturheit und er stimmt zu, seine Enkelin in die Geheimnisse seines Handwerks einzuweihen. Ferrelli's Gelato und die alte Molkerei sind sein Ein und Alles und bald schon beginnt auch Gina, ihre Liebe für den Eissalon und das alte Kino, mit dem sie viele Abenteuer und romantische Erinnerungen verbindet, wiederzuentdecken und begegnet dabei noch wie durch Zufall ihrem Jugendfreund Ben. Bald aber treten finanzielle Probleme auf, die allen Beteiligten das Leben schwer machen und Ginas Freund Max möchte, dass sie endlich wieder nach London zurückkehrt und nicht mehr so viel Zeit mit Ben verbringt...

Meine Meinung:
Eis und Meer und tolle Kinoerlebnisse mit viel Popcorn...Was gibt es besseres? Die letzten Tage und Wochen waren bei mir übervoll und auch meine Lektüren waren eher anspruchsvoll, also hat es mich unendlich gefreut, dass ich mit diesem leichten Sommerroman - den ich innerhalb von zwei Tagen inhaliert habe - komplett aus meinem Alltag entfliehen konnte. Vor allem die Einblicke in die Kunst der Eisherstellung, sowie die Kinothemenabende haben mich gänzlich für sich eingenommen. Ausserdem hat mir gefallen, dass die Liebesgeschichte(n) nicht zu sehr im Zentrum stehen, sondern dass sich die Geschichte vor allem um Ginas Familie und ihre Arbeit, den Eissalon, das Kino und Bens Leidenschaft für Züge und den alten Bahnhof dreht. Das Ende ist zwar - wie man es aus solchen Geschichten kennt - ein wenig zu offensichtlich, ein wenig zu sehr in die Länge gezogen und zu zuckersüss, aber hey, das habe ich gerade gebraucht. Was ich aber wirklich loben kann: sehr oft sind Frauen in solchen Büchern mit unmöglichen Männern zusammen, von denen man sich fragt, wie die beiden überhaupt aneinandergeraten können und denen man wünscht, dass sie am liebsten schon vorgestern einen wesentlich besseren Mann gefunden hätten. Dies ist in "Heute Abend in der Eisdiele am Meer" so gar nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: es wird aufgezeigt, wie sowohl Liebesbeziehungen, als auch familiäre und freundschaftliche Beziehungen sich über die Jahre verändern und dabei wachsen (wie bei Ginas Grosseltern) oder auch Keile zwischen die Beteiligten treiben können. Dies hat mir persönlich sehr zugesagt.

Schreibstil:
Die Sprache ist flüssig und leicht und Holly Hepburn hat mich wirklich einige Male äusserst hungrig und nach einem Eis, einem Biscotti oder einer Portion Popcorn lechzend zurückgelassen. Ausserdem sind die Personen so wunderbar beschrieben, dass ich mir am liebsten ebenfalls gleich eine kleine Auszeit in Polwhipple und einen Kinoabend mit Gina gönnen möchte. Und dann lässt dieses Buch ganz sicher auch noch die Herzen von Liebhaber*innen alter Filme höher schlagen: zahlreiche Filmklassiker finden in die Geschichte Einzug (nicht ganz ohne Spoiler, aber hey, wir kennen die Filme so oder so schon alle) und werden an den Themenabenden, die Gina organisiert, mit viel Liebe zum Detail ausführlichst gewürdigt, weshalb der Englische Originaltitel auch: The Picture House by the Sea lautet.

Meine Empfehlung:
Diese leichte Lektüre empfehle ich allen weiter, die gerne mit einem Eis und guter (fiktiver) Gesellschaft eine Auszeit aus ihrem Alltag geniessen und dabei unvergessliche Stunden im Kino und am Meer erleben möchten.

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Veröffentlicht am 15.04.2021

Das war leider nichts für mich

Madame Piaf und das Lied der Liebe
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Inhalt:
Frankreich wird durch die deutsche Armee besetzt, aber die junge Édith Piaf führt währenddessen trotz Ausgangsbeschränkungen und Essensrationierungen ein ausschweifendes Leben inmitten ihrer Bewunderer ...

Inhalt:
Frankreich wird durch die deutsche Armee besetzt, aber die junge Édith Piaf führt währenddessen trotz Ausgangsbeschränkungen und Essensrationierungen ein ausschweifendes Leben inmitten ihrer Bewunderer und Fans. Ein guter Freund und Förderer schafft es, ihr einen Auftritt im ABC zu ermöglichen und von da an ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie wird über Nacht zum Star und beginnt selber, einen jungen Sänger auszubilden. Mit Yves Montand teilt sie nicht nur ihre Leidenschaft für die Musik, sondern auch ihr Bett und nach und nach verschenkt sie ihm ihr Herz. Ihr gemeinsames Glück inspiriert sie zu neuen Höchstleistungen, welche sie schliesslich weltberühmt machen, aber auch an sich selber zweifeln lassen...

Meine Meinung:
Dieses Buch...hat mich leider nicht komplett überzeugt. Ich war gestern aber fünf Stunden lang im ÖV unterwegs und hatte kein anderes dabei. Aufgrund des sehr oberflächlichen und leichten Schreibstils bin ich aber nur so durch die Seiten geflogen und habe einige Aspekte - vor allem die gründlichen Recherchen der Autorin, wie auch die schön erzählte Entstehungsgeschichte einzelner Chansons von Piaf - trotz allem sehr gerne gemocht. Heute Morgen habe ich es dann beendet und bin vom eher offenen Schluss leider noch einmal so richtig enttäuscht worden.
Was soll ich sagen: die Figuren bleiben flach, Édith Piaf ist keine schillernde, starke Persönlichkeit, sondern eine schwache Frau, die sich permanent verunsichern und von Yves Montand mehr und mehr dominieren lässt, die Handlung plätschert nur so dahin (100 Seiten weniger hätten der Geschichte gut getan) und die Musik und das Musiker*innenleben kommen einfach viel zu kurz. Ja und dann habe ich nach etwa 300 Seiten zufällig auf den Autorinnentext geblickt und dabei bemerkt, dass Michelle Marly das Pseudonym von Micaela Jary ist. Leider hat mich diese Autorin schon einmal aus den gleichen Gründen enttäuscht. Und ich muss sagen, dass ich ab dann total voreingenommen war und nicht mehr objektiv bleiben konnte.

Erzählsprache:
Ich denke, dass die Autorin wirklich gut und gründlich recherchiert hat und dass die historischen Fakten nach bestem Wissen und Gewissen stimmen. Micaela Jary schreibt dazu auch noch ein paar Worte im Nachwort und diese haben mich wirklich stark beeindruckt. Was ich aber sehr schade finde: obwohl Jary permanent betont, die Tochter des berühmten Filmmusikkomponisten Michael Jary zu sein und bereits zahlreiche Einblicke in das Künstlerleben gesammelt zu haben, so bleibt genau dieses Künstlerleben erstaunlich blass. Die Sprache und die Qualität der Beschreibungen bleiben durchs Band extrem oberflächlich und wiederholen sich stark. Es haben mir beim Lesen sowohl emotionale Tiefe, als auch srpachliche Bilder gefehlt. Ich nehme Piaf die Nervosität vor dem Auftritt oder die Erleichterung danach nicht ab, das fühlt sich nicht so an, wie ich mir das vorstellen würde und wie ich es kenne. Auch hatte ich bis zum Schluss das Gefühl, die Figuren nicht wirklich fassen zu können. Weder habe ich ein Bild vor meinem inneren Auge, noch haben mich ihre Persönlichkeiten beeindruckt.

Fazit:
Das war leider gar nichts für mich und obwohl ich sicher voreingenommen war und obwohl einiges an meiner Kritik auch Geschmacksache ist, frage ich mich, weshalb dieses Buch (und die weiteren Bücher dieser Autorin, sorry) ein Bestseller ist, denn sprachlich ist das wirklich unausgereift. Nur weil Édith Piaf darin vorkommt? Schade. Dieses Buch kommt in den offenen Bücherschrank und ich hoffe, hoffe, hoffe von Herzen, dass jemand damit viele schöne Lesestunden verbringen wird.

  • Einzelne Kategorien
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 13.04.2021

Unterhaltsam und faszinierend erzählt

Nalas Welt
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Inhalt:
Gemeinsam mit seinem besten Freund bricht Dean zu einer Weltreise auf, um einmal ein wenig aus seinem Leben auszubrechen und ein paar Abenteuer zu erleben. Unterwegs merken die beiden, dass sie ...

Inhalt:
Gemeinsam mit seinem besten Freund bricht Dean zu einer Weltreise auf, um einmal ein wenig aus seinem Leben auszubrechen und ein paar Abenteuer zu erleben. Unterwegs merken die beiden, dass sie einander nicht so gut tun und vor allem feiern und Sauftouren unternehmen, statt sich richtig auf die Reise einzulassen. Ihre Wege trennen sich und Dean macht am Strassenrand schon bald eine lebensverändernde Entdeckung: er findet ein kleines Kätzchen, das sein Herz im Sturm gewinnt. Er bringt es zum Tierarzt, nennt es "Nala" und lässt ihm einen Reisepass ausstellen. Durch ein Video bei TheDodo gehen die beiden viral und Dean bemerkt bald, wie er den neu gewonnenen Einfluss und die daraus entstehende grosse Verantwortung nutzen kann, um Gutes zu tun und mehr Menschen für den Tierschutz zu sensibilisieren.

Meine Meinung:
"Nalas Welt" habe ich mir im letzten Jahr als Prämienbuch bei der Lesejury gegönnt und mich nun sehr darüber gefreut, gemeinsam mit Nala und Dean eine Reise durch die halbe Welt machen zu dürfen, das Reisen kommt ja aktuell definitiv zu kurz...
Vielleicht wissen einige von euch, dass ich Katzen und schräge Reiseberichte sehr gerne mag und wenn diese zwei wundervollen Dinge in einem Buch auf so stimmige Weise zusammenkommen, wie hier in "Nalas Welt", ist das wundervoll. Ausserdem erzählt Dean Nicholson mit einer grossen Portion Humor, Selbstreflektion und einem achtsamen Blick auf das Leben, die Natur und die Tierwelt, sodass ich das Buch innerhalb von kürzester Zeit inhaliert habe. Nach einigen sehr fordernden und bewegenden Lektüren, hat mir dieser Reisebericht sehr gut gefallen.

Schreibstil:
Vom ersten Moment an hat mich Dean Nicholson gepackt und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Er erzählt sehr selbstkritisch und frei von der Leber weg von seinem Draufgängerleben in Schottland und der Erkenntnis, etwas ändern zu müssen. Dies hat er dann mit seiner Weltreise geschafft und vor allem die ersten Wochen mit Nala zeigen auf, dass Dean noch vieles zu lernen hat. Er ist es sich nicht gewohnt, seine Bedürfnisse hintenanzustellen und sich um ein kleines Lebewesen zu kümmern. Dies reflektiert er sehr differenziert und findet so nach und nach ein Reisetempo, das zu Nala und ihm passt. Diese sehr überlegten Passagen, aber auch die liebevollen und faszinierenden Beschreibungen der bereisten Länder und der tierischen und menschlichen Begegnungen haben mir sehr gut gefallen.

Meine Empfehlung:
"Nalas Welt" ist unterhaltsam und weckt die Reiselust. Es macht aber gleichzeitig auch auf diverse Probleme, wie die Verschmutzung zahlreicher Strände, die Respektlosigkeit, die Tieren oft entgegengebracht wird, aber auch die Armut gewisser Länder, die dafür sorgt, dass keine finanziellen Mittel für das Tierwohl erübrigt werden können, aufmerksam. Ausserdem erzählt Dean Nicholson sehr unterhaltsam, reflektiert und mit einer grossen Faszination für die Menschen und Tiere, denen er begegnet und den Ländern, die er bereist.

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Veröffentlicht am 13.04.2021

Bewegend, aufwühlend und poetisch

Schindlers Lift
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Zum Glück habe ich dieses Buch nicht alleine gelesen...
Zuerst einmal möchte ich Kata dafür danken, dass sie Sobald der Krieg mit seinem Stiefel das Treppenhaus betrat, zog Obrad die Uniform an und stellte ...

Zum Glück habe ich dieses Buch nicht alleine gelesen...
Zuerst einmal möchte ich Kata dafür danken, dass sie Sobald der Krieg mit seinem Stiefel das Treppenhaus betrat, zog Obrad die Uniform an und stellte sich bis an die Zähne bewaffnet und erbost vor das Gebäude.
- S. 45 -

Meine Meinung:
Zwei Hochhäuser, die im Buch abwechslungsweise als Protagonisten, Handlungsorte, Mahnmal, Zeugen, Friedhof aber auch Überlebende fungieren, werden von Darko Cvijetić ins Zentrum seiner Erzählung gestellt. Diese Wahl ist wohlüberlegt: obwohl im Buch immer wieder geschildert wird, welche Gräueltaten die beiden Hochhäuser miterlebt (und sogar "begangen") haben, obwohl auch gezeigt wird, wer diese Taten begangen und wem dieses Unrecht angetan worden ist, so bleiben die Hochhäuser doch neutral. Es findet keine Verurteilung im eigentlichen Sinne statt, die Innenschau in die Figuren fehlt - obwohl so viele Schicksale und Geschichten, so viele namentlich genannte Figuren darin auftauchen - und dadurch geht es immer auch um ein Kollektiv und nicht in erster Linie um das Individuum selber. Was in Prijedor geschehen ist, was der nichtserbischen Bevölkerung angetan worden ist, ist in ganz Bosnien geschehen. Manchmal mit anderem Ausgang (aber wirklich gut ging es nie aus), manchmal - das muss man ehrlich sagen - mit vertauschten Rollen, manchmal in abgeschwächter, manchmal in noch intensiverer Form, manchmal mit Beteiligung von ausländischen Mächten, Söldnern, manchmal, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Diese Geschichte ist die Geschichte Bosniens. So oder ähnlich ist Bosnien immer betroffen und so oder ähnlich sind die Erinnerungen in allen Menschen dieses Landes, klaffen die Lücken sichtbar oder unsichtbar, wo man in Bosnien steht und geht.

Und die Mutter von Rambo Mršić und Milka, deren Sohn sie in Bihać vor ihren Augen getötet haben...
Sitzen auf einer Bank und warten.
Neben den Bänken wuchsen diese Kinder auf.
Der Priester betrat das Hochhaus, ordnungsgemäss angekündigt durch eine Todsanzeige an der Tür.
Im Jenseits, auf einer noch schmaleren Bank, warten die Söhne auf sie.
- S. 84 -

Cvijetić zeigt aber auch auf, wie das Leben vor dem Krieg war und wie es nachher weitergeht. Spuren bleiben, Erinnerungen, Verletzungen, Verluste, Lücken, aber das Leben geht weiter. Nie mehr, wie vorher, nie mehr ohne die Gedanken an das Vergangene, diess ausgelöschte Glück, diese zerstörten Schönheiten, aber mit einer - den Menschen in Bosnien eigenen - Art, nach vorne zu blicken, zu erzählen, den Humor zu behalten und in gemächlichem aber vorwärtsgerichtetem Tempo weiterzumachen.

Sprache:
Auch sprachlich ist dieses Buch eine Wucht. Zeitweise fühlt es sich an, als würde man mit einer Gruppe Leuten zusammensitzen und alle würden ihre Geschichten erzählen. So wird aus den tragischsten Erlebnissen eine Art absurde, fast humorvolle Erzählung, die den Überlebenden vorbehalten ist und die immer dort, wo die Geschichte so schrecklich ist, dass man nicht mit Worten ausdrücken kann, was geschehen ist, still wird. Die so entstehenden Leerstellen werden mit einer weiteren Geschichte, die oft äusserst unterhaltsam scheint und deren Schrecken man erst auf den zweiten Blick erkennen kann, überbrückt. Diese Erzählweise begegnet mir in Bosnien und in der Literatur aus dem ehemaligen Jugoslawien oft. Sie ist eine einzigartige Mischung aus der Mentalität, der über Jahrhunderte hinweg kultivierten Kunst des Erzählens und aus den gemeinsamen Erlebnissen, welche die Erzählenden verbindet.
Dass Cvijetić vor allem auch für seine Gedichte berühmt ist, zeigt sich auf jeder einzelnen Seite dieses Buches. Er schafft es, die Menschen und ihre Geschichten auf berührende und bildhafte Weise zu beschreiben und verwendet dabei immer wieder Formulierungen, welche mir den Atem haben stocken lassen. Ein Lob geht deshalb auch an den Übersetzer Adnan Softić, der Cvijetićs Worte feinfühlig in die Deutsche Sprache übertragen hat und an den Verlag, welcher einzelne Formulierungen und Worte im Original belassen und mit Fussnoten versehen hat, die dem besseren Verständnis dienen.

Ich sagte ihr und übertönte den Wind, dass ich mich an Stojankas schrecklichen Tod erinnerte und dass ich mir selbst das Versprechen gegeben habe, einmal ein Buch zu schreiben, etwas wie "Schindlers Lift".
- S. 93 -

Meine Empfehlung:
"Schindlers Lift" ist nicht nur schriftstellerisch, sondern auch inhaltlich ein einzigartiges Buch. Die spezielle Perspektive ermöglicht eine ganz eigene, unvoreingenommene Sicht auf die Geschehnisse in Prijedor, das stellvertretend für ganz Bosnien steht. Mit mächtigen, packenden Worten erzählt Cvijetić und es fühlt sich an, als würde man einem Bekannten bei einem starken Kaffee zuhören und zugleich in eine ganz eigene, überragend erzählte, Sprache eintauchen. Dieses Buch empfehle ich euch von Herzen weiter. Lest es und ihr werdet so viele Dinge verstehen. Und meldet euch, wenn ihr nach der Lektüre Redebedarf habt.

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Veröffentlicht am 08.04.2021

Ein absolut lesenswertes und wichtiges Buch

Sprache und Sein
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Inhalt:
Wie oft schon hat Sprache uns und andere zusammengeführt aber auch voneinander getrennt. Wer hat nicht schon in einer Fremdsprache um Worte gerungen, sich im Ausland nicht verständigen können oder ...

Inhalt:
Wie oft schon hat Sprache uns und andere zusammengeführt aber auch voneinander getrennt. Wer hat nicht schon in einer Fremdsprache um Worte gerungen, sich im Ausland nicht verständigen können oder kurzerhand neue Wortkreationen erfunden? Wer hat nicht schon andere um Worte verlegen gesehen und selber nicht eingegriffen? Kübra Gümüşay geht zahlreichen Situationen auf den Grund, in denen Sprache Menschen voneinander trennt, in denen Sprache eine Waffe ist und Gewalt ausübt und zeigt dabei auch immer auf, wie Sprache verbindend genutzt werden kann, wie man Missverständnisse vermeiden, Brücken schlagen und friedlich und fair miteinander diskutieren kann, auch wenn man anderer Meinung ist.

Meine Meinung:
Ich bin so glücklich, dieses Buch, das schon viel zu lange auf meiner Wunschliste stand, nun endlich gelesen zu haben. Alles, was ich in den letzten Monaten über Rassismus und Seximus gelesen habe, alle diese feministischen und inklusiven Bücher, finden hier eine Art gemeinsamen Nenner: die Sprache, mit der wir Menschen, unser Aussehen und unsere Herkunft, aber auch unsere Handlungen und Taten beschrieben werden, ist es, welche uns Menschen letztendlich ausmacht. Kübra Gümüşay schafft es, zahlreiche Texte auf ihre Kernaussage über die Verwendung der Sprache zu reduzieren und alle diese informativen und lehrreichen Botschaften spannend, nachvollziehbar und ihn zehn überschaubare Kapitel unterteilt in ihrem Buch zu vereinen.
Dabei hatte ich beim Lesen sehr viele Aha-Effekte und bereits Erfahrenes hat sich bei mir manifestiert. Weshalb denken wir alle in Schubladen? Was ist die Problematik von Stereotypen und weshalb setzen sie sich dennoch so oft durch? Wie gelingt es mir, Menschen als Individuen zu bezeichnen, erfassen, sichtbar zu machen und anzusprechen, sie in einer Diskussion zu Wort kommen zu lassen?

"Das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind. Sie machen eine Geschichte zur einzigen Geschichte", erklärt Adichie. Wenn eine einzige Geschichte die Wahrnehmung einer ganzen Gruppe von Menschen dominiert, dann existieren diese Menschen nicht mehr als Individuen. Die Definitivon von Menschen anhand einer Kategorie ist nicht zwangsläufig falsch, sondern unvollständig. Eine Wahrheit wird zur einzigen Wahrheit.
- S. 152 -

Natürlich ist dieses Buch nicht die Antwort auf alles und bezüglich Verhalten innerhalb einer diversen Gesellschaft werden wir Menschen wohl nie ausgelernt haben, aber dieses Buch ist ein sehr guter Anfang, um sich damit zu befassen, wie Sprache verwendet werden kann und welche Mechanismen von Menschen in der Politik, der Werbung oder extremistischen Gruppen mit ihren Formulierungen bedient werden und wie wir gewisse Muster durchbrechen und unseren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen können.

Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage der Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung - es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands. Ich verzichte darauf, andere trotz ihres Widerspruchs anders zu benennen, als sie es wünschen. Ich verzichte darauf, ihre Perspektive zu unterdrücken, der ich stattdessen Raum gebe.
- S. 49 -


Meine Empfehlung:
"Sprache und Sein" werde ich nicht mehr aufhören zu empfehlen und einige Menschen in meinem Umfeld werden es in den nächsten Monaten zum Geburtstag bekommen oder zu Weihnachten unter dem Christbaum finden. Lest dieses Buch!

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