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Veröffentlicht am 09.10.2025

So wird Rilke lebendig und bunt

Mein Freund Rilke
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Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der ...

Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der Schule leidvoll ertragen musste, kann nochmal neu Anlauf nehmen.

Herzerfrischend und mutig schenkt uns just jetzt die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin eine ganz neue, moderne und überraschende Perspektive auf den Dichter – in Form einer Graphic Novel. Hat man vielleicht Rilke eher als melancholischen, düsteren Typ mit hohem Verschleiß an Liasons abgespeichert, darf man ihn nun von seiner charmanten und witzigen Seite kennenlernen.

Die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin hat sich schon geraume Zeit gründlich mit Rilkes Lyrik beschäftigt. Bislang illustrierte sie z.B. Kinderbücher, 2020 erschien ihr erster Comic. Doch endlich setzt sie Rilke mit der Feder in Szene.
In dieser Graphic Novel ermöglicht Garanin uns eine spannende Begegnung mit Rilke, indem sie uns die Figur der Kultur-Journalistin Ellen begleiten lässt. Ellen kennt eigentlich Rilke auch nur vom Namen als bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, aber weiß kaum etwas über sein Werk.

Mit dem Auftrag über Rilke zu recherchieren, reist sie mit ihrem Rollköfferchen zunächst nach Worpswede, wo sie gleich in eine Veranstaltung gerät, wo Leute Rilke abfeiern. Die Begegnungen mit „Rilke-Ultras“ findet sie eher schräg, will sich schleunigst entziehen und lieber auf Internetrecherche zurückgreifen. Da prallt sie förmlich mit einer „Person“ zusammen. Sie erkennt ihn im Gegensatz zu uns Leser*innen noch nicht sofort (Rilke!!!!). Schon entzündet sich ein kleiner Flirt zwischen beiden. Ellen will nun doch weiter auf biographische Spurensuche gehen, schließlich lockt Paris als nächste Station. Dort wartet bereits wieder überraschend Rilke auf sie, und es startet eine klassische Liebesgeschichte. Ellen ist geflasht von diesem charmanten, verständnisvollen, poetischen Typen. So eine Romanze wiederfährt einem ja auch nicht mehr alle Tage.

Was für herrliche, sympathische und authentische Charaktere die Autorin da geschaffen hat. Ellen ist irgendwo um die 40 Jahre herum und wie aus dem alltäglichen Leben erschaffen. Sie kämpft mit denselben Alltagsproblemen wie wir z.B. mit den bockenden Teleskopstangen des Rollkoffers oder den Tücken mit Koffer in der Pariser Metro unterwegs zu sein und manch anderen Hindernissen des Lebens.
Rilke in unser Jahrhundert zu beamen und lebendig werden zu lassen, ist ein wahrer Genuss. Seine Figur bleibt ein etwas komischer, spezieller, aber sehr liebenswerter und heiterer Typ.

Schon auf dem Cover verbindet die Autorin verschiedene Zeiten und Ebenen: wir sehen neben Rilke und Ellen die Gazelle aus einem Rilke-Gedicht.
Das führt uns zur Form: Erfreulicherweise – und für Comics untypisch – kommt diese Graphic Novel ganz ohne Sprechblasen und eckige Panels aus. Hier entwickelt Melanie Garanin eine ganz eigene, individuelle Form, die sich auch in der Gestaltung der Seiten dem Verlauf der Geschichte anpasst.

Man merkt, dass hier noch alles von Hand mit Tusche und Feder gezeichnet und mit Aquarellfarben coloriert ist. Die Vergangenheit Rilkes ist in einen altmodisch wirkenden Sepia-Ton getaucht. Mit Ellen kommt eine angenehm sanfte Farbigkeit ins Spiel.
Die Illustrationen wirken sehr bewegt, leicht und fein, immer wieder mit viel Humor gewürzt. Die Gefühlswelt und die Gedanken der Menschen werden sicht- und erlebbar. Und es sticht ins Auge, dass Garanin Tiere, vor allem Hunde sehr am Herzen liegen. Immer wieder kann man sich an den zarten windhundartigen Vierbeinern erfreuen, z.B. in den feinen Vignetten an den Kapitelanfängen und immer wieder in kleinen Details.

Die Schrifttypen sind sehr bewusst eingesetzt: Schreibschrift herrscht in der Jetztzeit vor, biographische Texte zu Rilkes Biographie in Druckschrift, Zitate aus Rilkes Gedichte erscheinen wie ausgeschnitten auf farbigen Zetteln wie Post-Its. Das trägt zu einer angenehmen Übersichtlichkeit bei. Auf diese Weise wird die Lyrik feinsinnig in die Handlung eingewebt und trägt oft Rilkes Stimmung in die Jetztzeit hinüber.
Melanie Garanin erhebt nicht den Anspruch, eine übliche Biografie zu verfassen. Aber man lernt einzelne Stationen und Eckdaten von Rilkes Lebensweg kennen ohne in die Tiefe zu gehen. Seine reichlichen Beziehungen zu Frauen werden praktisch und übersichtlich mal komplett auf zwei Doppelseiten abgehandelt.

Dafür lernt man Rilke über sein Werk kennen, denn es tauchen immer wieder Sequenzen aus seinen Gedichten auf. Seine bildreiche Lyrik lädt ja auch förmlich ein, sie zu illustrieren.
Der Witz liegt darin, biographische Elemente mit einer fiktionalen Geschichte in Wort und Bild zu verbinden. Für dieses Experiment muss man natürlich offen sein, um an Rilke mal ganz andere Facetten zu erkennen oder ihn überhaupt ganz neu kennenzulernen.
Auf jeden Fall ist diese Verbindung von Literaturwissenschaft und dem bildreichen Comic an dieser Stelle hervorragend gelungen. Es macht es Lust darauf, wieder einmal in ein paar Rilke-Gedichte einzutauchen.

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Veröffentlicht am 27.09.2025

Kriminalfall rund um Kaspar Hauser

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
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Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar ...

Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar Hauser. Seitdem rätseln Wissenschaft und Gesellschaft über Herkunft und Schicksal dieses mysteriösen Findelkindes. Literatur und Kunst machten ihn vielfach zum Thema. Faszination übt seine Geschichte bis heute aus.

Der italienische Autor Davide Morosinotto greift die vielen losen Fäden der historischen Fakten auf und verwebt sie zu einem fiktionalen Kriminalroman für Jugendliche. In „Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten“ lässt er nur ein Jahr nach Kaspar Hausers Auftauchen – 1829 -, den fiktiven sizilianischen Detektiv und Arzt Dr. Grimaldi mit seiner 15jährigen Tochter Greta nach Nürnberg reisen. Grimaldi ist engagiert worden, um ein angekündigtes Attentat auf Kaspar Hauser zu verhindern.

Während die jugendliche Greta sich recht eigenständig in Nürnberg umschaut, setzt sie sich damit über die engen Konventionen, die im 19. Jahrhundert für junge Mädchen galten, selbstbewusst hinweg. Ihr Vater lässt sie dabei gewähren. Ihm ist es eh recht, wenn Greta draußen in der Stadt unauffällig die Augen offen hält und Informationen sammelt. Dr. Grimaldi selber verlässt für seine Nachforschungen nur ungern seine Hotelsuite. Stattdessen tyrannisiert er lieber das Hotelpersonal mit seinem stets unzufriedenen und nörgelnden Wesen.

Der sizilianische Detektiv ist weniger an Kaspars Geschichte interessiert, sondern lenkt sein Augenmerk auf die Verhinderung des angedrohten Attentats auf ihn. So ist er meist mit seinen intensiven Lektürestudien und Gesprächen mit Honoratioren der Stadt beschäftigt.
Greta Grimaldi ist der zentrale Charakter der Geschichte. Sie verfügt über eine sehr gute Ausbildung, spricht fünf Sprachen und gilt als scharfsinnig. Ihre Selbstständigkeit, ihr Selbstbewusstsein und auch ihr manchmal launenhaftes Benehmen treffen gelegentlich hart auf die Konventionen jener Zeiten. Zu ihrem Vater hat sie ein leicht distanziertes Verhältnis, die beiden wirken eher wie ein Team in diesem Fall. Eine Mitschülerin in Palermo hat einst über Greta gesagt: „Du bist wie aus Glas“. Sie meinte damit, dass Greta „keine klare Persönlichkeit“ besäße, sondern sich auf das Beobachten beschränken würde.

Bei ihren Nachforschungen trifft Greta immer wieder auf einen jungen Mann Oskar von Tucher, einem Mitglied einer Adelsfamilie mit Zugang zu Kaspar Hauser. Er macht Greta mit diesem bekannt. Greta wird Kaspar Hauser ein paar Mal eher flüchtig treffen. Durch die Untersuchungen und Gespräche der beiden Grimaldis erhält man beim Lesen einige Informationen über seine recht nebulöse Geschichte, hört so manche Spekulationen, Theorien und Mutmaßungen. Doch das Rätsel über seine Herkunft bleibt – wie auch in der Realität – ungeklärt.

Leider wirkt Kaspar Hauser als Charakter sehr blass, blutleer und nur grob skizziert. Man erfährt eher von außen über ihn, als durch ihn selber.
Die beiden tatsächlichen Attentate auf Kaspar Hauser (17.10.1829) und später nach Grimaldis Einsatz (14.12.1833 mit tödlichem Ausgang) werden aufgegriffen und mit einem fiktiven Tathergang dargestellt.

Fazit
Der Jugendroman hält mit dem ansprechenden Cover und den vielen interessanten Illustrationen, die unter Nutzung von Darstellungen aus dem Nürnberger Stadtarchiv entstanden sind, einiges für das Auge bereit.
Die rätselhafte Geschichte um Kaspar Hauser lädt immer noch ein, sie wieder neu aufzugreifen. Der Autor nimmt auch die vielen Fäden historisch korrekt auf, um sie neu zu verknüpfen. So erfahren die jungen Leser*innen auf unterhaltsame Art sehr viel über „das Kind Europas“. Der Schreibstil ist gut verständlich und trotz ein paar Längen gut lesbar.

Leider kann mich der Autor aber mit seiner Kriminalgeschichte nicht vollkommen überzeugen. Ich hätte mir erhofft, dass er sich traut, der jungen Leserschaft den Menschen Kaspar in irgendeiner Form näher zu bringen. Doch Kaspar bleibt ein rätselhaftes Objekt, das man mit Abstand betrachtet. Eine traurige blasse Skizze und vergebene Chance.

Die einzige mögliche Identifikationsfigur ist Greta, der ich in ihrer etwas unnahbaren Art am Anfang gern eine Chance gegeben habe. Doch ihr Verhalten und ihre wenig nachvollziehbaren Schlüsse zum Fall haben mich zusehends Abstand nehmen lassen.
Der konstruierte Kriminalfall und die angebotene Lösung haben mich nicht wirklich überzeugt. Mord, tragischer Justizirrtum und Suizid fand ich eher reißerisch, so dass die Handlung zunehmend in die Abwärtsspirale geriet. Schade, denn der Anfang war eigentlich gar nicht so schlecht.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Verständlicher Zugang zu komplexen Zusammenhängen

Organisch
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Giulia Enders hat vor einem Jahrzehnt mit ihrem Sachbuch „Darm mit Charme“ bereits als Medizinstudentin ein fulminantes Debüt abgeliefert. Für Laien gut verständlich ist sie damals mit viel Witz, Charme ...

Giulia Enders hat vor einem Jahrzehnt mit ihrem Sachbuch „Darm mit Charme“ bereits als Medizinstudentin ein fulminantes Debüt abgeliefert. Für Laien gut verständlich ist sie damals mit viel Witz, Charme und Liebe zu Details in ein Thema abgetaucht, das bis dahin eher leicht verschämt angesprochen wurde. Man hatte das Gefühl, Hinweise und Wissen über seinen Darm mitgenommen zu haben, die man im Alltag gut umsetzen kann. Dazu haben auch die humorvollen anschaulichen Illustrationen ihrer Schwester beigetragen. Ich habe das Buch mehrfach verschenkt und weiterempfohlen.
Da war es ja klar, dass ich ihr zweites Buch unbedingt haben muss. Mit dem Titelbild wird das Sachbuch „Organisch“ vielleicht nicht bei jeder/m Leser/in große Freude wecken. Ich finde es aussagekräftig und auch ästhetisch gelungen.

Anders als in ihrem Erstling befasst sich die Autorin in diesem Buch mit verschiedenen zentralen Organen und Systemen des Körpers. In fünf Kapiteln werden jeweils die Lunge, das Immunsystem, die Haut, die Muskeln und das Gehirn ins Zentrum gestellt.
Die Kapitel werden jeweils eingeleitet mit recht persönlichen Erinnerungen an bestimmte Familienmitglieder und damit verbundene Themen wie z.B. Verlust, Kraft o.ä., die dann zu den jeweiligen Organen führen. Man lernt etwas über dessen Eigenarten und Auswirkungen. Manches weiß man schon, anderes lernt man hier auf verständliche Weise kennen. Auch Neues aus der Medizin und Forschung wird angesprochen.

Die Autorin bringt eine eigene Sichtweise auf die organischen Abläufe im Körper ein. Sie möchte die oft verwendeten Metaphern, die sich auf Maschinelles beziehen, ersetzen. Stattdessen überträgt sie organische Prozesse und Prinzipien auf das menschliche Leben und ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben.
Es wird ein verständlich aufbereitetes Wissen rund um den Körper vermittelt. Dieses Wissen führt zu einem anderen, besseren Verhältnis zum eigenen Körper. Das Ziel ist, den Blick auf den Körper zu verändern, sich mit ihm als Team zu sehen.

Man lernt, wie man Signale des Körpers erkennen und einordnen kann. Auf den Körper zu hören, heißt innere Rhythmen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Eine neue Perspektive auf die Organe und körperliche Systeme könnte motivieren, die Lebensführung dementsprechend zu ändern und den Alltag anders zu strukturieren.
Im Bereich der Haut ist mir da besonders die Macht der Berührung und im Kapitel Gehirn die große Rolle des Schlafes im Bewusstsein geblieben.
Giulia Enders schreibt immer noch lebendig und empathisch, allerdings wird manchem – wie mir - vielleicht Witz und die Lockerheit ihres ersten Sachbuches fehlen. Andere Leser schätzen vermutlich nun eher den sachlicheren Ton.

Eigentlich sind die recht persönlichen Einführungen in die Kapitel ganz nett, haben mir persönlich aber für das Verständnis der organischen Abläufe nicht viel gebracht. Stattdessen kontrastieren sie eher mit der folgenden sachlichen Perspektive und dem ernsthafteren Ton.
Dadurch, dass mehrere Organe thematisiert wurden, gelingt es nicht, weiter in die Tiefe zu gehen. Dafür wird das vernetzte Zusammenwirken der Organe und Systeme im Körper deutlicher.

Insgesamt ist es der Autorin gut gelungen, ihren Lesern einen verständlichen Zugang zu den, genau betrachtet, sehr komplexen Zusammenhängen zu vermitteln.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Familiäre Eingeweideschau

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie ...

Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, vor allem mit dem Blick auf die Linie der Mütter gelenkt. Der Schwerpunkt auf die weibliche Orientierung setzt sich fort bei der Bedeutung der Hebamme, Leichenfrau und auch einer Schwiegermutter.

Die Ich-Erzählerin Alma erklärt gleich am Anfang des Romans, dass ihre Erzählung wie „eine Eingeweideschau“ ablaufen würde. Und damit liegt sie auch richtig.
Der Roman setzt mit der Geburt des neuen Jahrhunderts ein, auch Almas Urgroßmutter Henrike wird 1900 als Bauerntochter in ein kleines Dorf an der Nordsee geboren. Ihre Mutter stirbt, als Henrike 13 Jahre alt ist. Von dem Moment an lastet die Verantwortung der vier kleineren Geschwister, des Haushaltes und schließlich auch des Hofes auf ihren Schultern, als der Vater im 1. Weltkrieg fällt.

Damit ist die Härte und Kargheit der Erzählung gesetzt. Henrike, wie auch die Töchter und Enkelinnen nach ihr, kommen notfalls alle auch ohne Mann zurecht. Schon als Kind hat Henrike Schlachten und Wursten von der Mutter gelernt und wird es so auch weitergeben. Dieses Wissen des Schafschlachtens sichert ihr im nächsten Krieg das Überleben. Es ist eine Linie von Frauen, die viel tragen und ertragen müssen.

Das Leben der Familien ist über Generationen geprägt von Schweigen, Bitternis und dem Wunsch, anders zu agieren als die vorherige Generation. So findet sich eine Vielzahl, sich mehrfach in verschiedenen Generationen wiederholender Motive. Man wünscht, es anders zu machen, fällt aber unbewusst in dieselben Muster zurück.

Es gibt Wunschkinder, Lieblingskinder, solche die Hiebe kassieren und jene, die man am liebsten abgetrieben hätte. So erfahren Lieblingskinder Zuwendung durch das Lied „Dat du min Leevsten büst“, während die anderen ohne auskommen müssen, kommunikative kleine Töchter werden mit mütterlicher Ablehnung konfrontiert, während die Väter sie wohlwollend als „kleines Tagblatt“ bezeichnen.

Die Frauen des Romans sind kommunikativer und auch zupackender als die Männer – die Väter, die Söhne. Da gibt es Söhne, die bildhaft erst mit 15 Jahren zum Leben erwachen oder im Laufe des Lebens in Holz erstarren.
Die auffallend vielen Motive und die vielsagenden Metaphern unterstützen das anfängliche Bild der Eingeweideschau. Man blickt in das nunmehr tote Objekt und erkennt Zusammenhänge, Strukturen, Bildhaftes.

Alma, die Erzählerin, versucht sensibel, mit eher kindlichem Blick das Geflecht der familiären Eingeweide zu entwirren, die Muster und Zusammenhänge zu erkennen.
Es überkommt einen das Gefühl der Freud- und Trostlosigkeit: Not und Krieg entfremdet die Menschen, ein Mantel des Schweigens legt sich auch über wichtige Ereignisse, oft lässt einen die Empathielosigkeit frösteln.

Maschiks Erzählweise ist ungewohnt und eigenwillig und dennoch poetisch. Sie trägt die Ereignisse und Gefühlsimpressionen locker wie kleine Mosaiksteine zusammen.
Sprachlich verknappt stellt sie Aussagen und Dinge in Listenform auf gegenüberliegenden Seiten gegeneinander. Es bleibt viel freier Raum auch auf den Seiten zum eigenen Füllen durch innere Bilder.

Auffallend sind die vielen wiederkehrende Motive. Eines davon ist die Zitrone, die im Cover einen krassen Kontrast zum Titel darstellt. Sie sind Entdeckungen, die der Leser macht und seine eigene kleine Eingeweideschau anstellen kann.

An der Familie ziehen die Umbrüche in Laufe des 20 Jahrhunderts durch Krieg, Veränderungen in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft vorbei und lenken ihr Geschick. Aber mehr als das, ist es wohl die Prägung der Mutterlinie, die sich ausdrückt und deren Spuren Alma versucht zu verstehen und somit auch versucht, sich selber zu verstehen.
Ich fand es interessant, die reine Form des Romans zu ergründen. Aber wie beim Sezieren und Zerlegen des Schafes, konnte ich den emotionalen Abstand zu den Charakteren nicht überwinden. Doch vielleicht ist das auch gar nicht intendiert.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Den Nerv der Zeit getroffen

Lázár
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Mit dem Roman „Lázár“ treffen wir auf die bewegende Chronik einer ungarischen Adelsfamilie in den Strömungswirbeln des letzten Jahrhunderts. Die speziellen Verbindungen des Autors zum Thema des Buches ...

Mit dem Roman „Lázár“ treffen wir auf die bewegende Chronik einer ungarischen Adelsfamilie in den Strömungswirbeln des letzten Jahrhunderts. Die speziellen Verbindungen des Autors zum Thema des Buches machen es besonders authentisch und spannend.

Der junge Autor Nelio Biedermann (geb.2003) ist in der Schweiz aufgewachsen, väterlicherseits stammt seine Familie aus dem ungarischem Adel. Seine Großeltern sind nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch die gewaltsame sowjetische Intervention in den 1950er Jahren in die Schweiz geflohen.
Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft in Zürich und schreibt neben Studium und Nebenjob. „Lázár“, sein zweiter Roman, startet ganz groß. Er wird gleich in mehr als zwanzig Ländern erscheinen.

Für diesen Roman bietet die Geschichte seiner Familie eine Menge Inspirationen. Stammvater der österreichisch-ungarischen Adelsfamilie der Biedermann von Turony, von denen er abstammt, war übrigens der Hofjuwelier und Bankier Michael Lazar Biedermann (1769-1843), dessen Sohn Simon 1860 den Adelstitel erhielt und vererbte. Zu Zeiten der K.-u.-k-Monarchie war die Familie im Besitz von Schlössern und Ländereien. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie von den Kommunisten ad hoc enteignet. Es blieb ihnen nur ein Tag, um etwas mitzunehmen und ihr Zuhause zu verlassen (das Schicksal ereilt auch die fiktive Familie Lázár im Roman).

Man merkt der Geschichte an, dass sie auf einer ausführlichen Hintergrundrecherche im familiären Umkreis und vor Ort in Ungarn, mit stimmigen Daten, Begebenheiten und dargestellten Lebensumständen fußt. Die Handlung ist fiktiv, von der Realität inspiriert.
Die Handlung setzt kurz vor dem ersten Weltkrieg ein und führt in eine bewegte, dramatische Zeit. Mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie geht eine Epoche zu Ende. Die Aristokratie verliert an Bedeutung. Der Fluss der Geschichte orientiert sich an den historischen Ereignissen: zwei Weltkriege, mehreren Wechsel im politischen System von der Monarchie über Krieg und Faschismus bis zum Kommunismus.
In diesen Wirren des 20. Jahrhunderts geht auch die ungarische Adelsfamilie Lázár ihrem Niedergang entgegen. Drei Generationen der Familie lernen wir im Laufe des Buches kennen.

Der Einstieg beginnt mit Geburt und Kindheit des fast ätherisch wirkenden Lajos von Lázár im abgelegenen mystischen Waldschloss. Sein Aufwachsen spiegelt die aristokratische Welt jener Zeit mit all seinen starren gesellschaftlichen Regeln. Man kann erspüren, wie die Menschen unter diesen Regeln leiden. Die Familienmitglieder leben nebeneinander her, wirken innerlich zerrissen und scheinen von der realen Welt entfremdet.
Die Erziehung von Lajos und seiner älteren Schwester Ilona ist streng, kalt, ohne körperliche Nähe und Zuneigung. Offensichtlich soll die frühe emotionale Abhärtung, innerer Schwäche vorbeugen. Auch die nächste Generation kann nicht von dieser Prägung genesen und gibt sie weiter.

Die Geschichte der Familie Lázár ist reich an tragischen persönlichen Ereignissen von Alkoholismus, Suizid bis zu psychischer Erkrankung, aber auch an Liebe und Affären. Alle Generationen werden durch die politischen Umwälzungen gebeutelt.
Durch die Charaktere sind wir immer sehr nahe am Zeitgeschehen, denn der Elfenbeinturm im Waldschloss wird irgendwann mit städtischen Wohnsitzen ausgetauscht. Wachsender Antisemitismus und erstarkender Faschismus wird auch in Ungarn sichtbar. Mittlerweile ist die Familie der Lázár schon ergänzt durch die nächste Generation: die Kinder István, genannt Pista, und Eva.

Man erlebt den erwachsenen Lajos als Offizier der ungarischen Armee. Anhand seiner Position und Tätigkeit wird die ungarische Beteiligung am Holocaust sichtbar. „Lajos kümmerte sich um Organisatorisches.“ (S. 191/192/193) – Lajos ist an Ghettoisierung und Deportation von Juden beteiligt.
Die russische Armee und die ungarischen Kommunisten gestalten die Geschicke der Familie um in eine Geschichte von Vertreibung, Enteignung, Deportation, Zwangsarbeit und Flucht.

Fazit
Das Cover finde ich feinsinnig gewählt. Tatsächlich wirkt der Schimmel darauf sehr edel, aristokratisch, hochgezüchtet und feinnervig. Ein bisschen musste ich auch an die Pferdezucht in Ungarn denken (z.B. Lipizzaner). Im Buch findet das Pferd sich als Metapher des eisigen Winters als Reiter auf weißem Schimmel wieder, der die Familie im Waldschloss festbannt.

Mit der Erzählposition in der Jetztzeit breitet Biedermann seine Geschichte mit ausdrucksstarken Bildern, episch und intensiv aus. Es ist ihm dabei gelungen, Fiktion und Realität untrennbar zu überblenden. Die Authentizität ist bestechend. Die Handlung lebt von genau recherchierten zeitgenössischen Wissen (z.B. was an Mahlzeiten auf dem Tisch stand, finanzielle Details, Stimmungen), das vermutlich zusätzlich auch aus familiären Erzählungen stammt.

Die politischen Ereignisse werden immer in Zusammenhang mit der Familie dargestellt. Eine auffällige Ausnahme bildet hierbei nur das kurze Kapitel von Tod Stalins, das aus dem Fluss der Erzählung herausfällt (S.277).
Sehr eindrucksvoll ist die feine und psychologisch genaue Zeichnung der Charaktere, ihrer Suche nach Orientierung und ihrer inneren Konflikte. Man erlebt sie mit all ihren vielschichtigen Emotionen.

Eindrücklich finde ich beispielsweise Lajos, der seine Tätigkeit als Offizier ihm Rahmen des Holocausts vor sich selbst schönredet und vor der Familie nie anspricht. Ihm ist vollkommen klar, dass er ein feiger Opportunist ist und es keine Entschuldigung für sein Handeln gibt.
Jedem der Protagonisten wird sorgfältige Charakterisierung zuteil: ob es die empfindsam, leise leidende Mária ist, Ilona, die Meisterin des Verdrängens, der in sich selbst geflohene, geisteskranke Bruder Imre oder die seltsamen Kindheiten und späteren Identitätssuchen von Lajos und Pista sind.
Selbst der gruselige Wald um das Schloss herum scheint seine eigene Wesenheit zu besitzen.

Mit der Geschichte der Familie wird ein Stück Zeitgeschichte Ungarns, ja Europas gespiegelt. Die Entwicklung der einzelnen Individuen, das Schicksal der Familie, die politischen Verwerfungen und Katastrophen machen den Roman so vielschichtig.

Vielleicht ist es das, was diesen Roman so ganz besonders eindrücklich in unserer Zeit macht. Auch wir haben das Gefühl, dass unsere als stabil empfundene Welt durch Kriege, gefährliche Ideologien und Machtverschiebungen ins Wanken und in Auflösung gerät. Außerdem hat sich in den letzten Jahren unser Blick auch wieder Richtung Osten gewandt, wo im halben letzten Jahrhundert alles durch den Eisernen Vorhang verborgen war. Es hat noch Jahrzehnte gebraucht, eine neue Perspektive, ein aufgefrischtes Wissen und emotionale Bindung zu gewinnen. Da trifft dieser Roman genau den Nerv, finde ich.

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