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Veröffentlicht am 26.07.2022

Spaziergang durch ein unbekanntes NY

NEW YORK - Wie es keiner kennt
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Susan Kaufman war jahrelang früh morgens auf Fotosafari in den Straßen von NY unterwegs. Sie hielt fest, was sie besonders ansprach, schöne Architektur, besondere Türen und Häuserfronten. In diesem Bildband ...

Susan Kaufman war jahrelang früh morgens auf Fotosafari in den Straßen von NY unterwegs. Sie hielt fest, was sie besonders ansprach, schöne Architektur, besondere Türen und Häuserfronten. In diesem Bildband sind Fotos der Stadtteile Greenwich Village, West Village, East Village, NoHo & Nolita, SoHo, Gramercy Park, Murray Hill, Upper East Side, Carnegie Hill und Brooklyn Heights. Die Bilder sind allesamt sehr schön, es macht Spaß sie anzusehen, man bekommt Lust den Spaziergang nachzulaufen. Die malerischen Orte, die üppigen Blumenläden und menschenleeren Plätze sind gut in Szene gesetzt. Sie entsprechen dem Titel des Buches sehr, es wird ein unbekanntes NY gezeigt. Niemals hätte ich soviel schöne idyllisch anmutende Orte in dem quirligen NY vermutet. Neben dem Schwerpunkt der Fotografin hätte ich aber gerne noch ein paar Fotos der Straßenzüge gehabt, die einen Gesamteindruck des Viertels vermittelt hätten. Zu jedem Viertel gibt es am Kapitelabschluss eine kleine Karte, auf dem die Lieblingsorte der Autorin eingezeichnet sind, so dass man die fotografierten Orte wiederfinden könnte. Die Texte zu den einzelnen Stadtteilen sind sehr kurz, die Untertitel zu den Bildern auch, der Fokus liegt eindeutig auf den Bildern. Schön ist die Einbindung aller Jahreszeiten, die Winterbilder vermitteln einen besonderen Charme.

Der Bildband kommt eher klein daher (etwas weniger als A4), der sehr starke Einband liegt aber gut in der Hand und vermittelt neben den tollen Fotos einen sehr wertigen Eindruck.

Insgesamt hatte ich mir vorab ein breiteres Spektrum vorgestellt, hier wird ein sehr kleiner Teil NY´s sehr speziell betrachtet. Die frühen Morgenstunden sind menschenleer, die Motive beschränken sich zu einem Großteil auf Türen. Dennoch macht das Ansehen des Buches Spaß, wer sich länger in NY aufhält hat sicher Spaß daran auf den Pfaden der Autorin zu wandeln und ein wenig Beschaulichkeit in der Weltstadt zu erleben.

Für Fotobegeisterte und NY-Fans ein tolles Buch.

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Veröffentlicht am 20.07.2022

überraschendes Sittenporträt

Mädchen auf den Felsen
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Dieser Roman wurde in den 70er Jahren von Jane Gardam verfasst und nun erst ins Deutsche übersetzt.

Die Handlung ist in den 30er Jahre in der englischen Provinz nahe der Küste angesiedelt. Der dominante ...

Dieser Roman wurde in den 70er Jahren von Jane Gardam verfasst und nun erst ins Deutsche übersetzt.

Die Handlung ist in den 30er Jahre in der englischen Provinz nahe der Küste angesiedelt. Der dominante Vater Kenneth Marsh ist ein übereifriger Primal Saints Prediger, sein frömmelndes Gehabe bestimmt den Familienalltag. Seine Frau Elinor hat gerade einen Jungen zur Welt gebracht. Das schreiende hässliche Ding ist der achtjährigen Margaret ein Dorn im Auge, sie weiß nichts mit ihm und der ihn allezeit fürsorglich umsorgenden Mutter anzufangen. Der Vater schenkt der aufgeweckten Tochter, die manchmal wie ein lebendes Bibellexikon daherkommt, keine Beachtung. Sie ist irgendwie ein bisschen übrig, damit sie dies nicht so schlimm empfindet, darf sie jeden Mittwochnachmittag einen Ausflug mit dem neuen 18-jährigen Hausmädchen Lydia unternehmen. Lydia ist der Neuzugang im Haus, wie ein unpassender Paradiesvogel in einer grauen Umwelt, die der Hausherr als Prüfung annimmt, um sie auf den rechten Weg zu führen. Die unglaublich hochmütige Borniertheit dieser Einstellung, stösst der Hausfrau sauer auf und ist dem Hausherrn gar nicht klar.

Die unterschiedlichen Charaktere werden sehr lebendig dargestellt und besonders Lydias Wesen mischt den Alltag der Familie auf, auch wenn sie versucht sich anzupassen, weil sie für ihre Familie Geld verdienen muss.

Die Ausflüge führen Margaret und Lydia immer wieder zu einem Anwesen, mit Altersheim und Psychiatrie. Dies ist das Elternhaus der Jugendfreunde Elinors, die sie mit Margaret eines Nachmittags besucht. Die Geschwister wurden von der Mutter enterbt und leben neuerdings wieder in der gleichen Stadt wie die Marshs, während deren kranke Mutter noch in dem Haus weilt.

Lange plätschert die Handlung etwas vor sich hin, unterhält aber durch die unterschiedlichen Charaktere und die Fragen und Reaktionen Margarets auf die Beobachtungen ihres Umfeldes. Auf einen Schlag ändert sich die Beschaulichkeit, die Erzählstränge kreuzen und verbinden sich. Die eisernen gesellschaftlichen Regeln werden munter gebrochen und die Geheimnisse schneller offenbar als den Beteiligten lieb ist. Die rasanten Folgen, die dadurch ausgelöst werden, sind dramatisch.

Gardam hat mit dieser unterhaltsamen Geschichte ein Sittengemälde geschaffen, dass die Bigotterie und Ignoranz von Margarets Umfeld entlarvt und anprangert. Insbesondere der Vater scheitert an seinen eigenen Ansprüchen, Lydia wird ihm zum Verhängnis, wobei er hier selbst die treibende Kraft für seinen Untergang ist. Lydias Wutrede bringt dies gut auf den Punkt. Während ihre Eltern sich in egoistischen Kurzschlussreaktionen verfangen und dabei auf schon fast komische Weise entdeckt werden, geht Margaret auf die Felsen am Meer, um nachzudenken. Dieser harmlose Ausflug setzt erneut unglaubliche Kettenreaktionen frei. Die Autorin hat hier mit Ironie und bitterbösem Humor eine unterhaltsame Geschichte kreiert, die insbesondere durch Margaret und Lydia sehr lebendig wirkt. Der Blick hinter die Fassaden zeigt alte Verletzungen, gescheiterte Lebensträume, einengende Frömmelei aber auch überbordende Lebenslust.

Ein Werk, dass sich langsam steigert und dann immer mehr Fahrt aufnimmt, bis zu einem fulminanten Ende. Mir hat das Buch sehr gefallen.

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Veröffentlicht am 20.07.2022

Lügen fürs Überleben

Die Lüge
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"Menschen können bemerkenswert gehaltlos sein."

Mikita wird nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter von seinem Onkel Slawa adoptiert. Die Oma ist zu alt und Mikis Mutter hat sich diese Lösung gewünscht, ...

"Menschen können bemerkenswert gehaltlos sein."

Mikita wird nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter von seinem Onkel Slawa adoptiert. Die Oma ist zu alt und Mikis Mutter hat sich diese Lösung gewünscht, obwohl sie Probleme wegen der Homosexualität des Bruders kommen sah. Slawa versteckt seine Liebe zum Lebenspartner Lew geschickt. Die Beziehung und auch das Leben des Jungen werden zunächst auf den Kopf gestellt. Miki muss sich bei den Beiden einleben und Lew akzeptieren, von dem er bis dato nichts wusste. Lew muss sich auch erst an die Konkurrenz gewöhnen und einen Zugang zu dem Kind finden. Das größte Problem ist jedoch die homophobe Umgebung in Russland. Miki muss lügen, die Familienverhältnisse dürfen nicht offenbar werden, damit die Leute und vor allem das Jugendamt nicht auf den Plan kommen. Eine große Herausforderung und Belastung für ein Kind, die sich weiter durch sein Leben zieht und große Auswirkungen auf sein Seelenleben hat.

Slawa und Lew sind fantastische Eltern, die sich wunderbar ergänzen und gut für den Jungen sorgen. Sie meistern viele Probleme und stehen letztlich immer fest zueinander und zu Miki.

Mikis Kindheit und Jugend, seine Selbstzweifel und -findung erlebt der Leser hautnah mit. Es gibt einige dramatische Wendungen, an denen er fast scheitert und die berührend sind.

Über viele beschriebene Situationen wird ganz klar Gesellschaftskritik an Russland geübt, das wurde sehr gut eingeflochten und wirkt authentisch. Viele der Vorurteile und Probleme sind aber übertragbar. Die Schwierigkeit Dinge zu akzeptieren, die anders oder neu sind, ist kein russisches Monopol.

Der Autor hat in diesem Buch eigene Erfahrungen mit eingearbeitet. Vieles wirkt sehr authentisch, das liegt unter anderem an der einfachen direkten Erzählweise. Da er durch Miki erzählt, passt dies gut, denn ein Kind denkt und redet eher schnörkellos. Es gibt es viele schöne Textstellen, die berührend sind und eine wahren Kern haben. So wird man immer nah an der Geschichte gehalten, möchte wissen wie es weitergeht und hofft immer für Miki, dies trifft auch bei typischen Pubertätsproblemen zu, nicht nur bei den übermächtigen sexuellen Einstellungen und Lügengebilden. Mich hat dies Buch sehr angesprochen und ich konnte es kaum aus der Hand legen. Letztlich hat sich der Wunsch der Mutter für ihren Sohn erfüllt. Er hatte die Gelegenheit hinter gesellschaftliche Schablonen zu blicken und konnte lernen frei zu denken. Gerne hätte ich noch mehr über das Leben dieser besonderen Familie gelesen. Ein sehr gelungenes Debüt über Konventionen und Normen, sowie den Wunsch nicht aufzufallen.

Von mir gibt es fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

Hilfsbereitschaft und Achtsamkeit

Auch Engel brauchen mal 'ne Pause
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Dieses liebevoll illustrierte Buch ist rein optisch ein kleiner Schatz, den man auch gut mit Kindern ansehen kann. Der kleine Engel kommt in einen Wald und hilft dort den Tieren. Damit ist er so beschäftigt, ...

Dieses liebevoll illustrierte Buch ist rein optisch ein kleiner Schatz, den man auch gut mit Kindern ansehen kann. Der kleine Engel kommt in einen Wald und hilft dort den Tieren. Damit ist er so beschäftigt, dass er die eigenen Bedürfnisse völlig vernachlässigt, so hat er keine Hütte, keine Vorräte etc. und bricht schließlich erschöpft zusammen, als er Rindern helfen möchte. Diese nehmen ihm das gar nicht krumm, aber der eigene Anspruch wirkt sich schmerzhaft aus. In der Not kommen alle Tiere zusammen und lösen das Problem gemeinsam. Der kleine Engel hört in der Nacht eine Stimme, die ihm sagt, dass er auch auf sich selbst achten muss, weil er wertvoll ist. Die Geschichte endet für den kleinen Engel mit einer tollen Überraschung, die eine schöne Botschaft in sich trägt.

Eine schöne Geschichte, um zu vermitteln dass Selbstfürsorge bei aller Hilfsbereitschaft wichtig ist und nicht aus den Augen verloren werden darf. Hierzu braucht es natürlich auch Zuversicht, Gottvertrauen und hilfsbereite Menschen. Jeder kann ein Engel sein, darf sich aber auch gerne mal von einem anderen Engel umsorgen lassen.

In dem Nachwort gibt es noch eine entsprechende Erläuterung zu der Botschaft und das passende Bibelzitat.Das Nachwort hätte gerne etwas ausführlicher ausfallen können, ein paar Hilfsangebote für Menschen mit Helfersyndrom wären auch schön gewesen.

Eine berührende Geschichte in schöner Aufmachung, auch sehr gut als Geschenk geeignet.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

einmal das Leben neustarten

Ein unendlich kurzer Sommer
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Lale kommt seit einem traumatischen Erlebnis nicht mehr mit ihrem Leben klar. Sie setzt sich in einen Zug, fährt bis zur Endstation und gerät dort an einen kauzigen alten Campingplatzbesitzer Gustav, bei ...

Lale kommt seit einem traumatischen Erlebnis nicht mehr mit ihrem Leben klar. Sie setzt sich in einen Zug, fährt bis zur Endstation und gerät dort an einen kauzigen alten Campingplatzbesitzer Gustav, bei dem sie gegen Kost und Logie unterkommt. Ihre Familie und ihre Freunde lässt sie zurück, das Handy ist aus. Auch nach vielen Tagen des Schweigens scheint sie mit ihren Problemen auf der Stelle zu treten.


Der Gärtner Christophe auf La Réunion hat gerade seine demente Mutter, die er lange gepflegt hat, beigesetzt. Er findet im Nachlass einen Brief, der ihm offenbart, dass sein leiblicher Vater ein Gustav aus Deutschland ist. Er begibt sich auf Spurensuche.


Die Figuren treffen auf dem maroden Campingplatz zusammen und bilden mit dem Nachbarsjungen Flo, seiner Mutter und James, einem alten Freund von Gustav eine Gang, in die schwer hineinzukommen ist. Sie helfen einander und decken nach und nach ihre Geheimnisse auf. Sie bekommen Gelegenheiten zu Neustarts, die sie teils verstreichen lassen, weil eine neue Chance auch Angst machen kann.


Das Buch liest sich aufgrund einiger Längen teils etwas zäh.


Insgesamt eine nette Geschichte über Freundschaft, Neustarts, Verlustverarbeitung und Vergebung.


Die Protagonisten waren mir nicht sympathisch, insbesondere Lales Verhalten gegenüber ihrem Ehemann hat mich abgeschreckt. Diese Beziehung und auch die Probleme der Beiden wurden mir zu nebensächlich erzählt, dafür lag der Fokus teilweise auf unbedeutenden Ereignissen. Der Vergangenheit und dem Zurückgelassenen hätte hier mehr Raum gutgetan, um den Wunsch nach einem Neuanfang zu untermauern. So erschien mir hier alles etwas aus dem Bauch heraus entschieden.


Christophses Verhalten konnte ich zwar nachvollziehen, dennoch war er auch eher blass.


Für Unterhaltung sorgten hier eher die Nebenfiguren.


Für alle, die Geschichten mögen, in der es Liebe auf den ersten Blick gibt, ist das Buch sicherlich eine schöne Sommerlektüre. Für alle, die etwas Tiefgang hinter dem ansprechenden Klappentext vermuten, kann ich nur eine eingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

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