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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.09.2018

Fesselnd, faszinierend, famos - ein Hoch auf die Merkwürdigkeit!

Hier ist noch alles möglich
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Inhalt

Der Chef einer Fabrik, die kurz vor der Schließung steht, stellt eine neue Nachtwächterin ein, die Protagonistin dieses Romans. Ein Wolf wurde auf dem Fabrikgelände gesichtet, hat es gewagt, Grenzen ...

Inhalt

Der Chef einer Fabrik, die kurz vor der Schließung steht, stellt eine neue Nachtwächterin ein, die Protagonistin dieses Romans. Ein Wolf wurde auf dem Fabrikgelände gesichtet, hat es gewagt, Grenzen zu überschreiten. Panik bricht aus. Gruben werden ausgehoben, Fallen aufgestellt, der Wolf wird zum zentralen Thema in der Fabrik.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Genre: Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 192
Erzählweise: Ich-Erzähler, meist Präteritum, selten Präsens
Perspektive: aus weiblicher Perspektive
Kapitellänge: Das Buch ist in drei große Kapitel eingeteilt, die in weitere kurze Geschichten und Episoden unterteilt sind.
Tiere im Buch: +/- In einer Geschichte wird ein Hahn getötet, der Chef der Firma stellt Tellereisen auf, um den Wolf zu fangen, was nichts anderes als schlimmste, verachtenswerteste Tierquälerei und zu verurteilen ist. Was geschehen würde, wenn der Wolf in die Falle ginge, wird nie konkretisiert, vermutlich würde er aber erschossen werden. Tauben werden an einem Flughafen erschossen, um die Flugzeuge vor Vogelschlag zu schützen, ein Vogel wird in einem Film versehentlich getötet. Die Protagonistin hingegen versucht den Wolf immer wieder zu schützen, zum Beispiel indem sie die Fallen schließt, dafür gibt es Pluspunkte.

Warum dieses Buch?

Dieses Buch hat es dieses Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft, daher musste es in irgendeiner Weise etwas Besonderes sein. Klappentext, Titel und Cover haben mich sofort neugierig gemacht – so stand schnell fest, dass es mein erstes Longlist-Buch werden würde. Weitere werden folgen.

Meine Meinung

Einstieg & Struktur (+)

Der Einstieg fiel mir sehr leicht, obwohl die Struktur durchaus als ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Hier wechseln sich kurze Episoden aus dem Leben der Nachwächterin mit Reflexionen, selbst verfassten Wörterbucheinträgen, einzelnen Fotos (deren Bedeutung einem beim Lesen nicht immer sofort klar ist), Zeichnungen und sehr kurzen Geschichten ab, die meist merkwürdig sind und von fremden Inseln handeln. Schon die erste Seite hat mich derart fasziniert, dass ich unbedingt weiterlesen wollte.

„Der Wolf und die Wölfe haben keine Namen. Man nennt sie Wolf und Wölfe. Sie haben Verstecke. Sie bewegen sich nachts.
Auch ich bewege mich nachts, auch ich schaue viel in die Dunkelheit.
Auch ich drang in Gebiete vor.“ E-Book, Position 41

Schreibstil (♥)

Auch der Schreibstil war einer der Gründe, warum ich so schnell in die Geschichte gefunden habe. Er ist einfach und sehr angenehm und flüssig lesbar, und obwohl er einige Wiederholungen enthält (etwas, was mich normalerweise schnell nervt), so waren diese ganz gezielt und bewusst gesetzt und haben dem Text einen bestimmten Nachdruck und einen leicht kindlichen, unvoreingenommenen Unterton verliehen, was mir sehr gut gefallen hat. Die meist kurzen, manchmal mit Beistrichen oder Konjunktionen verbundenen Hauptsätze sind sehr nüchtern und schmucklos gehalten, ohne blumige Verzierungen oder Spielereien, dennoch ist die Sprache eindringlich und faszinierend. Selten blitzen Spuren von Humor auf. Trotz des einfachen Schreibstils will das Buch mit voller Konzentration gelesen werden, das zeigt sich auch daran, dass es keine Anführungszeichen gibt. Alleine durch den Schreibstil hat es einen Sog auf mich ausgeübt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Manches Mal schien mir die Sprache aber auch etwas prätentiös – nämlich immer dann, wenn jedes Wort so voller Nachdruck gesetzt wurde, als hätte es eine große und tiefgehende Bedeutung. Häufig steckt bei diesem Buch viel zwischen den Zeilen, aber in manchen Momenten gibt es das auch meiner Meinung nach nur vor. Aber: Ich verzeihe es, und ich verzeihe es gerne, weil mir das Gesamtbild so gut gefallen hat.

„Ich sehne mich nach Unsicherheit, nach mehr Echtheit vielleicht, nach Wirklichkeit. Ich möchte unterscheiden können, was wichtig ist und was nicht. Ich möchte Teil einer Geschichte sein oder vieler Geschichten zugleich.“ E-Book, Position 307

„Ich stelle mir eine Welt vor, auf der Wölfe bereits mit Tellereisen an den Füßen geboren werden und in keine weiteren treten können.“ E-Book, Position 309

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+)

Eigentlich hat dieses Büchlein ja nur wenig Handlung. Eine junge Frau wird als Nachtwächterin eingestellt, weil ein Wolf auf dem Gelände gesichtet wurde. Die eigentlich dünne Geschichte enthält durch die treffenden Beobachtungen, die interessanten und mitunter merkwürdigen Gedankengänge der Hauptfigur, ihre (nächtlichen) Erkundungen, die Analysen ihrer Mitmenschen und manches seltsame Ereignis aber erstaunlich viel Tiefe. Es geht in diesem Buch um Grenzen, die verzweifelt geschützt werden (obwohl es eigentlich viel wichtigere Dinge gäbe, um die man sich kümmern sollte), um Wölfe, Flüchtlinge, Dinge, die diese überschreiten und die Folgen davon. Hier lassen sich viele Parallelen und Analogien zur gegenwärtigen Realität finden. Es geht auch ums Ankommen und um die Angst vor dem Fremden, Unberechenbaren. Die Geschichte spielt in diesem magischen Übergangzustand zwischen Bekanntgabe der Schließung und dem tatsächlichen Abschalten der Maschinen.

Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, ist dies ein Buch, das zwar in einem einfachen Schreibstil verfasst wurde, das aber zwischen den Zeilen in die Tiefe geht. Die genaue Analyse der wiederkehrenden Motive, Symbole und Metaphern wäre vermutlich ein Heidenspaß für viele LiteraturwissenschaftlerInnen (auch ich würde eine solche Analyse nur allzu gerne lesen), aber auch ohne detaillierte Untersuchung erahnt man, dass es dort vieles zu entdecken gibt. Das hat bei mir eine niemals versiegende Faszination ausgelöst. Das Ende ist ebenfalls stark, ich mochte den letzten Satz sehr.

Protagonistin & Figuren (♥)

Eigentlich erfährt man über die Protagonistin beinahe gar nichts, nicht einmal an einem Namen kann man sich beim Lesen anhalten. Nur hin und wieder gibt es Andeutungen, ihre Erinnerungen an frühere Wohnorte und Tätigkeiten blitzen immer nur kurz auf. Aber wer sie eigentlich ist, welche Ausbildung sie gemacht hat, wie ihre Kindheit und nähere Vergangenheit war, warum sie nicht mit Freunden oder Familienangehörigen Kontakt halten muss – das alles bleibt im Dunkeln. Eigentlich würde man erwarten, dass es unter solchen Vorzeichen gar nicht gelingen kann, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren, zu ihr eine Bindung aufzubauen. Doch – weit gefehlt! - man bekommt sehr schnell ein Gefühl für die Protagonistin. Gianna Molinari gelingt es trotzdem sehr gut, ihr eine Persönlichkeit zu verleihen, sie komplex und liebevoll zu zeichnen. Ich mochte die Heldin jedenfalls von Anfang an und bin ihr sehr gerne auf ihre nächtlichen Kontrollgänge, in ihre Geschichten und bei ihren mitunter unkonventionellen, merkwürdigen Gedankengängen gefolgt. Ich liebe ja merkwürdige Dinge, denn häufig machen sie ein Buch sehr interessant. Auch diese Geschichte bildet hier keine Ausnahme.

Auch die Nebenfiguren erhalten (für die Größe ihrer Rollen) erstaunlich viel Farbe, auch wenn die Hauptfigur nur wenige näher kennenlernt. Egal ob Clemens, der Koch oder Lose – sie alle sind authentische Menschen, die ich nicht immer sympathisch, schon gar nicht perfekt, aber immer interessant fand.

„Warum bist du eigentlich in die Fabrik gekommen, fragt Clemens. Du könntest anderes tun. Studieren, reisen. Warum bist du hier, fragt er.
Es gefällt mir hier. Das ist ein guter Ort. Hier ist noch alles möglich.
Sogar Wölfe, sagt Clemens.
Sogar die.“ E-Book, Position 190

Spannung & Atmosphäre (+)

„Hier ist noch alles möglich“ erzeugt eine ganz eigene, feine, fesselnde Art von durchgehender Spannung. Wie bei der Hauptperson wächst auch bei den LeserInnen das Gefühl, dass tatsächlich ALLES geschehen könnte. Man harrt ebenso gespannt auf Spuren des Wolfes wie die Arbeiter der Fabrik, fast hält man die Luft an. Eine unverwechselbare, dichte Atmosphäre am Schauplatz - die bröckelnden Wände, der abblätternde Putz, der rostige Zaun mit seinen Löchern, das Unkraut, das das alte Fabrikgelände langsam wieder zurückerobert – wird sehr gelungen kreiert. Einen Teil der Spannung macht sicher auch aus, dass man nicht immer weiß, ob alles, was die Protagonistin schildert, tatsächlich passiert oder ob es nur ein Trugbild ist und sich nur in ihren Gedanken abspielt. Die dunklen bis dämmrigen, manchmal etwas unheimlichen Stunden ihrer nächtlichen Wache sind wie die Momente zwischen Schlaf und Wachsein: Dort existieren Dinge, Schatten, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie real sind.

„Die Lampen erleuchten nur gewisse Teile des Geländes, in den dunklen Ecken ahne ich den Wolf oder viele Wölfe zugleich.“ E-Book, Position 312

„Ich frage mich, ob die Nacht etwas mit mir macht, ob sie mich verändert, ob ich blassere Haut bekomme, meine Haare weniger schnell wachsen. Vielleicht sehe ich im Dunkeln mehr, als ich noch vor einigen Wochen gesehen habe. Vielleicht werden meine Augen fähiger auf die eine oder andere Weise.“ E-Book, Position 717

Feministischer Blickwinkel (+)

Mir ist beim Lesen keine Form von Sexismus aufgefallen, auch die Protagonistin erscheint mir sehr mutig, selbstbewusst und stark. Außer dass es noch mehr weibliche Figuren hätte geben können, gibt es hier keine Kritikpunkte – das gefällt!

Mein Fazit

„Hier ist noch alles möglich“ ist ein faszinierender Roman, der mich absolut überzeugen konnte. Obwohl der Schreibstil nüchtern, schmucklos und einfach ist, zeigt er dennoch eine große Eindringlichkeit. Schnell wird klar: Dieses Buch hat Tiefe, hier steckt unheimlich viel zwischen den Zeilen. Es geht um Grenzen, um die Panik, wenn sie übertreten werden, um das Suchen nach ganz vielen Dingen (Heimat, Wolf, Antworten), um die Angst vor dem Fremden, Unbekannten. Viele Verbindungen zwischen dem fiktionalen Roman und der gegenwärtigen Realität lassen sich ziehen. Obwohl man über die starke Protagonistin beinahe nichts erfährt, gelingt es Gianna Molinari dennoch, sie so liebevoll zu charakterisieren und ihr so eine einnehmende Persönlichkeit zu verleihen, dass ich eine enge Bindung zu ihr aufbauen konnte und ihr sehr gerne auf ihren nächtlichen Rundgängen und in ihre meist sehr interessanten, manchmal auch merkwürdigen (auf die beste Art!) Gedanken zu folgen. Der Autorin gelingt es, eine ganz feine, fesselnde Spannung zu erzeugen, die niemals einbricht, sie lässt seltsame Ereignisse geschehen in diesem Buch. Die dunklen bis dämmrigen, manchmal etwas unheimlichen Stunden der nächtlichen Wache sind wie diese Momente zwischen Schlaf und Wachsein: Dort existieren Dinge, Schatten, bei denen man sich niemals sicher sein kann, ob sie real sind.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 4 Sterne
Worldbuilding: 5 Sterne
Ausführung: 4,5 Sterne
Einstieg: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Protagonistin: 5 Sterne ♥
Nebenfiguren: 5 Sterne
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 4,5 Sterne
Ende: 5 Sterne
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf faszinierte Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus!

Veröffentlicht am 15.09.2018

4,5 Sterne: Informativ, interessant, verständlich, humorvoll - so muss ein Sachbuch sein!

Ein Keim kommt selten allein
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Inhalt

Wir alle kennen sie, die Leute, die überallhin ihr Desinfektionsmittel mitnehmen, die einen leidenschaftlichen Krieg gegen Mikroben aller Art führen. Sollen wir sie uns alle zum Vorbild nehmen? ...

Inhalt

Wir alle kennen sie, die Leute, die überallhin ihr Desinfektionsmittel mitnehmen, die einen leidenschaftlichen Krieg gegen Mikroben aller Art führen. Sollen wir sie uns alle zum Vorbild nehmen? Müssen wir bei jedem Atemzug Angst haben, uns etwas Schlimmes einzufangen? Warum viele Keime sogar unsere Freunde sind, warum die Kirche, was Mikroben betrifft, kein gesegneter Ort ist, wo die wirklich wilden Keime wohnen, warum Händewaschen so wichtig und wer diese Margot ist – das alles und noch viel mehr verrät Prof. Dr. Markus Egert, ein führender Forscher auf dem Gebiet der Haushaltshygiene, in diesem Buch mit viel Witz und Charme.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband, Sachbuch
Verlag: Ullstein Extra
Seitenzahl: 256
Tiere im Buch: - Es werden Tierversuche ohne kritischen Kommentar zitiert. Hier auch wieder meine Empfehlung: Wenn ihr ebenfalls gegen sinnlose, oft grausame Tierversuche seid, schaut bitte beim Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ vorbei, der schon jahrelang engagiert und teilweise sogar schon erfolgreich für Alternativen und für eine tierversuchsfreie Forschung kämpft.

Warum dieses Buch?

Ganz einfach: Ich bin ein Mensch, der sich ziemlich schnell ekelt. Natürlich musste ich dieses Buch lesen, denn: Ich war bereit, endlich herauszufinden, wo unsere wahren, unsere größten kleinsten Feinde lauern und wie man sich vor ihnen schützen kann.

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

Der Einstieg fiel mir nicht ganz so leicht, da die ersten Seiten etwas allgemeiner gehalten sind und ich nicht ganz so schnell vorankam. Doch schon nach den ersten kurzen Kapiteln lernte ich den angenehmen Schreibstil des Buches sehr zu schätzen und habe es dann auch innerhalb von wenigen Tagen ausgelesen.

"Vorträge zur Haushaltshygiene beginne ich gern mit: 'Hallo, mein Name ist Markus Egert und ich untersuche Sachen, von denen die meisten Leute sagen: Das will ich eigentlich alles gar nicht so genau wissen!'" Seite 13

Inhalt & Verständlichkeit (♥)

Auf jeder Seite merkt man Prof. Dr. Markus Egert seine Begeisterung und Leidenschaft für die im Buch ziemlich süß abgebildeten Mikroben an – eine Begeisterung, die beim Lesen schnell überspringt. Jedes Kapitel bietet viele lehrreiche Informationen, immer wieder wird auf die neuesten Studien und Theorien verwiesen – jedoch ist das Buch dabei niemals trocken, sondern, im Gegenteil, sehr unterhaltsam und interessant zu lesen. Hin und wieder gibt es auch Rückblicke in die Vergangenheit oder Ausblicke in eine futuristische Zukunft, in der den Ärzten und Ärztinnen eventuell – wer weiß – nicht mehr unser Bluttest, sondern ein Abstrich unseres Mikrobioms Auskunft über unseren Gesundheitszustand geben könnte. Man merkt, dass der Autor ein absoluter Experte auf seinem Gebiet ist, er kann aus erster Hand über den Alltag in Kosmetiklaboren und seine durchgeführten Forschungen erzählen. Besonders gut hat mir dabei gefallen, dass Markus Egert immer wieder auch ungewöhnliche Wege geht. So wagte er es, einen Ort zu untersuchen, der bis jetzt unerforscht geblieben war: die Weihwasserbecken in der Kirche. Welche Ergebnisse und „dunklen Geheimnisse“ da ans Licht gekommen sind, findet ihr am besten selbst heraus. In „Ein Keim kommt selten allein“ wird jedoch nicht nur über die verschiedensten gefährlichen und uns freundlich gesinnten Mikroben aufgeklärt, sondern es wird auch mit vielen Mythen aufgeräumt. Die LeserInnen erfahren, wo die wirklich gefährlichen Keime lauern und welche Grundregeln bei der Haushaltshygiene sogar Leben retten können. Dabei ist die Bandbreite der besprochenen Aspekte beeindruckend umfangreich und breit gefächert, und das Sachbuch beantwortet mit Sicherheit nicht nur Fragen, die man sich immer schon stellte, sondern führt einem mitunter auch überraschende Aspekte vor Augen, an die man wohl noch nie zuvor gedacht hat.

Kritikpunkte gibt es nur wenige, und diese fallen nicht wirklich ins Gewicht: So fand ich manche Ansichten des Autors etwas antiquiert, beispielsweise gehört für ihn zu einer ausgewogenen, gesunden Ernährung Fleisch, was allerdings nicht stimmt, da auch eine vegetarische oder vegane Ernährung sehr gesund oder sogar gesünder als eine omnivore Kost sein kann (von den Umweltaspekten einmal abgesehen). Hier hätte ich mir von einem Wissenschaftler schon erwartet, dass das erwähnt wird und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden. Zudem hätte ich mir manches Mal mehr Tiefgang gewünscht (z. B. beim Thema Toxoplasmose). Obwohl ich verstehe, dass es sich hier um Einführungswerk handelt und obwohl natürlich bei einem Buch gewisse Seitengrenzen existieren, hätte ich bei manchen Aspekten gerne noch viel mehr erfahren (aber das zeigt ja auch, wie gut das Buch geschrieben ist und wie es den Wissensdurst weckt). Ich denke daher, dass das Buch wirklich nur etwas für Laien ist, Menschen, die sich mit dem Thema schon einmal beschäftigt haben, sollten besser zu einem spezifischerer Fachliteratur greifen, auch wenn auch sie mit Sicherheit vom einen oder anderen Fakt noch überrascht werden können. Die comicartigen Illustrationen fand ich charmant und sehr süß, sie lockern das Buch gekonnt auf, allerdings wäre es oft auch interessant gewesen, zu sehen, wie die einzelnen Keime unter dem Mikroskop tatsächlich aussehen.

„Wenn Mikrobiologen den wahren Unterschied zwischen Mikroorganismen, also Einzellern, und höheren, einzelligen Lebewesen erklären wollen, haben sie ein ganz einfaches Unterscheidungskriterium zur Hand: Alles, was man in einen Mixer stecken kann, ohne es zu töten, sind Mikroorganismen. Der Hintergrund: In Mehrzellern haben sich die einzelnen Zellen so spezialisiert, dass sie alleine unter natürlichen Lebensbedingungen nicht mehr lebensfähig sind.“ Seite 16

Schreibstil (♥)

An den Schreibstil musste ich mich erst einmal gewöhnen, vor allem, weil er so informativ und wissenschaftlich in dem Sinne ist, dass er viele Studien und Theorien zitiert (so soll das aber natürlich in Sachbüchern sein!). Nach einigen Seiten jedoch lernte ich die Sprache sehr zu schätzen. Der Autor lockert den Text immer wieder mit interessanten oder kuriosen Anekdoten aus seinem Alltag und mit ganz viel Charme und Humor auf. Ich bin nur so durch das Buch geflogen, und das lag sicher auch am angenehmen, leicht verständlichen, flüssig lesbaren Schreibstil. So müssen Sachbücher geschrieben sein! Die seltenen inhaltlichen Wiederholungen, die manche LeserInnen gestört haben, fand ich sehr praktisch: Vor allem, wenn man das Buch nicht am Stück liest, ist es angenehm, wenn wichtiges Vorwissen in einem späteren Kapitel (wo es gebraucht wird, um den Sachverhalt zu verstehen) wiederholt wird. Kurze Info-Kästen fassen das Wichtigste noch einmal zusammen, so wird auf einen Blick deutlich, worauf es, z. B. im Umgang mit Schwämmen, wirklich ankommt.

„Preisfrage: Um wie viel attraktiver ist die Vorstellung, unter Krätze zu leiden, wenn man weiß, dass auch Napoleon Bonaparte unter der parasitären Hautkrankheit litt?“ Seite 68

Geschlechtergerechte Sprache (+/-)

Im Buch wird zwar häufig auf geschlechtsneutrale Begriffe wie „Menschen“ ausgewichen, jedoch wird an vielen Stellen nicht gegendert. Das finde ich schade, da ich mir in einem modernen Sachbuch schon erwarte, dass Frauen durchgehend nicht nur mitgemeint, sondern auch sichtbar sind. Gestört hat mich auch, dass der Autor immer wieder betont, dass er nicht oft den Putzlappen schwingt. Auf mich wirkte das etwas machohaft. Einmal wird auch geschrieben, dass seine Ehefrau behauptet, Frauen würden öfter das Klo putzen als Männer. Das war mit Sicherheit lustig gemeint, jedoch fördern solche Aussagen nur Geschlechterstereotypen und sind deshalb dringend zu vermeiden!

Mein Fazit

So muss ein Sachbuch sein! „Ein Keim kommt selten allein“ hat mich auf ganzer Linie überzeugt. Der Schreibstil sehr informativ, zahlreiche Studien und Theorien werden zitiert. Dabei bleibt die Sprache aber stets angenehm und flüssig lesbar, sodass das Lernen hier wirklich Spaß macht. Auch inhaltlich bietet Prof. Dr. Markus Egert eine breite Brandbreite an interessanten Fakten, gibt wertvolle Hygienetipps, räumt mit überholten Mythen auf und zeigt uns, wo die wirklich wilden Keime wohnen. Hierbei kann das Buch immer wieder überraschen und faszinieren, denn die auf jeder Seite spürbare Leidenschaft und Begeisterung des Autors für Mikroben springt beim Lesen schnell über. Zwischendurch wird der Text auf gelungene Weise immer wieder durch kuriose Anekdoten, comicartige Illustrationen und mit viel Humor und Charme aufgelockert. Die Kritikpunkte sind klein und fallen kaum ins Gewicht: Manchmal hätte ich mir bei manchen Aspekten mehr Tiefgang gewünscht, reale Bilder der Keime hätten das Buch noch informativer gemacht und stellenweise hätte ich mir eine geschlechtersensiblere Sprache gewünscht. Insgesamt kann ich euch „Ein Keim kommt selten allein“ jedoch nur wärmstens ans Herz legen – es ist Horrorroman (besonders für Menschen, die sich schnell ekeln), Geschichtsstunde, Biologieunterricht, Hygieneanleitung und Liebesgeschichte in einem. Warum Liebesgeschichte? Ganz einfach, es gibt nämlich zwei, die gehören untrennbar zusammen, können ohne einander nicht leben: Mensch und Mikrobe.

Bewertung

Einstieg: 3 Sterne
Inhalt: 4,5 Sterne
Verständlichkeit: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Gendergerechte Sprache: +/-

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch erhält von mir viereinhalb überzeugte Lilien!

Veröffentlicht am 14.09.2018

Stellenweise fasziniert und hellauf begeistert, aber leider nicht durchgehend

Uns gehört die Nacht
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Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ein Mädchen aus der Unterschicht trifft auf den Sprössling einer sehr reichen, einflussreichen Familie. Nach und nach verwandelt sich die obsessive, ungesunde ...

Die Rezension enthält leichte Spoiler!


Inhalt

Ein Mädchen aus der Unterschicht trifft auf den Sprössling einer sehr reichen, einflussreichen Familie. Nach und nach verwandelt sich die obsessive, ungesunde Affäre in eine zarte, aber verbotene Liebe. Wie weit sind Jamey und Elise bereit zu gehen, um ihre Liebe zu verteidigen?

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Genre: Roman / Liebesgeschichte
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 464
Erzählweise: Figuraler Erzähler, meist Präsens, selten Präteritum
Perspektive: aus weiblicher Perspektive
Kapitellänge: mittel bis lang
Tiere im Buch: +/- Einerseits behandeln Elise und Jamey ihren Hund Buck sehr liebevoll (er wird sogar zu einer wichtigen Figur), andererseits werden Missstände, was Tiere betrifft, ungeschönt geschildert und nichts wird dagegen unternommen. Der Hund einer armen Familie bekommt nicht die medizinische Betreuung, derer er bedürfte, er wird vernachlässigt, seine Zähne und sein Zahnfleisch sind verfault, ein anderer Hund stirbt röchelnd und erhält keine Hilfe oder Zuwendung. Zudem werden kränkliche Kätzchen beschrieben, die in einem Zooladen verkauft werden und hungrige Streuner. Hier meine Bitte: Kauft niemals Tiere in Zoohandlungen, sie kommen nicht vom privaten, befreundeten Züchter, sondern werden unter schlimmsten, tierquälerischen Bedingungen meist im Ausland „produziert“. Zudem haben sie meist viele Krankheiten, viele weibliche Tiere sind bereits trächtig. Bitte unterstützt diese Tierquälerei nicht, sondern kauft eure Tiere bei seriösen (dies ist bitte genau zu prüfen!) Züchtern oder schenkt einem Tier aus dem Tierheim oder aus dem Tierschutz ein schönes, neues Zuhause. Und noch eine wichtige Information, weil im Buch Katzen mit Milch gefüttert werden: Katzen vertragen keine normale Milch, da sie unter einer Laktoseintoleranz leiden. Um ihnen und sich selbst als BesitzerIn unangenehmen Durchfall und Bauchschmerzen zu ersparen, sollten die Stubentiger nur spezielle Katzenmilch oder einfach laktosefreie Milch erhalten. Allerdings auch nur als Leckerchen, die Hauptflüssigkeitszufuhr sollte aus Wasser bestehen, da Milch einen sehr hohen Fett- und Milchzuckergehalt aufweist – was zu einer Reihe weiterer Probleme führen kann.

Warum dieses Buch?

Dieses Buch ist eines der seltenen Fälle, die rein aufgrund ihres wundervollen Covers und ihres schönen Titels meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Eigentlich lese ich selten Liebesgeschichten, doch diese schien etwas Besonderes zu sein, deshalb wollte ich unbedingt mehr erfahren.

Meine Meinung

Einstieg (♥)

Der Einstieg fiel mir sehr leicht, denn der emotionale Prolog hat es in sich. Elise zielt mit einem Gewehr auf Jameys Brust. Sofort tauchten viele Fragen auf: Wie konnte es so weit kommen? Was ist geschehen? Wird sie abdrücken? Dann springt die Geschichte rund eineinhalb Jahre in die Vergangenheit und nimmt uns mit zu den Anfängen im Januar 1986 und dem ganz und gar unspektakulären Zusammentreffen der zwei Protagonisten.

„Falls der Eindruck entsteht, das Zimmer sei klein, das ist es nicht. Es ist aufgebläht, riesig – es pocht wie eine Milliarde Herzen, so wie ein Raum pulsiert, wenn sich die Menschen darin ihrer Macht bewusst werden. Elise wird die Augen schließen, das Gesicht abwenden und das Gewehr entsichern.“ Seite 9f

Schreibstil (+/-)

Der Schreibstil hat zwei Seiten, besteht aus Schatten und Licht. Manchmal schreibt Jardine Libaire romantisch, emotional, fast märchenhaft, schaut ganz genau hin, wenn Liebe und Schönheit im Leben von Jamey und Elisa aufblitzen, andererseits wird ihr Ton oft auch entwaffnend, ja fast schon schockierend direkt, schmutzig, beinahe vulgär, beschönigt nichts. Eines steht mit Sicherheit fest: Die Sprache ist teilweise wirklich anspruchsvoll. In seinen guten Momenten glänzt der Schreibstil mit wunderbar bildlicher Sprache, gelungenen Vergleichen, Beschreibungen und Metaphern. In seinen schwächeren Momenten wirkt er bemüht, die Metaphern ausufernd, abstrakt, schwer verständlich, die Formulierungen sperrig und nicht flüssig lesbar. Klar ist, dass dieses Buch keinesfalls nebenher gelesen werden muss, die Sprache verlangt die volle Aufmerksamkeit.

„Er braucht eine Weile, aber schließlich grinst er. Dann lacht er – sein goldenes, schmutziges Lachen. Seine Skepsis zerbricht, und aus der kaputten Schale rinnt ein Dotter.“ Seite 273

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Die Geschichte um Jamey und Elise ist in verschiedene Monate unterteilt. Innerhalb der Kapitel werden viele kurze, oft nur eine halbe Seite lange Episoden abwechselnd aus Jameys und Elises Sicht erzählt. Was am Beginn als obsessive, manische, ungesunde Affäre beginnt, entwickelt sich nach und nach, glaubwürdig und langsam zu einer tiefen Liebe. Hierbei geht die Autorin vor allem bei den zahlreichen Liebesszenen teilweise sehr ins Detail und schildert diese nicht gerade poetisch – das wird nicht für jeden etwas sein, auch mir hat das nicht immer gefallen. Jedoch ist es schön zu sehen, wie sich die beiden immer mehr ineinander verlieben, etwas, das vor allem Jamey sehr unerwartet trifft, dem als reicher Erbe eine solche Beziehung strengstens untersagt ist. Aus diesem Grund stellt auch seine snobistische Familie die größte Hürde für das junge Glück dar, mit allen Mitteln wird versucht, Jamey wieder „auf den richtigen Weg“ zurückzubringen.

Beide Protagonisten versuchen, sich von ihrer Herkunft zu lösen und unabhängig zu werden. Da Elise von ganz unten kommt, eine schwierige Kindheit voller Gewalt und Drogen hinter sich hat, und da Jamey der Oberschicht entstammt, inklusive exzellenter Bildung und Millionen auf dem Konto, treffen sich die beiden irgendwo in der Mitte, wo sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen. Jardine Libaire geht in ihrem erstaunlich handlungsarmen (!) Buch der Frage nach, wie sehr unsere Herkunft unser Leben bestimmt und wie schwierig es ist, ihr zu entfliehen, und behandelt die wenigen anderen Themen wie Eifersucht, Krankheit, Drogen, (falsche) Freundschaft und Opferbereitschaft tiefgründig. Manches bleibt dennoch oberflächlich, wird nur angerissen, hier hätte ich gerne noch mehr erfahren (beispielsweise über Jameys Innenleben) und trotz vieler gelungener Ansätze, konnte mich die Geschichte insgesamt leider nicht so mitreißen, berühren und faszinieren, wie ich es mir erhofft hatte. Das Ende war zwar keine Offenbarung, es hat mir aber gut gefallen.

Protagonisten (+/-)

Elise und Jamey sind beide interessante Hauptfiguren, die von ihrer Herkunft und ihrer Vergangenheit gezeichnet sind. Nach und nach gelingt es beiden, sich immer mehr davon zu befreien, was sehr spannend ist. Beide Figuren erhalten Stärken und Schwächen, Träume und Ängste, es wurde sich bemüht, sie komplex zu zeichnen und ihre Entwicklungen authentisch zu beschreiben. Dennoch blieb beim Lesen leider immer eine gewisse Distanz, ich konnte irgendwie keine tiefergehende Beziehung zu den beiden aufbauen. Manchmal schienen sie mir trotz allem zu stereotyp, etwas zu sehr die klassischen, tragischen Liebenden (der melancholische, reiche Erbe und die impulsive, lebenshungrige Frau aus der Unterschicht) zu sein. Manchmal schien ihre Persönlichkeit nur daraus zu bestehen. Dennoch: Jamey mochte ich eigentlich gern, seine Denkweise, die stets etwas ins depressive geht, fand ich wirklich faszinierend. Es gelang mit zwar nicht immer, mit den Figuren mitzufiebern, aber in manchen Momenten wurde ich doch ins Herz getroffen, berührt und erschüttert.

„Elise hat langgestreckte Glieder und runde feste Brüste. Jungshüften. Ein Windhund, aerodynamisch, geprügelt, schnell wie der Teufel, zum Rennen gemacht, zum Verlieren geboren.“ Seite 14

Nebenfiguren & Beziehungen (+/-)

Die wenigen Nebenfiguren bleiben teilweise blass, sind teilweise aber auch erstaunlich liebevoll gezeichnet, manche konnten mich durchgehend, und auch wenn sie nur kleine Rollen in der Geschichte einnahmen, absolut begeistern und überzeugen. Besonders Matt mit all seinen Unsicherheiten, dem gespielten Stolz und seinem Snobismus hat mir als Figur sehr gut gefallen. Jameys und Elises Familien werden zudem authentisch (wenn auch etwas klischeehaft) beschrieben, jeder Blick, jedes Wort aus ihrem Mund ist hierbei ganz und gar von ihrer Herkunft durchdrungen.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Hier bin ich zwiegespalten, besonders das erste Drittel der Geschichte, die ungeschönten Beschreibungen der dreckigen, aber auch schillernden Seiten von New York und New Haven fand ich wirklich spannend. Wenn ich mit Freunden über das Buch gesprochen habe, dann in einem enthusiastischen Ton, ich hatte das Gefühl, etwas Großartiges in den Händen zu halten. Doch nach und nach nahmen die bemühten, ausufernden, schwer verständlichen Metaphern und Formulierungen zu und der Spannungsbogen baute sich regelmäßig und brach wieder ein. Manche Situationen, die geschildert wurden, waren unspektakulär und banal, und auch wenn das einerseits sicher auch zur Schönheit und Authentizität der Liebesgeschichte beiträgt, so kann es in manchen Momenten auch etwas ermüdend sein. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass man kürzen können hätte, dass das Buch dadurch profitiert hätte und noch besser geworden wäre.

„Der Tag ist warm genug , um die Eiszapfen in den Bäumen zu schmelzen, woraus eine Art Regen entsteht, der fällt, wenn er Lust hat, mehr tierisch als mineralisch, ein Regen mit eigenem Willen, Empfindungen.“ Seite 20

Feministischer Blickwinkel (+/-)

Einerseits ist Elise eine sehr starke, mutige Frauenfigur, die genau weiß, was sie will, sich auf eigene Faust durchschlägt, von ihrer Familie (und Herkunft) befreit und auch in Liebesdingen oft den ersten Schritt macht. Andererseits gibt es einige Beispiele für Sexismus, beispielsweise werden Frauen als „Miststück“ und „Schla+++“, einmal sogar als „Fo+++“ bezeichnet. Zudem wird Jamey vorgehalten, er würde einen „Frauenjob“, also einen minderwertigen Job machen. Auch häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder wird thematisiert, allerdings wird auf diese Weise keinesfalls unkritisch (die Folgen werden aufgezeigt) das Milieu beschrieben, aus dem Elise stammt. Dennoch ist es natürlich frustrierend zu sehen, wie abhängig Elises Mutter von ihrem Schläger-Freund ist, wie viel sie (und andere Frauen) sich gefallen lässt. Auch wenn ich mir hier noch etwas mehr Sensibilität vor allem für das Thema „sexistische Sprache“ wünschen würde, bin ich insgesamt zufrieden mit diesem Buch, nicht nur aufgrund der starken, weiblichen Hauptfigur, sondern auch, weil sich Männer im Haushalt beteiligen, beim Abwaschen beobachtet werden können und Emotionen zeigen dürfen.

Mein Fazit

„Uns gehört die Nacht“ konnte mich insgesamt leider nicht so berühren, mitreißen und faszinieren, wie ich mir das erhofft hatte. Der Schreibstil, der manchmal sehr romantisch ist, zeigt sich an anderen Stellen schockierend direkt, manchmal sogar vulgär und beschönigt nichts. Teilweise konnten mich die bildhafte Sprache und die gelungenen Metaphern hellauf begeistern, manchmal wirkten sie aber auch bemüht, uferten aus, waren so abstrakt, dass sie schwer verständlich waren. Manchmal wirkten die Formulierungen sperrig und waren nicht flüssig zu lesen. Jardine Libaire behandelt nur wenige Themen, viele dafür aber tiefgehend. Im Fokus steht die verbotene Liebesgeschichte zwischen Elise und Jamey und deren Versuche, sich von ihrer Herkunft zu befreien. Obwohl die Figuren glaubwürdige Schwächen, Stärken, Ängste und Träume haben, blieb stets eine gewisse Distanz zu ihnen, ich konnte keine enge Bindung zu ihnen aufbauen, nur manchmal mit ihnen mitfiebern und mitleiden. Teilweise wirkten sie stereotyp und schienen nur aus ihrer Herkunft zu bestehen. Was die Spannung und die Atmosphäre betrifft, so gab es zum einen vor allem im ersten Drittel des Buches viele gelungene Momente und anschauliche Schilderungen der Sonnen- und Schattenseiten New Yorks und New Havens, zum anderen führte die Schilderung von oft unspektakulären, banalen Szenen zu Spannungseinbrüchen. „Uns gehört die Nacht“ ist ein Buch mit viel Potential, das mich stellenweise wirklich begeistern, faszinieren und berühren konnte, aber leider nicht durchgehend.

Leseempfehlung: Wenn euch Cover, Titel oder Klappentext neugierig machen, einfach mal hineinlesen und dann entscheiden! Und jetzt nehmen wir uns bitte noch einen Moment Zeit und bewundern das wundervolle Cover. Danke!

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 3,5 Sterne
Worldbuilding: 4 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Einstieg: 5 Sterne ♥
Schreibstil: 3,5 Sterne
Protagonisten: 3,5 Sterne
Nebenfiguren: 3 Sterne
Atmosphäre: 4 Sterne
Spannung: 2,5 Sterne
Ende: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +/-

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3,5 Lilien!

Veröffentlicht am 09.09.2018

Unterhaltsamer Roadtrip mit Schwächen

Blanca
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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Blancas Leben besteht aus ständigem Ankommen und Weiterziehen, an keinem Ort hält ihre Mutter es lange aus. Sie verwehrt ihrer Tochter eine richtige Heimat, ein richtiges ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Blancas Leben besteht aus ständigem Ankommen und Weiterziehen, an keinem Ort hält ihre Mutter es lange aus. Sie verwehrt ihrer Tochter eine richtige Heimat, ein richtiges Zuhause. Nach einem weiteren Streit mit ihrer impulsiven, schwierigen Mama reicht es Blanca endgültig. Sie nimmt sich kurzerhand das ersparte Geld und reißt aus. Ihre Reise führt das 15-jährige Mädchen nach Italien. Ihr Ziel: das Haus von Karl und Toni, wo sie in ihrer Kindheit ein wunderschönes Jahr verbracht hat. Doch was in ihrer Planung ein einfacher Trip von A nach B ist, gestaltet sich in der Realität viel schwieriger, Blanca muss Umwege nehmen und lernt dabei viele kuriose und interessante Persönlichkeiten kennen.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Genre: Jugendbuch / Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 256
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: aus weiblicher Perspektive
Kapitellänge: mittel
Tiere im Buch: +/- Es werden keine Tiere gequält oder verletzt, aber eine Frau fängt eine Ente, um sie später zu töten. Blanca hingegen behandelt Tiere sehr gut, streichelt eine Katze und rettet sogar die Würmer aus ihren Kirschen.

Warum dieses Buch?

Für dieses Buch sprach die @Buchkolumne eine große Empfehlung aus, erst dadurch bin ich darauf aufmerksam geworden.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Gleich der erste, etwas verrückt klingende Satz mit seinem humorvollen Unterton hat mir sehr gut gefallen. Auch wenn der Anfang aufgrund der Rückblenden wenig Tempo besaß, dauerte es nur ein paar Seiten, bis ich mich bereits mitten in der Geschichte befand und bereit war, mich mit Blanca auf ihren abenteuerlichen Roadtrip zu begeben.

„Hätte die Auflaufform mich getroffen, wäre alles anders gekommen. Aber ich sprang gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer und schlug die Tür hinter mir zu.“ Buchbeginn, E-Book, Position 44

Schreibstil (+/-)

Der Schreibstil von Mercedes Lauenstein ist flüssig und angenehm und schnell lesbar. Auch wenn das Buch eigentlich nicht offiziell als Jugendbuch eingeordnet ist (und es scheint sich tatsächlich irgendwo zwischen Jugendliteratur und Erwachsenenroman zu verorten), so wird die einfache Sprache jungen LeserInnen sicher gefallen. Mir gefielen sowohl Blancas treffende Beobachtungen als auch ihre intelligenten, unkonventionellen, manchmal von jugendlicher Verrücktheit geprägten Reflexionen und Gedanken. Die vielen Bandwurmsätze, meist mit Beistrich verbundene Hauptsätze (Parataxen), spiegeln Blancas Ruhelosigkeit, ihr Nirgends-Ankommen und Nirgendwo-zu-Hause-Sein sehr gut wider. Jedoch haben mich die vielen sprachlichen Wiederholungen, gleichen Satzanfänge und der fehlende Anspruch des Schreibstiles beim Lesen zunehmend gestört. Eine etwas feingeschliffenere Sprache hätte das Buch mit Sicherheit noch besser gemacht.

„Kurze Zeit später lag meine Mutter mit einer Grippe im Bett. Ich fragte sie, ob sie jetzt dran sei mit Sterben. ‚Kann sein‘, sagte sie, ‚es kann immer alles sein, Blanca, daran musst du dich gewöhnen.‘ Sie sah mich mit dramatischem Ernst an und strich mir über den Kopf.“ E-Book, Position 100

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

Im Zentrum der Geschichte steht unter anderem Blancas komplizierte, von Hassliebe geprägte Beziehung zu ihrer impulsiven, intelligenten, nur 16 Jahre älteren Mutter, die sich keinen gesellschaftlichen Konventionen unterwirft und stets erfolglos dem Glück nachjagt. Es ist eine Frau, die ihre Stimmungsschwankungen an ihrem Kind auslässt und immer wieder fragwürdige Erziehungsmethoden anwendet. Blancas Kindheit war schwierig, geprägt von ständigem Umziehen, teilweise litten Tochter und Mutter sogar Hunger. Eines wurde Blanca immer verwehrt: ein Zuhause. Deshalb begibt sich das Mädchen auch auf diese Reise mit dem Ziel, jenen Ort aufzusuchen, der für es am nächsten an eine Heimat herankommt.

Aber auch andere, für Roadtrip-Romane typische Elemente und Themen lassen sich in diesem Buch finden: Es geht um Unabhängigkeit, Erwachsenwerden, Freundschaft, Abenteuer, verrückte Bekanntschaften, verschiedene Lebensentwürfe und das verwegene Sich-alleine-Durchschlagen. Nicht alle Aspekte werden jedoch mit Tiefe behandelt. Auch vor empfindlichen Themen wie Alkohol- und Zigarettenmissbrauch und Beschreibungen von Blancas Liebesleben schreckt die Autorin nicht zurück, meist sind Blancas Partner fast oder sogar tatsächlich doppelt so alt wie sie. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich das Verhalten der Männer, die keine moralischen Bedenken haben, ein 15-jähriges Mädchen auszunutzen, echt angewidert hat.

Einige Szenen sind so verrückt, tiefgründig oder einprägsam, dass sie mir mit Sicherheit länger in Erinnerung bleiben werden, vieles werde ich aber leider sehr schnell wieder vergessen haben. Dafür bietet „Blanca“ einfach zu wenig Neues, Innovatives. Zudem hat die Geschichte erstaunlich wenig Handlung. Besonders im letzten Viertel hatte ich das Gefühl, dass ihr die Puste ausging. Mehr größere Höhepunkte, mehr Handlungsstränge und eine gerafftere, klarere Struktur hätten dem Buch mit Sicherheit gutgetan. Zum Schluss: Obwohl das Ende relativ offen ist, finde ich es passend – auch wenn ich gerne gewusst hätte, wie es mit Blanca weitergeht. Viele Fragen bleiben leider unbeantwortet.

Protagonistin (♥)

Blanca ist eine tolle Heldin, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Sie ist liebevoll und komplex gezeichnet, ihre Entwicklungen, Wünsche, Ängste und Träume sind glaubwürdig, ihr Verhalten stets nachvollziehbar. Ich fand es toll, wie mutig und frech sie ist, wie tiefgründig sie die Welt und die Menschen analysiert und wie empathisch sie oft handelt. Bei Rückschlägen habe ich mit ihr gelitten, ihre Hassliebe zur Mutter konnte ich sehr gut nachvollziehen. Oft hat Blanca mir, bei allen Gemeinheiten, die sie ertragen muss, auch sehr leidgetan. Interessant fand ich auch die teilweise synästhetischen Schilderungen – so haben für Blanca Geräusche zum Beispiel auch eine bestimmte Farbe und Form. Stellenweise hat mich Blanca mit ihren kleinen Verrücktheiten, ihren kindlichen Momenten und ihren davongaloppierenden Gedanken an June aus „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ erinnert – wer dieses wundervolle Buch übrigens noch nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen!

„Ich habe für die Schule mal einen Aufsatz mit dem Titel ‚Warum ist alles, wie es ist?‘ geschrieben. Wir sollten über etwas schreiben, das uns beschäftigt. Ich bekam den Aufsatz ohne Bewertung zurück. Die Lehrerin sagte, sie könne einen Aufsatz, der aus zehn Seiten hintereinanderweg geschriebener Fragen bestehe, aber keine einzige Antwort oder auch nur einen einzigen Satz mit Punkt am Ende enthalte, einfach keine Note geben, es tue ihr leid.“ E-Book, Position 677

Nebenfiguren & Beziehungen (+/-)

Die Nebenfiguren hingegen sind nicht alle so gut gelungen. Manche (wie die Mutter) überzeugen mit einer starken Persönlichkeit, mit authentischen Schwächen und Stärken, andere bleiben – wohl auch aufgrund der winzigen Rollen, die sie im Buch spielen – sehr blass und farblos. Besonders gemerkt habe ich das, als sich Blanca an einer Stelle an all die Menschen erinnert, die sie auf ihrer Reise bereits getroffen hat – manche hatte ich schon wieder völlig vergessen.

„Meine Mutter sagt, das ist die große Traurigkeit. Ich hab sie mal gefragt: Welche Traurigkeit? Sie hat gesagt: die des Lebens. Einige haben die, andere nicht. Wenn man sie hat, entkommt man ihr nicht. Man fühlt nur dauernd diese unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das nicht zu bekommen ist, und weil diese Sehnsucht unauflösbar bleibt, sammelt sie sich als Traurigkeit im Bauch.“ E-Book, Position 316

Spannung & Atmosphäre (+/-)

Vor allem die erste Hälfte habe ich, was Spannung und Atmosphäre betrifft, sehr stark gefunden. Ich habe sehr mit Blanca mitgefiebert und war gespannt auf ihr Abenteuer. Die Beschreibungen der italienischen Städte mit all ihren schönen und weniger schönen Seiten, mit ihren vielfältigen Gerüchen und verschiedenen Stadtteilen waren sehr anschaulich und gelungen. Vor allem im letzten Viertel des Buches trat die Geschichte dann leider etwas auf der Stelle, aufgrund der sich wiederholenden Begegnungen mit fremden Menschen erschien mir mancher Abschnitt etwas langatmig. Dieser Eindruck hängt sicher mit dem handlungsarmen Plot zusammen. Ein großer Pluspunkt ist jedoch, dass die Geschichte niemals vorhersehbar ist und so manche unerwartete Wendung bietet.

Feministischer Blickwinkel (+)

Was das Thema Geschlechterrollen betrifft, bin ich insgesamt mit diesem Buch sehr zufrieden. Auch wenn ihre Mutter Blanca hin und wieder unangemessene Tipps zum Umgang mit Männern (und generell Leuten) gibt und auch wenn es ein Beispiel von Slutshaming gibt, so ist Blanca doch eine unkonventionelle, starke, mutige Heldin, die sich nicht in gesellschaftlich verlangte Rollenbilder drängen lässt. Zudem gestaltet Blanca auch ihr Liebesleben selbstbestimmt so, wie es ihr gefällt, ohne sich jemals Vorwürfe dafür zu machen. Auch Blancas Mutter ist eine Rebellin, die für ihre Überzeugungen kämpft und zum Beispiel einfach von zu Hause ausriss, als ihre Ärzte-Eltern sie zu einer Abtreibung zwingen wollten. Das gefällt!

Mein Fazit

„Blanca“ ist ein verrückter Roadtrip, der viele gute Ansätze beinhaltet, der mich aber nicht ganz für sich gewinnen konnte. Der Schreibstil ist einfach, flüssig und angenehm lesbar, enthält interessante Reflexionen einer 15-Jährigen, gelungene Metaphern und anschauliche Beschreibungen der Schauplätze. Leider war mir die Sprache mit ihren vielen Parataxen oft zu einfach und zu wenig anspruchsvoll und enthielt mir zu viele Wiederholungen (z. B. gleiche Satzanfänge). Blanca ist eine liebevoll ausgearbeitete, starke, mutige Protagonistin, die ich sehr mochte, bei den Nebenfiguren blieben leider viele blass und austauschbar. Einige Szenen sind so verrückt, tiefgründig oder einprägsam, dass sie mir mit Sicherheit länger in Erinnerung bleiben werden, andere werde ich aber leider schnell wieder vergessen haben. Viel Neues, Außergewöhnliches bietet die Geschichte nämlich nicht. Insgesamt hätten dem Buch mehr Handlung, mehr Spannung, eine klarere Struktur und mehr Tempo gutgetan, auch wenn ich in manchen Momenten durchaus mitgefiebert habe. „Blanca“ hat mich insgesamt stellenweise wirklich gut unterhalten, konnte mich letzten Endes jedoch nicht ganz überzeugen.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 4 Sterne
Worldbuilding: 3.5 Sterne
Ausführung: 3,5 Sterne
Einstieg: 4 Sterne
Schreibstil: 3,5 Sterne
Protagonistin: 5 Sterne ♥
Nebenfiguren: 3 Sterne
Atmosphäre: 3 Sterne
Spannung: 2-3 Sterne
Ende: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 3,5 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +

Insgesamt:

❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir 3,5 Lilien!

Veröffentlicht am 04.09.2018

Leider sehr enttäuschend, viele Wiederholungen und mir zu religiös & esoterisch

Hochsensibilität und Stress
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Inhalt

Stress kann weitreichende negative Effekte auf unsere psychische und physische Gesundheit haben. Hochsensible nehmen ihn besonders intensiv war und leiden oft auch schneller und stärker darunter. ...

Inhalt

Stress kann weitreichende negative Effekte auf unsere psychische und physische Gesundheit haben. Hochsensible nehmen ihn besonders intensiv war und leiden oft auch schneller und stärker darunter. In diesem Buch gibt die Autorin, die das Wort „Hochsensibilität“ als Erstes für die hochsensible Persönlichkeit verwendet hat, Tipps im Umgang mit Stress und seinen Folgen. Auch Meditationsübungen sind im Buch enthalten.

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband, Sachbuch
Verlag: Aurum in Kamphausen Media GmbH
Seitenzahl: 240
Tiere im Buch: - Es werden Tierversuche ohne kritischen Kommentar zitiert. Hier auch wieder meine Empfehlung: Wenn ihr ebenfalls gegen sinnlose, oft grausame Tierversuche seid, schaut bitte beim Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ vorbei, die schon jahrelang engagiert und teilweise sogar schon erfolgreich für Alternativen und für tierversuchsfreie Forschung kämpfen.

Warum dieses Buch?

Da ich selbst hochsensibel bin, machte mich der Titel dieses Buches sofort neugierig.

Meine Meinung

Inhalt & Verständlichkeit (-)

Dem Inhalt dieses Buches stehe ich zwiegespalten gegenüber, auch wenn die Enttäuschung überwiegt. Zuerst jedoch zu den positiven Aspekten: Die Autorin gibt am Beginn und im ersten Teil des Buches einen sehr guten wissenschaftlichen Überblick über das Thema Stress und seine negativen Auswirkungen. Hierbei werden auch vielfältige wissenschaftliche Quellen zitiert, was mit gut gefallen hat. Auch gab es einige sehr spannende Fakten zu entdecken, die mir noch unbekannt waren. Die Meditationsanleitungen und manche Praxistipps fand ich zudem wirklich brauchbar und interessant. Manches werde ich bestimmt einmal ausprobieren. Auf der Website der Autorin gibt es außerdem weitere geleitete Meditationsübungen, die man nutzen kann – allerdings muss man dafür noch ein paar Extra-Euros ausgeben.

Leider hat es jedoch auch viele Dinge gegeben, die mir gar nicht gefallen haben. Ich hätte mir oft schlicht etwas ganz anderes erwartet, vor allem nach dem Lesen des Klappentextes. Ich mochte den wissenschaftlichen Anfang sehr, hoffte darauf, dass detailliert auf die Besonderheiten der HSP (hochsensiblen Persönlichkeit) eingegangen wird und dass ich viele Praxistipps und hilfreiche Erklärungen bekomme, wie ich mit Stress umgehen kann. Leider war das Kapitel über Hochsensibilität viel zu kurz und oberflächlich, es brachte mir fast keine neuen Erkenntnisse. Nach diesem Abschnitt wurde auf das besonders Erleben von HSP (mit allen Tücken) fast gar nicht mehr eingegangen. Die Autorin behandelte nur noch Stress allgemein, hin und wieder wurde noch ein Satz eingeschoben wie (aus dem Gedächtnis wiedergegeben): Das gilt für Hochsensible noch viel mehr. Das war mir leider VIEL zu wenig. Richtig verloren hat mich die Autorin dann, als es richtiggehend esoterisch wurde, auf einmal war (teilweise seitenlang) von Chakren, Energien und sogar von Lichtwesen und Engeln die Rede. Da kam ich leider überhaupt nicht mehr mit. Ich war sehr enttäuscht, als das „Sachbuch“ auf einmal ins Religiöse abdriftete, die westliche mit der östlichen Medizin verglichen und ständig von der Schöpfung gesprochen wurde. Wenn solche Dinge im Zentrum stehen, sollte es darauf im Klappentext zumindest einen Hinweis geben – nur so kann das geeignete Zielpublikum erreicht und nur so können Enttäuschungen (wie meine) verhindert werden. Ich hätte das Buch jedenfalls mehrmals am liebsten abgebrochen.

Beispiele, um meine Argumentation zu untermauern:

„Wir werden sehen, das Leben endet nicht mit dem Tod, und wir werden in vielen Leben und auf vielen Bewusstseinsniveaus weiterleben.“ E-Book, Position 3053

„Um deinen Kopf herum schweben ständig Engel und Lichtwesen, die dir helfen wollen, dem Labyrinth des Geistes zu entkommen. Auch wenn du nicht daran glaubst, kann es nicht schaden, einmal um Hilfe zu bitten.“ E-Book, Position 3155

„Öffne nun dein drittes Auge, einen kleinen Bereich zwischen den Augenbrauen. Es fühlt sich energetisch wie ein Kreis an. Öffne diesen Kreis.“ E-Book, Position 3239

Es gab noch weitere Dinge, die mich nicht überzeugen konnten. Manchmal waren es mir zu viele Vermutungen, zu viel eigene Meinung der Autorin oder zu viel Ausklammern von Tatsachen. Einmal prangert sie an, dass Drogen wie z. B. Zigaretten zu negativ gesehen werden. Könnte das eventuell daran liegen, dass die Hälfte der RaucherInnen an den Folgen stirbt? Dass Rauchen Krebs und viele weitere Krankheiten auslöst, dass es eine immense Gefahr für Schwangere und generell PassivraucherInnen ist? In einer Zeit, in der in Österreich das Rauchverbot in Lokalen im letzten Moment gekippt wurde, wodurch unzählige Tote jährlich in Kauf genommen werden, in einer Zeit, in der viele Menschen für den Schutz von NichtraucherInnen kämpfen müssen, kann ich solch eine Aussage einfach nicht akzeptieren. Genauso gestört hat mich ein Tipp, in dem geraten wird, die Sorgen oder die Wut loszulassen, indem man ein Stoffstier, das symbolisch dafür steht, in einem Fluss davontreiben lässt. Das wäre dann Umweltverschmutzung und absolut nicht akzeptabel!

Auch fand ich, dass die vielen Fallbeispiele, in denen Betroffene von ihren Problemen erzählen, oft viel zu wenig mit dem Haupttext zu tun hatten. Sie haben mich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen, waren oft uninteressant, und ich konnte ihnen nur selten etwas abgewinnen. Zusätzlich haben mir die vielen inhaltlichen Wiederholungen nicht gefallen. Ich hatte das Gefühl, dass oft zu viel „herumgeschrieben“ und alles mit Synonymen immer wieder wiederholt wurde. Es schien, als würde versucht, das Buch künstlich zu strecken. Was andere Autorinnen in drei Sätzen abgehandelt hätten, dafür braucht Susan Marletta Hart mindestens 30.

„Natürlich gehören Rauchen, ein Glas Wein oder Bier und sogar diverse Drogen auch zu Gewohnheiten, die uns entspannen. Es wird sehr negativ und verrückt über diese Art von Dingen gesprochen, während es überwiegend Naturprodukte sind, die die Funktion haben, Mensch (und Tier) zu entspannen. Die übertriebene Angst vor und Ablehnung von natürlichen Opiaten […]“ E-Book, Position 2876

Schreibstil (-)

Der Schreibstil ist eigentlich flüssig und leicht verständlich, jedoch verliert er sich auch oft in Wiederholungen. Der Parasympathikus, das Entspannungssystem des Körpers, wird beispielsweise immer und immer wieder erklärt, sodass ich auch hier oft das Gefühl hatte, dass die Autorin versucht hat, das Buch künstlich zu strecken, um auf die geforderte Länge zu kommen, oder aber dass sie ihren LeserInnen überhaupt nichts zutraut. Immer wieder wird genau das Gleiche gesagt, nur eben mit Synonymen oder anderen Formulierungen. Das hat mich während des Lesens leider oft sehr frustriert und genervt. Der Lesespaß ging mir leider im letzten Drittel komplett verloren. Hier trafen zu viele Dinge zusammen, die mich enttäuscht haben.

Geschlechtergerechte Sprache (+/-)

Im Buch wird durchaus teilweise, aber leider nicht durchgehend, gegendert. Hin und wieder verwendet die Autorin geschlechtsneutrale Begriffe wie „Hochsensible“, andere Male wird auf eine geschlechtergerechte Sprache leider vergessen. Das finde ich etwas schade, da ich mir in einem modernen Sachbuch schon erwarte, dass Frauen durchgehend nicht nur mitgemeint, sondern auch sichtbar sind.

Mein Fazit

„Hochsensibilität und Stress“ hat mich insgesamt leider sehr enttäuscht, obwohl mir der erste Teil des Buches gut gefallen hat und obwohl der Schreibstil flüssig und leicht verständlich ist. Das lag zu einem großen Teil daran, dass ich mir etwas ganz anderes erwartet habe. Der Klappentext weist jedoch mit keinem Wort darauf hin, dass in diesem Buch Religiosität, Engel, Lichtwesen und vor allem die östliche Medizin mit ihren Chakren und Energien eine derart große Rolle spielen. Als das Buch ins Esoterische abdriftete, hat es mich leider verloren. Zudem wurde mir nicht genug auf das eigentliche Thema - Hochsensibilität - eingegangen, es finden sich stattdessen eher allgemeine Tipps gegen Stress (auch diese waren mir oft zu wenig konkret). Ich hätte mir einfach insgesamt einen wissenschaftlicheren Überblick über das Thema, mehr neue Erkenntnisse und viele Strategien gewünscht, wie man als hochsensible Person im Alltag mit Stress gesund umgehen kann. Auch die unzähligen inhaltlichen und sprachlichen Wiederholungen haben mir den Lesespaß vermiest. Ich hatte leider oft das Gefühl, dass versucht wurde, das Buch künstlich zu strecken und dass den LeserInnen überhaupt nichts zugetraut wird. Meiner Meinung nach hätte der Klappentext deutlicher auf die im Buch zentralen Themen und Zugänge hinweisen sollen, denn nur so kann das geeignete Publikum gefunden und Enttäuschungen (wie meine) verhindert werden. Aus den genannten Gründen kann ich leider keine Leseempfehlung aussprechen.

Bewertung

Inhalt: 2 Sterne
Verständlichkeit: 3 Sterne
Schreibstil: 2 Sterne
Gendergerechte Sprache: +/-

Insgesamt:

❀❀ Lilien

Dieses Buch erhält von mir zwei enttäuschte Lilien!