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Veröffentlicht am 09.01.2026

Der Widerspenstigen Zähmung

The Pumpkin Spice Latte Disaster
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Inhalt & Handlung:
Die 25jährige Jude Hayward hat bereits vor vielen Jahren ihr beschauliches Heimatörtchen Whilby verlassen, weil sie sich von der Kleinstadtidylle zu sehr eingeengt gefühlt hatte, wo ...

Inhalt & Handlung:
Die 25jährige Jude Hayward hat bereits vor vielen Jahren ihr beschauliches Heimatörtchen Whilby verlassen, weil sie sich von der Kleinstadtidylle zu sehr eingeengt gefühlt hatte, wo jeder jeden kennt und sie immer schon als „enfant terrible“ gebrandmarkt war. ZU allem Überfluss hatte sie eine kleine Schwester, die in jeglicher Hinsicht perfekt zu sein schien. In den letzten Jahren hatte sie mal hier, mal da gelebt, einen in Insiderkreisen recht bekannten Musik-Podcast aufgezogen und sich mit allen möglichen Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser gehalten. Bis zu jenem Tag, als sie die Hochzeitseinladung ihrer Schwester erhielt und nun für diese Hochzeit zwangsläufig doch in ihre verhasste Heimatstadt zurückkehren musste. Gleich zu Beginn macht sie die Bekanntschaft des gutaussehenden James Cartwright macht, den die aber recht ruppig abblitzen lässt. Als sich jedoch herausstellt, dass James der Sohn der Mitglieder der legendären Band „The Bellyaches“ ist, ändert sich ihre Einstellung zu ihm. Wild entschlossen, ihm bisher noch unbekanntes Informationsmaterial über seine Eltern zu entlocken, welches sie in einer Podcast-Folge zu verwerten gedenkt, greift sie zu hartnäckigen Flirtversuchen, um ihn zum Reden zu bringen. James, der der hübschen Jude grundsätzlich nicht abgeneigt ist, durchschaut ihr Unterfangen jedoch und blockt ab.
Als James aus der Not heraus gezwungen ist, Jude in seinem Café einzustellen, kommt, was kommen muss: die beiden kommen sich näher…

Schreibstil:
Mit viel Liebe zum Detail wird hier eine Kleinstadt beschrieben, sodass man sich diese geradezu plastisch vorstellen kann, was durch eine Grafik am Inneneinband des Buchcovers noch leichter einzuprägen ist. Im Hinblick darauf, dass es sich bei„The Pumpkin Spice Latte Disaster“ um den Opener einer Trilogie handelt, die gänzlich in dieser Stadt spielt, kann dies nur von Vorteil sein! Der Schreibstil ist flüssig, die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Jude und von James geschildert, was durchaus seinen Reiz hat, da man auf diese Weise Zugang zu der jeweiligen Gedankenwelt erhält und es amüsant zu erfahren ist, wie ein und dieselbe Handlung je nach Sichtweise eine andere Bedeutung erhält.

Charaktere:
Bei den Protagonisten handelt es ich um James und Jude, während James von der ersten Minute an sehr solide, geerdet und warmherzig erscheint, braucht man bei Jude etwas länger, um mit diesem Charakter warm zu werden, zu präpotent und nervend wird sie anfangs dargestellt, erst nach und nach Merkt man, dass auch sie das Herz am rechten Fleck hat, und letztlich nicht ganz so egozentrisch ist, wie sie in den ersten Kapiteln erscheint.

Cover:
Das Cover fällt alleine schon durch seine primär orange-rote Färbung auf, wobei die Farbgebung sicherlich bewusst so gewählt wurde, um den Titel auch optisch mit einem Kürbis in Zusammenhang zu bringen. Herbstliche Elemente unterstreichen dies zusätzlich.

Meinung:
Beim Lesen dieses Buches wähnt man sich unwillkürlich in einer Folge der Serie „Gilmore Girls“: . wobei man sich James genauso ruppig und sympathisch rüberkommt wie Luke in der Serie, nur Jude ist (zumindest anfangs) ein eher nervtötender Abklatsch einer Lorelei. Obwohl man ihre Motivation, Whilby möglichst rasch verlassen zu wollen, um die nötige Distanz von der Kleinbürgerlichkeit herzustellen, durchaus verstehen kann, kann man das Gehabe, das sie James gegenüber an den Tag legt, nicht so ganz nachvollziehen: diese Hartnäckigkeit aber auch Präpotenz, die sie an den Tag legt, um an Informationen über dessen Eltern heranzukommen, ist zum Teil fast schon abstoßend. Mag sein, dass dies insgeheim nur ein Vorwand ist, um sich den aufkeimenden Gefühlen für James nicht stellen zu müssen, aber nichtsdestotrotz wirkt Jude dadurch in höchstem Maße enervierend!

Persönliche Kritikpunkte:
Ich habe die ersten 15 oder 16 Kapitel sehr stark mit dem wirklich nervendem Gehabe der Jude gehadert und war nahe daran, das Buch abzubrechen, weil mich ihre präpotente Art, die an Egozentrik wohl kaum zu überbieten war, wirklich abgestoßen hat. Erst nach und nach wurde mir dieser Charakter sympathischer, und man konnte erkennen, dass sie selbst mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hatte, da sie Zeit ihres Lebens immer auf der Flucht davor war, echte Gefühle zuzulassen. Auch wenn Buch im ersten Abschnitt einige Längen zeigt, bin ich trotzdem neugierig geworden, womit wohl die Teile zwei und drei der Trilogie aufwarten werden!

Fazit:
Ein Buch, bei dem man letztlich belohnt wird, wenn man sich durch die ersten 15 Kapitel ein wenig durchquält!

Veröffentlicht am 02.10.2025

Obsessiv und verstörend

Das Beste sind die Augen
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In groben Zügen beschreibt dieses Buch den Alltag der asiatisch-stämmigen Studentin Ji-won, die mit ihrer Mutter und ihrer 15 jährigen Schwester Ji-hyun in einer kleinen Wohnung in den Vereinigten Staaten ...

In groben Zügen beschreibt dieses Buch den Alltag der asiatisch-stämmigen Studentin Ji-won, die mit ihrer Mutter und ihrer 15 jährigen Schwester Ji-hyun in einer kleinen Wohnung in den Vereinigten Staaten lebt. Der Vater hat seine Familie vor einem Jahr verlassen, was die Mutter komplett aus der Bahn geworfen hat. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, die Mutter, welche selbst eine Kindheit voller Entbehrungen erlebt hatte, möchte sich und ihren Töchtern jedoch ein besseres Leben ermöglichen, und so geht sie eine Beziehung mit George ein, einem Amerikaner mit einem Hang zu asiatischen Frauen.

Die beiden Mädchen, die nach wie vor um den Verlust ihres Vaters trauern, sind von der neuen Liebe ihrer Mutter alles andere als angetan, zumal ihr Stiefvater keinen Hehl daraus macht, dass er sich auch von seinen Stieftöchtern angezogen fühlt. Ji-won hasst die dominante Art Georges, sie möchte ihn am liebsten tot sehen, und beginnt Halluzinationen zu entwickeln, in denen sie die Augäpfel ihres baldigen Stiefvaters aufisst. Die Vorstellung Augen zu essen, wird zur fixen Obsession, die sie schon bald auszuleben beginnt. So tauchen im Univiertel schon bald die ersten Todesopfer auf, denen die Augen herausgeschnitten wurden, man vermutet einen Zusammenhang zwischen den Opfern und sucht nach einem Serienmörder.

Auch Ji-won macht ihre Erfahrungen mit dominanten amerikanischen Männern, etwa ihrem Studienkollegen Geoffrey, der von der Idee besessen ist, sie als Lebensgefährtin zu gewinnen. Ji-won wehrt sich auf ihre Weise – es kommt zu einem dramatischen Show-Down.

Das Buch beginnt bereits mit einer recht verstörenden Szene, in denen die Mutter ihren Töchtern Fischaugen zum Probieren anbietet, da das Verspeisen von Fischaugen im asiatischen Raum Glück bringen soll. Anfänglich zeigt sich Ji-won davon abgestoßen, nachdem sie jedoch erstmals ein Fischauge gekostet hat, entwickelt sich daraus eine generelle Gier nach Augen. Gerade blaue Augen haben eine magische Anziehung auf die junge Asiatin, für sie sind sie ein Symbol für männliche Dominanz, die sie zu zerstören versucht. Dieses zunehmend obsessive Verhalten spiegelt sich auch in der Erzählweise der Autorin wieder, ist diese anfangs klar und realitätsbezogen, ändert sich dies im Laufe der Geschichte jedoch drastisch, man weiß oft nicht, ob sich die Protagonistin im Hier und Jetzt befindet, oder halluziniert bzw. träumt. Dabei werden diese Halluzinationen immer abartiger und morbider. Die Autorin lässt bei den Beschreibungen keine Grauslichkeit aus, um dem Leser alles sehr bildhaft vor Augen zu führen. Als Leser ist man einerseits komplett abgestoßen, andererseits möchte man trotzdem wissen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Hält man Ji-won und Ji-hyun aufgrund ihrer prägenden Erziehung anfangs für sehr angepasst und devot, merkt man bald, dass hinter dieser vermeintlich devoten Fassade ein äußerst emanzipierter und kritischer Geist steckt.
Ich tue mir schwer, dieses Buch zu bewerten, weil es so anders ist, es liest sich sehr flüssig, die kurzen Kapitel laden geradezu zum Weiterlesen ein. Trotzdem konnte ich mich mit kaum einer der Figuren identifizieren, auf ihre Weise hatte jede einzelne Figur ihre Schattenseiten. Besonders positiv möchte ich die wunderschöne Aufmachung des Bucheinbandes und der kolorierten Seiten hervorheben, sie sind definitiv ein echter Blickfang!

Fazit: Ein Buch, das man schwer aus der Hand legen kann, das einen zugleich fasziniert, aber auch massiv abstößt und verstört!

Veröffentlicht am 14.08.2024

Amour fou?

Komm schon, Baby!
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Inhalt & Handlung:
Juli, Hebamme aus Leidenschaft, geht voll und ganz in ihrem Beruf auf, für sie ist es nicht bloß ein Job, sondern echte Berufung, denn wo andere Feierabend machen, absolviert sie noch ...

Inhalt & Handlung:
Juli, Hebamme aus Leidenschaft, geht voll und ganz in ihrem Beruf auf, für sie ist es nicht bloß ein Job, sondern echte Berufung, denn wo andere Feierabend machen, absolviert sie noch Hausbesuche bei ihren Klientinnen, oder ist zumindest gedanklich bei ihnen. Klar, dass ein Privatleben sehr darunter leidet beziehungsweise fast nicht existiert, auch beziehungstechnisch herrscht in ihrem Leben Flaute. Als ein Konzertbesuch doch einmal in einem One-Night-Stand endet, stellt sie ein paar Wochen später mit Entsetzen fest, dass sie schwanger ist. Der Super-Gau folgt jedoch, als sich herausstellt, dass der Vater ihres ungeborenen Kindes auch gleichzeitig der Mann einer ihrer Klientinnen ist, und ausgerechnet Juli in einigen Monaten deren Kind auf die Welt bringen soll. Hier ist nun guter Rat teuer, wie soll Juli aus diesem Schlamassel herauskommen und wo soll sie nun auf die Schnelle einen Lebensgefährten aus dem Hut zaubern, den sie ihrem Umfeld als Vater ihres Kindes präsentieren kann?

Schreibstil:
In gewohnt lustiger Weise erzählt Ellen Berg die Geschichte der Hebamme Juli, deren Leben sich peu á peu in das reinste Chaos verwandelt. Wenn man anfangs glaubt, es geht nicht mehr schlimmer, setzt Ellen Berg noch eins drauf und überrascht den Leser abermals mit einer drastischen Wendung, sodass einem Juli in ihrer scheinbar ausweglosen Situation einfach nur noch leid tut. Zusätzlich lässt die Autorin ihr gut recherchiertes Wissen über Hebammen einfließen, und weist fast schon nebenbei auf die Problematik des derzeit vorherrschenden massiven Hebammenmangels hin. Der Roman ist auf diese Weise informativ (ohne dabei auch nur ansatzweise oberlehrerhaft belehrend zu sein) und zugleich ungeheuer lustig. Immer wieder kommt es zu Wendungen, die der Geschichte zusätzlichen Kick verleihen, sodass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen will.

Charaktere:
Die Protagonistin Juli ist Hebamme durch und durch, ist kompetent und stellt die Bedürfnisse ihrer Klientinnen zum Großteil über ihre eigenen. Als sie feststellt, dass sie in den Vater ihres Kindes, der zu allem Überfluss auch noch der werdende Vater einer Klientin ist, verliebt hat, steht für sie von Anfang an fest, dass sie diese Beziehung nicht sabotieren kann und beschließt ihre eigenen Gefühle zum Kindesvater zu unterdrücken, was ihr jedoch nicht gelingen will, da auch der Kindesvater für sie Gefühle empfindet. Auch wenn ich das Verhalten des Kindesvaters nicht nachvollziehen konnte, der in meinen Augen wie ein Waschlappen agierte, der nicht zu seinen Gefühlen stehen konnte oder wollte. Wer mir aus diesem Roman noch in bester Erinnerung geblieben ist, ist Julis reizende Großmutter, die sich rührend um das Wohlergehen ihrer Enkelin sorgt.

Cover:
Gewohnt lustig gestaltet, erkennt man am Cover sofort den Ellen Berg-Roman, wobei man zwar die Richtung des Inhalts erkennen kann, die genaue Bedeutung des Covers wird einem erst nach der Lektüre des Buches bewusst, weil man erst nach und nach einige Einzelheiten erkennt, die im Text erwähnt werden.

Meinung:
Ein herzerwärmender Roman, der mich bestens unterhalten hat, das Chaos löst sich Stück für Stück, in manchmal unerwarteter Weise, wie ein komplett verworrener Bindfaden, bei dem man auf magische Weise entwirren kann. Ansonsten kann man ihn durchaus als „Wohlfühlroman plus“ bezeichnen, der mit vielen interessanten Informationen aus dem Alltag einer Hebamme aufwartet.

Persönliche Kritikpunkte:
Mit der Figur des Vaters von Julis ungeborenem Kind wurde ich nicht so recht warm, für mich war er übertrieben pathetisch gezeichnet, der aus Pflichtgefühl in einer lieblosen Beziehung zu seiner Lebensgefährtin bleiben will. Auf mich wirkte dieses Ansinnen jedoch sehr passiv, er wirkte wie eine Marionette in einem Leben, das von außen gesteuert wurde.

Fazit:
Ich kann dieses Buch nur empfehlen, die verhältnismäßig kurzen Kapitel laden förmlich zum Weiterlesen ein, und ehe man es sich versieht, ist man am Ende des Buches angekommen, zumal es ungeheuer kurzweilig geschrieben ist!

Veröffentlicht am 18.10.2023

Manchmal muss man auch unorthodoxe Wege beschreiten

Alles muss man selber machen
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Inhalt & Handlung:
Die Kosmetikerin Nele hat keine gute Phase im Leben: erst springen gleich mehrere ihrer Stammkunden ab, sodass sie, die es als Alleinerzieherin zweier minderjähriger Kinder finanziell ...

Inhalt & Handlung:
Die Kosmetikerin Nele hat keine gute Phase im Leben: erst springen gleich mehrere ihrer Stammkunden ab, sodass sie, die es als Alleinerzieherin zweier minderjähriger Kinder finanziell ohnehin keine allzu großen Sprünge machen kann, vor dem finanziellen Ruin steht, dann gibt auch noch ihr altersschwacher, schlecht gewarteter Wagen seinen Geist auf, und zu allem Überfluss erleidet ihre Achtjährige in der Schule einen Asthma-Anfall, sodass Nele sofort zu ihrem kranken Kind eilen muss! In dieser Tonart geht es weiter, Nele stolpert von einer Misere in die nächste. Ihre normalerweise begüterte, beste Freundin Fiona um finanzielle Unterstützung zu bitten, ist leider nicht möglich, stellt sich doch heraus, dass deren Mann vor kurzem arbeitslos geworden ist. Auch die dritte im Bunde, die ältere Hermine, ist derzeit finanziell alles andere als gut aufgestellt. So versuchen die drei Frauen ihre Familien gerade so über Wasser zu halten. Um zu Geld zu kommen, bedienen sie sich recht unorthodoxer Methoden, die zum Teil am Rande der Legalität sind. Der Zufall will es, dass Nele auf diese Weise ihren Traummann kennenlernt – ausgerechnet einen Polizisten! Für Turbulenzen ist also gesorgt!
Persönliche Meinung:
Ein typisches Werk von Ellen Berg! Mit viel Wortwitz nimmt sich Ellen Berg dem eigentlich sehr ernsten Thema finanzielle Krisen insbesondere unter Alleinerzieherinnen an und findet doch Wege und Mittel, dem Leser ihn ihrer gewohnt leichten und lockeren Art das eine oder andere Schmunzeln zu entlocken. Die Protagonisten sind grundverschieden: Nele die etwas chaotische, die im Leben eher zurückhaltend agiert, Fiona, die „Lady“, die aber zu 100% da ist, wenn eine ihrer Freundinnen in Not ist und wie eine Löwin für sie kämpft und für sie einsteht, und die sehr praktisch orientierte Hermine mit besonderen EDV-Kenntnissen. Die drei ergänzen sich wunderbar und wachsen einem zunehmend ans Herz. Auch wenn das Ende bittersüß ist und auf mich ein wenig konstruiert wirkt, habe ich mich dennoch sehr gut unterhalten gefühlt.
Am Cover mit seiner liebevoll gestalteten Karikatur lässt sich auf den ersten Blick erkennen, dass man es hier mit einem Ellen-Berg-Roman zu tun hat, man freut sich wie jedesmal über die originellen Details!
Fazit:
Ein sehr amüsanter und kurzweiliger Roman, der Werte wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Loyalität hochleben lässt und der Menschen, dies sich in finanziellen Nöten befinden, Mut machen will, nicht aufzugeben und manchmal auch nach kreativen Lösungen zu suchen und dabei vielleicht auch manchmal recht unorthodoxe Wege zu beschreiten!

Veröffentlicht am 17.05.2023

Berührendes Buch, das zu Erkenntnissen führt

Du darfst nicht alles glauben, was du denkst
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Inhalt:
Alexander Bojcan, alias Kurt Krömer hatte über 30 Jahre lang Depressionen, ohne dies selbst zu wissen oder diesen Zustand überhaupt benennen zu können. Trotzdem machte er Karriere als beliebter ...

Inhalt:
Alexander Bojcan, alias Kurt Krömer hatte über 30 Jahre lang Depressionen, ohne dies selbst zu wissen oder diesen Zustand überhaupt benennen zu können. Trotzdem machte er Karriere als beliebter Komiker und baute quasi ein Doppelleben auf: als erfolgreicher Selbstdarsteller auf der Bühne einerseits und andererseits als der an allem zweifelnder und beinahe zu zerbrechen drohender Privatmann Alexander Bojcan. Erst als er den Punkt im Leben erreichte, an dem nichts mehr ging, begab er sich zur Behandlung in eine Klinik. Dies ist seine Geschichte!

Schreibstil:
Krömer erzählt mit entwaffnender Ehrlichkeit von seinen Panikattacken, seinen Ängsten, seiner depressionsbedingten zeitweiligen Impotenz und seinem Privatleben, in dem er aus Mangel an Energie als alleinerziehender Vater von drei bei ihm lebenden Kindern nur das absolut Nötigste schaffen konnte. In Rückblicken erzählt er von seiner Therapie, die er anfangs aus Furcht davor scheute, als psychisches Wrack von der Presse vorgeführt zu werden bis hin zu der Zeit danach bzw. seinen Erfahrungen nach seinem Depressions-Outing in der Sendung „Chez Krömer“

Cover:
Auf dem Cover zeigt sich Kurt Krömer mit nacktem Oberkörper – genauso nackt, wie er sich in seiner Geschichte vor dem Leser entblößt und in seine Seele blicken lässt.

Autor:
Kurt Krömer ist das Alter Ego von Alexander Bojcan, Schauspieler, Komiker und Staffelsieger des Comedyformats „LOL- Last one laughing“. Seine Sendung „Chez Krömer“ ist über die deutschen Grenzen hinaus bekannt und wird millionenfach gesehen, wobei die gemeinsame Folge mit Torsten Sträter über Depressionen mit den Grimme-Preis - dem renommiertesten Medienpreis Deutschlands - ausgezeichnet wurde.

Sprecher:
Den Sprecher, wie könnte es für einen Comedian anders sein, mimt Kurt Krömer himself. Genau das verleiht dem Ganzen noch mehr Authentizität!

Meinung:
Ich wurde durch besagte „Chez Krömer“ –Sendung, die nach wie vor über Internet abgerufen werden kann, auf Kurt Krömer aufmerksam. Diese Folge war so einfühlsam gestaltet und die dadurch hervorgerufenen öffentlichen Reaktionen so gewaltig, dass ich dieses Hörbuch über Krömers steinigen Weg durch seine Depressionen einfach anhören musste. Er nimmt sich darin kein Blatt vor den Mund, so erzählt er etwa, wie er in der Hochphase seiner Depressionen völlig verzweifelt einen Supermarkt fluchtartig verlassen musste, weil es ihn schlicht überfordert hatte, lediglich vier Dinge für seine Familie einzukaufen und von der damit verbundenen Scham, dies vor seinen kleinen Kindern einzugestehen. Dieses Buch maßt sich nicht an, hochwissenschaftliche Abhandlungen über Depressionen zu entwickeln, hier steht der Mensch Alexander Bojcan im Vordergrund und seinen Erfahrungen mit dieser teuflischen Krankheit, unter der in unserer Gesellschaft so viele Menschen leiden, die sich jedoch aus Angst vor der Stigmatisierung niemanden anvertrauen wollen. Allein die unglaublichen Reaktionen, die sowohl die Sendung als auch dieses Buch hervorgerufen haben, zeigt wie groß der allgemeine Wunsch ist, mehr über das Tabuthema „Depressionen“ zu erfahren und wieviel Nachholbedarf es gibt: denn auf der einen Seite ist vielen Menschen, denen es psychisch schlecht geht, gar nicht bewusst, dass sie unter Depressionen leiden, auf der anderen Seite gibt dieses Buch Angehörigen von Betroffenen Hilfestellungen, wie sie mit einem depressiven Menschen umgehen können. So stellt man etwa fest, dass der vielleicht wohlgemeinte Rat, „sich zusammenzureissen und ein wenig an der frischen Luft spazieren zu gehen“ völlig fehl am Platz ist, und den Kranken in dieser Situation noch mehr herunterzieht. Auch wenn das Buch mitunter sehr komische Momente einfängt, so hat man beim Hören/Lesen doch auch einige Aha-Erlebnisse, was dieses Thema anbelangt.

Persönliche Kritikpunkte:
Auch wenn man mit Kurt Krömer mitfühlt, in diesem Buch wird sehr oft betont, wie schlimm diese Zeit für ihn als alleinerziehenden Vater war. Ich möchte mir nicht anmaßen darüber zu urteilen, diese Phase mag für ihn sicherlich unglaublich schwierig zu bewältigen gewesen sein. Doch erfährt man im Laufe des Buches, dass er zu jeder Zeit bei der Kinderbetreuung auf die Unterstützung seiner Mutter und einer Nanny zurückgreifen konnte, was besonders in der Zeit seines achtwöchigen Klinikaufenthalts von unschätzbarem Wert für ihn war. Ein alleinerziehender Elternteil, der dies liest, und der nicht über ein derartig tolles Auffangnetz verfügt und mit seinen/ihren Kindern tatsächlich vollkommen auf sich gestellt ist, wird sich bei diesen Schilderungen mit Sicherheit nicht abgeholt fühlen, vielleicht sogar bitter auflachen, wohl wissend, dass er seine eigenen Kinder nicht für einen mehrmonatigen Klinik-Aufenthalt alleine lassen kann. Das zeigt einmal mehr wie verzweifelt und aussichtslos die Lage für einen Depressiven oft wirklich ist, zumal dieser vielleicht auch nicht über die finanziellen Mittel für einen kostspieligen mehrwöchigen Klinikaufenthalt verfügt!

Fazit:
Ein Buch, das kein Sachbuch ist oder mit allerhand Hintergrundwissen über Depressionen aufwartet, sondern das schlicht die persönliche Geschichte von Alexander Bojcan wiedergibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!