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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.08.2025

Ein leises Eintauchen in eine Familiengeschichte

Meine Mutter
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Bettina Flitners „Meine Mutter“ ist ein stiller, fast zärtlicher Blick auf das Leben ihrer Mutter und ihrer eigenen Herkunft. Es ist kein lautes Aufbegehren, sondern ein leises Eintauchen in Erinnerungen, ...

Bettina Flitners „Meine Mutter“ ist ein stiller, fast zärtlicher Blick auf das Leben ihrer Mutter und ihrer eigenen Herkunft. Es ist kein lautes Aufbegehren, sondern ein leises Eintauchen in Erinnerungen, Tagebücher und Briefe, die über Jahrzehnte hinweg gesammelt wurden. Die Autorin begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie, nach Wölfelsgrund im heutigen Polen, wo ihre Vorfahren ein Sanatorium betrieben. Dieser Ort, der für sie immer nur ein Name war, wird durch ihre Erzählung lebendig.
Flitner gelingt es, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Familie mit einer Mischung aus Respekt und Neugier zu erzählen. Sie fragt nicht nur nach den Ereignissen, sondern auch nach den Gefühlen, die dahinterstehen. Warum gab es so viele Selbstmorde in ihrer Familie? Was hat das Leben ihrer Mutter geprägt? Diese Fragen zieht sie behutsam auf und lässt dabei Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.
Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist geschickt eingeflochten. Manchmal fühlt es sich an, als würde man selbst durch die vergilbten Seiten der Tagebücher blättern oder durch die Straßen von Międzygórze spazieren. Die Autorin schafft es, eine Atmosphäre der Erinnerung und des Verstehens zu erzeugen, ohne je in Sentimentalität zu verfallen.
Was mir besonders gefallen hat, ist die leise Trauer, die zwischen den Zeilen mitschwingt. Es ist keine aufdringliche Melancholie, sondern ein sanftes Bedauern über das, was nicht gesagt wurde, über die ungestellten Fragen und die nicht gelebte Nähe. Diese stille Trauer hat mich berührt, ohne mich zu erdrücken.
Dieses ist kein Buch, das man schnell liest. Es lädt ein, innezuhalten, nachzudenken und vielleicht auch die eigene Familiengeschichte zu hinterfragen. Es ist ein Buch, das leise, aber nachhaltig wirkt. 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Aufbruch zwischen Angst und Freiheit

Als wir vom Aufbruch träumten
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Farina Eden hat mit diesem Roman ein sehr intensives Leseerlebnis geschaffen. Schon nach den ersten Seiten war ich mitten in Ostberlin 1989 und habe die Atmosphäre gespürt – das Aufbegehren, die Unsicherheit ...

Farina Eden hat mit diesem Roman ein sehr intensives Leseerlebnis geschaffen. Schon nach den ersten Seiten war ich mitten in Ostberlin 1989 und habe die Atmosphäre gespürt – das Aufbegehren, die Unsicherheit und diese besondere Mischung aus Hoffnung und Angst, die in der Luft lag. Die Autorin schreibt so nah und lebendig, dass man den grauen Alltag und gleichzeitig den Aufbruchssturm dieser Zeit förmlich miterlebt.
Besonders Anni hat mich beeindruckt. Ihre Leidenschaft für Literatur, ihr Mut und ihr unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Worte haben mich berührt. Gleichzeitig merkt man, wie schmerzhaft es ist, wenn Vertrauen zerbricht und man nicht mehr weiß, wem man sich noch anvertrauen darf. Dass mitten in Freundschaft und Gemeinschaft plötzlich Verrat, Misstrauen und Willkür stehen, hat mich sehr bewegt.
Sehr eindringlich fand ich auch die Einblicke in die Methoden der Stasi. Wie subtil eine Überwachung begann, wie aus beiläufigen Begegnungen plötzlich Verhöre wurden und wie schnell man ins Visier geraten konnte, zeigt die Autorin mit großer Eindrücklichkeit. Es entsteht ein beklemmendes Gefühl, wenn klar wird, dass jedes Wort, jede Begegnung und sogar Freundschaften von Kontrolle überschattet sein können. Diese Szenen haben mich besonders nachdenklich zurückgelassen, weil sie zeigen, wie lähmend Misstrauen in einem System wirken kann.
Ich fand es spannend, wie geschickt die Autorin die literarische Untergrundszene beschreibt – nicht als Kulisse, sondern als Herzstück dieser Generation. Die heimlichen Treffen, das Risiko bei Lesungen und die verbotenen Texte wirken greifbar und authentisch. Dabei geht es nie nur um Geschichte, sondern immer auch um Menschen, um ihre Träume und ihre Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.
Auch wenn man weiß, dass der Mauerfall kommen wird, bleibt das Buch bis zum Schluss spannend, weil es eben nicht nur um das große historische Ereignis geht, sondern um das Schicksal einzelner, die genau in diesem Moment mitgerissen wurden. Man liest von Auftrittsverboten, von Verhören und schließlich von Annis Haft – und spürt, wie sehr diese Zeit auf den Schultern der jungen Leute lastete.
Der Schreibstil ist klar und zugleich sehr atmosphärisch. Es gibt Sätze, die man sich am liebsten markieren möchte, weil sie so eindrücklich das Lebensgefühl von damals festhalten. Ich habe beim Lesen oft innegehalten, weil mich einzelne Szenen sehr bewegt haben.
Am Ende blieb bei mir ein Gefühl von Respekt für die Figuren, die ihren Weg zwischen Aufbruch, Verrat und Freundschaft suchen mussten. Und gleichzeitig die Erinnerung daran, dass Freiheit nie selbstverständlich ist.
Für mich ist „Als wir vom Aufbruch träumten“ ein fesselnder, emotionaler Roman, der geschichtliche Ereignisse, persönliche Schicksale und die beklemmende Präsenz der Stasi überzeugend verbindet. Ein Buch, das nachhallt. 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Erfrischend erzählt, tief empfunden

Was du siehst
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"Was du siehst" ist ein Roman, der mich von den ersten Seiten an gefesselt hat. Laura Maaß erzählt mit einem lebendigen, flüssigen und erfrischenden Schreibstil, der die Szenen bildhaft vor Augen führt ...

"Was du siehst" ist ein Roman, der mich von den ersten Seiten an gefesselt hat. Laura Maaß erzählt mit einem lebendigen, flüssigen und erfrischenden Schreibstil, der die Szenen bildhaft vor Augen führt und die Figuren schnell nahbar macht. Die Geschichte spielt über mehrere Jahrzehnte hinweg und begleitet Menschen, deren Leben durch Flucht, Neubeginn und ein lange gehütetes Geheimnis geprägt wird. Auch wenn die Geschichte und die handelnden Personen frei erfunden sind, spürt man, dass einige Ereignisse auf wahren Begebenheiten beruhen – und genau das verleiht dem Ganzen eine besondere Tiefe und Authentizität.
Die Autorin versteht es, ihre Figuren nicht nur über Worte, sondern auch über Zwischentöne zum Leben zu erwecken. Man hat das Gefühl, ihnen direkt zu begegnen, ihre Blicke, Gesten und kleinen Eigenheiten wahrzunehmen. Die Handlung entwickelt sich in einem guten Tempo, hält immer wieder Überraschungen bereit und hat mich bis zur letzten Seite nicht losgelassen.
Besonders beeindruckt hat mich, wie feinfühlig ernste Themen eingeflochten werden, ohne die Geschichte zu beschweren. Es gibt Momente voller Spannung, leise emotionale Szenen und Passagen, die einen einfach mit einem warmen Gefühl zurücklassen.
Dass es sich um den Debütroman von Laura Maaß handelt, macht das Ganze noch bemerkenswerter. Für mich ist dieses Buch eine rundum gelungene Mischung aus Erzählkunst, glaubwürdigen Figuren und einer Geschichte, die lange nachklingt.
Beim Lesen habe ich mich mal berührt, mal neugierig, mal nachdenklich gefühlt – und vor allem wollte ich immer wissen, wie es weitergeht. Ein Buch, das ich mit Freude und Überzeugung weiterempfehle.
Von mir gibt es volle 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Die verlorene Geschichte der Großmutter

Die Verlorene
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„Die Verlorene“ ist ein berührender und tiefgründiger Roman, der gleich mehrere Generationen miteinander verwebt und sich behutsam einem lange verdrängten Familiengeheimnis nähert. Im Mittelpunkt steht ...

„Die Verlorene“ ist ein berührender und tiefgründiger Roman, der gleich mehrere Generationen miteinander verwebt und sich behutsam einem lange verdrängten Familiengeheimnis nähert. Im Mittelpunkt steht Laura, die nach dem Tod ihrer Großmutter Änne beginnt, deren Vergangenheit zu erforschen. Bisher wusste sie nur von Ännes Erinnerungen an die Sommer in Schlesien, doch über die Menschen und das Leben damals hatte Änne stets geschwiegen. Erst als Laura Briefe und Dokumente entdeckt, beginnt sie, den Spuren ihrer Familie zu folgen, und stößt auf eine Geschichte, die weit mehr verbirgt, als sie je geahnt hätte.
Der Roman bewegt sich geschickt auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart begleitet man Laura auf ihrer emotionalen Reise nach Polen, wo sie versucht, das ehemalige Gut der Familie zu finden und Antworten auf die vielen offenen Fragen zu bekommen. In der Vergangenheit erleben wir Ännes Kindheit und Jugend auf dem Gutshof, geprägt vom Zweiten Weltkrieg, gesellschaftlichen Zwängen und persönlichen Tragödien.
Miriam Georg gelingt es, die Zeitgeschichte authentisch und lebendig einzufangen. Die bedrückende Atmosphäre während der Nazizeit, das zunehmende Misstrauen, die Angst und das Schweigen. All das wird eindrucksvoll und zugleich sensibel beschrieben. Besonders stark ist die Darstellung der weiblichen Perspektive: Die inneren Konflikte, das Schweigen über Schuld und Verlust und die Kraft, trotz allem weiterzumachen, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Die Charaktere sind fein gezeichnet, besonders die drei Frauen – Änne, ihre Tochter Ellen und Enkelin Laura – wirken vielschichtig und glaubwürdig. Man kann sich gut in ihre Gedanken und Gefühle hineinversetzen. Auch das langsame Aufdecken der Geheimnisse wird spannend und mit viel Fingerspitzengefühl erzählt. Keine plötzlichen Wendungen, sondern ein leises, stetiges Annähern an die Wahrheit.
„Die Verlorene“ ist mehr als ein Familienroman. Es ist ein Buch über Erinnern und Schweigen, über generationsübergreifende Traumata und die Suche nach Identität. Die Autorin verarbeitet dabei auch eigene familiäre Erfahrungen, was dem Roman zusätzliche Tiefe und Authentizität verleiht.
Ein fesselndes, emotionales Buch, das lange nachwirkt. Wer Geschichten mag, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem dichten Geflecht verweben, wird „Die Verlorene“ kaum aus der Hand legen können. 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Ein bewegender neuer Teil der Sternberg-Saga

Was die Liebe ersehnt
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"Was die Liebe ersehnt" von Kristina Herzog hat mich tief bewegt und mich von der ersten Seite an in die Atmosphäre der Zeit hineingezogen. Zürich 1934 bildet den Rahmen, doch das Herzstück sind die Menschen, ...

"Was die Liebe ersehnt" von Kristina Herzog hat mich tief bewegt und mich von der ersten Seite an in die Atmosphäre der Zeit hineingezogen. Zürich 1934 bildet den Rahmen, doch das Herzstück sind die Menschen, ihre Hoffnungen und ihre Kämpfe.
Besonders beeindruckt hat mich Hannah, die mit unermüdlichem Einsatz ihren Traum von einem eigenen Krankenhaus verwirklicht hat. Gerade in dieser Stärke liegt aber auch ihre Verletzlichkeit, denn über all der Verantwortung gerät das Familienleben ins Wanken. Beim Lesen habe ich gespürt, wie schwer es ist, Berufung und Privatleben in Einklang zu bringen – eine Herausforderung, die zeitlos wirkt.
Auch die anderen Figuren sind mit großer Authentizität gezeichnet. Daniel, der sich durch seine Auslandseinsätze in Gefahr bringt, Alma mit ihrer mutigen, lebensverändernden Entscheidung und Lucie, deren Beziehung durch politische Überzeugungen ins Wanken gerät – all diese Stränge haben mich zum Nachdenken gebracht und gezeigt, wie vielschichtig menschliche Bindungen sind. Besonders die Spannung zwischen privatem Glück und den Schatten des erstarkenden Nationalsozialismus habe ich beim Lesen als bedrückend und zugleich hochaktuell empfunden.
Sehr berührend fand ich Ariels Geschichte, die zeigt, wie stark die Sehnsucht nach Liebe sein kann, selbst wenn die äußeren Umstände voller Hindernisse sind. Kristina Herzog gelingt es hier meisterhaft, Emotion und historische Realität miteinander zu verweben.
Die Stärke dieses Romans liegt für mich in der Mischung aus feinen Zwischentönen und dramatischen Wendungen. Kleine Gesten, leise Gespräche, aber auch die großen Entscheidungen, die das Leben verändern – all das wird mit einem Gefühl für die richtige Balance erzählt. Ich hatte immer wieder den Eindruck, nicht nur eine Geschichte zu lesen, sondern ein Stück Leben mitzuerleben.
"Was die Liebe ersehnt" ist für mich ein Buch, das nicht nur fesselt, sondern auch nachhallt. Es hat mich beim Lesen berührt, bewegt und bereichert – und meine Neugier auf die weiteren Teile der Sternberg-Saga noch mehr entfacht. 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.

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