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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.08.2025

sehr speziell

1000 und ich. Zweifle nicht, zögere nicht, hinterfrage nicht.
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Letztes Jahr haben mein Sohn (11) und ich mit Begeisterung „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ von Yorick Goldewijk gelesen, und so war ich sehr neugierig auf sein neuestes Werk „1000 und ich“, zumal ...

Letztes Jahr haben mein Sohn (11) und ich mit Begeisterung „Cato und die Dinge, die niemand sieht“ von Yorick Goldewijk gelesen, und so war ich sehr neugierig auf sein neuestes Werk „1000 und ich“, zumal ich Dystopien sehr mag und der Klappentext entsprechende Assoziationen weckt.

8 lebt zusammen mit vielen anderen „Unbeseelten“ in Surdus, wird durch eine Stimme aus einem Bildschirm in ihrer Wohnzelle indoktriniert, von Spähern auf Schritt und Tritt überwacht. Jeden Tag geht sie der gleichen monotonen, stumpfsinnigen Tätigkeit nach, durch die sie „kalibriert“ wird. Die Unbeseelten leben wortlos und ohne Kontakt nebeneinander her, doch 8 fühlt eine unbestimmte Sehnsucht. Eines Tages erhascht sie einen verbotenen Blick einer anderen Unbeseelten, und sie setzt alles daran, diese wiederzusehen, auch wenn es ihre Eliminierung bedeuten kann.

Zu Beginn fühlte ich mich an „1984“ erinnert. Die Unbeseelten werden darauf kalibriert, „nichts“ zu sein, stoisch sinnlose, immer wiederkehrende Befehle auszuführen. Der Name „Surdus“, der im Lateinischen „dumpf, gefühllos“ bedeutet, ist passend gewählt. Die Erzählung wird zunehmend surreal, verlässt die Grenzen der Logik und ich habe mich mehrmals gefragt, in welcher Welt die Handlung angesiedelt ist und worum genau es sich bei den Wesen handelt, die beispielsweise niemals essen müssen. Erst gegen Ende klärt sich dies alles auf und führt zu einem Aha-Erlebnis, dessen Prinzip mich an eine bekannte Filmreihe erinnert. Näher kann ich nicht darauf eingehen, da ich nicht spoilern möchte. Wer das Buch gelesen hat, wird aber wissen, worauf ich mich beziehe.

Die Geschichte enthält einige interessante Ansätze, die jedoch erst im Nachhinein klar werden, und man braucht eine gewisse Ausdauer, um bis dahin durchzuhalten. Einige Handlungselemente kehren mehrfach wieder, auch die Gedanken von 8 drehen sich im Kreis, und ich merkte, dass ich beim Lesen ungeduldig wurde. Mein Sohn hat mit 11,5 Jahren schon nach den ersten Seiten die Lust verloren. Die surreal anmutenden Ereignisse erschweren das Verständnis, und echte Spannung kommt nicht auf. Bei der Zielgruppe ab 12 Jahren kann ich mir nicht vorstellen, dass diese angesichts der monotonen, verwirrenden Handlung bei der Stange bleiben. Für ältere Kinder und Erwachsene empfinde ich die Gesamtidee wiederum als nicht komplex genug; so war mir beispielsweise sehr schnell klar, wie die Zahlen 1000 und 8 zusammenhängen und welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben.

Insgesamt würde ich dieses Buch am ehesten Leser:innen ab ca. 14 Jahren empfehlen, die Interesse an Gedankenspielen haben. Mich konnte die Geschichte leider nicht überzeugen und ich vergebe knappe 3 Sterne.

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Ein herausragendes Debüt!

Das Geschenk des Meeres
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An einem Wintertag um 1900 findet der Fischer Joseph am Strand der kleinen schottischen Insel Skerry einen Jungen, der vom Meer angespült wurde. Der Kleine überlebt, und die Lehrerin Dorothy erklärt sich ...

An einem Wintertag um 1900 findet der Fischer Joseph am Strand der kleinen schottischen Insel Skerry einen Jungen, der vom Meer angespült wurde. Der Kleine überlebt, und die Lehrerin Dorothy erklärt sich auf Bitten des Pfarrers bereit, ihn bei sich aufzunehmen, bis seine Herkunft geklärt ist. Doch diese Aufgabe bringt Dorothy an den Rand ihrer Kraft, hat sie doch selbst 20 Jahre zuvor ihren eigenen Jungen Moses im selben Alter an das Meer verloren. Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen für Dorothy immer mehr, und sie muss sich der Trauer und dem Schmerz stellen, ihren Erinnerungen, die sie jahrelang verdrängt hat. Und nicht nur bei ihr reißen alte Wunden auf…

Julia R. Kelly erzählt in zwei Zeitebenen, „Jetzt“ und „Damals“, die sich kapitelweise abwechseln und vor allem gegen Ende immer stärker ineinander übergehen, wenn sich die Figuren im Jetzt an die Ereignisse vor langer Zeit zurückerinnern.

Der einfühlsame und atmosphärische Schreibstil gefiel mir auf Anhieb, und ich hatte beim Lesen die karge Schönheit der Küste und das raue Meer genau vor Augen. Sehr gelungen fand ich die Figurenzeichnung, die die einzelnen Charaktere glaubwürdig und lebendig wirken lässt, ambivalent und zutiefst menschlich.

Besonders gut konnte ich mich in Dorothy hineinversetzen. Sie kommt als junge Lehrerin neu nach Skerry, in eine alteingesessene Dorfgemeinschaft, und ihre Zurückhaltung und Unsicherheit lassen sie unnahbar und arrogant erscheinen. Sie hat keinen guten Start bei den Frauen im Dorf, und wie so oft machen Ängste, Missverständnisse, Unausgesprochenes und Missgunst das Zusammenleben schwer.

Der Roman zeigt zudem, welche Herausforderung die Mutterschaft an uns Frauen stellt: Da sind die Selbstzweifel, die wohl jede junge Mutter kennt, ob man denn alles richtig macht, dem Kind gerecht wird, liebevoll und aufmerksam genug ist. Negative Erfahrungen aus der eigenen Kindheit können zusätzlich blockieren, und der kritische Blick von außen, nicht selten gerade durch andere Frauen, erhöht den Erwartungsdruck noch zusätzlich.

Bis zum Schluss hält der Roman die Spannung, auch wenn ich in vielen Punkten bereits die richtige Vermutung hatte, was dahinterstecken könnte. Ich habe dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite geliebt, und es hat mich auf eine Weise bewegt und zum Nachdenken gebracht, wie es nur ganz wenige Bücher schaffen. Wunderschön und traurig zugleich, voller verpasster Chancen und dennoch mit der Hoffnung auf eine versöhnliche Zukunft. Ein wirklich herausragendes Debüt, das ich von Herzen weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 21.08.2025

eine ungewöhnliche Perspektive

Der Barmann des Ritz
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Philippe Collin schreibt über das Leben von Frank Meier, der zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich Barmann im legendären Nobelhotel Ritz war. Während die Nazi-Größen im Ritz ein- und ausgehen ...

Philippe Collin schreibt über das Leben von Frank Meier, der zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich Barmann im legendären Nobelhotel Ritz war. Während die Nazi-Größen im Ritz ein- und ausgehen und von Meier an der Bar bedient werden, hütet er ein Geheimnis: Als Sohn eines polnischen Juden schwebt er permanent in Lebensgefahr. Gleichzeitig hilft er anderen Juden unterzutauchen.

Der Roman basiert auf realen Personen und Ereignissen, ergänzt diese jedoch durch fiktive Begebenheiten. Auch die Tagebucheinträge von Frank Meier, die immer wieder dazwischengeschoben werden, entspringen der Vorstellung von Philippe Collin.

Das Buch besteht aus kurzen, jeweils mit einer Datumsangabe versehenen Kapiteln, die dem Roman einen chronologischen Charakter verleihen. Frank ist hin- und hergerissen im Spannungsfeld zwischen ständiger Lebensgefahr und dem privilegierten Leben im Ritz. Während ein Großteil der französischen Bevölkerung Not leidet, mangelt es im Nobelhotel an nichts. Frank lebt in ständiger Angst um sich, seine große Liebe Blanche und seinen jüdischen Lehrling Luciano. Während seine Augen und Ohren an der Theke stets wachsam sind, muss er die perfekte Fassade als Barmann gegenüber den Nazis aufrechterhalten.

Der Schreibstil ist sehr eingängig zu lesen, und die ungewöhnliche Perspektive eines Barmanns hat einen besonderen Reiz. Die mondäne Atmosphäre im Ritz konnte ich mir beim Lesen sehr gut vorstellen. Die Figuren blieben für mich alle jedoch etwas unnahbar, auch Frank. Wirklich sympathisch wurde er mir nicht, was vielleicht an seiner etwas anbiedernden Art gegenüber der reichen französischen Oberschicht lag. Auch seine Verehrung von Blanche, der Frau des Hoteldirektors, nahm mir zu viel Raum ein.

Sehr hilfreich fand ich das Glossar am Ende des Buches und auch die Fotografien einiger historischer Personen aus dem Buch sowie deren Werdegang nach dem Krieg.

Ein sehr lesenswertes Buch mit einem ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Besatzungszeit in Frankreich.



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Veröffentlicht am 20.08.2025

Großartig!

Gym
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Die Protagonistin bewirbt sich auf einen Job als Tresenkraft im MEGA GYM. Im Vorstellungsgespräch gibt ihr der Chef zu verstehen, dass ihr Körper nicht den Anschein erweckt, als trainiere sie selbst regelmäßig. ...

Die Protagonistin bewirbt sich auf einen Job als Tresenkraft im MEGA GYM. Im Vorstellungsgespräch gibt ihr der Chef zu verstehen, dass ihr Körper nicht den Anschein erweckt, als trainiere sie selbst regelmäßig. Spontan greift sie zu einer Notlüge: Sie habe erst kürzlich entbunden. Der Chef gefällt sich als Feminist und gibt ihr die Stelle. Um glaubhaft als frischgebackene Mama durchzugehen, warten allerdings einige Fallstricke auf sie, und schnell wird klar, dass sie noch deutlich mehr zu verbergen hat…

Verena Keßler gelingt es, mit relativ wenigen, präzise gesetzten Worten auf 192 Seiten eine intensive, lebendige und teils groteske Geschichte zu erzählen, die einen so starken Sog entwickelt, dass ich sie an einem Tag komplett verschlungen habe. Der Schreibstil ist herrlich bissig, pointiert und humorvoll, so dass ich insbesondere im ersten Drittel ein Dauergrinsen im Gesicht hatte. Doch der Roman bietet weit mehr als nur eine unterhaltsame Geschichte, die die Welt der Fitnessstudios aufs Korn nimmt. Je weiter die Handlung fortschreitet und je mehr man über die Vergangenheit der Protagonistin erfährt, desto mehr Tiefgang entwickelt der Roman, und zeigt, in welche Abgründe Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Egoismus und rücksichtloses Aufwärtsstreben führen können.

Ein absolut großartiges Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 14.08.2025

spannende Grundidee

All Better Now
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Mit „All better now“ veröffentlicht Neal Shusterman den ersten Teil einer Dilogie, in dem eine neue Corona-Variante namens „Crown Royale“ die Welt in Atem hält. Vier Prozent aller Infizierten sterben, ...

Mit „All better now“ veröffentlicht Neal Shusterman den ersten Teil einer Dilogie, in dem eine neue Corona-Variante namens „Crown Royale“ die Welt in Atem hält. Vier Prozent aller Infizierten sterben, doch die Genesen sind von einer einem tiefen Glückgefühl beseelt. Die Aussicht auf immerwährendes Glück ist verlockend – ist sie das Risiko einer Ansteckung wert? Diese Frage stellen sich auch Mariel und Rón, die verschiedener kaum sein könnten: Mariel lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Auto, beide kommen kaum über die Runden. Rón ist der Sohn des Milliardärs Blas Escobedo und fühlt eine große Leere in sich. Ein Zufall führt beide zusammen und schon bald müssen sie sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, denn Genesene und Bekämpfer des Virus verfolgen unterschiedliche Missionen.

Die Idee des Romans hat mich sofort neugierig gemacht, weil ich das Gedankenspiel eines Glücks-Virus ethisch, soziologisch, ökologisch und ökonomisch hochinteressant finde. Welche Auswirkungen hätte ein solches Virus auf unsere Welt? Würden Not, Gewalt, Kriege und Umweltzerstörung ein Ende finden? Andererseits: Gäbe es ohne Konkurrenzdenken, dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem Streben nach Erfolg überhaupt noch bahnbrechende Innovationen? Ich hatte mir von „All better now“ eine tiefergehende Auseinandersetzung mit derartigen Fragestellungen erhofft, wurde jedoch weitestgehend enttäuscht. Shusterman geht zwar auf ethische Konflikte ein, etwa, ob zum Wohle der Menschheit als Ganzes eine absichtliche Ansteckung Nicht-Infizierter durch Super-Spreader gerechtfertigt ist, und falls ja, unter welchen Voraussetzungen, doch weitere Überlegungen bleiben an der Oberfläche. Die Auswirkungen der Krankheit werden zudem nicht genauer spezifiziert. Sie die Genesenen wirklich glücklich (und was ist Glück überhaupt?), ist das Glück von Dauer? Auf mich wirken sie eher stumpfsinnig, als stünden sie unter dem Einfluss psychedelischer Drogen.

Die nicht klar umrissenen Veränderungen bei den Genesenen sind für mich das größte Manko des Buches, da es hierdurch inkonsistent und wenig glaubhaft wirkt. So suggeriert Shusterman, die Genesenen würden einen nachhaltigeren, weniger konsumorientierten Lebensstil führen. Gleichzeitig essen sie weiterhin Junk-Food und reisen vermehrt mit Autos und Flugzeugen durchs Land, der CO2-Abdruck interessiert sie schon mal nicht. Ein echtes Umdenken zum Wohl des Planeten sehe ich also nicht. Plötzlich bio-vegan lebende Menschen sind einer amerikanischen Leserschaft vielleicht auch nicht vermittelbar. Auf mich wirkt der ganze Roman diesbezüglich ein bisschen wie eine oberflächliche Behauptung ohne komplexeres Gesamtkonzept.

Auf die unvermeidliche Lovestory hätte ich gut verzichten können, sie ist aber vermutlich ein Zugeständnis an die jugendliche Zielgruppe. Der Schreibstil ist eher einfach gehalten, und streckenweise erinnert mich das Buch an einen Hollywood-Blockbuster, der eine durchaus spannende Handlung, aber wenig Tiefgang bietet.

Am interessantesten finde als Charaktere den Milliardär Blas Escobedo, der erfrischenderweise nicht den gängigen Klischees entspricht, und eine ältere Dame namens Glynis Havilland, deren gewitzte Aktionen für Überraschungen sorgen.

Ich habe lange überlegt, wie ich „All better now“ bewerten soll. Auch wenn ich mir mehr Tiefe und komplexere Charaktere gewünscht hätte, möchte ich hier bei einem Jugendbuch, das auch unterhalten und eine breite Leserschaft erreichen soll, nicht zu strenge Maßstäbe anlegen. Zudem bietet das Buch viel Stoff für interessante Diskussionen und regt zum Nachdenken an, und die Grundidee ist wirklich gut. Ich vergebe daher knappe 4 Sterne.

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