Ich bin zwiegespalten
KatabasisDie Cambridge-Studentin Alice will die Beste auf dem Feld der Analytischen Magie werden. Als Doktorandin des hoch angesehenen Professors Grimes ist ihr Traum zum Greifen nah, doch dann tötet sie ihn aus ...
Die Cambridge-Studentin Alice will die Beste auf dem Feld der Analytischen Magie werden. Als Doktorandin des hoch angesehenen Professors Grimes ist ihr Traum zum Greifen nah, doch dann tötet sie ihn aus Versehen! Da sie die Promotion unbedingt bei ihm abschließen will, um die besten Berufsaussichten zu haben, beschließt sie, ihren Doktorvater aus der Hölle zu holen – zusammen mit ihrem Konkurrenten, dem hochintelligenten höflichen Peter, obwohl der Preis für eine Reise dorthin wirklich hoch ist. Mit Erfahrungsberichten Orpheus, Dante, T. S. Eliot, Lembas-Brot und einer sich selbst auffüllenden Wasserflasche begeben sie sich also in die Unterwelt.
Die Gedanken und Gespräche zu Themen wie Leben nach dem Tod, die Betrachtungen der Sünden wie Stolz, Lust etc. sowie vielem mehr sind ziemlich akademisch bzw. philosophisch – ich mochte das meistens, aber manchmal war es mir ein bisschen zu ausführlich oder abstrakt. Die mathematischen Ausführungen haben mich beispielsweise überfordert und mein Mathe-Trauma aus Schulzeiten heraufbeschwört 😉.
Die Dynamik zwischen Alice und Peter hat mich an die zwischen den Hauptfiguren in "Emily Wilde Band 1" erinnert (obwohl es hier nicht um eine Mission in der Feenwelt geht), weshalb ich sie als “wenig originell” empfand. Der Humor ist hier allerdings sarkastischer und die Arbeitsbedingungen der akademischen Welt werden kritischer betrachtet.
Ich fand die Prämisse, die Reise durch die Kreise der Qual in der Hölle, faszinierend, auch weil sie als Spiegel für innere Zustände sowie persönliche Verfehlungen stehen, und nicht als dogmatische Sündenliste. Es gibt einige unterhaltsame Begegnungen mit Schattenwesen, Gottheiten sowie Gefahren, die Umsetzung der Prämisse konnte mich jedoch nicht wirklich begeistern: Ich fand die akademischen, philosophischen und mythologischen Elemente zwar interessant, aber sie nehmen mMn sehr viel Raum ein, sodass die Haupthandlung irgendwie verblasst, die ich dann allerdings ohnehin nicht besonders fesselnd fand.
Durch Rückblicke erfährt man, wer Alice und Peter wirklich sind – was sie antreibt und was sie getan haben bzw. sich gefallen ließen, um die Anerkennung ihres Doktorvaters zu bekommen. Diese Einblicke erklären auch die Dynamik zwischen den beiden bzw. warum sie sich seit ihrem Kennenlernen verändert hat.
Alice hat es als Frau aus einfachen Verhältnissen mit asiatischen Wurzeln schwer in der akademischen Welt: Ihr Doktorvater hat sie davor gewarnt, dass sie doppelt so hart arbeiten muss, um halb so viel zu erreichen wie ein weißer, privilegierter Mann. Ich verstehe das Dilemma, das sich daraus ergibt: Soll man das akzeptieren, versuchen sich zu beweisen und das System somit hoffentlich allmählich von innen heraus ändern? Oder sich weigern unter solchen Umständen zu arbeiten und bestimmte Bereiche somit ggf. weiterhin Männern mit entsprechenden Hintergründen überlassen?
Alice ist fest entschlossen (oder verzweifelt? Oder obsessiv?) alles zu tun, um sich zu behaupten. Doch weshalb geht sie mit den widrigen Umständen nicht pragmatisch um? Wieso rechtfertigt sie die Grausamkeiten ihres Doktorvaters vor sich und anderen, nach dem Motto: so sind geniale Männer nun einmal. Ich fand dieses “Stockholm-Syndrom” schwer zu ertragen.
Das führt mich zur nächsten Frage - wieso wollen die beiden ihren Doktorvater eigentlich unbedingt retten? Der Preis für eine Reise in die Hölle ist extrem hoch!!!, dann noch die Gefahren dort und die Chancen ihn zu finden, bevor er wiedergeboren wird, liegen bestenfalls bei 50%.
Die Mischung aus akademischen Ambitionen, Philosophie, Mythologie, inklusive religiöser und spiritueller Konzepte über das Leben nach dem Tod, Fantasy, komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen sowie sarkastischem Humor hat mir teilweise richtig gut gefallen, konnte mich insgesamt leider nicht überzeugen.