Platzhalter für Profilbild

Steffi58

Lesejury Profi
offline

Steffi58 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Steffi58 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.11.2018

Geschichte mit den Augen eines Halbwüchsigen betrachtet

Guten Morgen, Genosse Elefant
0

Ein toller Start
… Mein Klassenlehrer, Genosse Professor Michail Michailow, sagt, in Amerika gibt’s Eis in hundertsiebenunddreißig verschiedenen Geschmacksrichtungen und dreihundertsechsundsiebzig verschiedene ...

Ein toller Start
… Mein Klassenlehrer, Genosse Professor Michail Michailow, sagt, in Amerika gibt’s Eis in hundertsiebenunddreißig verschiedenen Geschmacksrichtungen und dreihundertsechsundsiebzig verschiedene Automodelle. Hier, in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, gibt’s nur fünf Automodelle. Alle schwarz. Und Eis schmeckt nach Eis oder nach Schokolade. …
Ein interessantes Cover
Roter Stern mit Löffel und Elefanten , schon das Cover zeigt die Absurdität dieses Romans.
Ein angenehmer Schreibstil
Der Protagonist erzählt in einer erfrischend kindlich naive Art offen über die Zustände in der UdSSR – und wird ein unterschätztes Sprachrohr der Zeitgenossen.
Ein sehr individuelles Buch
„Genosse Elefant“ entpuppt sich als der „große “ Josef Stalin; viele Fakten in dem Roman sind unglaublich oder doch nicht ??? Historische Wahrheit ist nicht das Thema des Buches – der Autor schreibt sie sozusagen neu. Die ehemalige Sowjetunion wird auf höchst amüsante Art und Weise kritisiert.
Man kann dieses Buch nicht in eine literarische Schublade stecken – und genau deshalb lohnt es sich , den Roman zu lesen. Die Art, sich mit einem schwierigen Teil der Geschichte zu befassen, erhält von mir 4 Punkte.

Veröffentlicht am 29.10.2018

Empathisch und warmherzig

Mulans Töchter
0

Mulan, in Europa bekannt als tugendhafte und mutige Heldin aus dem gleichnamigen Disney-Film , lebte im fünften Jahrhundert. Ihr Name bedeutet „Blüte des Mangolienbaumes“. Sie stammt aus einem kleinen ...

Mulan, in Europa bekannt als tugendhafte und mutige Heldin aus dem gleichnamigen Disney-Film , lebte im fünften Jahrhundert. Ihr Name bedeutet „Blüte des Mangolienbaumes“. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Norden Chinas. Im Kampf gegen die feindlichen Horden eines wilden Volkes zog sie getarnt als Mann an der Stelle ihres Vaters , der zu alt und zu krank dafür war, in den Krieg. Sie wurde Heerführerin . Für ihre Hingabe und ihren Mut wird sie bis heute von vielen Chinesen verehrt. Schön, dass die Ballade von Mulan in das Buch eingebunden wurde.
Das ist der Ausgangspunkt für die Reportage der niederländischen Autorin Bettine Vriesekoop über das weibliche China . Dieses Land und seine Leute faszinierten sie schon als erfolgreiche Tischtennisspielerin, später studierte Bettine Sinologie und arbeitete längere Zeit in Peking. Sie weiß also wovon sie schreibt und hat gut recherchiert

Wir wissen wenig über China und über die Frauen des Landes noch weniger. „Gebundene Füße“ kommen uns in den Sinn. Aber :Was zeichnet selbstbestimmte Frauen in China aus? Wie verändern sie das Gesicht Chinas?
Bei der Beantwortung dieser Fragen beschäftigt die Autorin sich besonders mit Frauen der neuen Mittelklasse und interviewt unverheiratete Frauen zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren und zwei Expertinnen für Frauenfragen .
Schwerpunkt ist für Vriesekoop die Verknüpfung der Selbstbestimmung der Frau mit der freien Auslebung ihrer Sexualität . Eine Thematik , die für diese Frauen das Problem darstellt , das wir aus vielen Kulturen kennen : die Orientierung an historischen Vorbildern auf der einen und der Wunsch nach Modernität auf der anderen Seite.
Durch die Gespräche wird uns klar, dass die Chinesinnen immer noch stark in alte Rollenmuster eingezwängt sind. Sie tragen die Folgen „Ein-Kind-Politk“, werden „Shengnü“- Essensrestchen genannt , wenn sie -gutausgebildet, unabhängig und erfolgreich- keinen Mann finden , weil die lieber nach „unten“ heiraten. Auch im heutigen China entscheiden Eltern häufig, wen ihre Tochter heiratet.

Veröffentlicht am 16.10.2018

Überrascht …

Der Apfelbaum
0

… hat mich , dass Christian Berkel , bekannt als Schauspieler, jetzt unter die Schriftsteller geht. Zunächst dachte ich : wieder so ein Möchtegern-Autor oder hat er einen Ghostwriter ?
Aber dann las ich ...

… hat mich , dass Christian Berkel , bekannt als Schauspieler, jetzt unter die Schriftsteller geht. Zunächst dachte ich : wieder so ein Möchtegern-Autor oder hat er einen Ghostwriter ?
Aber dann las ich auf dem Umschlag die Zeilen von Daniel Kehlmann- und war wieder überrascht.
Berkel erzählt uns eine Familiengeschichte , die der seinigen ähnelt und die fast unglaublich ist. Die ganze Bannbreite an Emotionen trifft den Leser : er fühlt mit , ist begeistert von der Kraft und dem Mut , den die Protagonisten aufbringen , um ihr schweres Schicksal zu meistern, leidet , ist schockiert.
So besonders ist das Buch , weil der Leser nicht von außen auf die Familiengeschichte schaut , sondern sich scheinbar mittendrin befindet.
Familie und vor allem auch Heimat – das sind die angesprochenen ernsten Hauptthemen, die Berkel aber mit seiner ganz eigenen Art stillen Humors begleitet.
Er bindet diese – ansatzweise seine- Familiengeschichte in gekonnter Weise in den historischen Kontext – die Zeit des Dritten Reiches und des Nationalsozialismus - ein und beweist dabei , dass er gut recherchiert hat.
Der Wechsel der Erzählperspektiv – auch er übernimmt diese zeitweise – stellt ein großes Plus für die Verständlichkeit der Geschichte und der Geschichten der Familie dar.
Ein lesenswertes Buch , denn es zeigt uns , wie wichtig unsere Wurzeln sind und wie wichtig es ist , uns selbst zu erkennen.

Veröffentlicht am 16.08.2018

Etwas Besonderes …

Das rote Adressbuch
0

… ist schon das Cover. Ein Cover , an dem man im Buchladen nicht so einfach vorbei kommt. Es ist schlichtweg schön; ein warmes intensives Rot, bedruckt mit Vögeln und stilisierten Ebereschen. Diese Aufmachung ...

… ist schon das Cover. Ein Cover , an dem man im Buchladen nicht so einfach vorbei kommt. Es ist schlichtweg schön; ein warmes intensives Rot, bedruckt mit Vögeln und stilisierten Ebereschen. Diese Aufmachung und die haptische Wahrnehmung erinnert an ein echtes Adressbuch.
Inhaltlich könnte alles hinter dem Titel stecken.
Aber das was zwischen den beiden Buchdeckel steckt , ist auch inhaltlich etwas ganz Besonderes. Es ist ein Roman über die Einsamkeit von alten Menschen, über deren Tod, aber auch über menschliche Würde im Alter und Liebe über Jahrzehnte hinweg.
Die Geschichte spielt zunächst im Stockholm der Gegenwart – am Ende des Lebens der 96-jährigen Doris. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte; geboren in den Zwanzigern, wuchs in ärmlichen Verhältnisse auf, erinnert sich an Paris , an Amerika … – und immer wieder ist da die Suche nach der einen erfüllenden Liebe.
Im Alter von 10 Jahren schenkt ihr der Vater ein rotes Adressbuch , in welchem sie über alle ihr bedeutsamen Menschen schreiben soll .Diese Einträge sind die Grundlage , das Gerüst für ihre Lebenserinnerungen.
Und außer Doris ist da noch Jenny, mit der Doris nur regelmäßig skypen kann , weil diese in Amerika lebt.
Unterschiedlicher könnte das Leben dieser beiden Frauen nicht sein . Hier „Der helle Nachmittag in einem Haus in San Francisco mit Unterhaltung, Kindern , Lachen und Geschrei…“ und da „… Dunkelheit und Einsamkeit.“
Besonders auch der ständige Wechsel zwischen den Episoden aus dem Alltag der beiden Frauen und den Einträgen ins Adressbuch; berührend die späteren Ergänzungen mit durchgestrichenen Namen und der Bemerkung TOT. Der Schreibstil ist flüssig, gut lesbar, eine gewisse Spannung wird immer aufrecht erhalten.
Aber das Besonderste an diesem Buch ist seine Botschaften, zum Beispiel : "Ich wünsche dir von allem genug. Genug Sonne, die Licht in deine Tage bringt, genug Regen, damit du die Sonne schätzen kannst, genug Glück, das deine Seele stärkt, genug Schmerz, damit du auch die kleinen Freuden des Lebens genießen kannst, und genug Begegnungen, damit du die Abschiede besser verkraftest."
Dies sollten wir anderen Menschen nicht nur wünschen , sondern uns auch selbst darum , kümmern , die älteren Menschen in unserem Umfeld wieder genauer wahrzunehmen , ihre Lebenserfahrungen zu schätzen und von ihnen profitieren . Stellen wir ihnen Fragen ! Kommen wir mit ihnen ins Gespräch!
Ein ganz besonderes Buch!

Veröffentlicht am 12.08.2018

Die 68er in einem politischen Krimi

Die Tote im Wannsee
0


Martin Lutz , Sven Felix Kellerhoff und Uwe Wilhelm – dieses Autoren-trio sollten wir uns merken!
Wieder einmal können wir bestätigen , dass es eine Bereicherung ist , wenn sich Leute , die von Beruf ...


Martin Lutz , Sven Felix Kellerhoff und Uwe Wilhelm – dieses Autoren-trio sollten wir uns merken!
Wieder einmal können wir bestätigen , dass es eine Bereicherung ist , wenn sich Leute , die von Beruf Journalisten und Drehbuchautor sind, mit dem Schreiben von Romanen beschäftigen. Kriminalität, Geschichte und Geschichten passen hier wunderbar zusammen und sind gut recherchiert.
Falls also einem Leser der Krimi an sich nicht gefällt, hat er immer noch einen guten Zuwachs an geschichtlichen Kenntnissen.
Der Protagonist Wolf Heller , ein jungen Kriminalkommissar, hat 1968 den Mord an einer jungen Frau aufzuklären , die brutal erstochen und dann im Wannsee versenkt wurde.
Heller geht bei seinen Untersuchungen gewohnt akkurat vor und stößt plötzlich auf Widerstände von mehreren Seiten. Und hier wird es richtig spannend. Seine Vorgesetzten legen Heller nahe den Fall so schnell wie abzuschließen, der Schuldige sei der Ehemann, der sich zum Schuldeingeständnis erhängt habe.
Heller jedoch ist das zu einfach gedacht, muss aber mehr und mehr erkennen, dass dies nicht ein gewöhnlicher Fall für einen Kommissar ist , sondern dass hier Politik die Hauptrolle spielt.
Dieser Roman ist sehr gut geschrieben und fesselt uns von Beginn an. Dabei bedienen sich die Autoren sprachlich ausgeklügelter Bilder, die uns meinen lassen, wir seien beispielsweise direkt bei den Demonstrationen der Studenten oder in den Clubs dabei. Und immer wieder tauchen bekannte Namen aus der Geschichte der Bundesrepublik auf , die diesen Krimi sehr authentisch erscheinen lassen.
Sympathisch wird uns Heller vor allem dadurch , dass er eigentlich kein politischer Mensch ist , für den Staat arbeitet ,aber schon Sympathien für die „Revoluzzer“ hegt.
So schwankt er ständig zwischen den Anforderungen an seine Polizeiarbeit und den parallel dazu laufenden Geschehnisse der Studentenbewegung und der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit der staatlichen Institutionen.
Das Cover gefällt mir gut und das Glossar mit wichtigen Hintergrundinformationen erweist sich als durchaus sinnvoll.
Spannendes , lehrreiches Buch – 5 Sterne!