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Veröffentlicht am 22.08.2018

Eine Frau steht ihren Mann

Manhattan Beach
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Eine Geschichte inmitten der New Yorker Verbrecherszene: das klingt wie etwas, das schon oft dagewesen ist. Aber hier geht es vor allem um Anna, die Tochter von Eddie, der, ursprünglich aus der ...

Eine Geschichte inmitten der New Yorker Verbrecherszene: das klingt wie etwas, das schon oft dagewesen ist. Aber hier geht es vor allem um Anna, die Tochter von Eddie, der, ursprünglich aus der Gewerkschaftsbewegung kommend, in die kriminelle Szene seiner Stadt hineingerät und nicht mehr rauskommt. Zudem belastet ihn seine häusliche Situation, auch wenn Tochter Anna ihm nur Freude macht - doch Lydia, die zweite Tochter ist schwerstbehindert und seine Frau Agnes widmet dieser ihr ganzes Leben - wobei sie eigentlich keine andere Wahl hat, erfährt sie doch so gut wie keine Unterstützung von Eddie. Und mehr noch, eines Tages ist er einfach weg. Die drei Frauen müssen nun allein klar kommen und das schaffen sie auch bis zu Lydias Tod.

Danach bricht auch die Restfamilie auseinander - Agnes zieht zurück zu ihrer Familie, Anna hingegen widmet sich ihrer Arbeit und verfolgt einen schon länger gehegten Traum: sie wird Marinetaucherin. Leicht ist es nicht, als einzige Frau zwischen den Männern klar zu kommen und sie erlebt Rückschläge noch und nöcher, wobei die eigentlich nie etwas mit ihren Fähigkeiten - sie hält allen Herausforderungen stand - zu tun haben, sondern immer nur mit der Benachteiligung durch Vorgesetzte oder Kollegen.

Und die ganzen Jahre hinweg ist sie auf der Suche nach ihrem Vater, denn sie ist überzeugt, dass er die Familie nicht freiwillig verlassen hat.

Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan ist mit diesem Roman tief in die Vergangenheit getaucht - auf jeder Seite des Buches kann man ihre gründlichen Recherchen nachverfolgen. Doch sie schildert die Vergangenheit nicht so, wie sie war, sie hat sich die schriftstellerische Freiheit genommen, etwas dazuzuerfinden. Und zwar die Taucherin als Frauenberuf. In der US-Marine gab es nämlich im zweiten Weltkrieg keine einzige Taucherin. Damit befindet sie sich in der Nachbarschaft ihres Schriftstellerkollegen Colson Whitehead, der der "Underground Railroad" ein völlig neues Gesicht gab, das es in der Realität nicht gegeben hatte.

Egans Darstellung einer Frau, die ihren Berufswunsch realisiert, ist ebenso eindringlich wie ihre Schilderung von New York vor und während des zweiten Weltkriegs - es ist nicht schwer, die Situationen als Leser bildhaft nachzuempfinden. Zudem ist ihr Stil ebenso gekonnt wie fesselnd.

Dennoch hatte ich gelegentlich bei der Lektüre dieses vielschichtigen Romans ein wenig Schwierigkeiten mit den Übergängen, den Szenenwechseln, denn Egan springt in ihrem Roman öfter mal von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Aber das ist Kritik auf sehr hohem Niveau an einem ungewöhnlichen Roman, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Veröffentlicht am 20.08.2018

Zurück nach Niederschlesien

Aus Opas Federhalter und Omas Handtasche
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blickt Elke Ottensmann: die Wurzeln ihrer Familie väterlicherseits befinden sich dort. Dank eines ausführlich geführten Tagebuchs ihres Großvaters Arthur kann sie ihre Leser auf eine ausführliche Reise ...

blickt Elke Ottensmann: die Wurzeln ihrer Familie väterlicherseits befinden sich dort. Dank eines ausführlich geführten Tagebuchs ihres Großvaters Arthur kann sie ihre Leser auf eine ausführliche Reise in die Vergangenheit dorthin mitnehmen.

Dass diese allerdings so warmherzig und atmosphärisch, dabei ehrlich und offen daherkommt: das ist der Autorin ganz allein zuzuschreiben, die durch ihren sowohl einfühlsamen als auch mutigen Erzählstil aus dem Tagebuch ihres Großvaters und der Handtasche der Großmutter Johanna, in der wichtige Briefe lagerten, eine kraftvolle, dabei bunte und lebendige, oftmals leider auch schmerzhafte Geschichte gezaubert hat.

Arthur wurde keineswegs mit einem goldenen Löffel im Mund geboren, doch durch seinen eigenen Fleiss, sein positives Gemüt und nicht zuletzt durch seinen tiefen Glauben an Gott, den er zeit seines Lebens beibehielt, gelang es ihm, sich im niederschlesischen Bergbau eine solide Position zu erarbeiten. Mit dabei war bald seine Johanna, die er schon früh im Leben getroffen hatte und mit der er bis zu seinem Tode verbunden war.

Ein schwieriger Start, ein nicht minder schwieriger weiterer Lebens(ver)lauf kennzeichnet die Biographie vor allem von Arthur, aber auch von Johanna. Durch die Zeit des Nationalsozialismus, später durch das Leben in der sowjetischen Besatzungszone, wobei Niederschlesien bald zu Polen gehörte, haben sie stets ihre Überzeugung gewahrt, sind immer sie selbst geblieben, auch in den schlimmsten Zeiten. So verloren sie zunächst ihren ältesten Sohn Günther, der in den letzten Kriegsmonaten als vermisst gemeldet wurde und nie mehr auftauchte, bald darauf auch ihre Heimat. Doch das Wichtigste, ihre Würde, ihre Glaube an Gott und das Mit- und Füreinander in ihrer eigenen Familie - das haben sie sich stets erhalten, dadurch, dass sie sich selbst treu blieben.

Diese auf Originaldokumenten basierende Schilderung ihrer Familiengeschichte ist ein Denkmal für Familie Seidel und ein Geschenk für alle Leser dieser wunderbaren, sehr persönlichen Biographie!

Veröffentlicht am 20.08.2018

Hoffnung

Eine Nacht, ein Leben
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Der junge Maler Henri bereist die Insel B. voller Hoffnung und mit einem Traum: den der Wiedervereinigung mit Youna, seiner großen Liebe, die sich vor über einem Jahr hierher zurückzog und nichts mehr ...

Der junge Maler Henri bereist die Insel B. voller Hoffnung und mit einem Traum: den der Wiedervereinigung mit Youna, seiner großen Liebe, die sich vor über einem Jahr hierher zurückzog und nichts mehr von sich hören lässt. Nun will er - um im maritimen Duktus zu bleiben - klar Schiff machen. Er hofft, durch seinen überraschenden Besuch die Beziehung neu zu beleben und zu stabilisieren.

Dabei hat er - bewusst wie auch unbewusst - diverse Begnungen mit anderen Insulanern, alteingesessen, aber auch mit solchen, die wie er der Insel nur einen kurzen Besuch abstattet. Der im Übrigen sein gesamtes Leben verändern wird und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Eine kurze Sequenz nur aus Henris Leben ist es, die der Leser hier genießt, gleichwohl eine entscheidende, eine die seinem Leben - und auch dem vieler anderer - eine ganz neue Richtung geben wird. Ein Abschied von allem bisherigen, wunderschön dargestellt. Ein geschriebenes Gemälde: ein Roman in eindringlich bildhafter Sprache!

Verträumt entfaltet sich die Insel vor dem Lesenden - um gleich darauf einen Eindruck von dem sprühenden Leben zu geben, das auf ihr pulsiert. Ebenso, wie ruhigere Lebenswege von Mensch und Tier fügt sich alles ein in die Kraft der Natur - hier ist die Insel mehr als eine Kulisse.

Anders als alles bisher Gelesene - so erschien mir dieser Roman, den ich eher als Novelle bezeichnen würde. Sanft und kraftvoll zugleich, von einer bildhaften, atmosphärischen Sprache, die ihresgleichen sucht und die sich in meinen Gedanken und Erinnerungen einen festen Platz gesichert hat.

Veröffentlicht am 18.08.2018

Eine Art moderner Schelmenroman

Wie ich fälschte, log und Gutes tat
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Ich hatte - zumindest über Teilstrecken - einen Riesenspaß an der Lektüre - Thomas Klupp entwirft mit Benedikt Jäger einen jugendlichen Antihelden, eine Art zeitgenössischen Till Eulenspiegel, ...

Ich hatte - zumindest über Teilstrecken - einen Riesenspaß an der Lektüre - Thomas Klupp entwirft mit Benedikt Jäger einen jugendlichen Antihelden, eine Art zeitgenössischen Till Eulenspiegel, der es ganz wunderbar vermag, sein Umfeld durch den Kakao zu ziehen. Wobei er selbst nicht gerade selten auf der Strecke bleibt bzw. mitgezogen wird.

So bspw. die Schilderung der Ballonfahrt am ersten Schultag nach den Ferien, als Belohnung für ein erfolgreiches Sportlerteam - Benedikt uns sein Team haben die Konkurrenz in Grund und Boden gespielt - gedacht. In Wirklichkeit ist sie eine Belohnung für die Leser und zwar gleich zu Beginn des Buches! Leider reiht sich nicht weiterhin Bonbon an Bonbon, sondern es wird immer mal wieder ziemlich sperrig, wobei Benedikt sich nicht nur ein Mal selbst im Weg steht.

Inmitten der Schicki-Micki-Gesellschaft von Weiden, in die er als Teil seiner Familie einfach so hereingeraten ist, muss er früh feststellen, dass Schein oft mehr als Sein gilt und man um Gottes willen nicht alle Karten offenlegen sollte, um von allen respektiert zu werden.

Humor, Esprit und ein scharfer Blick auf die Gesellschaft - das sind die Zutaten zu diesem Roman. Wobei der Autor Thomas Klupp hier gelegentlich - nicht nur, aber immer wieder auch auf (umgangs)sprachlicher Ebene - den Bogen überspannt. Weniger wäre hier mehr gewesen, ganz so bunt hätte es der junge Benedikt Jäger nicht treiben sollen, um mich durchgehend am Ball zu halten. Auf der anderen Seite: die "Alten", allen voran seine Mutter, machen es ihm ja genauso vor.

Ganz schön schwer für einen Jugendlichen auf dem Weg zum jungen Mann, auf dem für ihn richtigen Weg zu bleiben. Zumal es in der Schule - dem ehrwürdigen Kepler-Gymnasium in Weiden auch ganz schön heftig zugeht. Auf die eine und andere Art und Weise. Ein extremer Roman, der sowohl den Protagonisten Benedikt, als auch mich als Leserin immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück brachte, ganz am Ende jedoch zeigte, dass die die Realität sich manchmal (mindestens) genauso gut entwickelt wie das Wunschdenken. Ein origineller und unterhaltsamer Roman, der zeigt wie (manche) Jugendlichen so ticken.

Veröffentlicht am 17.08.2018

Alles bricht zusammen

Als die Kirche den Fluss überquerte
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Daniels Familie bricht gerade zusammen - nach einem durchaus harmonischen Familienurlaub, der sich durch nichts von den vorherigen unterscheidet, verkünden die Eltern, dass sie sich trennen werden. Nach ...

Daniels Familie bricht gerade zusammen - nach einem durchaus harmonischen Familienurlaub, der sich durch nichts von den vorherigen unterscheidet, verkünden die Eltern, dass sie sich trennen werden. Nach dem Auszug des Vaters reagieren Daniel und seine ältere Schwester Laura unterschiedlich: während Daniel austickt und gar nicht weiß, wohin mit seiner Wut und seinen überbordenden Gefühlen, bleibt Laura zunächst so wie sie immer war - gut gelaunt und eine Stütze für beide - sowohl für die Mutter als auch für Daniel. Dann aber geschieht etwas zwischen ihr und Daniel und sie zieht zum Vater. Und die Mutter wird auch immer seltsamer...

Ein junger Mann, der 20jährige Daniel, erlebt den Zusammenbruch seiner Familie. Ja und, möchte man sagen, in heutiger Zeit ist das doch ein Allerweltsthema. Ja, aber doch nicht so! Denn Autorin Didi Drobna beschreibt eine ungewöhnliche Familie, auch die weiteren Entwicklungen sind alles andere als 08/15. Und die Reaktionen von Daniel und Laura? Es sind die von zigtausenden anderen jungen Erwachsenen und sie sind es auch wieder nicht.

Denn Didi Drobna beschreibt hier in schöner und eindringlicher Sprache das mögliche Verhalten nach so einem "Supergau". Nach einer Situation, die nicht für jeden jungen Erwachsenen ein Schock ist, manche reagieren da kaum drauf, andere sind vielleicht sogar erleichtert und ganz viele leben ihr eigenes Leben einfach weiter. Aber es kann auch so kommen wie in diesem Roman. Allerdings passiert hier noch so einiges mehr, was zum absoluten Zusammenbruch führt.

Mich hat vor allem die Sprache der Autorin fasziniert, ihre Fähigkeit, Tragik mit verhaltener Komik, mit Ironie zu verbinden. Ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Wobei ich mir vorstellen kann, Romane von Didi Drobna zu jedem Thema zu lesen, einfach, weil sie so toll schreibt, Furchtbares mit einer gewissen Leichtigkeit darstellt, die es dennoch nicht relativiert.

Ein ungewöhnliches und kraftvolles Buch zu einem alltäglichen Thema. Freud und Leid? Nein, eher Leid und Familienzusammenhalt - gespickt mit Situationskomik. Tragisch, ergreifend und sehr lesenswert!