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Veröffentlicht am 25.07.2018

In the clearing stands a boxer

Deutscher Meister
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singen Simon & Garfunkel in ihrem bekannten Song: auch in Berlin steht einer im Ring - ein Boxer, meine ich. Und was für einer: Trollmann, der Zigeuner, der auch 1933 noch kein Auge trocken lässt. Ein ...

singen Simon & Garfunkel in ihrem bekannten Song: auch in Berlin steht einer im Ring - ein Boxer, meine ich. Und was für einer: Trollmann, der Zigeuner, der auch 1933 noch kein Auge trocken lässt. Ein Auszug aus seinem (Boxer)Leben in einer sehr schweren Zeit, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung wird hier geschildert, die Vorbereitung auf den Kampf seines Lebens - gegen den Konkurrenten Witt - und der Kampf selbst. Ein halbes Jahr als Auszug aus Trollmanns Leben, aus Nazideutschland, denn auch das ist es und Autorin Stephanie Bart schildert dies ausgesprochen gekonnt und so atmosphärisch, dass es mir nicht schwerfiel, in diese ganz spezielle Umgebung einzutauchen.
Trollmann ist - noch - magisch: "SA-Mann Willi Radzuweit rempelte zurück: "Mach du mir erst mal so ne Flanke vor, dann kannste mir in Zukunft auch sagen, bei wem ich klatschen soll und bei wem nich!""(S.8) Auch die falsche Seite, die neue Führungsriege kann sich - noch - nicht entziehen.
Doch geht es mir zu sehr ins Boxen - ich habe wirklich große Achtung vor der Autorin, dass sie so tief in die Materie eingetaucht ist, die Zusammenhänge so detailliert und gleichzeitig stimmungsvoll beschreiben kann, auch wenn ihr Versuch, die Sprache, den Stil der damaligen Zeit aufzugreifen, mitunter mühselig zu rezipieren ist.
Keine leichte Kost: Stephanie Barth hat es sich und ihrer Leserschaft nicht leicht gemacht: ihr Einblick in das Sportler-, das Boxermilieu der Nachkriegszeit beruht auf mehr als auf guter Recherche - es ist das absolute Eintauchen in das Thema, eine Verschmelzung auf Zeit. Ich lese viel und empfinde dies in der Regel auch bei durchaus anspruchsvollen als Entspannung, als kleinen Ausbruch aus dem Alltag. Hier war es anders: dieses Buch hat mich gefordert, über Gebühr, wie ich finde. Im Klartext: Das Thema Boxen nahm überhand, wurde mir einfach zu viel. Trotz meiner Bereitschaft, in diesem Milieu zu versinken, war ich froh, mich daraus wieder befreien zu dürfen.

Eine Leseempfehlung mit Einschränkungen ist es also, die ich ausspreche, für einen sehr, sehr kleinen Personenkreis, der gewillt ist, sich dem Thema Boxen in der frühen Nazizeit für einen begrenzten Zeitraum komplett auszuliefern!

Veröffentlicht am 25.07.2018

Ein Klassentreffen mit Folgen

Nichts ist verziehen
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und zwar mit tödlichen! Dass das von ihr nicht sonderlich sehnsüchtig erwartete Klassentreffen so endet, das hatten weder Journalistin Magdalena Hansson noch irgendeiner ihrer ehemaligen Klassenkameraden ...

und zwar mit tödlichen! Dass das von ihr nicht sonderlich sehnsüchtig erwartete Klassentreffen so endet, das hatten weder Journalistin Magdalena Hansson noch irgendeiner ihrer ehemaligen Klassenkameraden erwartet - vor allem, da der Mord - schnell steht fest, dass dies die Todesursache war - wirkt sich sowohl beängstigend als auch schockierend auf die Verbliebenen aus. Vor allem, da die weiteren Entwicklungen - und die sind nicht gerade ohne - in eine ganz bestimmte Richtung weisen.

Zugegebenermaßen, die Klasse war nicht gerade eine der sanften Sorte - Mobbing spielte eine zentrale Rolle und es gab auch ein zentrales Opfer, das aber bereits vor einigen Jahren ums Leben gekommen ist - offenbar Selbstmord. Doch allmählich zeigt sich, dass dies längst nicht das einzige Ziel der Quälereien durch die "Stars" der Klasse war - sie haben einer ganzen Reihe von Mitschülern, zu denen auch Magdalena und Tina, der Schwester des örtlichen Ermittlers Christer, immer wieder das Leben schwer gemacht.

Und genau deswegen darf Christer die Ermittlungen nicht leiten - seine ehemalige Chefin Petra wird aus dem Krankenstand zurückgeholt.

Figuren noch und nöcher kommen vor in diesem Roman - sowohl die Klasse, als auch das Polizeipersonal treten zahlreich auf und werden ausführlich beschrieben, jeweils mit ihrem entsprechenden Umfeld. Doch leider stehen hinter den Figuren keine Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes, keine richtigen Persönlichkeiten. Einige wenige sind etwas deutlicher herausgearbeitet, doch bei vielen wurde mir nicht klar, warum sie bspw. Star oder Opfer in der ehemaligen Klasse waren. Ich konnte mir jedenfalls kein umfassendes Bild machen, das mich zufrieden gestellt hätte.und das betrifft ebenso das Kollegium im Polizeipräsidium, dessen überaus buntes Privatleben nicht selten im Mittelpunkt steht und aus meiner Sicht von Zeit zu Zeit zu intensiv behandelt wird.

Zudem ist es aus meiner Hinsicht hilfreich, wenn nicht gar notwendig, die vorhergehenden Bände der Reihe um Magdalena Hansson zu kennen - wieder und wieder ploppen Nebenschauplätze auf, die eigentlich nur mit Kenntnis der Vorgeschichte einen Sinn ergeben.

Dennoch habe ich das Buch wirklich gern gelesen und sowohl die kriminelle als auch die eher soziale Entwicklung, die zusammen eine gute Mischung ergeben und durchaus spannend sind, mit Interesse verfolgt. Ich kannte einen der Vorgängerbände und werde auch in Zukunft am Ball bleiben, wenn es wieder einen Fall gibt, in den Magdalena Hansson verwickelt ist. Für Liebhaber skandinavischer Krimis des eher klassischen Typs kann durchaus eine Empfehlung ausgesprochen werden, aber eine mit einer ganzen Reihe von Abstrichen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Figuren
  • Atmosphäre
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 24.07.2018

Menschen, die sich selbst aufgegeben haben

Eisiges Geheimnis
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USA: in der Einsamkeit des hohen Nordens, gleich an der kanadischen Grenze wird Leanne Adams vor den Augen ihrer Tochter, der 18jährigen Grace, die gerade eine Herztransplantation überstanden hat, offenbar ...

USA: in der Einsamkeit des hohen Nordens, gleich an der kanadischen Grenze wird Leanne Adams vor den Augen ihrer Tochter, der 18jährigen Grace, die gerade eine Herztransplantation überstanden hat, offenbar brutal ermordet. Vorher war sie jahrelang verschwunden - so lange, dass ihre eigene Tochter sie zunächst nicht wiedererkannte. Auch Arnold Lamb, Schwager bzw. Onkel der beiden ist tot - was geschah mit ihm, was hat es mit der langen Abwesenheit von Leanne auf sich?

Jedenfalls geht es gleich an die Ermittlungen, auf die Ray Davies - nein, nicht der Sänger der Kinks", sondern ein Detective höheren Ranges - die hochschwangere Macy Greeley ansetzt, offenbar gibt es keine andere Möglichkeit.
Brutal und gleichzeitig überaus atmosphärisch erinnert mich das Buch an die Thriller von Linda Castillo und die Bücher von Daniel Woodrell, vor allem "Winters Knochen", das auch verfilmt wurde, sowie an den Film "Fargo" der Coen Brothers. Sie alle zeigen die amerikanische Einöde, die Menschen dort in ihrer Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit - Menschen, die kein Wertesystem, keine Struktur mehr in ihrem Leben haben und soweit gehen, das Liebste in ihrem Leben in Frage zu stellen, wenn nicht gar zu verleugnen - wenn sie ein solches überhaupt noch zu identifizieren imstande sind. In diesen Kreisen muss die alleinstehende Macy kurz vor der Geburt ihres Kindes ermitteln und es tun sich Abgründe auf, die mit dem Tod von vier jungen osteuropäischen Einwanderinnen vor zehn Jahren zu tun haben, aber auch mit Menschen- und Drogenhandel.

Der Autorin Karin Salvalaggio ist hier ein außergewöhnlicher Krimi gelungen, dem es nur teilweise an bisschen an Atmosphäre bzw. der Darstellung von Übergängen und Zusammenhängen fehlt und der trotz seiner Brutalität gelegentliche Längen aufweist. Doch dies sind Marginalien - man hört, es soll eine ganze Serie von Thrillern um Macy Greeley entstehen - also, ich freue mich schon auf den nächsten Band und bin gespannt auf Macys weiteren Weg.

Veröffentlicht am 24.07.2018

Das Land, in dem die Zitronen blühen

Der Apfelsammler
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... war nicht nur das Ziel der Sehnsüchte des großen Dichters Goethe, nein, auch Elisabeth, genannt Eli, aufgewachsen in einem schwäbischen Kaff in den 1960er Jahren unter der Knute eines alkoholkranken, ...

... war nicht nur das Ziel der Sehnsüchte des großen Dichters Goethe, nein, auch Elisabeth, genannt Eli, aufgewachsen in einem schwäbischen Kaff in den 1960er Jahren unter der Knute eines alkoholkranken, despotischen Vaters, möchte dort hin und ihr Grund ist greifbarer als die abstrakten Empfindungen des großen Mannes im 18. Jahrhundert: sie hat sich verliebt in den glutäugigen Giorgio, der als Gastarbeiter in ihrer Heimat weilte. Eine Liebe voller Dornen, voller Enttäuschungen, die nichtsdestotrotz ein ganzes Leben hält.

Auf der anderen Seite die zweite Erzählerin, Hannah, Elis Nichte, nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei dieser aufgewachsen, nun - in der Gegenwart - nach Elis plötzlichem Tod in Italien, an Elis letztem Wohnsitz auf Spurensuche. Zwei Wege, die - zeitweise weit voneinander entfernt - doch zusammenlaufen.

Stimmungsvoll und gekonnt recherchiert, in ihrem einzigartigen Schreibstil baut Anja Jonuleit diesen ungeheuer dichten, spannungsreichen Roman schrittweise auf. Ich jedenfalls konnte ihn kaum aus der Hand legen, roch die schwäbische Enge, den Duft italienischer Obstgärten, sah Eli, Hannah und die anderen Protagonisten förmlich vor mir - bis es im letzten Teil des Buches leider "Plopp" machte und sich bei mir eine gewisse Ernüchterung einstellte. Leider konnte das hohe Niveau nicht ganz bis zum Schluss gehalten werden, die subtile Eleganz wich einem - wenn es nicht um die großartige Anja Jonuleit ginge, wäre ich fast geneigt zu sagen, platten Bedürfnis, alles glasklar aufzulösen, zu einem Ende zu bringen. Dabei hat die Autorin ihre Figuren irgendwie verloren, die starken Charaktere sind sich selbst abhanden gekommen - kurzum: das Ende ist ein fast beliebiges, auf Sensationen hin ausgerichtetes, das dem besonderen Ansatz der hier erzählten Geschichte einfach nicht gerecht wird.

Insgesamt aber ein weiteres empfehlenswertes Buch der Autorin Jonuleit, das nicht ganz, aber doch beinahe mit den "Herbstvergessenen" mithalten kann und das in mir bereits die Vorfreude auf ihr nächstes Werk weckt!

Veröffentlicht am 24.07.2018

Nele wildert im Mittleren Westen

Sommer der Wahrheit
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Die beliebte Krimiautorin Nele Neuhaus begeht neue, ungewöhnliche Wege: unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg hat sie das Buch "Sommer der Wahrheit" veröffentlicht, das im tiefsten Mittleren Westen, ...

Die beliebte Krimiautorin Nele Neuhaus begeht neue, ungewöhnliche Wege: unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg hat sie das Buch "Sommer der Wahrheit" veröffentlicht, das im tiefsten Mittleren Westen, im ländlich-abgeschiedenen Nebraska spielt. Wir schreiben das Jahr 1994. Hier lebt die junge Sheridan Grant, unzufrieden mit ihrem Leben und mit ihren Perspektiven. Das Leben im winzigen Fairfield ist ihr zu öde, zu langweilig: von morgens bis abends muss sie schuften, die ungeliebten Adoptiveltern machen ihr das Leben schwer. Ihren Interessen und Begabungen - komponieren und singen kann sie nicht ausreichend nachkommen, da diese nicht ernst genommen bzw. als Teufelswerk verurteilt werden. Auch ihre Freunde sind zu Hause nicht gern gesehen. Zum Knall kommt es, als sie gemeinsam mit ihren Freunden an verbotener Stelle von der Polizei aufgespürt wird. Die heimische Strafe folgt auf dem Fuße. Doch Nele sucht sich ihren eigenen (Aus)Weg, ihre eigenen Nischen. Unbemerkt von den Eltern lebt sie ein gewagtes Leben vor deren Augen, bis die Sache eskaliert.
Ein wenig irritiert, dass nur das Ausgangsdatum genannt wird: da die Geschichte über etwa anderhalb Jahre spielt, hätte ich es als "handlicher" empfunden, wenn sie in mehrere Teile gesplittet wäre, die jeweils mit dem Ausgangsdatum überschrieben wären. Zur Entwicklung selbst hätte das m.E. auch gut gepasst. Zudem liegt für mich der Schwerpunkt viel zu sehr auf Sex und Begierden. Schließlich hat mich die Schwarz-Weiß-Malerei bezüglich der Charaktere gestört, eigentlich steht jede dargestellte Figur, so nebensächlich sie auch sein mag, auf einer Seite, ist (mit wenigen Ausnahmen) entweder gut oder böse.
Doch trotz dieser nicht gerade wenigen Kritikpunkte habe ich das Buch wie alle "Neles" bisher sehr genossen: Nele Neuhaus bleibt sich und ihrem atmosphärischen Schreibstil treu. Eindringlich und mitreißend ist auch dieses Buch, unversehens findet sich der Leser im ländlichen Nebraska wieder, sieht die Umgebung, in der Sheridan aufwächst, geradezu bildhaft vor Augen und ist unversehens ein Teil der Gemeinschaft von Fairfield. Auch Spannungselemente sind in genügender Anzahl vorhanden und, obwohl sich im Unterschied zu den Bodenstein-Kirchhoff-Krimis das Ende hier durchaus abzeichnet, was bei einem Entwicklungsroman ja auch nicht weiter verwerflich ist, gibt es bei der Auflösung genügend überraschende Details, die es dem Leser leicht machen, bis zum Ende am Ball zu bleiben. Nicht gerade was für die Fans harter Thriller, aber Liebhaber stimmungsvoller Spannungsromane kommen hier allemal auf ihre Kosten.