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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.07.2018

Einfach weiterleben

Der Sprengmeister
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und auch weiter arbeiten: das tut Oskar Johansson, der als junger Sprengmeister einen schweren Unfall hat und - so könnte man meinen - alles verliert: eine Hand, ein Auge und auch seine Braut. Doch so ...

und auch weiter arbeiten: das tut Oskar Johansson, der als junger Sprengmeister einen schweren Unfall hat und - so könnte man meinen - alles verliert: eine Hand, ein Auge und auch seine Braut. Doch so ist es nicht - er berappelt sich und bleibt bis zu seiner Pensionierung Sprengmeister, findet eine andere Frau und zieht mit ihr drei Kinder groß, die es besser haben sollen als die Eltern. Und er hat eine Meinung: zur Gesellschaft, zur Politik in Schweden. Mit dieser hält er nie hinter dem Berg - ein wahrlich tapferer Mann!

Mit diesem Roman setzt Mankell dem schwedischen Arbeiter des 20. Jahrhunderts ein Denkmal. Hinsichtlich der Bedeutsamkeit in gesellschaftlicher Hinsicht ist es aus meiner Sicht durchaus mit "Segen der Erde" des norwegischen Autors und Nobelpreisträgers Knut Hamsun zu vergleichen. Auch hier bekommt der einfache Mann eine Stimme, sozusagen eine literarische - und zwar eine gewichtige!

Oskar Johansson, der in seinem Leben so viel erlebt und vor allem so viel erlitten hat, lässt sich nicht beugen, nein, er ist mit seinem persönlichen Leben sogar zufrieden, obwohl er schon seit jungen Jahren durch den Arbeitsunfall schwerbehindert war. Nicht zufrieden jedoch ist er mit den gesellschaftspolitischen Entwicklungen seiner Zeit in Schweden - da hätte aus seiner Sicht mehr rausgeholt werden können für die Arbeiterschaft, auch seine eigene Partei, die Sozialisten, haben ihn zeitweise enttäuscht.

Ein Mann, der nie aufgab, der auch nie seinen Lebenswillen und seinen Humor verlor, obwohl er selbst so vieles verloren hatte: Ein lesens- und lohnenswerter Roman, der das Zeug zu einem Klassiker hat!

Veröffentlicht am 15.07.2018

All is quiet on New Year's day

Neujahr
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singen U2 und das empfindet auch Henning, der sich am ersten Morgen des neuen Jahres per Fahrrad auf die Socken gemacht hat, um einen Gipfel zu erklimmen. Das ist ihm möglich, weil er mit seiner Familie ...

singen U2 und das empfindet auch Henning, der sich am ersten Morgen des neuen Jahres per Fahrrad auf die Socken gemacht hat, um einen Gipfel zu erklimmen. Das ist ihm möglich, weil er mit seiner Familie - Frau Theresa und zwei kleinen Kindern - die Feiertage auf Lanzarote verbringt, verbringen darf, muss man ja eigentlich sagen. Denn so etwas ist definitiv ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann, auch wenn die Familie den Urlaub eher bescheiden angeht.

Aber warum geht es Henning schlecht? Eigentlich läuft doch alles gut, seine Frau und er leben gleichberechtigt zusammen und nicht nur nebeinander her, und beruflich läuft es auch nicht so schlecht. Aber woher kommen diese Angst- und Panikattacken, unter denen er gerade in den letzten Jahren, seit er selbst Vater ist, leidet. Irgendwie ist ihm alles zuviel - das kann doch eigentlich gar nicht, so alt und "verbraucht" ist er doch noch gar nicht?

Dieser Tag, dieser einsame Ausflug am Neujahrsmorgen wird eine Auflösung bringen, zumindest die Ursache für diese Beklemmung aufdecken. Sie hat mit seiner eigenen Kindheit zu tun und er wird an einen Ort zurückkehren, der bei ihm damals etwas ausgelöst hat.

Weit hergeholt? Ja und nein. Dass es Zufälle gibt, steht außer Frage und dass unser Unterbewusstsein uns an Orte zurückführt, an denen wir schon mal waren und Schlüsselerlebnisse hatten, ohne uns daran zu erinnern, sowieso.

Schlimmes verdrängen - ein wichtiges Thema. Die Umsetzung der Autorin dazu hat mich nicht so fasziniert wie "Unterleuten" oder "Leere Herzen", doch Juli Zeh ist schon aufgrund ihrer Eloquenz und ihrer Auseinandersetzung mit immer neuen Themen stets lesenswert. Auf gewisse Art wirkt sie als Wegweisende - mich zumindest hat sie schon des öfteren auf neue Gedanken und wichtige Aspekte aufmerksam machen können!

Ein eher kleiner Roman der so abwechslungsreichen Autorin, der mich sensibilisiert hat für den Blick in die eigene Vergangenheit. Und der zeigt, dass man selbst sich das größte Rätsel sein kann!

Veröffentlicht am 14.07.2018

Rosie, oh Rosie

Der Rosie-Effekt
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ich hoffe, Dein Papa sagt ja! sang Thomas Fritsch in den 1960ern in der Schweiz und ich - noch im tiefsten Kindergartenalter - tanzte hingebungsvoll um den Wohnzimmertisch.

Jetzt reagiere ich ähnlich ...

ich hoffe, Dein Papa sagt ja! sang Thomas Fritsch in den 1960ern in der Schweiz und ich - noch im tiefsten Kindergartenalter - tanzte hingebungsvoll um den Wohnzimmertisch.

Jetzt reagiere ich ähnlich hingebungsvoll auf meine aktuelle Lektüre: Wir befinden uns im New York der Gegenwart und die Rosie, die Don Tillman begehrt hat, hat schon längst "Ja" gesagt - sie leben immerhin in einer Zeit - nämlich der heutigen, in der die Dame das selbst tut (Siehe "Das Rosie-Projekt").

Nein, wir sind eine ganze Stufe weiter: Don ist mit seiner Rosie über den großen Teich gezogen - von Melbourne nach New York - sie promoviert, er arbeitet an der Uni. Alles könnte so friedlich sein, da kündigt sich schon das nächste gemeinsame Projekt an, das in neun Monaten abgeschlossen sein wird - mit oder ohne weiteres Dazutun von Don. Doch Don wäre nicht Don, würde er sich der Materie des Vaterwerdens nicht auf seine ganz besondere, ungemein gründliche Art nähern und seine Umwelt - und insbesondere natürlich Rosie - immer wieder in Bedrängnis, aber auch in Schwung bringen. Seine noch so junge Ehe gerät in Gefahr - ist sie noch zu kitten?

Der originellste Unterhaltungsroman, den ich seit langem gelesen habe, hat eine Fortsetzung: und diese steht Teil 1 in nichts nach! Der Autor Graeme Simsion versteht es derart wortgewandt, warmherzig und humorvoll aus der Sicht seines Helden, des autistischen Wissenschaftlers Don Tillman zu erzählen, das man nicht genug davon bekommen kann. So viele originelle Ideen und liebenswerte Charaktere hat man selten in einem einzigen Buch versammelt. Auch ein Don Tillman hat nämlich Freunde - und was für welche! Da gibt es den Weiberhelden Gene, seinen Kollegen und Rosies Doktorvater, das New Yorker Pärchen Dean und Sonia ... und einen neuen Freund: Dons Vermieter George, seines Zeichens Schlagzeuger bei den "Dead Kings" und das seit über 40 Jahren - er bringt auf seine very britishe Art frischen Wind in die Handlung.

Wer was ganz Neues lesen, wer lachen, weinen, fassungslos den Kopf schütteln und das Buch erst aus der Hand legen will, wenn wirklich die allerletzte Zeile gelesen wurde - der sollte dieses wunderbare Buch lesen. Ein Gute-Laune-Buch der besonderen Art zum Verschenken, aber vor allem zum Selberlesen!

Veröffentlicht am 13.07.2018

Wunden aus der Vergangenheit

Sommernachtstod
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Der vorliegende Fall ist überaus schmerzhaft - und zwar für ein gesamtes Dorf! Psychologin Vera hat ein einem sehr persönlichen Ereignis aus der Vergangenheit zu knabbern: Sie war noch ein Kind, ...

Der vorliegende Fall ist überaus schmerzhaft - und zwar für ein gesamtes Dorf! Psychologin Vera hat ein einem sehr persönlichen Ereignis aus der Vergangenheit zu knabbern: Sie war noch ein Kind, als ihr kleiner Bruder Billy - damals erst vier - verschwand und nie wieder auftauchte.

Weder sie noch ihr älterer Bruder haben dieses Erlebnis je verwunden, zumal sich ihre Mutter - vormals eine umschwärmte Schönheit - bald nach dem traurigen Ereignis das Leben nahm. Doch sie verarbeiten es unterschiedlich: während Vera allein geblieben ist und das heimatliche Dorf meidet, ist Mattias, der Polizist geworden ist, inzwischen mit seiner Jugendliebe verheiratet und besucht seinen Vater, der noch immer im ehemaligen Elternhaus lebt, regelmäßig.

Vera leitet eine Trauergruppe, in der der junge Isak auftaucht, der einen Fall erläutert, der sein Leben geprägt hat: in seiner frühen Kindheit ist sein bester Freund verschwunden. Vera ist sich sicher, dass er Billy betrauert. Billy, dessen Leiche nie gefunden wurde. Es könnte passen, denn Billy wäre jetzt im entsprechenden Alter. Und Isak erinnert Vera sehr an Billy...

Nach langen Jahren kehrt sie zurück ins Dorf, bereit, in die Vergangenheit einzutauchen. Und ihren alten Dämonen zu begegnen.

Ein Krimi, zu dem man nur greifen sollte, wenn man bereit ist, sich tiefer Trauer und großen Verlusten zu stellen. Ein Fall, in dem es durchaus auch spannend zugeht, der aber auf der anderen Seite nicht gerade wenige Längen aufweist.

Was mich fasziniert hat, war ein ungewöhnlicher Ansatz: dieser skandinavische Krimi lässt sich aus meiner Sicht mit keinem anderen bisher dagewesenen vergleichen und hat mich in mancher Beziehung - nicht zuletzt auch bei der Auflösung - durchaus überrascht. Probieren Sie selbst, ob Sie mit dem Autor Anders de la Motte, der früher übrigens selbst Polizist war, etwas anfangen können!

Veröffentlicht am 11.07.2018

Freud und Dora

Ida
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Dass Freud in frühen Jahren eine Patientin namens Dora hatte, einen "Fall" also, man könnte auch sagen DEN "Fall", das wissen selbst Menschen, die sich wenig bis kaum mit diesem Wegbereiter der ...

Dass Freud in frühen Jahren eine Patientin namens Dora hatte, einen "Fall" also, man könnte auch sagen DEN "Fall", das wissen selbst Menschen, die sich wenig bis kaum mit diesem Wegbereiter der Psychoanalyse beschäftigt haben. Denn er schrieb die Erkenntnisse, die er während ihrer Behandlung machte, nieder und sie waren quasi ein Meilenstein in seiner großen Karriere.

Doch wer genau ist diese Dora? Sie hieß in Wirklichkeit Ida, Ida Bauer, später und stammte zwar nicht aus besten, durchaus aber aus gehobenen Wiener Kreisen. Mit diesem Roman setzt ihr Urenkelin Katharina Adler ein Denkmal. Hier geht es um die Person Ida Bauer, spätere Adler, wie sie wurde, wer sie war und was sie prägte.

Ida ist ein vielschichtiger Charakter, der in jüngeren Jahren oft schüchtern, ja verängstigt rüberkommt. Doch ihr Wille, ihren besonderen Neigungen und Vorlieben nachzugehen, ist bereits da unverkennbar zu spüren. Vor allem erlebte sie gewissermaßen (Macht)Mißbrauch durch das männliche Geschlecht, das hat sich ihr nachhaltig eingeprägt.

Mi zunehmendem Alter entwickelte sich Ida zu einer nicht einfachen, durchaus auch als kapriziös zu bezeichnenden Frau, die den Männern um sie herum - vor allem ihrem Sohn Kurt - das Leben nicht gerade einfach machte und mit ihrer Meinung nicht vor dem Berg hielt. Egal, ob diese gefragt war oder nicht.

Ida hatte es nicht einfach, weder in ihrer Familie, noch in ihrer Ehe noch im Dazwischen, bspw. als Patientin Freuds . Daneben war sie glühende Sozialdemokratin zu einer Zeit, in der es zunächst Chancen gab, dann aber eine solche Gesinnung mehr und mehr zu einem gefährlichen Gepäck wurde - ebenso wie ihre jüdische Herkunft. Ida jedoch dachte nicht daran zu schweigen und so führte sie ihre Überzeugung bis in die Vereinigten Staaten.

Eine besondere und ungewöhnliche, manchmal auch mutige Frau, deren Urenkelin ihr hier mehr als siebzig Jahre nach ihrem Tod eine Stimme gibt. Eine Stimme, die es sich anzuhören lohnt, wie ich finde. Der Roman ist aufgrund der Sprünge in der zeitlichen Entwicklung, aber auch durch die Einführung zahlreicher, man könnte fast sagen zahlloser Personen nicht leicht zu erobern bzw. zu erlesen, doch es lohnt sich, auch wenn die Protagonistin nicht gerade eine Sympathieträgerin ist.

Und: Ida ist nicht Dora bzw. ist dies nur ein Abschnitt ihres Lebens und sie ist auch ohne Freud eine interessante Frau ihrer Zeit, die ich gerne kennengelernt habe. Ein Roman, der mit Empathie geschrieben wurde, auch wenn die stellenweise schlichte Sprache der Autorin nicht immer ganz so eindringlich wirkt, wie (wahrscheinlich) beabsichtigt.

Meine Erinnerung an Ida Bauer-Adler, aka Dora, wird eine bleibende sein, auch wenn ihre Lebensdarstellung in Romanform nicht ganz meinen Erwartungen standhält!