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Veröffentlicht am 18.04.2018

(K)Eine Liebesgeschichte, die Emotionen weckt

Nach dem Winter
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Und zwar Emotionen der unterschiedlichsten Art. So erging es zumindest mir bei der Lektüre von "Nach dem Winter", dem ersten Roman der mexikanischen Autorin Guadeloupe Nettel.

Es ist nicht eine Liebesgeschichte, ...

Und zwar Emotionen der unterschiedlichsten Art. So erging es zumindest mir bei der Lektüre von "Nach dem Winter", dem ersten Roman der mexikanischen Autorin Guadeloupe Nettel.

Es ist nicht eine Liebesgeschichte, die sie beschreibt, sondern mehrere. Im Erzählverlauf tauchen zwei Protagonisten auf, aus deren Perspektive jeweils berichtet wird: Cecilia, eine in Paris lebende und studierende Mexikanerin und Claudio, ein Kubaner, der seit mehreren Jahren in New York ansässig ist und dort arbeitet. Während Cecilia eine ruhige, zurückhaltende, durchaus selbstkritische Person ist, die äußerst reflektiert, aber nicht ohne Emotionen auf die Welt blickt, ist Claudio sehr auf sich selbst fixiert, was im Prinzip alle Handlungen, in die er involviert ist, auf die ein oder andere Weise bestimmt. Somit sind es nicht nur ihre Lieben, sondern vielmehr ihre Leben, in die dem Leser im Handlungsverlauf ein ausführlicher Einblick gestattet wird.

Claudio und Cecilia treffen aufeinander, doch das ist nur ein Ereignis in einer Reihe verschiedener Geschehnisse und Aktivitiäten. Es entsteht eine kurze, aber intensive Liebesgeschichte, die ganz klar von Claudio initiiert und auch maßgeblich moderiert wird, wenn man dieses für eine solche Beziehung äußerst untypische Wort zulässt. Mir erscheint es an dieser Stelle außerordentlich passend.

Die Handlung wird in großem Maße getragen durch die aus meiner Sicht gewaltige Erzählkraft der Autorin, die eine Meisterin in der Wiedergabe und im Wechsel sowohl von Stimmungen als auch von Perspektiven ist. Ein Roman, der mich sehr berührt hat - allerdings nicht durchgehend, sondern ganz klar an bestimmten Stellen, an denen die Autorin besonders eindringlich "zuschlug". Guadelupe Nettel - ein Name, den man sich merken sollte, wenn man sich ungewöhnlich erzählte Lebensgeschichten und eine ungeheure, für mich nicht dagewesene Kraft der Worte einlassen will.

Im Übrigen auch virtuos übersetzt von Carola Fischer. Das erlaube ich mir jetzt einfach mal so zu beurteilen, auch wenn ich kein Spanisch spreche. Denn wie sonst hätte diese von mir auf Deutsch gelesene Geschichte eine so gewaltige Wirkung auf mich hinterlassen können?

Veröffentlicht am 18.04.2018

Fiese Morde - Fiese Typen

Tödliche Fortsetzung
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und das merkwürdigerweise nicht nur unter den "Bösen"! Nein, in Marc-Oliver Bischoffs Frankfurt-Krimi "Tödliche Fortsetzung" kommt ausser dem integrativen, väterlichen Abteilungsleiter bei der Polizei ...

und das merkwürdigerweise nicht nur unter den "Bösen"! Nein, in Marc-Oliver Bischoffs Frankfurt-Krimi "Tödliche Fortsetzung" kommt ausser dem integrativen, väterlichen Abteilungsleiter bei der Polizei Hartmann sowie dem lieblichen kleinen Mädchen Luzie so gut wie jeder erstmal als ziemlicher Unsympath rüber. Nun, auch das Thema ist kein schönes: es geht um Morde im Prostituiertenmilieu, die gleichwohl nahtlos an eine Jahre zurückliegende Serie anschließen. Diese wurde vom Schriftsteller Kanther in seinem sensationellen, vielgepriesenen Debutroman "Drachentöter" akribisch beschrieben, doch die Morde konnte man ihm nie nachweisen. So iist er bei den neuen Morden wiederum der Hauptverdächtige, schreibt er doch offenbar die Fortsetzung zu seinem Erfolgsroman. Doch alles ist ein wenig anders - hier ermittelt Hartmanns Frankfurter Team, allen voran die Polizeipsychologin Nora, auf der ein schweres Schicksal lastet und der aus der Innenrevision hinzugezogene Gideon Richter, zwischen denen bald ein Konkurrenzkampf tobt - falllen diesem die sachorientierten Ermittlungen zum Opfer?

Alles in allem ein Krimi über ein interessantes, doch nicht allzu originelles Thema, in dem einiige ausserordentlich gute Ideen angerissen, doch oft nicht abgerundet werden, so auch die Charaktere der Figuren. Ein solider Krimi mit leider viel zu wenigen Alleinstellungsmerkmalen - ich jedenfalls habe wenige Tage nach dem Lesen vieles schon wieder vergessen. Aber die Grundlagen sind da - mit ein bisschen Pfiff ließen sich einige Figuren - vor allem das Kripoteam - zu veritablen und charismatischen Serienfiguren ausbauen, zu denen der Leser immer wieder gern zurückkehrt. Wobei - neue Krimis, die im Frankfurter Raum spielen, haben mit großen Vorbildern wie der wunderbaren Nele Neuhaus und dem nicht minder eindrucksvollen Jan Seghers zu tun - es sind nicht gerade kleine Fußstapfen, in die sie treten. So auch "Tödliche Fortsetzung": ein eher unauffälliger Krimi mit ganz viel Potential nach oben!

Veröffentlicht am 18.04.2018

Nicht das holländische Bier

Auf Heineken könn wir uns eineken
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sondern.ein Prachtkerl aus dem Land der Kaasköppe war es, der Kerstin Schweighöfer vor Jahr und Tag den Kopf so sehr verdrehte, dass sie ihre Siebensachen packte und von München nach Leiden zog. Ob Nomen ...

sondern.ein Prachtkerl aus dem Land der Kaasköppe war es, der Kerstin Schweighöfer vor Jahr und Tag den Kopf so sehr verdrehte, dass sie ihre Siebensachen packte und von München nach Leiden zog. Ob Nomen in diesem Fall Omen ist, erfährt der an Holland und seinen Eigenarten interessierte Leser, wenn er sich dieses Buch zu Gemüte führt. Doch soviel sei bereits vorweggenommen, Frau Schweighöfer muss in ihrer Wahlheimat nicht (nur) leiden, sondern macht dort überaus vielschichtige Erfahrungen, die sie auf höchst unterhaltsame, humorvolle und lehrreiche Art und Weise präsentiert. Man kann sich also aus vollem Herzen auf und mit Heineken - das hier quasi als pars pro toto für alles Niederländische steht - ein(d)ecken: wer sich darauf einlässt, der wird unsere westlichen Nachbarn besser und von den verschiedensten Seiten kennenlernen!

Ich habe schon viele Bücher zum Thema Aufeinanderprallen von Kulturen gelesen und bin bspw. ein Riesenfan der Marcipane-Bücher von Jan Weiler. Doch es gibt auch viel Schlechtes in dieser Sparte: ich rate jedem, alle bisherigen Erfahrungen außer acht zu lassen und beherzt zu diesem Buch zu greifen, denn Kerstin Schweighöfers Ausführungen lassen sich nicht mit etwas bisher dagewesenen vergleichen - sie sind kein müder Abklatsch, sondern im Gegenteil höchst spritzig und individuell. Fast spielerisch erhält der Leser Einblick in politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Niederlanden seit 1990, doch auch in weiter zurückliegende historische Zusammenhänge vor allem in bezug auf das deutsch-niederländische Verhältnis - die Autorin hat nicht nur ein lustiges, sondern zudem ein höchst kluges Buch geschrieben.

Ich würde mich jedenfalls freuen, bald eine Reihe von Heineken- oder Schweighöfer-Büchern neben meine Marcipane-Bände stellen zu können. Aber zunächst genieße ich das, was ich habe: ein vielschichtiges Buch über ein Nachbarland, das ich gewiss immer mal wieder zur Hand nehmen werde, um nochmal nachzulesen, was genau die Rolle der Niederlande in Srebrenica war oder wie unsere Nachbarn uns sehen - denn auch dunkle Kapitel spart die Autorin nicht aus - oder auch, um einfach noch einmal zu rekapitulieren, wie man in Holland Geburtstag feiert und wie denn eigentlich Matjes fachgerecht "vernascht" werden.

Veröffentlicht am 18.04.2018

Aussiedeln mit Kinderaugen

Sitzen vier Polen im Auto
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Aussiedeln mit Kinderaugen

Polen, vor allem Oberschlesien, Ende der 1980er Jahre, also nach Tschernobyl ist trist und grau - im Wunderland BRD gibt es Süßigkeiten, Farben ... und vor allem Quelle-Kataloge! ...

Aussiedeln mit Kinderaugen

Polen, vor allem Oberschlesien, Ende der 1980er Jahre, also nach Tschernobyl ist trist und grau - im Wunderland BRD gibt es Süßigkeiten, Farben ... und vor allem Quelle-Kataloge! Das ist zumindest der Eindruck der achtjährigen Ola, der sich nur allzu deutlich beim ersten Heimatbesuch des bereits ausgesiedelten Onkels Marek bestätigt, der nicht nur massenweise Weihnachtsgeschenke, sondern auch Südfrüchte der köstlichsten Art mit sich führt. Da kann das triste, graue Polen nicht mehr mithalten, finden auch Olas Eltern und wandeln einen Besuch im Westen kurzenhand in einen dauerhaften Aufenthalt um.

Ein Weg voller Dornen, der jedoch aus der Sicht von Ola mit so viel Humor beschrieben wird, dass dem Leser auf mindestens jeder zweiten Seite Lachtränen in den Augen stehen. Es gibt massenweise schräge Charaktere, allen voran Olas Oma, eine Lebenskünstlerin, die Wert auf ihr Äußeres legt und in jeder Situation ihre Interessen zu wahren weiß. Doch auch Leidensgefährten wie die ebenfalls ausgesiedelte Familie Ogórek tragen zur Heiterkeit bei, wenn auch nur aus Sicht des Lesers - Ola und ihrer Familie machen sie das Leben häufig eher schwer.

Überhaupt legt die 1981 geborene Autorin ihr Hauptaugenmerk auf soziale Mißstände - nicht jedoch anklagend oder gar mit erhobenem Zeigefinger. Nein, eher beiläufig und aus Olas subjektiver Sicht wird das beileibe nicht einfache Leben der polnischen Aussiedler in Deutschland dargestellt, die oft ablehnende Haltung der Deutschen und vor allem auch der bereits länger hier lebenden Polen aufgezeigt. Von Zeit zu Zeit treibt die gelungene Darstellung der Gegebenheiten - natürlich ebenfalls aus kindlicher Perspektive - dem Leser Tränen der Betroffenheit in die Augen.

Doch das allergrößte Plus: Alexandra Tobor kann über sich selbst lachen - sowohl im kleinen als auch im großen, also das gesamte polnische Volk umfassend. Sätze wie "Eine Polin ließ sich nicht einmal von wurmdicken Krampfadern davon abhalten, in der Öffentlichkeit Bein zu zeigen." (S. 77) zeigen uns die Nachbarn im Osten von einer neuen Seite. Ein absolutes Lesevergnügen und ein Kleinod der Gesellschaftskritik, das quasi beiläufig zur Völkerverständigung beitragen kann. Ich lege dieses im allerbesten Sinne emotionale Buch jedem ans Herz, der Ausländer und fremd ist irgendwo auf der Welt - also eigentlich ausnahmslos allen!

Veröffentlicht am 18.04.2018

Hefeträume

Lust auf Hefe
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Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert ...

Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert sein. Deswegen (und natürlich auch des leckeren Geschmacks wegen) schwöre ich auf Hefe. Stimmt nicht? Hefe geht (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht schnell? Doch, was die reine Zubereitungszeit betrifft, schon. Und auf jeden Fall ist es unkompliziert. Denn wenn man bestimmt Faktoren (ein bisschen Wärme zum Beispiel, gut vermischen bzw. verkneten) berücksichtigt, ist das wirklich kein Zauberwerk.

So habe ich mich sehr gefreut über dieses Buch mit Heferezepten. Es ist voll mit interessanten Vorschlägen und diversen Variationen - hier wird gezeigt, was man mit Hefe alles machen kann. Natürlich auch Aufwändiges und (ein bisschen) Kompliziertes. Aber das dürfen dann die machen, die die Zeit und vor allem die Geduld dazu haben. Es gibt Rezepte für große Hefestücke wie bspw. Zöpfe, für Plundergebäck, Fettgebackenes, Regionales und mehr. Also jede Menge Abwechslung. Aber: keine Brote. Mich stört das jetzt nicht so, aber insgesamt - so finde ich - sollte dieser Prototyp des Hefegebäcks in einem so umfassenden Buch dann doch zumindest auftauchen.

Und: fast alles wird mit Weizenmehl gebacken (als einzige andere Möglichkeit gibt es ein paar Rezepte mit Dinkelmehl), es gibt dazu und auch zu anderen Abwandlungsmöglichkeiten wenig Variationsvorschläge. Was ich gut finde, sind die Tipps, die gelegentlich auftauchen, wenn sie auch recht spärlich gesät sind. Weitere Infos gibt es wenig, was ich schade finde bei solch unikalen Vorschlägen wie dem Siegerländer Reibekuchen (das ist ein Brot in Kastenform). Ein paar Worte zu der Tradition und dazu, wie man es ißt (mit Butter? Warm? Abgekühlt? Mit süßem Belag? Oder ganz ohne?) wären hilfreich gewesen.

Aber insgesamt sind es gut erläuterte, lecker fotografierte Rezepte, die sich in diesem Buch finden. Ich denke, ich werde oft darauf zurückgreifen!