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Veröffentlicht am 11.04.2018

Karl - ein Mann mit Stil

Der Lügenpresser
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Nämlich mit seinem ureigenen und den kann man finden, wie man will, man wird ihn nicht mehr ändern. Der 62jährige Wiener Journalist hat sich eingerichtet in seinem Leben und in seiner Denkweise und wir ...

Nämlich mit seinem ureigenen und den kann man finden, wie man will, man wird ihn nicht mehr ändern. Der 62jährige Wiener Journalist hat sich eingerichtet in seinem Leben und in seiner Denkweise und wir als Leser dürfen ihn fünf Tage lang begleiten. Es sind fünf besondere Tage im Leben des Karl Schmied, eines Boulevardjournalisten vom alten Schlag, dessen Sermon manchmal der eines frustrierten und aufgeblasenen Hampels zu sein scheint, der meint, alles schon gesehen und erlebt zu haben, an anderer Stelle wirkt er erstaunlich klar und hellsichtig.

Mit anderen Worten - Karl, nicht gerade der sympathischste Zeitgenosse, schafft es, uns - wenn wir ehrlich sind - einen Spiegel vorzuhalten, denn, geben wir es zu: auch wir selbst wählen oft genug den bequemsten aller Wege, die meisten von uns jedenfalls und nicht jeder von uns gibt es offen zu. Und ganz im Vertrauen kommt uns auch der ein oder andere kompromittierende Satz über die Lippen, wie es auch bei Karl der Fall ist.

Auch, wenn er definitiv nicht der Typ ist, der sein Fähnlein nach jedem Wind hängt. Aber manchmal eben schon. Ich muss sagen, manchmal habe ich mich so fremdgeschämt, dass ich gar nicht weiterlesen wollte, bis ich dann herausfand: es war gar kein Fremdschämen, ich fühlte mich eigentlich an die eigene Nase gepackt, ohne es zugeben zu wollen.

Kurz und heftig - so liest sich der Roman von Livia Klingl und heftig wirkt er auch. Aber nicht unbedingt kurz, denn ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ich das alles schnell wieder vergesse. Auch wenn ich es manchmal, wenn ich mich so ganz besonders unbehaglich fühle in der eigenen Haut, gerne würde!

Veröffentlicht am 10.04.2018

Eine Randgruppe in zweierlei Hinsicht

Roter Herbst in Chortitza
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Eine von vielen, von sehr vielen. Hat doch die Sowjetunion vor Randgruppen nur so gestrotzt. Bzw. war sie bunt zusammengewürfelt aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, wobei die letzteren ...

Eine von vielen, von sehr vielen. Hat doch die Sowjetunion vor Randgruppen nur so gestrotzt. Bzw. war sie bunt zusammengewürfelt aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, wobei die letzteren aufgrund der politischen Einstellung der Regierung einen besonders schweren Stand hatten. So auch die aus Deutschland stammenden Mennoniten, angesiedelt in der Ukraine, um die es in diesem Buch geht und zwar eine Gruppe von vor Jahrhunderten eingewanderten Mennoniten. Folglich gehörten sie gleich zu zwei Minderheiten - zu einer nationalen und einer religiösen, was sie über die Jahrzehnte hinweg wieder und wieder zu spüren bekamen.

Ihr Schicksal wird in diesem Roman durch Autor Tim Tichatzki quasi über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg - und ein wenig darüber hinaus - verfolgt und es als ein schweres Los zu umschreiben, wäre eine riesige Untertreibung. Nein, in diesem vergangenen Jahrhundert wurden diese armen Menschen quasi zum Spielball aller Mächte, die durch diesen Landstrich hindurchfegten - und zwar jedes Mal ohne Rücksicht auf Einzelschicksale.

Eindringlich beschreibt Tom Tichatzky das Schicksal des zunächst jungen Willy, dessen Figur und Leben er an das eines Verwandten gekoppelt sind, aber auch dasjenige von Maxim, einem Gefährten Willys aus Jugendtagen, der eine ganz andere Richtung einschlägt und damit quasi zum Inbegriff des Sowjetmenschen wird.

Über Jahrzehnte hinweg wird das überaus leidvolle Leben von Willys Familie als Spielball der Mächte im Europa des 20. Jahrhunderts geschildert. Parallel dazu folgen wir Maxim, der zum Werkzeug und später zum Opfer des Stalinismus wird.

Angesichts meiner Nähe zum Sujet - meine Eltern stammen aus dem Baltikum - habe ich die Lektüre nicht "einfach so", das heißt unbefangen, angehen können. Nein, es schwangen eine ganze Menge von Erwartungen und auch Befürchtungen mit, von denen - sagen wir es offen - die meisten erfüllt wurden. Ein düsteres Buch ist dies, das die Gräuel der Sowjetunion und in Teilen auch des Nationalsozialismus eindringlich schildert. Und das ist auch mein einziger kleiner Kritikpunkt an diesem überaus wichtigen Buch, dem ich viele Auflagen, zahlreiche Leser und hoffentlich auch Übersetzungen in vor allem osteuropäische Sprachen wünsche. Bei einem in einem christlichen Verlag erschienenen Buch hätte ich mir bisschen mehr Hoffnung hätte gewünscht, diese blitzte wirklich nur in Ansätzen auf, ich konnte teilweise gar nicht weiterlesen, da ich immer wieder das Schlimmste erwartete. Und zuverlässig traf es Mal für Mal auch wieder ein. Immer wieder hatte ich beim Lesen geradezu körperliche Schmerzen.

Also nichts für Zartbesaitete. Ansonsten lege ich das Buch aber jedem Leser, der ein nicht alltägliches Buch über die Gräuel des Zwanzigsten Jahrhunderts lesen will, ausdrücklich ans Herz.

Veröffentlicht am 09.04.2018

Im Vordergrund der Mensch

Wir sind dann wohl die Angehörigen
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Johann Scheerer, der Sohn von Jan Phillip Reemtsma meldet sich zu Wort. Nach über 20 Jahren spricht er über die Entführung seines Vaters. Es geht nicht um die Ereignisse an sich, nein, es geht um die Menschen ...

Johann Scheerer, der Sohn von Jan Phillip Reemtsma meldet sich zu Wort. Nach über 20 Jahren spricht er über die Entführung seines Vaters. Es geht nicht um die Ereignisse an sich, nein, es geht um die Menschen um Reemtsma, seine Frau, seinen Sohn, seine engsten Vertrauten. Wie haben sie die schwere Zeit empfunden, wie ist es ihnen so ergangen.

Johann Scheerer war damals ein Jugendlicher, dreizehn Jahre alt, ein Teenager im wahrsten Sinne des Wortes. Und er kann sich noch gut an seine damaligen Empfindungen erinnern - und konfrontiert den Leser - und auch sich selbst, möchte man meinen - schonungslos damit. Er hatte es nicht einfach - einerseits wurde er geschont, andererseits gerade dadurch auch wieder besonders hart drangenommen - so verbrachte er bspw. einen Teil der ersten zwei Wochen weit weg vom heimatlichen Hamburg in Augsburg bei Verwandten seiner Mutter. Dort war er im wahrsten Sinne des Wortes fernab vom Schuss - weg von der Schusslinie potentieller Verbündeter oder auch Nachahmer, aber auch fernab von den täglichen Gesprächen seiner Mutter mit ihren Vertrauten. Und mit der Polizei, die gegen den Willen der Entführer von Beginn an - nicht aber bis zum Schluss - involviert war.

Es war eine Entführung abseits der Öffentlichkeit: es gelang, die Presse weitestgehend herauszuhalten, was aber auch eine Zurückhaltung aller Beteiligten - auch des jungen Johann erforderte. Seine Perspektive des Erlebten schildert er eindringlich, offen und ehrlich. Er versucht nicht, heldenhaft oder zumindest gelassen dazustehen, nein, er öffnet sein Herz und sein Hirn dem Leser.

Eine harte Zeit waren die 33 Tage der Entführung - umso tapferer ist es, dass Johann Scheerer sich dieser Zeit noch einmal stellt und die Öffentlichkeit hineinlässt in seine damalige Welt und die seiner Familie. Ein sehr persönliches, einfühlsam und gekonnt geschriebenes Buch und eine lohnenswerte Lektüre nicht nur für Leser, die sich für die Reemtsma-Entführung interessieren, sondern auch für solche, denen das Miteinander von Familien am Herzen liegt.

Veröffentlicht am 09.04.2018

Sylt mal anders

Brennende Gischt
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In diesem Krimi zeigt sich Sylt nicht nur als Insel der Reichen und Schönen, sondern auch als ein ursprüngliches Stück Land inmitten der Nordsee mit ebenso ursprünglichen (Ur)Einwohnern. Von ihnen stammt ...

In diesem Krimi zeigt sich Sylt nicht nur als Insel der Reichen und Schönen, sondern auch als ein ursprüngliches Stück Land inmitten der Nordsee mit ebenso ursprünglichen (Ur)Einwohnern. Von ihnen stammt Liv Landers, die junge Kommissarin ab: noch keine 30 Jahre ist sie alt und doch schon Mutter einer pubertierenden Tochter. Dennoch: gleichzeitig auch eine gestandene Ermittlerin, die mit ihrer Verwandtschaft auf der Insel hadert, ist diese doch dabei, ihre Seele zu verkaufen und sich zu einem Teil des Jet Sets zu machen. Mehr oder weniger um jeden Preis.

Deswegen lebt sie auch nicht mehr auf der Insel und hält sich und ihre Tochter Sanne so gut wie möglich davon fern. Doch das ist nicht immer möglich, wird sie doch wieder einmal zu einem Fall gerufen: diesmal ist es ein junger und attraktiver Pfarrer, den es getroffen hat. Doch es bleibt nicht dabei - es gibt mehr Leichen und es scheint sich eine düstere Haube über die ganzen Ermittlungen zu legen, denn es könnte um etwas ganz, ganz Schlimmes gehen. Kann es wirklich sein, dass der oder die Mörder in diesem Fall die Grenzen des Menschlichen weit hinter sich gelassen haben?

Ein Krimi, in dem das Privatleben der Ermittlerin Liv Landers stark im Vordergrund steht. Ich finde, es passt gut zu dem Setting und dadurch intensiviert sich auch ein anderer Eindruck von Sylt: nämlich das Bild als Nicht-Nur-Touristen-Insel.

Insgesamt ein runder Fall, am Ende fehlte mir ein kleines bisschen die Spannung - ich fand die ganzen Entwicklungen dann doch recht absehbar.

Aber definitiv eine Reihe, bei der ich am Ball bleibe, bei der sich die Protagonistin von der Masse absetzt dank verschiedener Alleinstellungsmerkmale. Auf den nächsten Fall freue ich mich schon jetzt!

Veröffentlicht am 09.04.2018

Kein Trauerkloß

DUMPLIN'
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ist Willowdean, von ihrer Mutter liebevoll Dumplin' (Klößchen) genannt trotz ihres Übergewichts. Nein, sie ist eigentlich in ein angenehmes Umfeld eingebettet, wird von ihrer Mutter und der großen, schlanken ...

ist Willowdean, von ihrer Mutter liebevoll Dumplin' (Klößchen) genannt trotz ihres Übergewichts. Nein, sie ist eigentlich in ein angenehmes Umfeld eingebettet, wird von ihrer Mutter und der großen, schlanken und schönen Ellen, seit Jahr und Tag ihre beste Freundin, über alle Maßen geschätzt.

Und diejenigen, die ihr eines auswischen wollen, haben keine Chance. Doch ist Will wirklich so selbstbewusst, wie es scheint? Einmal im Jahr kommen ihr zweifel, denn dann lässt ihre Mutter alles stehen und liegen, um den lokalen Schönheitswettbewerb, den sie selbst einst gewann, zu organisieren - diesmal rekrutieren sich die Teilnehmerinnen aus Wills Jahrgang. Aber es ist keine Rede davon, dass Will teilnehmen könnte - weder ihre Mutter noch Ellen ziehen das überhaupt in Erwägung. Und dann will Will es wirklich wissen! Und zwar nicht nur um ihrer selbst Willen. Nein, es gibt eine Reihe weiterer Mädchen, die aus dem ein oder anderen Grund nicht zur Zielgruppe gehören - wenn es nach Will geht, soll sich das jetzt ändern!

Auch, wenn sie ihren stärksten Rückhalt verloren hat - ihre heißgeliebte Tante Lucy ist vor zehn Monaten gestorben. Möglicherweise an den Folgen ihres Übergewichts?

Wobei sie etliche Kilo mehr drauf hatte, als Will, die zudem neuerdings von Verehrern umgeben ist. Doch denen - und sich selbst - traut sie nicht so recht über den Weg. Oder doch?

Ein Roman für die Schönheit von innen, für Nähe, Wärme, Freundschaft und nicht zuletzt für Selbstakzeptanz. Ein Buch, dass man jedem verzweifelten Teenie zu lesen geben sollte und dem ein oder anderen Erwachsenen gleich mit. Nun ja, zumindest weiblichen Angehörigen dieser beiden Zielgruppen, denn es ist eindeutig ein Mädchen- oder Frauenbuch.

Manchmal, wenn es um Cheerleader, Schönheitswettbewerbe und Schulbälle ging, empfand ich es als zu amerikanisch für meine Welt, als zu weit entfernt von meiner Realität und von dem, was mir wichtig ist. Dennoch, ich hatte viel Spaß mit und an diesem sehr warmherzigen und lebensbejahenden Roman und kann ihn Mädchen und Frauen, die ein bisschen Schwung bzw. Beschwingtheit an sich selbst vermissen, nur von Herzen empfehlen.