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Veröffentlicht am 18.04.2018

Hefeträume

Lust auf Hefe
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Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert ...

Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert sein. Deswegen (und natürlich auch des leckeren Geschmacks wegen) schwöre ich auf Hefe. Stimmt nicht? Hefe geht (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht schnell? Doch, was die reine Zubereitungszeit betrifft, schon. Und auf jeden Fall ist es unkompliziert. Denn wenn man bestimmt Faktoren (ein bisschen Wärme zum Beispiel, gut vermischen bzw. verkneten) berücksichtigt, ist das wirklich kein Zauberwerk.

So habe ich mich sehr gefreut über dieses Buch mit Heferezepten. Es ist voll mit interessanten Vorschlägen und diversen Variationen - hier wird gezeigt, was man mit Hefe alles machen kann. Natürlich auch Aufwändiges und (ein bisschen) Kompliziertes. Aber das dürfen dann die machen, die die Zeit und vor allem die Geduld dazu haben. Es gibt Rezepte für große Hefestücke wie bspw. Zöpfe, für Plundergebäck, Fettgebackenes, Regionales und mehr. Also jede Menge Abwechslung. Aber: keine Brote. Mich stört das jetzt nicht so, aber insgesamt - so finde ich - sollte dieser Prototyp des Hefegebäcks in einem so umfassenden Buch dann doch zumindest auftauchen.

Und: fast alles wird mit Weizenmehl gebacken (als einzige andere Möglichkeit gibt es ein paar Rezepte mit Dinkelmehl), es gibt dazu und auch zu anderen Abwandlungsmöglichkeiten wenig Variationsvorschläge. Was ich gut finde, sind die Tipps, die gelegentlich auftauchen, wenn sie auch recht spärlich gesät sind. Weitere Infos gibt es wenig, was ich schade finde bei solch unikalen Vorschlägen wie dem Siegerländer Reibekuchen (das ist ein Brot in Kastenform). Ein paar Worte zu der Tradition und dazu, wie man es ißt (mit Butter? Warm? Abgekühlt? Mit süßem Belag? Oder ganz ohne?) wären hilfreich gewesen.

Aber insgesamt sind es gut erläuterte, lecker fotografierte Rezepte, die sich in diesem Buch finden. Ich denke, ich werde oft darauf zurückgreifen!

Veröffentlicht am 17.04.2018

Ein bunter Hund

Eiskalter Hund
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Das ist Lebensmittelkontrolleur Berti Fellinger aus dem Bayerischen Wald, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt. Er wollte nämlich eigentlich Polizist werden, hat aber nicht so recht hingehauen. ...

Das ist Lebensmittelkontrolleur Berti Fellinger aus dem Bayerischen Wald, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt. Er wollte nämlich eigentlich Polizist werden, hat aber nicht so recht hingehauen. Und so stürmt er halt die lokalen Imbisse und Gaststätten - dort hat er inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt - und versucht, sich dort auszutoben. Bis er eines Tages beim Chinesen auf einen weiteren Hund trifft, einen gehäuteten nämlich - dort für den Eigenverzehr gelagert. Aus Versehen überfahren und dann eingesack. Aber was ist mit dem Frauchen? Dem sieht es nämlich gar nicht ähnlich, dem verschwundenen Liebling nicht nachzuspüren. Dazu gäbe es nur einen Grund: sie kann nicht.

Da niemand den Fellinger ernst nimmt, muss er selbst recherchieren.Und das tut er, auch wenn ihn zunächst keiner ernst nimmt. Sogar auf internationaler Ebene. Denn wenn es nicht beim Hund bleibt, dann - nicht auszudenken!

Sosehr ich bayerische Krimis - Franz Eberhofer ist mein Gott - und den Autor Oliver Kern auch schätze, diesmal konnte er mich leider nicht vom Hocker reißen. In der Tat nimmt sich Berti Fellinger wie ein etwas farbloser Cousin vom Eberhofer Franz aus. Irgendwie nahm die Geschichte aus meiner Sicht nur langsam Fahrt auf und so richtig warm wurde ich auch mit dem Berti nicht. Vielleicht ja im nächsten Fall - hoffentlich!

Veröffentlicht am 16.04.2018

Portugal gegen Japan

Portugiesische Tränen
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Klingt wie ein Fußballspiel bei dem - wenn man nach der Überschrift geht - der Europameister Portugal ganz klar im Vorteil ist. Nicht nur aufgrund des Heimvorteils. Ob solch ein Vorteil in dieser Angelegenheit ...

Klingt wie ein Fußballspiel bei dem - wenn man nach der Überschrift geht - der Europameister Portugal ganz klar im Vorteil ist. Nicht nur aufgrund des Heimvorteils. Ob solch ein Vorteil in dieser Angelegenheit überhaupt nützlich ist?

Denn Hendrik Falkner - er ist sozusagen der deutsche Faktor in diesem "Länderspiel" stößt in seinem nunmehr dritten Lissabon-Fall erstaunlicherweise auf japanische Spuren. Wir erinnern uns: er war von seinem verstorbenen, ihm gänzlich unbekannten Onkel Martin zum Erben eines Hauses mit ein paar Zugaben, bspw. nicht gerade zahlungskräftigen Mietern, auserkoren worden, was sich immer mehr als vielschichtiges wie auch fragwürdiges Unterfangen herausstellte - auf den ehemaligen Polizisten Henrik kommt auch in diesem dritten Fall, in dem es neben der zentralen Frage um den Mörder von Onkel Martin auch noch um andere Tote geht, einiges an Recherchearbeit und Spurensuche zu und die ist wahrlich nichts für zarte Gemüter.

Trotzdem: Wie ein perfekter Urlaubstag wirkt dieser Krimi auf mich: Entspannend und belebend zugleich, dazu unterhaltsam auf höchstem Niveau! Das hat mit dem unglaublich atmosphärischen Stil des Autors Luis Sellano zu tun - Lissabon quillt dem Leser aus jedem Wort entgegen.

Und das, obwohl es an manchen Stellen ziemlich starker Tobak ist, den man hier zu lesen bekommt, aber ich wusste ja, auf was ich mich einlasse: Nämlich auf einen Krimi, und in denen gibt es bekanntlich mindestens eine Leiche!

Natürlich tauchen auch wieder diverse Figuren aus dem engeren und weiteren Umkreis seines Onkels auf, wovon einige durchaus bemerkenswert, andere wieder sehr nett, manche dagegen eher gewöhnungsbedürftig sind. Und den ein oder anderen, bzw. die eine hat Hendrik gar bereits lieben gelernt. Aber mehr verrate ich nicht!

Wieder hat der Leser die Gelegenheit, zusammen mit Henrik Lissabon zu durchstreifen, es peu á peu zu erobern. Und es geht mehr und mehr in verborgenere Ecken, nicht mehr sind es nur die größten Tourismusfallen, in die der Autor uns lockt - gemeinsam mit Hendrik, der sich mehr und mehr einlebt, lernen wir immer mehr von der Stadt kennen. Und dafür gibt es im Innenumschlag sogar eine Karte, auf der sich die zentralen Handlungsorte des Krimis geographisch festmachen lassen. Eine charmante Komponente in einem sehr lebendigen Krimi, der einmal mehr mit einem Cliffhanger endet, diesmal einem, den ich so gar nicht einordnen kann. Tröstlich dabei ist, das ich mir nicht vorstellen kann, dass der Autor uns darben lässt - nein, bestimmt bereitet er schon den viertenTeil vor, bei dem es weiter geht mit Henrik und seinem portugiesischen Erbe - und natürlich mit Abenteuern am laufenden Band! Für den Urlaubskoffer sehr zu empfehlen!

Veröffentlicht am 16.04.2018

Stavanger und Schlesien

Das Lied des Nordwinds
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also Norwegen und das deutsche Reich: das sind die beiden Ausgangspunkte des vorliegenden Romans. Was diese wohl verbinden mag? Wir schreiben das Jahr 1905, in dem sich im fernen Norwegen die junge Magd ...

also Norwegen und das deutsche Reich: das sind die beiden Ausgangspunkte des vorliegenden Romans. Was diese wohl verbinden mag? Wir schreiben das Jahr 1905, in dem sich im fernen Norwegen die junge Magd Liv aufmacht von Sandnes, dem heimatlichen Dorf aus in die Stadt Stavanger, um dort eine Stellung bei einer Lehrersfamilie anzunehmen. Das bedeutet eine große Verantwortung, denn durch diese Position wird sie ihre ganze Familie, die seit einem Arbeitsunfall des Vaters in bitterer Armut lebt, ernähren müssen. Nach ihren eigenen Vorstellungen fragt niemand. Doch trotz des strengen Regimes des Hausherrn Oddvar Treske und des recht passiven Verhaltens seiner Frau findet Liv bald Gefallen an der neuen Stellung. Zu dem Umstand, dass sie sich nun Tag für Tag satt essen kann, kommen eine angenehme Zusammenarbeit mit der Köchin und nicht zuletzt der Kontakt mit Elias, dem Sohn des Hauses, der nicht gerade einen leichten Stand hat.

Auf der anderen Seite steht Karoline, die zur gleichen Zeit in Schlesien ein trostloses Leben führt: ihr mangelt es zwar nicht an Speis und Trank, doch erkennt sie kurz nach der Hochzeit, dass ihr attraktiver Gatte sie nur aus materiellen Gründen geheiratet hat: er vernachlässigt sie bald schmählich und treibt sich in der Weltgeschichte herum. Sie sieht ihn nur alle Jubeljahre und bekommt von ihrer Schwiegermutter Alwine dafür noch ständig Schuldzuweisungen zu hören. Vor allem dafür, dass sie nicht für die lang ersehnten Enkel sorgt.

Als ob das so einfach wäre: doch irgendwann reicht es ihr und sie hat eine Idee: offenbar hat ihr Mann nämlich in Norwegen bereits vor ihrer Ehe für unehelichen Nachwuchs gesorgt, den sie doch herbeischaffen könnte! Gedacht, getan: mithilfe ihrer alten Schulfreundin Ida, die in Görlitz haust, macht sie sich auf den Weg nach Norwegen. Da wir uns jedoch noch im Kaiserreich befinden, ist das nicht so einfach: Letztendlich findet sich ein Weg: Karoline schlüpft unter falscher - oder sagen wir - modifizierter Fahne in die Rolle einer Gesellschafterin und begibt sich an der Seite von Frau Bethge, einer älteren Witwe, die vor Lebenslust nur so sprüht, über das Meer in Richtung Norden.

Der Leser wird durchgehend mit Sprüngen zwischen Livs und Karolines Schicksal konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Geschicke der beiden Frauen. Ein Wechsel, der durchaus gelungen ist. Vor allem über die Umstände, aber auch über den Zeitgeist, der vor dem 1. Weltkrieg herrschte, erfährt man so einiges. Auch die Darstellung der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in Deutschland und Norwegen auf der einen, über dennoch vorhandene Möglichkeiten und Auswege auf der anderen Seite ist sehr spannend.

Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren und damit einige Nebenschauplätze weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Für mich war der Teil um Karoline der wesentlich interessantere, auf den ich mich aufgrund der wunderbar recherchierten, atmosphärisch geschilderten Details aus früheren Zeiten immer sehr gefreut habe. Dabei hatte auch Livs Geschichte viel Potential, das aber leider nicht ganz ausgeschöpft wurde.

Zudem hätte mich das Schicksal und die Entwicklung einiger Figuren - Karolines Reisegefährtin Frau Bethge und ihre Freundin Ida auf der einen, waren hier sehr vielversprechend - interessiert. Deren Schicksale, die auch für sich sehr interessant waren, wurden ein wenig unter den Tisch gekehrt. Bei Liv hingegen waren es eher einige Erzählstränge an sich, die ein bisschen intensiver hätten verfolgt werden können: ihre Geschichte blieb neben der von Karoline ein wenig kraftlos, obwohl sie für den Erzählverlauf nicht weniger relevant war.

Aber das ist Kritik auf hohem, sogar auf sehr hohem Niveau: Insgesamt habe ich einen packenden und mitreißenden, dazu gut geschriebenern Roman mit viel Herz genießen dürfen, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!

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Veröffentlicht am 15.04.2018

Die Sache mit der Zeit

Wie man die Zeit anhält
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Irgendwann - früher oder später, in der Regel aber so etwa in der Mitte des Lebens - spüren wir sie alle, die tickende Uhr in uns. Und sie scheint sich auf einmal extrem schnell vorwärts zu bewegen. ...

Irgendwann - früher oder später, in der Regel aber so etwa in der Mitte des Lebens - spüren wir sie alle, die tickende Uhr in uns. Und sie scheint sich auf einmal extrem schnell vorwärts zu bewegen. War es nicht erst gestern, dass wir an der Hand unserer Mutter zum ersten mal der Schule entgegenschritten?

Bei Tom läuft es anders, also die Sache mit der Zeit und dem Zeitverständnis. Er leidet nämlich an einem ganz besonderen - nennen wir es Phänomen: er wird und wird nicht älter. Im Vergleich zu "Normalsterblichen" zumindest nicht - jedenfalls nicht sehr schnell: Er altert in etwa fünfzehn Jahren so viel wie ein anderer in einem Jahr. Das heißt, mit seinen schätzungsweise rund vierzig Jahren - wenn man nach seinem Äußeren geht - ist er in Wirklichkeit um einiges älter: sein Geburtstag war der 3. März 1581. Richtig gelesen!

Und - wie Sie im Erzählverlauf erfahren werden - ist er diversesten Gefahren ausgeliefert, weswegen er alle acht Jahre seine Identität wechselt bzw. wechseln muss. Das ist ziemlich anstrengend für ihn, aber er ist von einer Suche beseelt, die der Treiber seines Lebens ist und so findet er sich mit einigem ab.

Gerade hat er einen neuen Turnus aufgenommen - und zwar ist er diesmal Geschichtslehrer in einer Schule in England. Auf eigenen Wunsch. Und auch wenn seine Schüler zunächst ziemlich von ihm genervt sind - naja, wie von fast allen Lehrern halt - merken sie bald, dass sein Geschichtsunterricht unglaublich lebendig ist - als wäre er bei den thematisieren Ereignissen selbst dabei gewesen.

Tja, warum wohl? Und - man kann es sich kaum vorstellen - es gibt tatsächlich Menschen, die auf dem besten Weg dazu sind, ihm auf die Schliche zu kommen. Bewusst oder auch unbewusst.

Klingt nach einer Idee, die schon viele hatten. Nach einer ziemlich saft- und kraftlosen Zeitreisegeschichte. Aber ich schwöre bei all der Zeit, die mir noch bleibt (also dem Kostbarsten, was ich habe): nein, so ist es nicht! Ganz und gar. Diese "Zitrone" hat noch viel Saft, sehr viel sogar und eine Zeitreise ist überhaupt nicht das Thema!

Autor Matt Haig, schon aus Büchern wie "Ich und die Menschen" oder "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" für seinen Ideenreichtum bekannt, hält sich auch hier nicht an die Erwartungen, sondern geht seinen eigenen Weg. Und zwar einen, der nicht nur ungeheuer unterhaltsam ist, sondern auch auf klugen Recherchen und auf einer außerordentlich gewitzten Kombinationsgabe basiert. Auf seinem Weg durch die Jahrhunderte lässt Haig seinen Protagonisten Tom das ein oder andere Ereignis miterleben, die ein oder andere Klippe - ob im übertragenen oder direkten Sinne - umschiffen, die von einem profunden Wissen zeugt, das er im Erzählverlauf geschickt anzuwenden weiß. Ich jedenfalls hatte großen Spaß daran, Tom auf seinem Weg durch Shakespeares London über das Paris der "Roaring Twenties" bis ins London der Gegenwart zu begleiten. Und ich habe längst nicht alle Stationen erwähnt, ein paar Überraschungen sollen Sie doch genießen dürfen!

Ein Märchen für Erwachsene. Aber eines, das wie so viele auf wahren Begebenheiten und gesellschaftskritischen Beobachtungen basiert. Aus meiner Sicht hätte es noch eine ganze Weile so weitergehen können!