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Veröffentlicht am 09.04.2018

Kein Trauerkloß

DUMPLIN'
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ist Willowdean, von ihrer Mutter liebevoll Dumplin' (Klößchen) genannt trotz ihres Übergewichts. Nein, sie ist eigentlich in ein angenehmes Umfeld eingebettet, wird von ihrer Mutter und der großen, schlanken ...

ist Willowdean, von ihrer Mutter liebevoll Dumplin' (Klößchen) genannt trotz ihres Übergewichts. Nein, sie ist eigentlich in ein angenehmes Umfeld eingebettet, wird von ihrer Mutter und der großen, schlanken und schönen Ellen, seit Jahr und Tag ihre beste Freundin, über alle Maßen geschätzt.

Und diejenigen, die ihr eines auswischen wollen, haben keine Chance. Doch ist Will wirklich so selbstbewusst, wie es scheint? Einmal im Jahr kommen ihr zweifel, denn dann lässt ihre Mutter alles stehen und liegen, um den lokalen Schönheitswettbewerb, den sie selbst einst gewann, zu organisieren - diesmal rekrutieren sich die Teilnehmerinnen aus Wills Jahrgang. Aber es ist keine Rede davon, dass Will teilnehmen könnte - weder ihre Mutter noch Ellen ziehen das überhaupt in Erwägung. Und dann will Will es wirklich wissen! Und zwar nicht nur um ihrer selbst Willen. Nein, es gibt eine Reihe weiterer Mädchen, die aus dem ein oder anderen Grund nicht zur Zielgruppe gehören - wenn es nach Will geht, soll sich das jetzt ändern!

Auch, wenn sie ihren stärksten Rückhalt verloren hat - ihre heißgeliebte Tante Lucy ist vor zehn Monaten gestorben. Möglicherweise an den Folgen ihres Übergewichts?

Wobei sie etliche Kilo mehr drauf hatte, als Will, die zudem neuerdings von Verehrern umgeben ist. Doch denen - und sich selbst - traut sie nicht so recht über den Weg. Oder doch?

Ein Roman für die Schönheit von innen, für Nähe, Wärme, Freundschaft und nicht zuletzt für Selbstakzeptanz. Ein Buch, dass man jedem verzweifelten Teenie zu lesen geben sollte und dem ein oder anderen Erwachsenen gleich mit. Nun ja, zumindest weiblichen Angehörigen dieser beiden Zielgruppen, denn es ist eindeutig ein Mädchen- oder Frauenbuch.

Manchmal, wenn es um Cheerleader, Schönheitswettbewerbe und Schulbälle ging, empfand ich es als zu amerikanisch für meine Welt, als zu weit entfernt von meiner Realität und von dem, was mir wichtig ist. Dennoch, ich hatte viel Spaß mit und an diesem sehr warmherzigen und lebensbejahenden Roman und kann ihn Mädchen und Frauen, die ein bisschen Schwung bzw. Beschwingtheit an sich selbst vermissen, nur von Herzen empfehlen.

Veröffentlicht am 06.04.2018

Ich möchte KEIN Eisbär sein

Das Eis
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im - nicht mehr so - kalten Polar: damit stelle ich mich gegen den Wunsch, den die schweizer Gruppe Grauzone 1981 besang. Inzwischen ist so einiges passiert, gerade auch in Bezug auf die Erderwärmung: ...

im - nicht mehr so - kalten Polar: damit stelle ich mich gegen den Wunsch, den die schweizer Gruppe Grauzone 1981 besang. Inzwischen ist so einiges passiert, gerade auch in Bezug auf die Erderwärmung: Gletscher kalben noch und nöcher, das Polarmeer ist bedroht und die langfristige Existenz der Eisbären gleich dazu. Umso mehr Touristen gibt es, die einen Blick auf sie in ihrer eigentlichen Umgebung erhaschen wollen - und leider gibt es auch noch genügend, die zu gern auf sie schießen und anschließend mit einem selbst erlegten Eisbärenfell prahlen würden - ganz und gar ohne Rücksicht auf Einzelschicksale,

So war Tom Harding nicht und er konnte auch seinen Freund Sean Cawson von seiner Haltung und Einstellung überzeugen. Mit der Unterstützung durch internationale Investoren waren sie dabei, eine exklusive Lodge für Touristen, die zudem ein weltweites Symbol für den Umweltschutz sein sollte, zu erschaffen. Doch Tom kehrte von einer gemeinsamen Tour nicht zurück.

Erst vier Jahre später wird er gefunden - Sean ist inzwischen erfolgreich mit der Lodge und auch in weitere Geschäfte der Geldgeber involviert. Zudem hat er sich nach der Scheidung von seiner Frau und Gefährtin früherer Jahre mit einer jungen und sehr erfolgreichen Schönheit zusammengetan und es sieht so aus, als bekäme er alsbald den Ritterorden verliehen. Alles bestens also. Aber: Kann es sein, dass er tatsächlich seinen besten Freund in der ein oder anderen Art und Weise auf dem Gewissen hat?

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Sicht von Sean erzählt und zwar in der Sicht einer Retrospektive: Alles beginnt mit dem Auftauchen von Toms Leiche - danach werden die Ereignisse sozusagen von hinten aufgerollt.

Eine Erzählweise, die spannend, vielschichtig, aufschlussreich und klug daher kommt, dennoch manchmal ein wenig langatmig wirkt, manchmal malt die Autorin aus meiner Sicht auch ein wenig zu sehr in schwarz und weiß. Insgesamt ist dies ein überraschender, teilweise auch schockierender, dabei sehr zeitgemäßer Umweltroman. Nein, keine Ökogeschichte, finde ich! Es geht um das Schicksal unserer Erde mit all ihren Belangen, das hier exemplarisch an einem "Fall" aufgerollt wird. Laline Paull schreibt durchaus fesselnd, nur gelegentlich wird es des Guten ein wenig zu viel. Dennoch: ein sehr empfehlenswertes Buch, gerade auch als Geschenk an jüngere Menschen, die ja in Zukunft die Geschicke der Erde zu verantworten haben werden!

Veröffentlicht am 02.04.2018

Wie es dazu kam

Kleine Feuer überall
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Die Familien Warren und Richardson sind ganz zufällig aneinander geraten. Und zwar in vielerlei Hinsicht: Durch Zufall hat Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl ein Häuschen - bzw. einen Teil davon - von ...

Die Familien Warren und Richardson sind ganz zufällig aneinander geraten. Und zwar in vielerlei Hinsicht: Durch Zufall hat Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl ein Häuschen - bzw. einen Teil davon - von den Richardsons gemietet, ein weiterer Zufall ergab, dass sich die Kinder untereinander gut verstanden, zufällig wurde Mia zur Haushaltshilfe der Richardsons und ein weiterer Zufall bedingte die Nähe von Izzy, der jüngsten Richardson-Tochter, zu Mia. Und diese Izzy ist, die zufällig das Haus ihrer Familie angezündet hat. Angezündet haben soll.

Ganz schön viele Zufälle, meinen Sie? Ja, aber so ist es nun mal im Leben. In vielen Familien gibt es Geheimnisse, was in den meisten Fällen verständlich, unumgänglich, nachvollziehbar oder zumindest entschuldbar ist. Doch sind es diese den anderen vorenthaltenen Fakten, die zum Feuer geführt haben? Oder etwas ganz anderes? Zum Beispiel viele Kleinigkeiten? Denn: Wenn man genau hinschaut, gab es sie schon vorher - die kleinen Feuer überall. Auf völlig unterschiedliche Art und Weise.

Wie hängt das mit diesen beiden so unterschiedlichen Familien zusammen, die es - rein zufällig, wie gesagt - miteinander zu tun bekamen? Die unkonventionelle alleinerziehende Künstlerin Mia mit ihrer Tochter Pearl, einem mehr oder weniger normalen Teenager und die komplette, mehr oder weniger harmonische Familie Richardson, bestehend aus den Eltern und vier halbwüchsigen Kindern.

Im Verlauf der Lektüre lernen wir jeden Einzelnen näher kennen und erkennen, dass jeder seinen Platz in diesem nicht gerade unkomplizierten Gefüge hat. Und sehen, wie sich alles zusammenfügt. Und wieder auseinander bringt. Oder auch nicht. Auf jeden Fall werden dem Leser die Hintergründe, die zum Brand führten, enthüllt. Schritt für Schritt.

Eine ungewöhnliche Geschichte ist es, die Celeste Ng hier anbietet, die auf eine eher zurückgenommene Art - oder vielleicht gerade deswegen - besonders eindringlich und rüberkommt. Ich mag den Stil der Autorin, der die Geschichte gleichsam von hinten aufrollt und alles nach und nach aufdeckt. Dramatisch ist es zu Beginn und zum Ende hin.

Dem ein oder anderen mag dies sperrig erscheinen, doch insgesamt ist es aus meiner Sicht eine ausgesprochen lohnenswerte Lektüre, in der alle Beteiligten auf ihre eigene Art und Weise zu Wort kommen und die mich lange nicht loslassen wird!

Veröffentlicht am 02.04.2018

Ein ungesundes Leben

The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen?
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in jeder Hinsicht führt Anna: sie lebt ganz allein in einem New Yorker Stadthaus, das sie aufgrund ihrer Agoraphobie seit über zehn Monaten nicht verlassen hat, sie trinkt viel zu viel und vor allem: sie ...

in jeder Hinsicht führt Anna: sie lebt ganz allein in einem New Yorker Stadthaus, das sie aufgrund ihrer Agoraphobie seit über zehn Monaten nicht verlassen hat, sie trinkt viel zu viel und vor allem: sie beobachtet ihr Umfeld, also ihre Nachbarn. Nicht einfach nur so, nein, dafür hat sie ein hochsensibles Fernglas, mit dem ihr wirklich kein Fitzelchen entgeht. Sie beobachtet Szenen des Familienstreits, des Ehebruchs - und einmal tatsächlich einen Mord.

Und zwar ist das Opfer eine Frau, die noch kürzlich bei ihr zu Besuch war. Den Rest der Familie hat sie in Teilen auch schon kennengelernt, natürlich auf dieselbe, einzig mögliche Art.

Oder hat sie sich das nur eingebildet? Denn Anna liebt doch sehr in ihrer eigenen Welt und betrügt nicht nur andere, sondern auch sich. Ist sie selbst die Manipulierende in diesem Geflecht, oder bestimmen andere Faktoren die Handlungsentwicklung? Anna selbst, die jahrelang als Kindertherapeutin tätig war, hat jedenfalls beste Voraussetzungen dafür. Und Ein Psychothriller, den Hitchcock sicher gerne verfilmt hätte: prall gefüllt mit subtilem Nervenkitzel, dessen Ursache sich erst ganz zum Schluss offenbart.

Allerdings leider mit einigen (wenigen) unlogischen Wendungen und Erzählsträngen, die nicht richtig aufgedeckt werden, was ich schade finde bei einem so spannungsreichen Stoff.

Wobei die Spannung eher eine der ruhigen Art ist: die Handlung entwickelt sich eher hintergründig. Wer gerne einen geschickt aufgebauten Thriller mit überraschenden Elementen liest, der ist hier an der richtigen Adresse!

Veröffentlicht am 02.04.2018

Wie alles anfing

Blasse Helden
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nach dem Ende nämlich. Was war so los nach dem Ende der Sowjetunion? Anton aus Deutschland hat schon immer gern in Extremen gelebt und so geht er kurz nach der Auflösung dieser riesigen Staatengemeinschaft ...

nach dem Ende nämlich. Was war so los nach dem Ende der Sowjetunion? Anton aus Deutschland hat schon immer gern in Extremen gelebt und so geht er kurz nach der Auflösung dieser riesigen Staatengemeinschaft nach Moskau, um Business zu machen.

Und er stösst auf eine andere Welt: eine, in der sozusagen alles möglich ist - naja, vieles zumindest. Die Menschen gehen an ihre Grenzen, probieren aus, was alles so möglich ist. Das Russland Jelzins strotzt nur so vor Dollars, schillernden Gestalten - und vor Korruption. So besucht er zum Beispiel eine Feier in der Wohnung eines russischen Intellektuellen, einem heruntergekommenen Loch, das jedoch prall gefüllt ist mit den wunderbarsten und seltensten Büchern. Und ihm wird ein - Business ist Business - ein tiefgefrorener Mammut angeboten, dessen Artgenosse leider schon verspeist wurde.

Ja, es geht rund in Russland und in der Ukraine, in die sich Anton auch begibt. Ganz klar kann man hier die Anfänge des Oligarchentums, von dem heutzutage wieder und wieder die Rede ist, ausmachen. Andererseits muss der Leser sich klarmachen, dass er hier auf einen kleinen und engen Mikrokosmos trifft, auf einen kleinen Teil dessen, was es gab. Das Leben auf dem Lande war sicher ganz anders.

Atmosphärisch ist stets die Schilderung der Umgebung, eher gesichtslos die Figuren: also blasse Helden im wahrsten Sinne des Wortes. In diesem Roman wird viel gezeigt, vieles bleibt aber auch ungeschrieben. Eine interessante Geschichte, die leider - wie die Menschen der damaligen Zeit - auch wieder und wieder an ihre Grenzen stößt. Dennoch ist dies ein Einblick, der sich lohnt - ein Blick auf eine teilweise vergangene Welt, die uns jedoch vieles verstehen lässt. Wohlgemerkt: verstehen, aber nicht gutheißen.

Ein Roman, den ich Lesern empfehle, die sich gerne zurückversetzen lassen in die 1990er - und mal schauen, was damals so los war hinter dem Eisernen Vorhang, der keiner mehr war.