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Veröffentlicht am 19.02.2018

Ein lyrischer Roman

Wie hoch die Wasser steigen
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Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, ...

Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, der Ungar Matyas, mit dem er seit Jahren gemeinsam arbeitet und auch das Leben - in diesem Falle das Zimmer bzw. die Kajüte teilt, ist nämlich abhanden gekommen. Eines Nachts ist er einfach so von der Ölplattform an der Küste Marokkos, auf der die beiden angestellt sind, gerutscht, hinunter ins Meer, unwiederbringlich und unauffindbar. Bevor er sich an den Gedanken gewöhnen kann, ohne ihn zu sein, begibt er sich auf eine Reise quer nach und durch Europa.

Für ihn geht es darum, Matyas Leuten dessen Sachen zu übergeben, aber auch, einige Orte und Stellen die für ihn von Bedeutung sind - egal, ob er dort tatsächlich war oder nicht, aufzusuchen. Eigentlich sind es zwei Reisen, eine physische und die zweite, parallel stattfindende auf der Suche nach sich selbst. Gibt es dort überhaupt etwas zu finden und wenn ja, ist es das wert - für ihn selber als Menschen.

Der globale Mensch der Gegenwart beim Versuch, sich selbst zu definieren - auch so könnte man Waclaws vorhaben bezeichnen. Autorin Anja Kampmann hat bereits als Dichterin einen Namen und so hat sie mit "Wie hoch die Wasser steigen" einen sehr lyrischen Roman zu einem - zumindest in Teilen - sehr bodenständigen Thema geschaffen. Ich erkenne diese sowohl sprachlich als auch inhaltlich außerordentliche und sehr individuelle Leistung aus ganzem Herzen an, ohne sie jedoch für mich selbst als bereichernd und erfüllend zu empfinden. Zu vage die Darstellung, zu wenig Greifbares, Vorstellung und Wirklichkeit des Protagonisten Waclaw verlieren sich ineinander, ohne mich zu bewegen oder gar mitzunehmen.

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse im März 2018 nominiert mit folgendem Kommentar der Jury: "Eindringlich und in konzentrierter poetischer Verdichtung erzählt Anja Kampmann von der Verlorenheit des Menschen in Zeiten der Globalisierung und von dem Versuch, die eigene Identität wiederzufinden. Ein gegenwärtiger Roman, dessen Sprache überzeitlich Existentielles aufreißt."

Ich habe diese Regungen, die Botschaft der Autorin, wahrgenommen, doch traf sie bei mir leider nicht auf fruchtbaren Boden - der Roman hat mich verwirrt, wodurch sich bereits jetzt, kurz nach der Lektüre, die Eindrücke verwischen, die bleibende hätten sein können.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Eine Familie der anderen Art

Die erstaunliche Familie Telemachus
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Das sind die Telemachus' auf jeden Fall, denn bei ihnen ticken die Uhren ein bisschen anders: ein jeder - Vater Teddy, Tochter Irene, die Söhne Frankie und Buddy sowie Enkel Matty - hat seine ganz eigene ...

Das sind die Telemachus' auf jeden Fall, denn bei ihnen ticken die Uhren ein bisschen anders: ein jeder - Vater Teddy, Tochter Irene, die Söhne Frankie und Buddy sowie Enkel Matty - hat seine ganz eigene übersinnliche Begabung, die allerdings auch unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Sehr, sehr unterschiedlich - bei dem ein oder anderen scheint es eher Hochstapelei zu sein anstelle von medialen Fähigkeiten. Oder?

Wobei diejenige mit der stärksten Begabung, nämlich Mutter Maureen, schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilt. Trotz eines sehr, sehr traurigen Abgangs ist sie jedoch immer noch in aller Munde, lebt quasi durch ihre Familie weiter, denn in den Gedanken und auch in den Worten eines jeden ist sie immer präsent.

Besonders eindringlich kommt dies rüber, da abwechselnd aus der Perspektive eines jeden Familienmitglieds berichtet wird. Teddy und Frankie, die Gauner, Irene, die Verantwortung für die ganze Familie übernimmt und dabei gelegentlich sich selbst vergisst, Buddy, der irgendwie nicht von dieser Welt ist und Matty, der erst dabei ist, seinen Platz zu finden. Aber: sind sie das nicht eigentlich alle? Bei näherem Hinsehen wird klar, dass die ordnende Struktur von Maureen ausging, die nun umso mehr Tag für Tag schmerzlich vermisst wird.

Die "Übriggebliebenen" sind seit Jahren damit beschäftigt, einander zu nerven, auf der anderen Seite jedoch auch nicht ohne die anderen zu können. Sind sie ein Haufen von Betrügern, von denen jeder unterschiedliche Methoden gebraucht?

Auf jeden Fall ein Roman für Leser, die offene Enden hassen: Einen so abgerundeten Roman habe ich selten gelesen, hier werden wirklich alle Enden zusammengezogen. Dennoch bin ich nicht restlos glücklich - vieles ging mir zu sehr ins Detail, erschwerte mir das Lesen, die ein oder andere Wendung empfand ich als unglaublich anstrengend. Dennoch hat der Autor Daryl Gregory auf seine Art und Weise sicher ein Meisterwerk geschaffen, aber eines, das nur gewisse Leserschaften anspricht: solche, die es mögen, wenn alles an- und ausgesprochen wird und vor allem: solche, die nicht nachtragend sind. Einige der Figuren schreien förmlich danach, dass ihnen verziehen wird - wieder und wieder. Ich lese so etwas ausgesprochen ungern, wobei das natürlich eine sehr subjektive Sicht der Dinge ist. Dennoch - ich nehme mir heraus, nicht begeistert zu sein, obwohl ich die Leistung des Autors durchaus wertschätze.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Charaktere
  • Geschichte
  • Humor
  • Fantasie
Veröffentlicht am 11.02.2018

Die Magie englischer Gärten

Je tiefer man gräbt
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entfaltet bei mir ihre volle Wirkung und so war ich gleich gespannt, als ich diesen Krimi mit der jungen Gärtnerin Mags als Protagonistin in die Finger bekam. Dazu spielt er im Frühsommer in Cornwall - ...

entfaltet bei mir ihre volle Wirkung und so war ich gleich gespannt, als ich diesen Krimi mit der jungen Gärtnerin Mags als Protagonistin in die Finger bekam. Dazu spielt er im Frühsommer in Cornwall - was kann es Schöneres geben!

Die junge Witwe Mags ist nach einer großen Enttäuschung aus den Vereinigten Staaten in ihre Heimat England - genauer gesagt Cornwall - zurückgekehrt, wo sie sich völlig ohne Geld ein neues Leben aufbauen muss. Sogar das Erbe ihres Vaters, das Elternhaus nämlich, muss sie verscherbeln, aber eines kann ihr keiner nehmen: das, was ihr Vater ihr beigebracht hat, nämlich die Kunst des Gärtnerns und so hat sie sich binnen zwei Jahren ein ganz gut laufendes Gartenbau- und pflege-Unternehmen aufgebaut, sie selbst ist zwar ihre einzige feste Mitarbeiterin, aber sie hat bereits so einige Erfolge verzeichnet, als sie auf dem herrschaftlichen Anwesen im Ort bei einer Gartenführung aushelfen soll, was sie nur zu gern tut. Den Garten hat nämlich ihr geliebter Vater angelegt und die Umgebung ist für sie mit wunderbaren Kindheitserinnerungen verknüpft - nicht zuletzt an den attraktiven Sohn der Familie, Thomas. Wobei dieser nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt hat, obwohl er vor einigen Jahren eine furchtbare Enttäuschung hinnehmen musste, seine Verlobte verließ ihn nämlich direkt nach der Verlobung. Und nun macht Mags im Garten seiner Familie einen grausigen Fund.

Man merkt teilweise, dass dieser Krimi aus der Feder einer deutschen Autorin stammt, es werden nämlich alle Klischees in Bezug auf England bemüht, die man sich nur denken kann. Aber es kommen auch interessante Hintergrundinformationen hinzu, die darüber hinausgehen und vor allem ist die Schilderung der Gärten und der kornischen Landschaft derart atmosphärisch, dass das mich beim Lesen gleich wieder versöhnlich gestimmt hat und ich auch darüber hinwegsehen konnte, dass der eigentliche Kriminalfall recht absehbar und zudem nicht allzu spannend war.

Spannend fand ich vielmehr Mags als Person und die Figuren um sie herum - da ist noch viel Potential, denn Vieles aus Mags`persönlicher Geschichte wird nur angedeutet, weswegen ich mir fast sicher bin, dass da noch was kommt - nämlich weitere Bände mit der sympathischen Gärtnerin in der Hauptrolle. Ich freue mich sehr darauf, denn trotz meiner kleinen Meckerei - einer auf sehr hohem Niveau, möchte ich betonen - habe ich regelrecht darin geschwelgt! Ein Krimi für alle, die es nicht zu blutig haben müssen und England mögen!

Veröffentlicht am 10.02.2018

Eine frische Leiche

Stumme Wut
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wenn auch nicht im Keller und DCI Matilda Darke darf nicht ran. Sie ist nach einer mehrmonatigen Abwesenheit aus Krankheitsgründen nach einem privaten Zusammenbruch auf dem Abstellgleis gelandet und soll ...

wenn auch nicht im Keller und DCI Matilda Darke darf nicht ran. Sie ist nach einer mehrmonatigen Abwesenheit aus Krankheitsgründen nach einem privaten Zusammenbruch auf dem Abstellgleis gelandet und soll in einem Cold Case, einem lange zurückliegenden Mordfall, einer Familientragödie, ermitteln: dem Harkness-Fall.

Ben Hales, ihr ewiger Kontrahent, wittert bereits Morgenluft, denn zu seiner Freude ereignet sich ein neuer Mordfall. Doch scheint der mit den Harkness-Morden zusammenzuhängen, so dass er mehr mit Matilda zu tun bekommt, als ihm lieb ist. Und mit ihrem Team, das aus ganz besonderen Figuren besteht und immer noch an ihr hängt.

Ein wirklich toller und ungewöhnlicher Krimi mit eindringlich gestalteten Figuren. Einiges war noch nicht so ganz stimmig und logisch, da hätte ich mir mehr Überarbeitung seitens des Verlags gewünscht.

Aber insgesamt kann ich mich für Matilda und ihr Team absolut begeistern und freue mich schon auf deren nächsten Fall! Nordengland hat eine neue und schlagkräftige Ermittlerin, die es mit einigen skandinavischen Kriminalbeamten durchaus aufnehmen kann, auch wenn sie ihnen ganz und gar nicht ähnelt. Dafür ist sie (und ihr Autor Michael Wood, ein Journalist, der hier seinen Krimi-Erstling vorlegt) einfach viel zu englisch! Very british indeed .

Wer also Spaß an den Krimis von Peter Robinson und auch Elizabeth George hat, wer Kriminalisten mag, die ein Privatleben haben und oft innerlich zerrissen hat und wer auch nichts dagegen hat, wenn ab und zu ein wenig Humor durchdringt - der sollte sich an diesen Krimi wagen und wie ich auf eine baldige Fortsetzung - hoffentlich nicht nur eine - hoffen!

Veröffentlicht am 09.02.2018

Erinnerungen an das Damals

Unreife Früchte
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nämlich an dasjenige in Polen in den 1980er Jahren, an einen Staat, der inzwischen lange vergangen ist. Wioletta Gregs Werk wird schon auf dem Schutzumschlag als Roman bezeichnet, tatsächlich sind es aus ...

nämlich an dasjenige in Polen in den 1980er Jahren, an einen Staat, der inzwischen lange vergangen ist. Wioletta Gregs Werk wird schon auf dem Schutzumschlag als Roman bezeichnet, tatsächlich sind es aus meiner Sicht eher Geschichten, oft sogar nur kurze Sequenzen aus Kindheit und Jugend der Protagonistin, die zwar durch die agierenden Figuren, den zeitlich aufeinander folgenden Aufbau und den Handlungsort - das Dorf Hektary in Schlesien miteinander verbunden sind - mal enger, mal lockerer - aber durchaus auch allein stehend gelesen werden können.

Es ist weitgehend die Sicht eines Kindes, eines kleinen Mädchens, das zur Jugendlichen heranwächst, aus der die Schilderung erfolgt. Dabei wird früh deutlich, dass der Roman eine stark autobiographische Färbung hat. Ein wenig erinnert es mich an die Schilderungen nord- und osteuropäischer Autoren wie Astrid Lindgren oder auch den Letten Jānis Jaunsudrabiņš aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch findet sich in diesen Wärme und Humor. Beides geht den Schilderungen von Wioletta Greg vollkommen ab, wobei aber durchgehend deutlich wird, das dies ein von ihr angestrebtes stilistisches Mittel ist. Wobei, ganz selten mal habe ich beim Lesen das Gesicht zu einem Lächeln verzogen, das war eher so, dass die Situation als solches lustig war.

Doch insgesamt war die Kindheit in Hektary alles andere als spaßig - zu einer Zeit, in der im sozialistischen Polen Kriegsrecht und damit ein strenges Regime herrschte - auch der Vater von Wiolka - schon der Name ein Hinweis auf die Autorin - war zeitweise inhaftiert und kehrte gebrochen zurück. Sehr subtil werden die politischen und gesellschaftlichen Zustände transportiert - eben durch die Wahrnehmung eines Kindes. Den ein oder anderen mag gerade dies besonders berühren, ich jedoch tat mich - im Einklang mit dem eher kargen Stil - eher schwer mit der Lektüre, deren Bedeutung für die polnische Literatur ich aber durchaus honoriere. Sicher liest es sich eindringlicher, wenn man besser mit den Umständen vertraut ist. Trotz der "starken" Thematik bleibt dies für mich ein kleiner Roman, einer, den ich möglicherweise bald vergessen werde, was er sicher so nicht verdient hat. Da passt der Titel - es sind unreife Früchte, deren ein wenig mehr Reife zumindest aus meiner Sicht nicht geschadet hätte.