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Veröffentlicht am 30.12.2017

"What a marvellous night for a moondance"

In der Nacht
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Das singt Van Morrisson, einer meiner All-Time-Favoriten und die Nacht
passt natürlich auch gut in den Titel eines Buches im Noir-Stil: Dennis
Lehane, einer der ganz großen Autoren der stilvollen Spannungsliteratur,
hat ...

Das singt Van Morrisson, einer meiner All-Time-Favoriten und die Nacht
passt natürlich auch gut in den Titel eines Buches im Noir-Stil: Dennis
Lehane, einer der ganz großen Autoren der stilvollen Spannungsliteratur,
hat sein neuestes Werk in das USA der 1920er/1930er Jahre verlegt, in
die Zeit der Prohibition und der großen Wirtschaftskrise. Warum? Nun,
lassen wir den Protagonisten Joe Coughlin, der sich vom kleinen
Handlanger des Syndikats zum Drahtzieher entwickelt, selbst zu Wort
kommen - in einem Dialog mit Dion, seinem Weggefährten über lange Jahre:

"Wir sind süchtig danach." "Wonach? Nach der Nacht - sie ist
unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren
Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und
spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde
keine Regeln." (S.528)

Ein kleiner Eindruck vom großartigen,
coolen Stil des Romans, der den ein oder anderen Interessierten
vielleicht schon Blut lecken lässt. Mehr erfahren vom Leben für die
Nacht heißt, alles zu erfahren über Joes Leben: hier geht es vor allem
um sein Leben als Gangster, eingebettet in eine aufregende Epoche des
20. jahrhunderts. Wer sich auf das Buch einlässt, der lässt sich auf
jede Menge Spannung, aber auch auf Brutalität ein, denn die Jungs, um
die es hier geht , gehen nicht sanft miteinander um.

Lehane
schreibt - wie bereits angedeutet - einfach toll und sehr, sehr
atmosphärisch.... schwuppdich, ist man direkt im Boston in den 1920er
Jahren, dann wieder im Süden Amerikas bei den Schnapsbrennern und
Zigarrenbaronen, wohin der Leser, will er bei der Stange bleiben, Joe
folgen muss. Aber das wird den meisten Rezipienten nicht schwer fallen,
liest sich das Buch doch ungeheuer packend und fesselnd. Mir persönlich
allerdings fiel es an manchen Stellen dann doch schwer - zu brutal und
erschütternd die Entwicklungen, aber ich war dann doch zu neugierig und
kann nur sagen - es hat sich gelohnt, am Ball zu bleiben.

Die
Atmosphäre, die Präsenz des Zeitgeistes - das sind ganz eindeutig die
Vorzüge dieses Romans. Der Leser spürt auf Schritt und Tritt, wie Joe
sich ändert, spürt dessen sich ändernde Wahrnehmungen schrittweise im
Text. Joe als naiver Jungspund, als Strippenzieher des Syndikats, als
Liebhaber... diese und andere Rollen nimmt man dem Autor Lehane
vorbehaltlos ab: der ganze Erzählstil wechelt extrem von Teil zu Teil .
joe klingt nicht mehr so emotional, so überschäumend, er ist zunächst
ernüchtert und dann selbstbewußt...

Eine bzw. zwei Schwächen gibt
es aus meiner Sicht: die Figuren sind nicht so richtig plastisch
gezeichnet - es passiert mir selten genug beim Lesen, aber hier habe ich
mir immer mal wieder gewünscht, das alles als Film zu sehen, um mir ein
"richtiges" Bild machen zu können. Das Zeichnen eines Charakters mit
wenigen Pinselstrichen ist nicht Lehanes Stärke. Und teilweise waren die
Entwicklungen dann doch ausgesprochen vorhersehbar - zumindest im
Groben wusste man dann doch sehr oft schon im Voraus, wohin die Reise
geht...

Trotzdem ein großer Roman, einer der Botschaften
transportiert und der mit Genuss gelesen werden kann - wie schon
erwähnt, werden Freunde der gehobenen und stilvollen Spannungsliteratur
ihre helle Freude daran haben!

Veröffentlicht am 30.12.2017

"Hat nicht jeder Mensch ein Recht auf seine Geschichte?" (S.48)

Alle Farben der Welt
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So auch Teresa Ohneruh, der Nomen in der Tat Omen ist - wird sie doch ihr Leben lang keine Ruhe finden. Teresa, Tochter einer "Irren", wie man damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sagte, ...

So auch Teresa Ohneruh, der Nomen in der Tat Omen ist - wird sie doch ihr Leben lang keine Ruhe finden. Teresa, Tochter einer "Irren", wie man damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sagte, findet ihre Heimat im belgischen Geel, in einem Dorf, in dem "Irre" und "Normale" zusammen leben - lange Zeit, ohne zu wissen, wer gesund, wer hingegen als krank eingestuft ist. Auch Teresa gilt als krank - damit ihre Pflegefamilie eine gewisse "Summe" im Monat abgreifen kann. Und sie kann ganz besondere Dinge sehen...

Eines Tages kommt der junge Vincent van Gogh ins Dorf und will man es dieser von Teresa selbst - in Form eines Briefes an ebendiesen Herrn Jahre später - erzählten Geschichte glauben, ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass er zur Malerei findet. Zu der Zeit jedenfalls ist er nicht mehr als ein mittelloser Wandersmann

Alle Farben dieser Welt vereint er - wenn auch auf teilweise befremdliche Art - auf seinen Bildern, nach allen Farben sehnt sich auch Teresa, so wie sich auch nach der Zugehörigkeit zu einem Menschen sehnt - zunächst zu ihrem Kindheitsfreund Icarus, dann zu Vincent. Doch Teresa ist anders - das sehen die anderen und auch sie selbst sieht es, wenn auch nicht vollumfänglich....

Die ganze Tragik um Teresas Schicksal offenbart sich erst zehn Jahre später, als sie Vincent wiedertrifft - in einer "Klinik im Süden Frankreichs"...
Ihr bleiben, die Erinnerungen, die schonungslos und "haarklein alles erzählen, was nicht aus ihr geworden ist". (S.51)

Eine wunderschöne Sprache, ein wunderschönes, edles, liebevoll gestaltetes Büchlein - das kann doch nicht alles sein? Nun, für mich war es das leider, blieb doch eine merkwürdige Leere ... und alle Fragen offen, um es mit Brecht zu sagen. Leider nicht auf anregende, sondern für mich recht verwirrende und ein wenig frustrierende Art und Weise...

Veröffentlicht am 30.12.2017

Eingenommen von Wiedertäufern

Die Frau des Täuferkönigs
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...ist die Stadt Münster im 16. Jahrhundert und wird fleißig belagert von der Truppen des katholischen Bischofs, der sie wiedererobern will. Eine blutige Angelegenheit auf beiden Seiten, wird ein Menschenleben ...

...ist die Stadt Münster im 16. Jahrhundert und wird fleißig belagert von der Truppen des katholischen Bischofs, der sie wiedererobern will. Eine blutige Angelegenheit auf beiden Seiten, wird ein Menschenleben doch nicht allzu ernst genommen.
Mittendrin Emanuel mit seinen Mitstreitern - ihres Zeichens Gaukler, de facto aber ein windiges Trüppchen, das seine Hände nicht bei sich behalten kann, wenn fremdes Eigentum lockt und einige andere üble Streiche auf Lager hat. Gutsherr Everhard Clunsevoet setzt sie nun unter Druck: sie sollen seine Tochter Amalia aus dem belagerten Münster herausholen - als Pfand behält er Emanuels über alles geliebte Tochter Mieke, der ein übles Schicksal droht, wenn das Trüppchen seinen Auftrag nicht erledigt....

Aber ihnen gelingt das schier Unmögliche - Eintritt in Münster zu erlangen. Dort allerdings warten einige Überraschungen auf sie...
Gut geschrieben und flott erzählt ist dieser historische Roman von Michael Wilcke - allerdings hapert es ein wenig mit Beschreibungen von Lokalitäten und Figuren - das Atmosphärische ist also nicht immer ganz gegeben. Zu keiner Stelle habe ich mich ins Münster des 16. Jahrhunderts versetzt gefühlt und nur wenige der Figuren wurden vor meinen Augen so richtig lebendig. Zudem - und das ist nun wirklich mein Privatvergnügen - hätte ich mir ein wenig mehr "Wiedertäufertum" gewünscht - historische Fakten wurden zwar erläutert, doch war die Bewegung an sich eher ein Thema am Rande.

Für Leser, die spannende Abenteuerromane mit historischem Hintergrund und einer ordentlic

Veröffentlicht am 30.12.2017

Marmor, Stein und Eisen bricht...

Liebe Steine Scherben
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Liebe und Freundschaft leider auch: es ist hart, jung zu sein in den späten 1970ern, in einer Zeit, in der für Eltern und Großeltern Krieg und Verlust noch mehr als lebendig sind, der Zeit des wirklich ...

Liebe und Freundschaft leider auch: es ist hart, jung zu sein in den späten 1970ern, in einer Zeit, in der für Eltern und Großeltern Krieg und Verlust noch mehr als lebendig sind, der Zeit des wirklich und wahrhaftig eisKalten Krieges, der jeden Tag losgehen konnte... und der Zeit des Krieges in Deutschland. Ja, dieses Buch spielt im Jahr des deutschen Herbstes, in dem viele von uns, die damals jung waren, ein Stück erwachsener wurden. Wer sich zurückversetzen will in diese schwierige und doch so lebendige Zeit, der kommt um dieses Buch nicht drumherum.

Sommer und Herbst 1977: Erzählt wird aus der Perspektive des 13jährigen Johann, der liebt : schmerzvoll und seit langer Zeit. Objekt seiner Begierde ist die Nachbarstochter Tilda, schon fünfzehn, die mit ihm den Molly macht - ihn springen lässt, wie es ihr beliebt... und auch ihrerseits verliebt ist, nur nicht in Johann, sondern in den gleichaltrigen Sebastian.

Eine Dreiecksgeschichte voller seltsamer Begierden, Entwicklungen, Ränke und Hoffnungen - und immer schwebt der Zeitgeist über allem. Andreas Baader - Bedrohung oder fast Pop-Star? So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen der Akteure, aber auch diese ändern sich von Tag zu Tag - man ist schließlich in der Pubertät, da darf man das.

Was Jelle Behnert hier schreibt, das trifft ganz, ganz tief ins Mark - mich jedenfalls. Es schockiert, macht betroffen, befangen, erheitert, verblüfft, verärgert, verstört... und lässt vor allem Erinnerungen an eine längst vergangen geglaubte Zeit aufkommen, eine Zeit der Unsicherheit, der inneren Unruhe, unendlich vieler Ängste - aber auch an eine Zeit der Hoffnungen: das Leben lag ja noch vor einem.

Richtig, auch ich war 13 in diesem schicksalhaften Jahr 1977, was das Buch für mich ganz besonders ergreifend, begreifend und zugreifend werden lässt ... doch ich bin sicher, es lässt keinen so ganz kalt. Es polarisiert unendlich und Jelle Behnerts Sprache, die mich tief berührt, mag auf andere abstoßend wirken. Doch das ist wahre Literatur, die lange, lange in mir nachwirken wird, mit der ich leben werde.

Warum dann keine bedingungslose Begeisterung von meiner Seite - ganz einfach: es waren Kleinigkeiten, die nicht ganz reinpassten, nichtsdestotrotz mein Lesevergnügen aber ein wenig hemmten - unzeitgemäße Begriffe wie "Cliffhanger", die 1977 im deutschen Sprachraum sicher noch nicht verwendet wurden, Unstimmigkeiten in bezug auf Johanns Alter, dies und das eben - nichts Großes, aber es summierte sich halt.

Trotzdem ein Buch, was ich vor allem der in den 1960ern geborenen Generation ans Herz legen möchte, aber auch allen anderen, die sich mal wieder wachrütteln, nein: die sich so richtig durchrütteln lassen wollen von einem ungewöhnlichen Stück deutscher Literatur.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Beklemmende Düsternis

Seelen im Eis
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Yrsa Sigurdardottír von ihrer eher nachdenklichen Seite: Odínn, ein Angestellter der Staatlichen Kontrollbehörde, bekommt einen Fall aus vergangenen Zeiten auf den Tisch: es geht um Todesfälle in einer ...

Yrsa Sigurdardottír von ihrer eher nachdenklichen Seite: Odínn, ein Angestellter der Staatlichen Kontrollbehörde, bekommt einen Fall aus vergangenen Zeiten auf den Tisch: es geht um Todesfälle in einer Erziehungsanstalt in den 70er Jahren. Ein Fall, den er von seiner verstorbenen Kollegin beerbt hat, die sich hier ungewöhnlich engagiert hatte. Hängt ihr Tod damit zusammen? Was hat es mit den "alten" Fällen auf sich? Odínn ermittelt engagiert, versucht aber gleichzeitig, sein vor wenigen Monaten kompliziert gewordenes Privatleben in den Griff zu bekommen: Seit seine Exfrau beim Sturz vom Balkon ums Leben gekommen ist, hat es für ihn einen extremen Rollenwechsel gegeben: vorher ein Wochenendvater, ist er jetzt als Alleinerziehender rund um die Uhr verantwortlich für seine Tochter Rún. Mit einer - sowohl für ihn als auch für Rún - unliebsamen Schwiegermutter muss er sich auch noch rumschlagen.

Der Leser erhält durch Rückblenden parallel Einblick in die Ereignisse der 70er Jahre. Spannend und gruslig ist das alles nicht, vielmehr ausgesprochen beklemmend. Ich hatte durchgehend die Heimkinder bzw. eigentlich ja schon Jugendlichen der 60er und 70er Jahre in Deutschland vor Augen, deren Leid von der damaligen linken Bewegung aufgedeckt und teilweise auch instrumentalisiert wurde.

In Island ist alles viel bedächtiger, abseits von der Tagespolitik gehen die gesellschaftlichen Entwicklungen ihren Gang. Tristesse zieht sich durch das Buch, so richtig fröhlich geht es zu keiner Zeit zu. Obwohl der Schreibstil der Autorin gewohnt gut ist, ist es ihr diesmal aus meiner Sicht leider nur teilweise gelungen, Atmosphäre zu schaffen, den Leser mitzunehmen. Ich jedenfalls bin immer wieder auf der Strecke geblieben. Definitiv nicht mein Lieblingsbuch dieser eigentlich von mir favorisierten isländischen Autorin!