Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.09.2021

Spritzig und wirr

Florance Bell und die Melodie der Maschinen
0

Florance Bell ist tätig als Assistentin des leitenden Mechanikers bzw. Ingenieurs am Maschinenpark eines technikverrückten Adligen, der Opfer eines Hinterhalts wird.

Florance selbst wird gekidnappt, ...

Florance Bell ist tätig als Assistentin des leitenden Mechanikers bzw. Ingenieurs am Maschinenpark eines technikverrückten Adligen, der Opfer eines Hinterhalts wird.

Florance selbst wird gekidnappt, versucht aber - tüchtig wie sie ist - aus dem Schlamassel rauszukommen.

In dieser Hinsicht ist das Spektakel recht absehbar, auch wenn bis zum glücklichen Ende noch zahlreiche Irrungen und Wirrungen erfolgen.

Mich als Historikerin hat dieser in der Tradition des Steampunk verfasste Roman aber schlicht wahnsinnig gemacht. Er startet im Jahr 1820. Napoleon hat England erobert und König George in Frankreich eingekerkert. Es gibt jetzt eine Doppelmonarchie, in denen die Franzosen sowohl auf franzöischem als auch auf englischem Territorium die Oberschicht bilden.

Trotzdem sind Florance und ihr Vormund, obwohl Franzosen, ganz klar dem englsichen Adelsmann und dessen Familie untergeordnet. Außerdem gibt es Luftschiffe und alles mögliche Sonstige mit Motoren diverser Art. Ich würde dieses Buch schon deswegen keinem Kind oder Jugendlichen schenken, weil ich ihn - was die europäische Geschichte angeht - nicht verwirren möchte.

Das Buch ist durchaus spannend und unterhaltsam, aber irgendwann war es mir zu viel mit den historischen Verrenkungen und ich konnte es nicht mehr uneingeschränkt genießen!

Veröffentlicht am 03.09.2021

Eine Frau mit zwei Leben

Sophies Café
0



Gabrielle wird von ihrem Mann mißbraucht, gefoltert und gequält und zwar bereits seit zehn Jahren. Nach einer sehr extremen und schmerzlichen Erfahrung gelingt ihr die Flucht.

In einer Kleinstadt im ...



Gabrielle wird von ihrem Mann mißbraucht, gefoltert und gequält und zwar bereits seit zehn Jahren. Nach einer sehr extremen und schmerzlichen Erfahrung gelingt ihr die Flucht.

In einer Kleinstadt im Süden sitzt Leah in einem Café, dessen Eigentümerin Sophie ihr das Gefühl gibt, angekommen zu sein.

Gabrielle und Leah - ein und dieselbe Person. Leah beginnt mit ihrem zweiten Namen ein neues Leben unter der Obhut Sophies, sie taut auf, findet sich selber - und mit Sophie eine Art neue Familie.

Aber was hat es mit dem wirklich attraktiven, aber doch sehr sperrigen Crowley auf sich? Er mißtraut er - wird es so weit kommen, dass er sie vertreibt aus dem vermeintlich sicheren, geborgenen Nest bei Sophie? Kann sie ihm trauen?

Ein sehr emotionaler Roman, der die verschiedenen Seiten des Lebens so extrem darstellt, wie ich es von Geschichten aus einem christlichen Verlag bisher nicht kannte. Gabrielles/Leahs Weg war mir teilweise zu heftig, doch hat mich das runde Ende - im wahrsten Sinne des Wortes auf Gottes grüner Wiese - dann berührt. Auch wenn der Weg dorthin etwas steinig war. So, wie es viele Lebenswege sind.

Ein lohnenswerter Roman für Leser, die es gerne auch mal dramatisch mögen!

Veröffentlicht am 02.09.2021

Paula und ihre Lieben

Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe
0

Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Familie gibt den Kinder viel mit auf den Lebensweg - vor allen an geistigen Gütern wie Begegnungen mit Musik und Literatur mangelt es ihnen nicht. ...

Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Familie gibt den Kinder viel mit auf den Lebensweg - vor allen an geistigen Gütern wie Begegnungen mit Musik und Literatur mangelt es ihnen nicht. An materiellen Gütern hingegen ist nicht immer ausreichend vorhanden - nicht selten muss die Familie knappsen.

In dieser Situation schlägt Tante Guste, die kinderlose jüngere Schwester der Mutter Toni vor, Paula, die inzwischen ein reiferer Backfisch ist, zu sich zu nehmen - als eine Art Gesellschafterin, der sie eine Art umfassende kulturelle Ausbildung zukommen lassen will. Nach einigem Zögern willigt Paula ein, in den nur wenige Straßen entfernt liegenden Haushalt der Tante überzuwechseln - und betritt quasi eine neue Welt. Nicht nur die reichhaltigerer Mahlzeiten, nein, sie lernt nun auch kulturelle Vergnügungen wie Oper und Theater kennen, wird in höhere Kreise Berlins eingeführt und ihretwegen - seit ihrer Geburt begleitet sie ein Lungenleiden - mietet Auguste, wie die Tante sich nun von Paula nennen lässt, eine Unterkunft für die Sommerfrische an der Ostsee.

Es gehen weitere Jahre ins Land, in denen Paulas nächstältester Bruder Franz zum Studenten heranwächst. Durch ihn trifft sie auf seinen besten Freund Richard Dehmel, einen noch verkannten Dichter, mit dem sie bald eine leidenschaftliche Liebe verbindet.

Doch sowohl Paulas Eltern als auch Auguste tun sich schwer damit, diese Verbindung zu billigen...

Erneut bestätigt es sich, dass Ulrike Renk eine Meisterin historischer Familienromane ist. Schnell habe ich mich eingefunden in die Atmosphäre längst vergangener Zeiten in Berlin ebenso wie an der Ostsee, habe mit Paula gebangt, gebetet und genossen.

Ein wundervoller Roman, den ich nicht aus der Hand legen konnte und daher viel zu schnell beendete. Wie gern hätte ich weitergelesen, es gibt doch noch so viel zu erfahren! Was jedoch nicht weiter schlimm ist, ist diese Geschichte doch als Reihe auf mehrere Bände angelegt. Ich kann sie jedem Freund und jeder Freundin anspruchsvoller Familienromane von ganzem Herzen empfehlen!

Veröffentlicht am 29.08.2021

Runde Sachen

Der perfekte Kreis
0

Es sind runde Sachen, für die ich mich neuerdings begeistere, beziehungsweise dieser Roman darüber: über Calvert, einen ehemaligen Falkland-Soldaten und Redbone, eine Art Punkpoeten oder zumindest ...

Es sind runde Sachen, für die ich mich neuerdings begeistere, beziehungsweise dieser Roman darüber: über Calvert, einen ehemaligen Falkland-Soldaten und Redbone, eine Art Punkpoeten oder zumindest Freidenker, die den Sommer 1989 damit verbringen, England, beziehungsweise dessen Kornfelder mit wundersamen Kreisen zu dekorieren.

Nein, es sind keine Umweltrabauken, denn sie zerstören das Korn nicht, sie gehen sehr liebevoll damit um. Und schaffen sozusagen ein nationales Mythos, denn keiner kann sich so recht erklären, wie diese Kreise, die immer eine andere kunstvolle Form aufweisen, entstehen. Mehr und mehr werden sie für das Werk von Ausserirdischen gehalten.

Calvert und Redbone sind zwei sehr besondere und vor allem sehr unterschiedliche Charaktere, die auch - so könnte man meinen - vollkommen verschiedene Beweggründe für ihre nächtlichen Aktivitäten haben. Ob es tatsächlich so ist?

Dies zu erfahren, ist ebenso spannend wie die merkwürdigen Dinge, die sie nächtens so erleben. Die sind genauso merkwürdig wie ihre eigenen Taten und so denkwürdig wie die fast prophetischen Weissagungen Calverts zur Zukunft der Umwelt, die ich ihnen aber nicht verraten möchte - nein, diesen sehr besonderen und ebenso schrägen Umweltroman sollten Sie in Gänze genießen!

Veröffentlicht am 26.08.2021

...und dann ist das Geld weg!

Erben wollen sie alle
0

Biancas Kinder samt Anhang halten eher lockeren Kontakt zu der Mutter, die in einem Alterssitz auf Mallorca haust. Soll sie sich doch ein schönes Leben machen für die letzten paar Jahre.

Aber ...

Biancas Kinder samt Anhang halten eher lockeren Kontakt zu der Mutter, die in einem Alterssitz auf Mallorca haust. Soll sie sich doch ein schönes Leben machen für die letzten paar Jahre.

Aber zu schön darf es auch nicht sein - als Sohn Steffen und Tochter Anja herausbekommen, dass es da seit neuestem so einen flotten Typen namens Wolfgang gibt und ihre Mutter sich mit ihm eine Weltreise gönnen will - da machen sie sich schnell auf den Weg nach Spanien. Schließlich steht Biancas 75ster Geburtstag bevor und den sollte man ja nicht verpassen. Und nebenbei noch die Erbschaft in trockene Tücher bringen.

Was besonders für Hotelbesitzer Steffen ein wichtiges Anliegen ist, läuft es mit dem Betrieb doch eher schlecht als recht. Krankenschwester Anja denkt zwar auch an das Geld, doch als Krankenschwester ist ihr das Wohlergehen der Mutter mindestens genauso wichtig. Zumal Tochter Luisa, die natürlich auch mitfliegt, einen sehr guten Draht zur Oma hat und diese öfter besucht.

Die kleine Reisegesellschaft, zu der als Vierte im Bunde noch Steffens Frau zählt, sieht sich beim Anblick von Wolfgang, dessen Hemd die behaarte Brust freilässt und der auch sonst alles dafür tut, alternde Frauenherzen zum Schmelzen zu bringen, sofort in ihrem Verdacht bestätigt. Und es kommen noch so einige Indizien hinzu....

Ein witziger Ferien- und Sommerroman, aber einer mit Tiefe. Einer, der zeigt, dass es auf der Ferieninsel Mallorca nicht nur oberflächlich zugeht und auch hinter die Kulissen schaut. Und das nicht zu knappt. Autorin Tessa Hennig hat einen herrlich originellen Stil. Jede der Figuren ist liebevoll ausgearbeitet und lässt das Kopfkino rotieren. Ein Roman, in dem es auch um Berufswahl, wichtige Lebensziele, Demenz und Beziehungen im Allgemeinen wie auch im Besonderen geht und der trotzdem - oder gerade deswegen als Lektüre im Liegestuhl durchaus passend ist.