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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.01.2021

Eindringlich und lesenswert

Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht
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Ein irreführender Titel: es geht weniger um die Rattenlinie, nämlich den Weg der Nazis nach Lateinamerika als um die Geschichte des Otto Wächter und seiner Familie. Das Buch dringt tief in das Bewusstsein ...

Ein irreführender Titel: es geht weniger um die Rattenlinie, nämlich den Weg der Nazis nach Lateinamerika als um die Geschichte des Otto Wächter und seiner Familie. Das Buch dringt tief in das Bewusstsein und Gewissen Nachgeborener. Muss man unter allen Umständen zu seinen Vorfahren stehen, wie es Horst, der Sohn von Otto Maurer bedingungslos tut?

Eine spannende Auseinandersetzung mit ethischen Werten, aber auch mit der realen Vergangenheit.

Veröffentlicht am 06.01.2021

Ein Mann der Bücher

Vati
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Das ist Josef, der invalide Exsoldat. Also Vati, Monika Helfers Vater, den Grete Moosbrugger, ihre Mutter, sich im Lazarett schnappt und vom Fleck weg heiratet. So kommt er zur "Bagage", deren Teil Grete ...

Das ist Josef, der invalide Exsoldat. Also Vati, Monika Helfers Vater, den Grete Moosbrugger, ihre Mutter, sich im Lazarett schnappt und vom Fleck weg heiratet. So kommt er zur "Bagage", deren Teil Grete ist, eines der vielen Geschwister dieser Familie, die im Fokus des Vorgängerromans der Autorin steht. Auch er kommt vom Rand der Gesellschaft, auf eine andere Art und Weise allerdings. Und er liebt Bücher auf eine bedingungslose Art und Weise. Ihm geht es nicht nur ums Lesen, sondern auch ums Berühren, ums Besitzen.

Das Schaffen einer Bibliothek ist sein großes Werk, fast könnte man sagen, sein Lebenswerk, auch wenn es nicht für die Ewigkeit Bestand hat. Er wird nämlich zum Verwalter eines Kriegsopfer- Erholungsheimes, das über Jahre nur im Sommer belegt ist und so wachsen Monika Helfer und ihre Geschwister zunächst in schöner Natur und mit viel Platz auf. Sie können sich aussuchen, wo sie schlafen möchten - die meiste Zeit des Jahres jedenfalls. Josef leitet das Heim mit fester, aber nicht zu strenger Hand - sein Ein und Alles ist die von ihm begründete Bibliothek. Wer ihm da nicht rein redet bzw. sogar unterstützt, der hat anderweitig durchaus freie Hand.

Und dann ändert sich alles, die Mutter stirbt und auch das Erholungsheim verschwindet. Und leider auch Vati - zumindest aus dem Leben seiner Kinder Kinder - er wird zum Abwesenden.

Vati ist ein ganz schöner Brocken: einer, der seinen Kindern Wichtiges und Schönes näher bringt, Bücher vor allem. Doch er ist auch einer, der nicht immer zu ihnen steht, es in bestimmten Lebenslagen offenbar nicht kann. Ob es seiner eigenen Geschichte wegen ist? Denn auch seine Kindheit war keine einfache. Und er macht es seinen Kindern auch nicht gerade leicht.

Die Atmosphäre ist es, die mich als Leserin dies es eindringlichen Romans bis ins Innerste trifft und verfolgt, das Wiedererkennen nämlich. Das Erkennen von Aspekten des Lebens unter Kriegsversehrten, von bestimmten Ansätzen, die ich gar nicht so genau benennen kann, die mich eher emotional treffen und wohl in meine früheste Kindheit zurückführen ist, denn auch mein Vater war einer von ihnen. Dieser Punkt vor allem macht diesen Roman zu einem ganz besonderen Buch für mich, doch auch der Zugang der Autorin zum alles andere als einfachen Thema hat mich tief beeindruckt. Gewissermaßen gibt sie sich und ihre Familie ihren Lesern preis. Somit ist dieses Buch eine ganz besondere Art von Denkmal, das sie ihrem Vater setzt, eines mit Ecken und Kanten, aber auch mit viel Wärme!

Veröffentlicht am 03.01.2021

Das Schlimmste und das Beste

Erinnerungen aus Glas
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Hier begegnen sich Kindheitsfreunde in den Niederlanden unter schwierigsten Bedingungen wieder. Sie haben sich sehr von einander entfernt, Eliese hat ihre Freunde Josie und vor allem Samuel enttäuscht, ...

Hier begegnen sich Kindheitsfreunde in den Niederlanden unter schwierigsten Bedingungen wieder. Sie haben sich sehr von einander entfernt, Eliese hat ihre Freunde Josie und vor allem Samuel enttäuscht, indem sie ein Versprechen gebrochen und sich einem anderen Mann zugewandt hat. Und doch finden Eliese und Josie wieder zueinander, als es darum geht, Kinder - Juden wie sie selbst - vor dem Konzentrationslager und damit vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Auf einer zweiten Erzählebene begegnet uns die junge Ava in der Gegenwart, eine Außenseiterin in der eigenen Familie. Auch, wenn hier eine große Liebe entsteht und Ava auch in anderer Hinsicht über sich selbst hinauswächst, empfinde ich ihn im Vergleich zur Vergangenheit als deutlich weniger eindringlich. Es herrscht ein gewisses Chaos und die Auflösung erfolgt aus meiner Sicht zu glatt.

Ja, in diesem Roman, der erstaunlicherweise auf wahren Begebenheiten basiert - erstaunlich, weil vieles so widersprüchlich und/oder unglaublich ist, dass man es kaum fassen kann, kommt das Schlimmste, aber auch das Beste im Menschen zum Vorschein. Ich hätte nicht geglaubt, dass Menschen so kaltblütig, so zynisch sein können. Auf der anderen Seite ist es aber noch viel erstaunlicher, wieviel Gutes ein Mensch - und noch mehr viele Menschen zusammen - unter allerschwierigsten Bedingungen und größten Opfern zustande bringen können.

Schade nur, dass das alles in einem recht chaotischen Stil erzählt wird, es hätte noch weitaus eindringlicher präsentiert werden können, als es ohnehin schon der Fall ist!

Veröffentlicht am 31.12.2020

Ein Traumtänzer der besonderen Art

Hannah und Ludwig
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Obwohl er von seinen körperlichen und geistigen Voraussetzungen her nicht gerade der lebenstüchtigste Zeitgenosse ist, schafft es Ludwig Seligmann, in den 1930er Jahren, noch bevor es richtig losgeht mit ...

Obwohl er von seinen körperlichen und geistigen Voraussetzungen her nicht gerade der lebenstüchtigste Zeitgenosse ist, schafft es Ludwig Seligmann, in den 1930er Jahren, noch bevor es richtig losgeht mit Bücherverbrennungen und dann auch denen von Menschen, seine gesamte Familie nach Palästina zu holen und ihnen ein Zuhause zu schaffen.

Eines, das ihm von seiner wesentlich anpackerenden Schwester dann auch bald wieder abgeschwatzt wird.. Doch Ludwig lebt weiter, er hat seine Begabung als Kaufmann entdeckt und heiratet nach etlichen Frauenbekanntschaften die schöne Hannah, die ihm von einem Bekannten vorgestellt bzw. vermittelt wird.

Hannah hat im Gegensatz zu Ludwig ihrem Bruder geraten, in Polen zu bleiben und macht sich nun ständig Vorwürfe. Sie ist eine kluge und besonnene Frau, aber kein glücklicher Mensch, warum, das wird bald deutlich und ist für den Leser mehr als nachvollziehbar.

Doch als sie nicht mehr zu hoffen wagen, wird Söhnchen Rafael - richtig, der Autor dieser Geschichte - geboren. Auf ihn richtet Hannah nun ihre gesamte Aufmerksamkeit und Liebe, das größte Glück wird zur großen Prüfung für das Paar. Zu der inzwischen - in der Nachkriegszeit und im jungen Staate Israel - noch so einige hinzukommen.

Ludwig lernt, dass eigentlich auf niemanden Verlass ist, auch nicht auf sich selbst - eine mitreißende, zeitweilig verstörende Familiengeschichte. Der Autor schreibt offen und ehrlich über seine Verwandtschaft und beschönigt nichts. Wobei diese Geschichte natürlich eines nicht ist, nicht sein kann: objektiv. Und so macht der Autor passenderweise nicht mal einen Versuch dazu.

Lesenswert für Menschen, die sich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessieren und starken Tobak nicht scheuen!

Veröffentlicht am 23.12.2020

Auf der Jagd nach DEM Käfer

Miss Bensons Reise
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Eine Frau, nämlich Miss Benson, ihres Zeichens Lehrerin mit ein klein wenig Dreck am Stecken, macht sich auf zur anderen Seite der Welt um einen sehr, sehr seltenen Käfer, nämlich einen güldenen, den noch ...

Eine Frau, nämlich Miss Benson, ihres Zeichens Lehrerin mit ein klein wenig Dreck am Stecken, macht sich auf zur anderen Seite der Welt um einen sehr, sehr seltenen Käfer, nämlich einen güldenen, den noch nie jemand in Natura gesehen hat, zu finden, begleitet von einer zweifelhaften Assistentin und verfolgt von einem selbsternannten Exkursionsleiter, von dem sie gar nichts weiß. Eine Art Road Movie der schrägen Art also.

Und ja, zweifelsohne gab es Aspekte an dem Buch, die es mir angetan haben: es ist originell und beinhaltet einige ausgesprochen skurrile Stellen, die mich gut unterhalten haben. Leider jedoch habe ich mehr noch unter den vielen Längen und gelegentlichen Redundanzen gelitten. Die Längen nahmen zum Ende hin ab, die Redundanzen wurden jedoch immer mehr, insbesondere waren das Anspielungen auf bestimmte Entwicklungen zum Ende hin, die man dadurch mehr und mehr voraussehen konnte.

Ich kannte bislang nur einen Roman der Autorin und zwar "Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie", der mir ausgesprochen gut gefiel. Von daher habe ich mich mit recht hohen Erwartungen an das vorliegende Werk gemacht - gut möglich, dass mir das Buch andernfalls mehr zugesagt hätte und ich einfach übertrieben streng geurteilt habe.