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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.08.2021

Auf und Ab in Harlem

Harlem Shuffle
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Das für die 60er Jahre authentische Cover, welches eine Straßenszene mit amerikanischen Straßenkreuzern und einer Ampel an einer typischen überirdischen Elektroleitung zeigt, führt gut in die Problematik ...

Das für die 60er Jahre authentische Cover, welches eine Straßenszene mit amerikanischen Straßenkreuzern und einer Ampel an einer typischen überirdischen Elektroleitung zeigt, führt gut in die Problematik ein, besonders, da nur dunkelhäutige Bewohner im Sichtfeld des Betrachters stehen. Überall liegen Papierfetzen und Müll herum.
Man wird gut in die Problematik eingeführt, denn gleich zu Beginn wird deutlich gemacht, dass hier indirekte Rassentrennung herrscht. Es gibt “weiße” und “schwarze” Geschäfte und die Gegend wird fast ausschließlich von Afroamerikanern bewohnt, die sich untereinander aber oft als “Nigger” beschimpfen.
So ist Rassismus und die Existenz als Schwarze Person in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft das Rahmenthema. Der Plot macht die zunehmenden Rassenunruhen und die daraus resultierende Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre deutlich.
Der Autor zeigt aber auch die USA der Jetztzeit auf mit Polizeigewalt gegen Schwarze, der Erschließung George Floyds und der aktuellen Protestbewegung, denn in den vergangenen 60 Jahren hat sich für Afroamerikaner leider nicht viel verändert.
Das Leben in New York heutzutage wird ebenfalls genau porträtiert.
Whitehead präsentiert uns eine Familiengeschichte, aber auch einen Krimi. Der dunkelhäutige Ray Carney bemüht sich, auf ehrliche Weise zu überleben, aber er lebt in einer schrecklichen, viel zu kleinen Wohnung, und seine Frau erwartet ihr zweites Kind. Als Möbelhändler verdient er nicht genug und rutscht somit immer mehr in illegale Nebeneinnahmen ab. Er lässt sich auf einen größeren Coup ein und gerät danach zwischen alle Fronten. Wie wird er es überstehen?
Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Amerikanischen der 60er Jahre. Allerdings bleibt mir die Bedeutung einiger deutscher Sätze verschlossen, obwohl ich sehr gut Englisch kann, und die Originalsprache unter Umständen andere Nuancen möglich macht. Generell hat der erfahrene Übersetzer aber sehr gute Arbeit geleistet und bringt den sehr intensiven, flotten und mitreißenden Schreibstil des Autors rüber.
Die Charaktere sind authentisch und bringen dem Leser diese immerwährende Problematik näher. Aber auch Diskriminierung unter Schwarzen wird dargestellt.
Der Autor war mir bisher nicht bekannt, aber seine Herangehensweise hat mich vollständig überzeugt. Somit werde ich mich an andere Werke Whiteheads heranwagen, allerdings in der Originalsprache. “Harlem Shuffle” wäre als annotierte Fassung auf Englisch auch in der Oberstufenarbeit der Gymnasien einsetzbar, denn die Thematik “Rassismus” wird sehr häufig unterrichtet.

Veröffentlicht am 08.08.2021

Total breakdown.

Systemfehler
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Das Cover in schreienden Signalfarben und dem schwindenden Empfangsstärke - Symbol des Internets demonstrieren die Brisanz der Thematik, nämlich den drohenden Untergang des hochzivilisierten Europas.
Dieses ...

Das Cover in schreienden Signalfarben und dem schwindenden Empfangsstärke - Symbol des Internets demonstrieren die Brisanz der Thematik, nämlich den drohenden Untergang des hochzivilisierten Europas.
Dieses ist mein erstes Werk von Wolf Harlander, aber das Vorgängerbuch "42 Grad" hat auch sofort mein Interesse geweckt, denn es werden brandaktuelle Themen angesprochen. In “Systemfehler” geht es darum, dass Hacker das gesamte digitale Leben lahmlegen. Zwei Hauptprotagonisten, Daniel Faber, IT-Spezialist, und Nelson Carius vom BND versuchen, den Hintermännern auf die Schliche zu kommen. Dabei wird nicht nüchtern berichtet, sondern die Handlung ist in realistische und authentische Kontexte integriert. Man erfährt viel über Fabers Familie und seine berufliche Zwangslage. Der Leser wird mit der bedrohlichen Situation anhand des Lebens der Normalbürger, die plötzlich ohne Geld, Nahrungsmittel, Internet, medizinischer Versorgung ... dastehen, konfrontiert.
Harlander hat einen leicht verständlichen, klaren und schnörkellosen Schreibstil. In kurzen Kapiteln mit ständigem Perspektivwechsel wird berichtet, unterbrochen von Pamphleten, Aktenvermerken, Zeitungsmeldungen, politischen Geheimprotokollen, ja sogar einem Briefing des Weißen Hauses in Washington. Man ist völlig gefesselt, besonders, da der Realitätsbezug eine mögliche Nachahmung befürchten lässt, denn die Cyberkriminalität nimmt immer mehr zu. Die Handlungsstränge werden gegen Ende gekonnt zusammengefügt, und Faber heuert bei einem neuen Arbeitgeber an, was er sich wohl niemals hätte vorstellen können. Das Werk führt zu einer gekonnten Auflösung, hinterlässt den Leser aber mit den Schilderungen eines Horrorszenarios, die mich sehr nachdenklich gestimmt haben, besonders, da die zahlreichen Figuren sehr authentisch porträtiert wurden. Insgesamt ein realistischer, hochbrisanter Thriller der mich von Anfang bis Ende gefesselt hat.
Eine klare Kaufempfehlung für breitgefächerte Leserkreise.

Veröffentlicht am 22.07.2021

Ausbruch.

Wildtriebe
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Angelockt durch das wunderschöne, sehr romantische Cover in grau - rosa Tönen, und den verwirrenden Titel “Wildtriebe” wurde mein Interesse an diesem Roman geweckt. Außerdem hat mich die Schwiegermutter/ ...

Angelockt durch das wunderschöne, sehr romantische Cover in grau - rosa Tönen, und den verwirrenden Titel “Wildtriebe” wurde mein Interesse an diesem Roman geweckt. Außerdem hat mich die Schwiegermutter/ Schwiegertochterproblematik angesprochen. Wildtriebe sind etwas Negatives, und der Titel soll möglicherweise den Ausbruch (Austrieb) aus dem Althergebrachten symbolisieren, denn die Großbäuerin Lisbeth hat sehr festgefügte Vorstellungen von Haushaltsführung, Frausein und Hofmanagement. Marlies, ihre Schwiegertochter hingegen, die circa in den 60er Jahren in den Hof einheiratet, versucht, aus ihrem strengen Regiment auszubrechen, indem sie auf einer Teilzeitarbeit beharrt, Treckerfahren lernt und den Jagdschein macht. Weder von Lisbeth noch von ihrem Ehemann wird sie dafür gelobt. Es wird kommentarlos akzeptiert, dass Marlies am Nachmittag sich sehr intensiv an der Stall- und Feldarbeit beteiligt.
Marlies schafft es aber nicht, sich eine ebenbürtige Stufe mit ihrer Schwiegermutter zu erkämpfen. Ihre Ehe läuft freudlos, das Leben wird bestimmt durch die schwere Arbeit auf dem Hof. Amüsements wie Tanzen, Kino, Essengehen, Shoppen.... finden nicht statt.
Vieles bleibt unausgesprochen, da es von Marlies akzeptiert werden muss. Eine offene Konfrontation zur Klärung aber findet nicht statt. Niemand traut sich, Wut, Frust, Ärger und Hoffnungen auszusprechen. Alles wird heruntergeschluckt und bleibt im Inneren verborgen. Ute Mank hat es sehr gut verstanden, diese Sprach- und Trostlosigkeit in halben Sätzen anzudeuten. Ihr beschreibender, gefühlvoller Schreibstil setzt diese Ausweglosigkeit sehr gut in Szene.
Als Charakter erscheint mir Lisbeth am authentischsten, denn sie wurde als sehr junge Hoferbin und die schwere Kriegszeit nur zum Durchhalten und Hoferhalt gezwungen. Sie lernt aber nichts dazu, was das Zwischenmenschliche zwischen Ihr und Marlies anbelangt.
Marlis erscheint mir zu unterwürfig, aber ihre einzige Tochter, Joanna, soll quasi als Stellvertreterin das erreichen, was ihr nicht möglich war. Dabei macht sie viele Erziehungsfehler, genau wie Lisbeth, denn Joanna wird sehr verwöhnt, muss nicht bei der Hofarbeit mithelfen, darf Abitur machen, ins Ausland gehen, studieren und ihren Neigungen nachkommen. Aber Johanna verhält sich ihrer Mutter gegenüber rücksichtslos und lässt sich gehen, denn zum Schluss wird sehr deutlich, dass sie sich als Hoferbin sieht, der nichts passieren kann. Sie ist, meiner Meinung nach, übertrieben gezeichnet. Ihre Entscheidungen und ihr Verhalten am Romanende sind für mich nicht nachvollziehbar, aber sie wird von Lisbeth voll unterstützt, der es, egoistisch wie sie ist, nur darum geht, dass die Blutlinie weitergeführt wird und der Hof vererbt werden kann. Daher Punkteabzug! Marlies hingegen, gibt die Situation Auftrieb und Mut für ein selbstbestimmtes Leben.
Zwar enthält der Roman Längen, jedoch hat er mir gut gefallen, da ich mich in eine unbekannte Situation hineindenken musste. Er dürfte aber besonders interessant sein für Personen, die Ähnliches auf einem Bauernhof erlebt haben, denn die Atmosphäre und die Probleme auf einem Hof sind sehr eindrücklich beschrieben. 4 Punkte.

Veröffentlicht am 29.06.2021

Eingeholt von der Vergangenheit

Von hier bis zum Anfang
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Das Cover passt perfekt zur Handlung, denn wir beginnen am Ende (Titel der englischen Originalausgabe “We Begin at the End”) heißt es mehrfach im Buch und bedeutet, dass die Geschichte am Ende beginnt ...

Das Cover passt perfekt zur Handlung, denn wir beginnen am Ende (Titel der englischen Originalausgabe “We Begin at the End”) heißt es mehrfach im Buch und bedeutet, dass die Geschichte am Ende beginnt und sich immer weiter zum Ursprung der Geschehnisse vorarbeitet und erst ganz zum Schluss eine völlig überraschende Lösung liefert. Somit ist das Cover oben schwarz, präsentiert dann bedrohliche Wolken und zeigt unten einen aufgehellten Himmel über einem goldgelben Weizenfeld.
Es ist wichtig, dass der Roman in den USA spielt, und auch die Übersetzung ist geglückt, denn die Personen sprechen und handeln authentisch, den Bedingungen entsprechend.
Die ganze Dramatik wirkt sich auf das Leben von vier befreundeten Jugendlichen aus, als Vincent den Tod der kleinen Schwester seiner Freundin Star verursacht. Es handelt sich dabei aber um einen Unfall! Hinzu kommt, dass Star ihre Aufsichtspflicht verletzt hat. Die amerikanische Justiz wertet die Sachlage aber als Mord und brummt dem 15-jährigen Vincent eine 30-jährige Haftstrafe im harten Erwachsenenstrafvollzug auf. Mich hat das Verhalten dieser Figur besonders aufgerüttelt und belastet. Vincent gibt sich ganz seiner Seelenqual hin. Er will büßen, sich an sich selbst rächen, bei vorgefassten Prinzipien bleiben und lehnt eine verfrühte Entlassung ab.
Sein Verhalten das als schizophren anmutet, wird immer undurchsichtiger, besonders nach den Offenbarungen am Schluss. Warum büßt er, vernachlässigt jedoch ihm nahestehende Personen? Er will selbstlos sein, was wird aber passieren, wenn andere die grausame Wahrheit erfahren? Man kann ihn als “tragischen Held” bezeichnen! Besonders die weibliche Protagonistin, Duchess, welche sich um ihren 5-jährigen Bruder und ihre Mutter, haltlos, drogensüchtig, alkoholabhängig und depressiv kümmert ist herausragend beschrieben, denn als 13-jährige ist sie total von der Haushaltsführung und allen anderen Aufgaben überfordert. Deshalb reagiert sie so überaus aggressiv, ohnmächtig und wütend, um ihre tiefe Verletzlichkeit zu überspielen und stark zu sein. Sie bezeichnet sich als “outlaw”, ist nie ein Kind gewesen und driftet in kriminelles Verhalten ab, denn sie kann ihre Reaktionen oft nicht kontrollieren. Für mich ist sie eine typische “Systemsprengerin”.
Der zweite Protagonist ist Walk, Vincents Jugendfreund, der trotz aller sich häufenden Anklagen nach Vincents Entlassung zu ihm hält, ihn für unschuldig hält und sein Wissen als Polizist nutzt, um ihn vor dem Tod zu retten. Zwischen ihm und Vincent findet jedoch keinerlei Kommunikation statt, da sich der ehemalige Häftling völlig verschließt. Das hat zur Folge, dass Walks Bemühungen umsonst sind, da wichtige Fakten verschwiegen werden. Der schwerkranke Polizist befindet sich zum Schluss in einer Ohnmacht.
Die Handlung gewinnt dadurch an Spannung, dass viele Dinge zunächst nur angetippt werden, um dann, wie bei einem Puzzle, zur Lösung beizutragen. Es gibt viele Wendungen, etliche Verflechtungen der Charaktere untereinander, blutige Schießereien und Leichen. Jede Figur hat eine sehr individuelle Ausgestaltung. Die Tragik und Dramatik nimmt ihren Lauf! Dabei wird die Handlung immer wieder durch philosophische Betrachtungen und gekonnte Landschaftsschilderungen unterbrochen, die oftmals den Seelenzustand der Protagonisten reflektieren.
Diese Vielfältigkeit wird durch zwei sich abwechselnde Erzählperspektiven, der von Walk und der von Duchess, unterstützt. Besonders gut hat mir die sehr einfühlsame und emotionale Erzählweise des Autors gefallen. Hinzu kommt neben der inhaltlichen und sprachlichen Ausgestaltung, dass er sich nicht an einem Genre festhält, sondern Familientragödie und Krimi miteinander kombiniert. Mich hat dieser Roman daher besonders gefesselt. Ich habe immer wieder Pausen der Reflektion eingelegt, um den jeweiligen Sachstand zu “verdauen” und die Seelenzustände der Figuren psychologisch zu interpretieren.
Für mich ist Whitakers Roman “Von hier bis zum Anfang” überaus lesenswert bereichernd und spannend bis zum Schluss.

Veröffentlicht am 06.06.2021

Erfolgreiche neue Kriminalistik

Das Buch des Totengräbers (Die Totengräber-Serie 1)
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Gleich nach der Lektüre von “Das Buch des Totengräbers” habe ich beschlossen, dass meine nächste Urlaubsreise mich unbedingt nach Wien führen muss, denn der Roman liefert ein sehr anschauliches Bild von ...

Gleich nach der Lektüre von “Das Buch des Totengräbers” habe ich beschlossen, dass meine nächste Urlaubsreise mich unbedingt nach Wien führen muss, denn der Roman liefert ein sehr anschauliches Bild von dieser von Kultur geprägten Stadt mit dem herausragend schönen Friedhof mit vielen Prominentengräbern.
Bisher kannte ich nur 2 Historienromane von Pötzsch, aber nach der Lektüre dieses Werkes bin ich hellauf begeistert von diesem Kriminalroman, der eine neue Reihe um den Inspektor Leopold von Herzfeldt und den Wiener Totengräber Augustin Rothmayer einleitet. Von Herzfeldt wird von Graz ins kriminaltechnisch sehr rückständige Wien versetzt, um dort neu aufkommende Ermittlungsmethoden wie Spurensicherung und Fotografie einzuführen, aber das führt zu Konflikten mit seinen erzkonservativen Kollegen. Er wird sogar als “Jude” beschimpft.
August Rothmayer, der sehr intelligente aber schrullige Totengräber des Wiener Zentralfriedhofes schreibt einen Almanach für Totengräber und interessiert sich für Von Herzfeldts neue Methoden. Somit werden sie ein Ermittlungsteam. Aber auch die, für damalige Verhältnisse sehr emanzipierte, Telefonistin, Juli Wolf, interessiert sich für Von Herzfelds neue Ermittlungsansätze. Alle 3 sind hervorragend beschrieben.
Pötzsch liefert ein Zeitportrait des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beschreibt gekonnt die damaligen Lebensumstände in Wien. Die 3 sind mit einer Ermordungsserie von Dienstmädchen konfrontiert, die alle gepfählt wurden. Das Buch liefert viele Hinweise auf den Serientäter, die Handlung ist spannend, interessant und gekonnt aufgebaut und die Buchthematik ist meisterhaft umgesetzt.
Der atmosphärische, metaphernreiche Schreibstil erzeugt ein Gänsehautgefühl, und man muss und will immer weiterlesen. Ich bin hellauf von diesem Kriminalroman begeistert und hoffe sehr auf weitere Fälle mit Leopold von Herzfeldt und seinen Mitstreitern.