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Venatrix

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Veröffentlicht am 01.02.2022

Fesselnder Politkrimi

Verrat am Rhein
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Der alternde Journalist Kurt Zink wird von Anita Bock engagiert, zum 80. Geburtstag ihres Mannes Alexander, eine Biografie zu schreiben.

Alexander Bock, ein ehemaliger Stasi-Offizier rühmt sich heute, ...

Der alternde Journalist Kurt Zink wird von Anita Bock engagiert, zum 80. Geburtstag ihres Mannes Alexander, eine Biografie zu schreiben.

Alexander Bock, ein ehemaliger Stasi-Offizier rühmt sich heute, Willy Brandt beim Misstrauensvotum von 1972 durch die Manipulation der Stimmkarten vor dem Sturz bewahrt zu haben. Anita Bock legt hierfür Beweise vor, die Zink, der schon damals diese Vermutung hatte, noch gefehlt haben.

Je tiefer Kurt Zink in das Leben des Jubilars eindringt, desto gefährlicher wird es für ihn. Auch wenn es die Stasi nicht mehr gibt, gibt es doch Kräfte, die nicht wollen, dass die Intrigen und der parteiinterne Machtkampf gegen Rainer Barzel (CDU) ans Tageslicht kommen. Man hat damals mit dem manipulierten Scheitern des Misstrauensantrags Rainer Barzel als Kanzler verhindert.

Doch Kurt Zink wäre kein Aufdeckungsjournalist, wenn er sich davon abhalten ließe, die Hintergründe zu recherchieren. Er nützt sein umfangreiches Netzwerk für seine Nachforschungen und stößt auf eine beinahe unglaubliche Geschichte ...

Meine Meinung:

Den Aufhänger dieses politischen Krimis, nämlich das Misstrauensvotum rund um Willy Brandt, musste ich ein wenig nachlesen, da ich damals eine junge Gymnasiastin war und mich nicht für Politik interessiert habe. Deshalb hat es auch ein wenig gedauert, bis ich in die Geschichte eintauchen konnte. Doch dann hat sie mich gepackt.

Das Element von Zwillingen, die nichts voneinander wissen ist ja seit Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ ein beliebtes Sujet. Diesmal gibt es zwei Brüder, die jeweils im anderen Deutschland aufwachsen und beruflichen Erfolg haben. Dass sie sich in dieselbe Frau verlieben, die noch dazu eine Spionin ist, erhöht den Reiz der Geschichte.

Die Firmengeschichte von Alexander Bock Garten- und Heimwerkerkette zeigt deutlich, wie skrupellos so mancher Firmenchef beim Aufbau seines Imperiums vorgegangen ist. Ich gehe davon aus, dass sich Ähnliches auch in Wirklichkeit abgespielt hat.

Hartmut Palmers Schreibstil ist fesselnd. Es kommen kaum Längen auf. Die Charaktere sind gut gezeichnet. Mit einer Idee, die mir schon bald in den Sinn gekommen ist, bin ich richtig gelegen.

Fazit:

Dieser Krimi zeigt deutlich, dass Politik eine unsaubere Sache ist und manche Politiker glauben, der Zweck heilige alle Mittel. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.02.2022

Ein aufwühlendes Buch

Wie ich das chinesische Lager überlebt habe
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Gulbahar Haitiwaji und ihre Familie leben, weil sie zu den in China verfolgten Uiguren gehören, als anerkannte Flüchtlinge in Paris, als Gulbahar 2016 einen Anruf einer chinesischen Behörde erhält, sie ...

Gulbahar Haitiwaji und ihre Familie leben, weil sie zu den in China verfolgten Uiguren gehören, als anerkannte Flüchtlinge in Paris, als Gulbahar 2016 einen Anruf einer chinesischen Behörde erhält, sie müsse kurz in ihre alte Heimatstadt Xingjiang reisen, um Papiere für ihre Pensionierung zu unterschreiben.

Während ihr Mann und die beiden Töchter französische Staatsbürger sind, hat Gulbahar die chinesische nie aufgegeben, um gegebenenfalls ihre Mutter besuchen zu können. Das rächt sich nun, denn die Frau wird nach ihrer Ankunft in China verhaftet und unter fadenscheinigen Beschuldigungen vorerst in Untersuchungshaft genommen. Es stellt sich heraus, dass die chinesischen Behörden eine Foto von Gulbahars Tochter haben, das sie angeblich bei einer antichinesischen Demo in Paris zeigt. Grund genug, um die Mutter zu verhaften, sie zu foltern und anschließend ohne richtigen Prozess für sieben Jahre in ein Umerziehungslager zu stecken.
Erst nach Monaten gelingt es Gulbahars Mutter und Schwester, Kontakt mir ihr aufzunehmen, immer in der Angst, als Nächste verhaftet zu werden.

Während Gulbahar unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und so wie die meisten Uiguren zwangssterilisiert wird, beginnt ihre ältere Tochter einen beinahe aussichtslosen Kampf um die Freilassung ihrer Mutter.

Es sollte drei Jahre dauern, bis Gulbahar aus der Lagerhaft entlassen wird und nach Frankreich zurückkehren kann.

Meine Meinung:

Der Genozid an den Uiguren reiht sich nahtlos in staatlich sanktionierte Völkermorde ein: Juden, Armenier, Nepalesen, Bosnier und nun die Uiguren. Unter dem Deckmäntelchen der „Terrorismusbekämpfung“ nimmt man Andersdenkenden und Andersgläubigen ihre Namen, ihre Religion und raubt ihnen sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft. Besonders perfide ist die Zwangssterilisation der Frauen durch als „Impfung“ getarnte Hormonspritzen. Ob es den Männern ähnlich ergeht, ist nicht bekannt, denn es scheint, als wäre Gulbahar die Einzige, die ein solches Lager überlebt hat und darüber spricht. Vermutlich sind die wenigen Überlebenden an Körper und Seele gebrochen und leben in dauernder Angst, wieder verhaftet zu werden, um dann für immer zu verschwinden.

Doch solange wir alle hier zusehen, wird sich wenig ändern. Die Frage ist nur, was können wir, jeder Einzelne tun, um diesem Völkermord Einhalt zu gebieten?

Nach ihrer Rückkehr müssen Gulbahar und ihre Familie erleben, dass sich Freunde und Bekannte aus der uigurischen Community von ihnen zurückziehen. Warum ist Gulbahar freigekommen? Wen hat sie denunziert? Ist sie als Spionin zurückgekommen?

Lange hat Gulbahar mit sich gerungen, dieses Buch unter ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen. Ich verneige mich vor Gulbahar Haitiwaji, dass sie uns ihre Geschichte nicht vorenthält. Es ist, als bekämen die diffusen Nachrichten über den Genozid an den Uiguren nun ein Gesicht.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das sehr, sehr nachdenklich macht. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 30.01.2022

Lyrik - die unbekannte Seite Heinrich Bölls

Ein Jahr hat keine Zeit
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Wer kennt ihn nicht, den Literaturnobelpreisträger von 1972, Heinrich Böll (1917-1985)? Wer an ihn denkt, denkt an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder an „Ansichten eines Clowns“. Doch Heinrich ...

Wer kennt ihn nicht, den Literaturnobelpreisträger von 1972, Heinrich Böll (1917-1985)? Wer an ihn denkt, denkt an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder an „Ansichten eines Clowns“. Doch Heinrich Böll hat auch zeitlebens Lyrik geschrieben. Nicht als bloßen Zeitvertreib oder als Nebensache. Nein, man muss viele dieser Gedichte, die ab 1936 entstanden sind, als eigenständigen Bestandteil seines Schaffens sehen.

Bölls Lyrik ist selten liebesschwülstig. Im Gegenteil, zahlreiche Werke muten militärisch, martialisch an. So gemahnt das Gedicht „Preußentum“ aus 1938 mit seinem „Ra Ta, Tra Ra, Ra Ta Ta! ... Romm, Bomm, Bomm“ an jene Geräusche, die wenige Jahre später zum Alltag gehören werden - die Geräusche des Todes durch Gewehrfeuer.

Es ist René Böll, dem Sohn und Nachlassverwalter, von Heinrich Böll zu verdanken, diese Gedichte lesen zu dürfen.

Ich gebe ja zu, dass Lyrik nicht zu meinen bevorzugten Genres zählt. Doch diese Experimente der Sprache erinnern an Christian Morgenstern oder Ernst Jandl, die gerne gelesen habe.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser mir bislang unbekannten Seite von Heinrich Böll 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2022

Ein STück Zeitgeschichte

Lauf!
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Jugoslawien war ein, nach dem Zerfall der Donaumonarchie 1918, künstlich geschaffener Staat, der bis 1945 eine Monarchie und von 1945 bis zu den Unabhängigkeitskriegen 1991 eine sozialistische, föderative ...

Jugoslawien war ein, nach dem Zerfall der Donaumonarchie 1918, künstlich geschaffener Staat, der bis 1945 eine Monarchie und von 1945 bis zu den Unabhängigkeitskriegen 1991 eine sozialistische, föderative Republik war. Lange Jahre durch die eiserne Hand von Josip Broz Tito zusammengehalten, bestand der Staat aus mehreren Teilstaaten mit unterschiedlichen Ethnien, Religionen und Schriften (Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien sowie den zu Serbien gehörenden Provinzen Kosovo und Vojvodina).
Nach mehreren Volksabstimmungen erklären sich im Juni 1991 die Teilstaaten Slowenien und Kroatien von Jugoslawien unabhängig, was die jugoslawische Armee mit Waffengewalt verhindern will. Damit lösen sie den 10-Tage-Krieg in Slowenien und den bis 1995 dauernden Kroatien-Krieg aus. In weiterer Folge eskaliert die Lage in den übrig gebliebenen Gebieten Restjugoslawien, die offiziell bis 2008 dauern, bis auch der Kosovo seine Unabhängigkeit verkündet hat.

Soweit der kurze historische Abriss.

Nun zum Inhalt:

Bis zum Sommer 1991, unmittelbar vor ihrem 13. Geburtstag, lebt die Autorin unbeschwert inmitten ihrer Familie in Karlovac (Teilrepublik Kroatien). Dann bricht der Unabhängigkeitskrieg aus und nichts ist mehr so wie zuvor. Das bisher bekannte Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Soldaten patrouillieren in den Straßen und kontrollieren die Menschen. Schüsse und Raketeneinschläge tagaus tagein. Einkaufen wird zum Spießrutenlauf, die Schule fällt aus, Menschen fliehen oder werden evakuiert und viele sterben bei Gefechten.

Wir erleben gemeinsam mit der Autorin die bangen Tage und Nächte im Bunker mit. Wir zucken mit ihr zusammen, wenn in der Nähe eine Rakete einschlägt. Der Albtraum wird erst vier Jahre später, also 1995 zu Ende sein. Vier Jahre ihres Lebens, die Bojana gestohlen worden sind.

Meine Meinung:

Bojana Meandžija hat diese Ereignisse mit 16 Jahren niedergeschrieben. Sie betrachtet diese Jahre aus der Sicht der Jugendlichen, die sie damals war. Ohne zu verstehen, warum und wieso, Nachbarn aufeinander schießen, gibt sie ein authentisches Bild des Unabhängigkeitskrieges, der sich mitten in Europa ereignet hat. Als Österreicherin habe ich vor allem den 10-Tages-Krieg an der steirisch-slowenischen Grenze miterlebt.

Das Buch ist im Klagenfurter Verlag Lojze Wieser erschienen, der sich immer wieder Bücher von Autoren aus den südöstlichen Nachbarländern herausbringt.
Das Buch ist als Hardcover in gediegener Aufmachung mit einem Lesebändchen erschienen.

Fazit:

Ein authentisches Stück Zeitgeschichte, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 30.01.2022

Isadora Duncan - ein Leben für den Tanz

Der blaue Vorhang
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Das Autoren-Duo Barbara Sichtermann und Ingo Rose nehmen sich in dieser Romanbiografie einer interessanten Persönlichkeit an: Isadora Duncan (1877-1927).

Isadora Duncan, eine irischstämmige Amerikanerin ...

Das Autoren-Duo Barbara Sichtermann und Ingo Rose nehmen sich in dieser Romanbiografie einer interessanten Persönlichkeit an: Isadora Duncan (1877-1927).

Isadora Duncan, eine irischstämmige Amerikanerin hat mit ihren, an die griechische Antike angelehnten, Tänzen einen nicht nur für Furore gesorgt. Denn anders als im klassischen Ballett, das seit Jahrhunderten im Corps, auf Spitze und im Tutu getanzt wird, tritt Isadora allein auf einer Bühne, deren Bühnenbild nur blaue Vorhänge sind, auf. Sie trägt nur ein durchscheinendes, fließendes Gewand, das dem griechischen Chiton ähnelt und tanzt (shocking!) barfuß. Statt des begleitenden, großen Orchesters spielt zu Beginn ihrer Karriere nur ein Pianist.

Diese avantgardistischen Darbietungen polarisieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mehrmals wird sie mit Auftrittsverbot belegt. Selbst im Mutterland der angeblichen Freiheit, Amerika, darf sie in einigen Städten nicht auftreten. Das hat natürlich vor allem mit der bigotten und puritanischen Einstellung der Amerikaner zu tun.

Isadora feiert große Triumphe, verdient eine Menge Geld, das sie auch gleich wieder ausgibt und erlebt auch Niederlagen. Ihre Idee, Tanzschulen zu gründen, um den Kindern das neue Körpergefühl beizubringen, wird nur teilweise von Erfolg gekrönt sein.

Isadora Duncan versteht sich als Feministin. Dazu gehört auch, dass sie nicht heiraten will. So hat sie drei Kinder von drei Männern. Dieser, für die damalige Zeit skandalöse Lebenswandel kostet sie in Berlin zahlreiche empörte Gönner. In Paris sieht man darüber großzügig hinweg.

Den Unfalltod ihrer beiden älteren Kinder, Deidre und Patrick, in Paris wird sie nie verwinden. Das dritte Kind stirbt kurz nach der Geburt.

Isadora Dunacn selbst stirbt am 14. September 1927 in Nizza, als sich ihr Schal in den Speichen eines offenen Wagens verfängt und sie erdrosselt.


Meine Meinung:

Das Autorenduo Barbara Sichtermann und Ingo Rose zeichnen eine interessante Biografie der Tänzerin, die ihrer Zeit voraus war, denn an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geben nach wie vor Männer den Ton an.

Sie zeigen das Auf und Ab der Karriere, die enge Bindung des Familien-Clans zueinander und auch die Tragödien in Isadoras Leben.

Zahlreiche Zitate und einige Fotos ergänzen diese Romanbiografie.


Fazit:

Eine gelungene Romanbiografie einer außergewöhnlichen Künstlerin, der ich gerne 4 Sterne gebe.