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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.01.2022

Ein anspruchsvoller Krimi

Das giftige Glück
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Gudrun Lerchbaum ist eine Meisterin des dystopischen Krimis. Wie schon in „Lügenland“ beschwört sie auch hier in „Das giftige Glück“ eine verstörende Welt herauf. Einige Begebenheiten fühlen sich gar nicht ...

Gudrun Lerchbaum ist eine Meisterin des dystopischen Krimis. Wie schon in „Lügenland“ beschwört sie auch hier in „Das giftige Glück“ eine verstörende Welt herauf. Einige Begebenheiten fühlen sich gar nicht so fremd an.

Worum geht’s also?

In einem Wien der nicht allzu fernen Zukunft sorgt ein Pilz dafür, dass der echte Bärlauch (botanischer Name Allium Ursinum), wenn er gegessen wird, ebenso zum Tode führt wie seine tödlichen Zwillinge Maiglöckchen und Herbstzeitlose. Die preisgünstige Art, seinem Leben ein Ende zu bereiten, lässt Menschen, die des Lebens überdrüssig sind, in Wiens Wälder ausschwärmen und die giftige Pflanze pflücken. Allerdings ruft der vergiftete Bärlauch auch potenzielle Mörder auf den Plan ...

Mitten in diesem Hype befinden sich die 13-jährige Jasse, die allein und orientierungslos bei ihrem Vater lebt und ihrer verschwundenen Mutter nachtrauert, Olga, die an MS leidet und Kiki, einer verurteilten Straftäterin, die Olga pflegt. Olga, des Leidens überdrüssig, bekniet Kiki, ihr das Kraut zu besorgen. Kiki hingegen sträubt sich, denn wenn Olga nicht mehr ist, hat sie weder Wohnung noch Einkommen. Was wird Kiki also tun? Noch bevor sie eine Entscheidung treffen kann, werden sie und Jasse in einen Mord verwickelt.

Meine Meinung:

Wie eben auch in „Lügenland“ sprengt die Autorin die strengen Genregrenzen und beschert ihren Lesern einen Krimi, der gleichzeitig ein Gesellschaftsroman ist. Er hält uns einen Spiegel vor Augen, wie wir mit dem Tod umgehen, vor. Vor allem im Lichte der aktuellen Diskussion um die „assistierte Sterbehilfe“ (Sterbeverfügungsgesetz) in Österreich ist dieser Roman lesenswert.

Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten, manche sind stark, andere sind schwach wie Jasses Vater.

Aus der Hoffnungslosigkeit der drei Frauen entwickelt sich eine Freundschaft und eine Geschichte über den Sinn des Lebens, den die drei, jeweils auf unterschiedliche Weise für sich selbst wiederfinden.


Fazit:

Die Lektüre ist gleichzeitig anspruchsvoll wie unterhaltsam. Das liegt zum einem an den philosophischen Fragen und zum anderen an den Figuren, die durchaus mit Humor präsentiert werden. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.01.2022

Vom ungezügelten Umgang mit dem Smartphone

Likest du noch oder lebst du schon?
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Mit diesem ein wenig provokanten Titel führt und Autorin und Detox-Coach Christina Feirer vor Augen, dass wir durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich unser Smartphone nutzen. Klingt im ersten Augenblick ...

Mit diesem ein wenig provokanten Titel führt und Autorin und Detox-Coach Christina Feirer vor Augen, dass wir durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich unser Smartphone nutzen. Klingt im ersten Augenblick nicht viel, oder?

In fünf Kapitel zeigt die Autorin, welche Mechanismen hinter dem Verlangen, am Smartphone zu wischen stecken bzw. welche Ängste oft damit verbunden sind, wenn wir es nicht tun, weil wir das gute Stück daheim vergessen haben. Im letzten Kapitel erfahren wir, wie wir ein wenig achtsamer mit uns umgehen können. Damit gewinnen wir Lebenszeit.

Schöne neue Oberfläche
Was lässt uns klicken und liken?
Wie viel Menschlichkeit steckt in unserer digitalen Zukunft?
Der Weg in eine selbstbestimmte digitale Zukunft
Deine Zeit ist wertvoll

Mit Augenzwinkern beschreibt die Autorin, wie wir uns selbst von diesem lieb gewonnenen Helferlein abhängig machen. Doch sie zeigt auch Möglichkeiten auf, wie wir dem Smartphone jene Rolle zuweisen, die ihm gebührt: als technische Unterstützung im Alltag.

„Ein bewusster und selbstbestimmter Smartphone-Konsum soll sich nicht darin ausdrücken, dass du ab sofort dein Smartphone verteufelst oder gar aus deinem Leben verbannst. Nein, Nutze das Smartphone für all das, wo es dich unterstützt oder inspiriert.“

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Diesem gut strukturierten und humorvoll geschriebenen Ratgeber, der den Menschen und nicht das Smartphone in den Mittelpunkt stellt, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.01.2022

Fesselnder Auftakt einer Familiengeschichte

Blutgold
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Dieser Reihenauftakt beruht auf der wahren Geschichte der Brüder Sass, die im Berlin der 1920er nach einem holprigen Beginn zu einem Verbrechersyndikat aufsteigen.

Berlin, kurz nach dem Ende des Ersten ...

Dieser Reihenauftakt beruht auf der wahren Geschichte der Brüder Sass, die im Berlin der 1920er nach einem holprigen Beginn zu einem Verbrechersyndikat aufsteigen.

Berlin, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges: Die Menschen sind desillusioniert, hungern und frieren, das Geld verliert rapid an Wert und viele haben sich noch nicht damit abgefunden, den Krieg verloren zu haben. Zu denen zählen zahlreiche Offiziere verschiedenster politischer Gesinnung. Die einen verachten den Kaiser, der es sich in Holland bequem macht, und die anderen wollen die Monarchie wiederherstellen. Allen ist gemeinsam, dass sie sowohl Sozialisten als auch Bolschewiki hassen. Eine Regierungsbeteiligung dieser Gruppierungen soll um jeden Preis verhindert werden. Dazu ist ihnen jedes Mittel, auch die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. So weit der historische Hintergrund.

Die Brüder Sass, derer gibt es viele, sichern das Überleben der Familie anfangs durch Einbrüche, kleinere Diebstähle und illegale Glückspiele. Jeder der Brüder hat ein anderes kriminelles Talent. Doch als zwei während eines Einbruchs möglicherweise den Mord an Luxemburg und Liebknecht beobachtet haben, gerät die Familie nicht nur in den Fokus der Polizei. Mit der Obrigkeit kann es die lange verschollene und wieder aufgetauchte Tante Antonia aufnehmen.

Unter Antonias Führung floriert das Familienbusiness und wird zum Syndikat Berlin. Man mischt in vielen Bereichen mit, ob im Glücksspiel, bei Wetten, bei den Nachtklubs oder beim Verschieben von gestohlenen Armeebeständen. Dass die Konkurrenz hierüber nicht sonderlich erfreut ist, versteht sich von selbst.

Meine Meinung:

Michael Jensen, dessen „Jens-Druwe-Reihe“ ich schon gerne gelesen habe, hat hier einen politischen Krimi geschrieben, der aufzeigt, wie die Bühne für Adolf Hitler aufbereitet wurde. Wir haben teil an historischen Ereignissen wie den Straßenschlachten zwischen der Arbeiterbewegung und den Konservativen sowie Umsturzversuchen wie dem Kapp-Putsch. Wir begegnen verschiedenen historischen Persönlichkeiten wie Paul Hindenburg oder Ernst Gennat und nehmen Anteil an dem Leben der Berliner.

Obwohl die Familie Sass natürlich auch vom Chaos der Nachkriegszeit profitieren, wirken sie sympathischer als die Verschwörerclique der Offiziere.

Die Charaktere sind liebevoll gestaltet, haben so ihre Ecken und Kanten. Meine Lieblingsgestalt ist Tante Antonia, die mit Herz und Hirn, den Sass-Brüdern erklärt, wie so ein Familienbusiness zu führen ist.

Interessant ist auch der Einblick in die Polizeiarbeit ohne DNA-Abgleich und Ähnlichem. Man ist nicht einmal davon überzeugt, dass eine Verbrecherkartei nützlich wäre. Ernst Gennat ist gerade dabei, seine Mordinspektion einzurichten.

Fazit:

Dieser Krimi ist ein historischer Kriminalroman. Wer einen „Whodunit“-Krimi lesen möchte, ist hier nicht richtig. Wer sich aber mit der (Verbrecher)Geschichte von Berlin beschäftigen will, findet hier eine interessante Lektüre. Gerne gebe ich 4 Sterne.

Veröffentlicht am 16.01.2022

Ein netter Urlaubskrimi

Acqua Mortale
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„Acqua Mortale“ ist der dritte Krimi rund um den sympathischen Journalisten Simon Strasser, der sich am Lago d’Orta häuslich niedergelassen hat. Als Sohn eines deutschen Vaters und einer italienischen ...

„Acqua Mortale“ ist der dritte Krimi rund um den sympathischen Journalisten Simon Strasser, der sich am Lago d’Orta häuslich niedergelassen hat. Als Sohn eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter ist er zweisprachig aufgewachsen und seit einiger Zeit offizieller Dolmetscher für die Polizia di Stato. Deren Vertreterin, Maresciallo Carla Moretti, benötigt immer weider seine Dienste.

Eigentlich wollte Simons Freundin Luisa aus Hamburg anreisen, um zu Ostern ein paar entspannte Ferientage zu genießen. Doch die viel beschäftigte Architektin hat abgesagt und so kommt ihm die Bitte Morettis, wieder zu dolmetschen, gerade recht.

Was ist passiert?

Während einer Laufveranstaltung ist der piemontesische Reisbauer Franco Borletti ermordet worden. Ausgerechnet mit einem verbotenen Herbizid, das in seiner Firma gelagert war. Natürlich geraten sowohl Ehefrau als auch Geliebte in den Fokus der Polizei, doch beide scheinen ein Alibi zu haben.
Als dann wenig später die Leiche eines Journalistenkollegen auftaucht, ahnen weder Strasser noch Moretti, welche Kreise dieser Fall ziehen wird.

Meine Meinung:

Der Krimi folgt dem bewährten Konzept mit Mord, Beschreibung der wunderbaren Landschaft, der Kulinarik und ein wenig Amore. Leider ist die Mischung diesmal nicht ganz ausgewogen. Das Privatleben von Simon Strasser ist mir ein wenig zu ausführlich geraten. Das ewige Hin und Her der Beziehung zu Luisa ist nervig. Die Entscheidung, ob sie sich trennen oder nicht, wird vermutlich auf den nächsten Band vertagt.

Die Leser werden durch zahlreiche Spuren in diverse Sackgassen gelockt. Mein ursprünglicher Verdacht hat sich bewahrheitet. Leider ist mehrmals „Kommissar Zufall“ ins Spiel, was mir nicht ganz so gut gefällt. Darauf, dass Simon Strasser wieder einmal in eine brenzlige Situation gerät, weil er seine Nase zu tief in polizeiliche Ermittlungen steckt, kann ich gut verzichten. Das ist inzwischen ein wenig ausgelutscht.

Ein paar gute, neue Ideen sind vorhanden. Schade, dass die nicht weiter verfolgt wurden.


Fazit:

Der nette Urlaubskrimi, der vor allem von der schönen Landschaft und dem italienischen Flair lebt, erhält von mir 3 Sterne.

Veröffentlicht am 15.01.2022

Fesselnder Auftakt einer Familiengeschichte

Abschied von der Heimat
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Der Schauplatz dieses historischen Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist der kleine idyllische Ort Hohenfurth nahe Bad Leonfelden an der Grenze zu Österreich. Einst hat es zu Böhmen und ...

Der Schauplatz dieses historischen Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist der kleine idyllische Ort Hohenfurth nahe Bad Leonfelden an der Grenze zu Österreich. Einst hat es zu Böhmen und damit zu Österreich-Ungarn gehört. Jetzt, nach Ende des Ersten Weltkriegs heißt die Stadt Vyšší Brod und ist Teil der neu entstandenen Tschechoslowakei. Die Mehrheit der Bevölkerung spricht deutsch und sieht auf die Tschechen herab. Soweit, der geschichtliche Hintergrund.

Zum Inhalt:

Weil die Bevölkerung im entfernten Rheinland wegen der Reparationszahlungen an Frankreich seit Jahren hungert, entschließt sich Olga 1929, ihre fünfjährige Tochter Erika von Köln nach Hohenfurth zu ihrer Schwester Maria „Mimi“ Minich zu schicken, um sie dort aufzupäppeln. Was als temporäre Maßnahme gedacht war, entpuppt sich als einschneidender Eingriff in Erikas Leben. Die unverheiratete Tante ist herrisch, unnachgiebig und hat ihr eigenes (geheimes) Schicksal zu tragen. Nach und nach lebt sich Erika ein. Eine Rückkehr nach Köln weiß die Tante geschickt zu verhindern. Erika lebt das beinahe unbeschwerte Leben eines Teenagers und findet Freundinnen.

Mit der Besetzung des Sudetenlandes 1938 durch das NS-Regime erweist sich die kleinstädtische Idylle als trügerisch. Jetzt werden offen alte Rechnungen beglichen. Erika verliebt sich in Heinz, einem Offizier der Marine, träumt von Hochzeit und eigener Familie und wacht aus ihren Träumen jäh auf, als es 1945, nach der Niederlage des NS-Regimes heißt, alle deutschsprachigen Bewohner werden ausgewiesen.

Meine Meinung:

Ein gelungener Auftakt zu einer dreiteiligen Familien-Saga, die sich so oder ähnlich sicherlich häufiger als vermutet abgespielt haben kann.

Die Charaktere sind vielschichtig gestaltet. Maria Minich, die, so scheint es, ihre Nichte so selbstlos bei sich aufnimmt, ist einerseits eine egoistische intrigante Frau, der es in erster Linie um sich selbst, und nicht um das Wohl ihrer Nichte geht, und andererseits eine durch ihre (angedeutete) Andersartigkeit, vom Leben gezeichnete Person.

Erika hingegen ist durch die Trennung von Eltern und Geschwistern zu Beginn verunsichert, mausert sich dann zu einer starken Persönlichkeit, an der die Tante einen großen Anteil hat und sei es nur, dass Erika sich der einen oder anderen Anordnung der Tante widersetzt. Sie reift zu einer wachen Persönlichkeit, die Unrecht erkennt und dieses mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Diese Kämpfernatur wird ihr vermutlich im nächsten Band sher nützlich sein.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und bildhaft. Er lässt die Zeit in Hohenfurth während der Jahre lebendig auferstehen. Die kleinen oder größeren Intrigen der Tante bzw. Das Zusammenleben im Ortsverband können sich die Leser gut vorstellen. Ich bin in diese Geschichte, die Elemente aus der Familiengeschichte der Autorin enthält, hineingekippt.

Fazit:

Ein fesselnder Auftakt einer Familien-Saga, der ich gerne 5 Sterne gebe und ungeduldig auf die Fortsetzung, die in Wien spielt, warte.